Nuray ist türkisch und bedeutet glänzender Mond. Der Name passte. Sie hatte tatsächlich ein Glänzen, ein Leuchten, wenn sie sprach oder lachte. Ob das auch andere sahen, war ihm nie ganz klar.

Im Aufprall spürte er, wie weich sie war.

Sie waren an der Ecke des Korridors zusammengestoßen. Als er ihre bloßen Füße sah, wusste er, warum er sie nicht hatte kommen hören. Sein Buch schlitterte über den Boden, sie bückten sich beide danach, dabei kam sein Ohr mit ihren Haaren in Berührung. Sie hatte viel dunkles, geringeltes Haar. Sie sagte: Tut mir leid.

Das war nach Ostern.

Er dachte ein paarmal an die Frau mit den bloßen Füssen. Was hatte sie im Schulhaus gemacht. Eine Lehrerin war es nicht. Für eine Schülerin war sie zu alt. Und eine Mutter auf Schulbesuch hätte Schuhe getragen. Schuhe, die auf dem alten dunkelgrünen Linoleum zu hören gewesen wären. Er gewöhnte sich an, seine Schritte vor jener Ecke des Korridors zu verlangsamen.

Im Juni sah er sie wieder.

Er stand vor dem Rektorat und streckte die Hand nach der Türklinke aus, da wurde die Tür von innen aufgerissen und die Dunkellockenfrau stürmte heraus und sagte Arschloch. Dann lächelte sie ihn an, und er wusste, dass sie nicht ihn gemeint hatte. Diesmal trug sie Schuhe, Sommerschuhe, die Zehennägel glänzten dunkelrot.

Zweimal waren sie einander nahe gekommen. Er hoffte auf ein drittes Mal. Und er sah sie auch wieder, aber nur von weitem. Sie stand unter der Küchentür der Mensa, er stand mit dem Tablett in der Reihe der Wartenden vor der Theke. Hierher gehörte sie also. Sie hatte die vielen Locken mit einem roten Band zurückgebunden. Es durfte nicht sein, dass eines ihrer dunklen Haare aufs Essen geriet, auf die Hackfleischplätzchen von Menü 1 oder in den Kartoffelsalat von Menü 2. Nein, das durfte nicht sein, sie war die Chefin hier. Das erfuhr er erst später. Als er mit seinem Tablett zur Kasse vorrückte, von wo er hätte sehen können, ob sie Schuhe trug, war sie verschwunden.

Damals wusste ich noch nicht, wie es war, jemanden so zu lieben, dass es schmerzte. Dass denken an jemanden so schmerzen konnte wie verbrannte Haut. Sie stand dort in der Mensa, sie sah mich nicht, ich aß am gleichen Tisch wie immer dienstags und donnerstags, wenn ich den ganzen Tag im Schulhaus bleiben musste. Ich gab der 5b die Aufsätze zurück und dachte nicht mehr an die Frau mit dem roten Band. Es sollte noch eine Weile dauern, bis ich wusste, dass sie Nuray hieß. Als ich Jahre später beschloss, diese Erzählung zu schreiben, war mir vorerst nur eines klar: Nuray sollte das erste Wort sein.

In jenem Juni ging er einige Male mit Harriet aus. Seine Mutter wünschte sich das. Harriet, die Tochter ihrer kanadischen Jugendfreundin, war auf Europareise und wohnte ein paar Wochen bei seinen Eltern, sie schlief in seinem alten Zimmer. »Sie ist ganz reizend«, sagte seine Mutter, »willst du sie nicht ein bisschen herumführen?« Er wollte nicht, aber tat es doch. Harriet war blond, hübsch und höflich. Sie war jemand, der beim Gähnen nicht den Mund öffnete, sondern den Impuls sofort mit rabiater Heftigkeit zwischen Gaumen und Kiefer zerdrückte. »Vielleicht könntest du mit ihr mal in die Berge fahren«, sagte seine Mutter, und das hieß so viel wie: Vielleicht könntest du dich endlich mal angemessen verlieben. »Sie ist nett, nicht?«, sagte seine Mutter. Harriet war nett und niedlich, außer wenn sie gähnte. Dann sah sie böse aus. Er verliebte sich nicht. Wenn er Harriet anfasste, fühlte sich das an, als wenn er in sein eigenes Jackett schlüpfte.

Jede Zwischenstunde, jede größere Pause nutzte er nun, um in der Mensa Kaffee zu trinken. Es war schlechter Kaffee. Er ließ die Tür zur Küche nicht aus den Augen. Sternschnuppen fallen meistens, wenn man selber nicht gerade hochschaut. Und so wars dann auch. Er bückte sich nach seiner Papierserviette, und da stand sie plötzlich an seinem Tisch. Sie kannten einander, das war sofort klar. Sie sahen sich an, als hätte sie ein Zeremonienmeister schon vor Jahren bekannt gemacht. »Warum trinken Sie den Kaffee nicht?«, sagte sie. »Weil er schlecht ist«, sagte er. Sie setzte sich und trank einen Schluck aus seiner Tasse.

Jetzt, wo ich das Lesen meiner Erzählung laut übe, weil ich demnächst im Radiostudio daraus vorlesen soll, ist Nuray wieder da. Es ist, als sitze sie wie früher auf meinem alten braunen Ledersessel und höre mir zu. Sie sitzt mit angezogenen Beinen in der Höhle des Sessels und hört mir zu und lacht, wenn sie denkt, ich übertreibe. Ach Hajobo, sagt sie. Hajobo hatten mich meine Schüler genannt. Es war die korrekte Abkürzung für Hans Joachim Bodmer und störte mich weiter nicht. Und Nuray gefiels.

Sie war seit Anfang Jahr Leiterin der Mensa und hatte einiges unternommen, was der Rektor kritisierte. Sie hatte alle Topfpflanzen verschwinden lassen, im Freien Rauchertische eingerichtet und durchgehende Öffnungszeiten eingeführt. An den Wänden hingen neuerdings Kunsthausplakate, Radiomusik gabs nicht mehr, dafür Bier und Wein für die Lehrerschaft, und das Menü 2 war konsequent vegetarisch. Sie hatte eine neue Kaffeemaschine beantragt und war abgeblitzt. Das alles erfuhr er, während sie an seinem Tisch saß und aus seiner Tasse trank. Dann fragte sie ihn aus, er ließ es geschehen. Es war, als ob sie ihm ein Kleidungsstück ums andere auszöge, obwohl sie bloß wissen wollte, was er hier tat und seit wann und ob ers gern tue und wie er heiße. Und als er sozusagen nackt dasaß, lächelte sie ihm zu. »Wollen Sie sich mein Schulzimmer anschauen? Um vier?«, sagte er und erschrak über seine Unerschrockenheit.

Als er Nurays Gesicht berührte, war es, als sehe er zum ersten Mal ein Gesicht. Er spürte eine ähnliche Aufregung wie vor Jahren, als er – durchs Zugfenster – zum ersten Mal eine völlig ebene, in die Unendlichkeit reichende Landschaft gesehen hatte. Wie schön das war. Nuray hielt die Augen geschlossen, während er mit dem Zeigefinger über Brauen, Jochbeine, Nasenflügel strich, und über den dunklen Schimmer der Härchen entlang der Oberlippe. Dann klopfte es an die Schulzimmertür, und sie fuhren verstört auseinander.

Sechs Monate lang sollte die Liebe dauern. Im Juni rauschte sie durchs offene Fenster herein und ließ sich ungefragt nieder. Liebe, also das, was er als überbewertete, von der Literatur strapazierte, kaputtbeschworene und plattgewalzte Gefühlsmasse ansah, machte sich wie ein heißer Wüstenwind über ihn her.

Als sie zum ersten Mal ausgingen, blühten immer noch die Kastanien, wie vor einer Woche, als er mit Harriet unterwegs gewesen war. Harriet hatte die Blüten höflich bewundert. Nuray sagte nichts dazu, aber sie blieb ein paarmal stehen und blickte hoch, zu den weißen und roten Blütenkerzen in der Dämmerung. Das berührte ihn, seine Aufregung wurde noch grösser, und er hätte gerne Eichendorff zitiert. »Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst.« Aber dann hätte sie ihn womöglich ausgelacht. Bravo, Herr Deutschlehrer. »Dass sie im Blütenschimmer nun von ihm träumen müsst.« Das war er nun mal, Deutschlehrer, Hans Joachim Bodmer, vertraut mit allen Kapriolen der Literatur, aber fremd in dem, was die Leute das Leben nannten. Sie saßen am See, der Abend war lau, und er ließ sich von Nurays Fragen wieder ausziehen. Aus den Lautsprechern des Gartenrestaurants war eine Sängerin zu hören, take me to your heaven. Das Lied habe kürzlich den Grand Prix Eurovision gewonnen, sagte Nuray. Take me to your heaven, take me to your heart. »Das war in Jerusalem«, sagte Nuray. »Warst du mal in Jerusalem?«

Um Mitternacht standen sie vor ihrer Haustür, draußen in Wiedikon. Den ganzen Weg waren sie zu Fuß gegangen, brauchten die Schritte einander nicht anzupassen, das ergab sich rasch von selbst. »Soll ich mit hochkommen?«, sagte er.

Ich weiß nicht, warum ich das geschrieben habe, es stimmt nicht. Es sollte wohl gut klingen. Nicht ich war es, der fragte, es war Nuray. Sie war die Handelnde, sie war die Zeigende, sie gab Licht für beide. Dass ich das geschrieben habe, ist ein Verrat an Nuray. Diese Erzählung sollte unsere Geschichte sein. Ich hätte an dieser Stelle auch sagen müssen, dass Nuray oben in der Wohnung nicht lange fackelte, sondern gleich das gelbe Kleid über den Kopf zog und auf den Boden warf, sich aus dem Slip strampelte und den Büstenhalter aufhakte, so dass der große weiße Busen herausfiel wie ein befreites Wesen. Ich hätte an dieser Stelle auch sagen müssen, dass sie mir bereits gesagt hatte, wieviel älter sie war als ich, dass sie darum ohne Hemmungen ihre breiten Hüften und ihren runden weichen Bauch entblößte. »Komm, Hajobo«, sagte sie. So war das in dieser ersten Nacht. Ich versank in Nuray, ich ertrank in Nuray, das hätte ich schreiben müssen, aber ich wollte nicht kitschig sein.

Am folgenden Tag kam sie zu ihm ins Schulzimmer und legte ein dunkelgrünes glänzendes Ei aus Stein auf seinen Tisch. Die beiden Schüler, die nachsaßen, schauten unverhohlen neugierig zu. Das Ei rollte über die blanke Tischplatte bis zum Rand und blieb dort liegen. »Es kommt aus Kappadokien«, sagte Nuray. »Wie ich.« Er blickte zu den Schülern, sie senkten die Köpfe, er nahm das Ei und steckte es in die Hosentasche. Nuray berührte ihn nicht. Er begleitete sie hinaus in den Korridor, dort schaute sie zuerst nach links und rechts, bevor sie ihn flüchtig küsste. Dieser leichte Schmetterlingskuss reichte, um ihn benommen zu machen. Als er das Zimmer wieder betrat, wunderte er sich über die plötzliche Dunkelheit. Es donnerte. »Der Blitz hat mich getroffen«, sagte er zu den beiden Schülern. »So fängt ein Gedicht an bei Ringelnatz.« Sie machten ratlose Gesichter und schauten auf seine von Nurays Ei ausgebeulte Hosentasche. Was sollte er mit dem Ei? War das ein Glücksbringer? Er wusste nichts anzufangen mit solchen Geschenken. Der esoterische Beigeschmack war ihm unangenehm. Er legte das Ei aufs Fensterbrett. Es passte zum Dunkelgrün der gewitterlich rauschenden Bäume. Morgen würde er wieder in die Mensa gehen wie jeden Tag. Nicht immer war sie zu sehen. Aber allein die Möglichkeit, dass sie zu sehen sein könnte, machte ihn angenehm fiebrig. Bis zu den Sommerferien blieben noch drei Wochen.

Es war das Jahr 1999, und bereits war vom Knall der kommenden Silvesternacht die Rede. Auch Nuray sprach davon, und wollte den Einwand nicht hören, das neue Millennium beginne genau genommen erst ein Jahr später. »Zweitausend ist zweitausend«, sagte sie. »Und wenn wir uns zweitausendmal küssen wollen, fangen wie besser gleich damit an.« Schon ein paarmal hatte er in ihrer Wohnung die Nacht verbracht und sich am nächsten Morgen unrasiert vor die Klasse gestellt. In der ersten Schulstunde glaubte er jeweils, noch Nurays Bett zu riechen, bisschen zimtig, bisschen moosig. Inzwischen mochte er ihre gehäkelte Decke, die Flamingoposters, den Leopardenteppich, die TausendundeineNacht-Lampen. Ihre Wohnung war so üppig wie Nuray selber. Einmal, als er zwischen Nurays Lotosblütenlaken lag, stellte er sich vor, seine geschmackssichere Mutter stünde plötzlich am Fuß des Betts, und er lachte still in sich hinein. Er streichelte die schwarzen Härchen über Nurays Lippe. »Lach mich nicht aus«, sagte sie. »Wenn ich den Schnurrbart nicht hätte, könnte ich nicht schnurren.«

Ehrlich gesagt, ich mochte ihre Wohnung nie, dieser ganze zusammengewürfelte Dekor berührte mich peinlich, aber ich gestand es mir nicht ein. Hauptsache, ich durfte bei Nuray sein. Ich hätte sie auch in einer versifften WG-Bude oder zwischen Ahorngedrechseltem so geliebt. Was zwischen uns geschah, war seltsam bedingungslos. Es war wie ein chemischer Vorgang, der in irgendeinem Gefäß und zu irgendeinem Zeitpunkt stattfindet und sich nicht aufhalten lässt. Dass wir uns dann mehr und mehr in meiner Wohnung trafen, hatte damit zu tun, dass ich einen Balkon hatte und sie nicht. Nach dem verregneten Juni war nun der Juli ungewöhnlich warm. Wenn ich mitten in der Nacht erwachte, fand ich Nuray nicht mehr neben mir, sie lag auf einer Decke auf dem Balkonboden und schlief mit ausgebreiteten Armen, so als wolle sie alle gesammelte Wärme des Tages und alle Lichter des Himmels in sich aufnehmen. Ich hielt mich zurück und berührte sie nicht.

Es war noch nicht lange her, dass er seine Dissertation über zeitgenössische Naturlyrik geschrieben und sich mit Karl Krolow befasst hatte. Als er mit Nuray beim Essen saß und aus dem Radio hörte, dass Krolow gestorben war, kam er sich vor wie ein Betrüger. Denn er hinterging Nuray mit Dingen, die er wusste und sie nicht. Er würde einen Band mit Krolows Gedichten zur Hand nehmen, wenn Nuray nicht dabei war, würde sich ohne sie Krolows Zeilen schmecken lassen. Krolow war nichts für Nuray. Wie konnte er wiedergutmachen, dass er ihr nicht alles weitergab, was ihn bewegte. Nuray schien nichts vor ihm zu verbergen. Sie sang die Songs der Hitparade in seiner Küche, und Tränen schossen ihr in die Augen, wenn sie von der verstorbenen Prinzessin Diana sprach. Nuray war wahr.

Er liebte eine Frau, die fünfzehn Jahre älter war als er, die einen Schnurrbart und einen türkischen Großvater hatte.  Sich nach einer Umarmung von ihr zu lösen, konnte so weh tun wie Pflaster von der Haut reißen.

Das dunkelgrüne Ei blieb im Schulzimmer, auf dem Fensterbrett. Die Schüler rührten es nicht an, was ihn wunderte. In seiner vermeintlichen Unverrückbarkeit bekam es mit der Zeit etwas Magisches. Nuray erschien nicht mehr im Schulzimmer.

Er hatte sich einen Bildband über Kappadokien beschafft, wo die Familie von Nurays Mutter ursprünglich herkam. Immer wieder blätterte er ihn durch und sah beinahe fassungslos, was für eine hocherotische Landschaft das war. Da stand ein Phallus neben dem andern, aus ausgewaschenem Tuffstein, und ragte in eine beängstigende Himmelsweite, und dazwischen gab es kleine feuchtgrüne Felder und Tupfer von Mohnrot und Irisblau. Der Fels war so weich, dass sich über Jahrhunderte Menschen darin eingegraben hatten, ganze Wohnstätten und Kirchen ins Dunkle hinein gebaut hatten. Er ließ den Bildband im Schulzimmer und wartete darauf, dass sie ihm von Kappadokien erzähle, aber als er sie darauf ansprach, sagte sie nur »Da kenne ich niemanden mehr.«

Eigentlich hat sie gesagt: Hajobo, kein Mensch bringt mich je wieder nach Ürgüp. Ürgüp klinge wie ein Rülpser und sei ihr auch so vorgekommen. Das Kaff werde mit Touristen überfüttert, die es nur schlecht verdauen könne. Alles sei hässlich in Ürgüp, sogar ihre Cousine, die im Büfe am Busbahnhof arbeite. Sie saß auf meinem braunen Ledersessel, während sie das sagte, und ließ fußwippend den frischen Nagellack an ihren Zehen trocknen. Sie sagte: Was mich dort am meisten störte, war das Bescheißen und das Beschissenwerden. Sie hatte keinerlei Hemmungen vor Wörtern wie ‚beschissen‘. Sie kamen höchst adrett aus ihrem Mund, ihr ‚beschissen‘ war so nicht unzarter als ‚erblassen‘ oder ‚vergessen‘ in irgendeinem Stück Poesie. Wenn sie sagte: Der kann mich mal, dann kam das daher wie der Anfang eines Sonetts. Was sie für nicht der Rede wert befand, bezeichnete sie jeweils als Katzenkacke, und ich sagte ihr nicht, dass das allerbeste Alliteration war.

Er werde dieses Jahr nicht nach Südfrankreich kommen, sagte er seiner Mutter am Telefon, er habe andere Pläne für die Sommerferien. »Erzähl«, sagte sie. Er fahre in die Türkei, sagte er, und sie sagte, o Gott. Er wusste, was für ein Gesicht sie dazu machte. Man spielt doch diesen Massentourismus nicht mit!, sagten ihre Nasenlöcher. Er habe eine Einladung vom Goethe-Institut, sagte er und glaubte ein Klicken zu hören, als sich ihre Kiefer entspannten. »Schade«, sagte sie. Dieses Jahr kämen die Bodenmanns, auch die Nauers und ein wunderbarer junger Cellist. Auch Rose und ihr neuer Freund hätten sich angemeldet. »Wir werden großartige Gespräche haben«, sagte sie. Sie habe für sämtliche Betten des Hauses neue Satinwäsche gekauft, pfirsichfarbene.

Die Bodenmanns waren ein versteinertes Ärztepaar und die Nauers eine geschwätzige Opernbekanntschaft, die Rose war eine düstere Schönheit aus Vaters einstiger Firma, und der Cellist wahrscheinlich irgendein unglücklicher Eleve des Konservatoriums. Mutters Ehrgeiz, das Ferienhaus in Südfrankreich zu einem kulturellen Treffpunkt zu machen, schien ungebrochen. »Schade«, sagte sie noch einmal, »aber das Goethe-Institut geht natürlich vor.«

»Wohin wollen wir in den Ferien fahren?«, fragte er, als er mit Nuray auf dem Bett lag. Ach, Nuray, du meine Goethe-Institut, dachte er, als er sein Gesicht in ihren weichen Bauch grub, und sie wollte wissen, ob er lache.

Nuray war gelernte Köchin, er hatte ihr Diplom gesehen, es hing an ihrer Schlafzimmertür, unter ihrem schwarzen Morgenmantel. Nuray Neumann, geboren 1954 in Schlieren. Sie kochte ohne Leidenschaft, sie aß bloß gern. Alles, was er kochte, aß sie mit einer vergnügten Andacht. Einmal, als er Muscheln gekocht hatte, sagte sie »Schmeckt lecker. Nach Mann und nach Sommer.« Dass sie die Leitung der Mensa hatte übernehmen können, sei ihr Glück, sagte sie. Sie brauche nicht mehr am Herd zu stehen, in Blumenkohl- und Frittenöldunst. Das Essen der Mensa wurde in Containern angeliefert, sie brauchten es in der Küche nur noch aufzuwärmen und abzuschmecken. Zu Anfang hatten sich einige Lehrer beklagt, dass es zu scharf sei. Das war der türkische Urfa-Pfeffer, den Nuray großzügig in die fertigen Suppen und Saucen streute. Inzwischen reklamierte niemand mehr. Manchmal schaute sie im Versteckten eine Weile zu, wie die Menschen aßen. Das sei wie Gespräche belauschen, sagte sie. »An der Art, wie sie schnuppern, beißen und schlucken, kannst du sehen, wie sie sind, wenn sie lieben und hassen.«

An einem Abend begleitete er Nuray zum Schuhe kaufen, und erlebte eine Stunde reinsten Glücks. Er saß da und sah zu, wie sich ihre Füße ein ums andere Mal vorsichtig in ein neues Gehäuse schoben, die Füße, die er inzwischen von Zeh bis Ferse liebte, die stillehielten, wenn er mitten in der Nacht die Sohlen streichelte und die Zehen auseinanderfaltete wie eine Mandarine. Ich darf nicht barfuß an die Versammlung der Kantinenbetreiber, hatte Nuray gesagt, und probierte nun beflissen Schuh um Schuh, stellte sich vor den Spiegel, zupfte an ihrem schlabbrigen Sommerkleid, fuhr verlegen mit den Händen über die Rundungen von Bauch und Hüften, und er saß still auf seinem Sessel, umgeben von verworfenen und weggekickten Schuhen, und kostete die Vorstellung aus, aufzustehen und sie zu umarmen und ihr vor den Augen des Verkäufers unter den Rock zu greifen. Schwankend lief Nuray in hochhackigen feuerroten Schuhen auf ihn zu und sagte »Ich glaube, du liebst mich«. Die schwarzgelackten Ballerinas, für die sie sich schließlich entschied, trug sie nie. Sie hatte sie vergeblich gekauft.

Und er suchte vergeblich nach einem Gedicht über Füße.

Als Nurays Vater starb und seine Konditorei geschlossen wurde, kehrte Nurays Mutter in die Türkei zurück, wo sie noch drei Jahre lebte und dann von einem Taxi überfahren wurde. Nuray war in der Schweiz zurückgeblieben, machte im Hotel Opera ihre Lehre fertig und heiratete den Chef de Service. Sie verließ ihn ein Jahr später am Hochzeitstag. »Er hieß René«, sagte sie, »warum willst du das wissen?« Und dann? »Dann kamen die grauen Jahre.« Und dann? »Dann kamen die gelben Jahre.« Und dann? »Dann ... « Wenn Nuray von sich erzählte, tat sie so, als sei sie völlig unbeteiligt, als habe sie ihr Leben in irgendeiner belanglosen Broschüre gelesen. Die Mutter habe sie nicht gemocht, den Vater schon. Warum? Das sei doch nicht mehr wichtig jetzt. Nach all den grauen und gelben Jahren. »Du fragst wie ein Gerichtspräsident«, sagte sie. »Dabei hab ich fast gar nichts verbrochen.« Sie riss den Arm hoch zum Schwur, der lockere Ärmel fiel zurück und entblößte ihre weiße Achselhöhle. Das war so anrührend wie aufreizend.

Ich habe sie gequält mit meinen Fragen. Ich war eifersüchtig auf jeden, der irgendeinmal einen Quadratzentimeter ihres Körpers berührt hatte. Damit ich zur Ruhe kommen konnte, wollte ich alles über ihre Männer wissen, um es dann zu vergessen. Ich hatte den Raum der Liebe betreten, ich hatte solche Dimensionen noch nie erlebt, kann sein, dass sie mir Angst machten. Einmal trafen wir in einer Buchhandlung auf meinen Vater, der sich über einen Bildband beugte. Er blickte auf, bevor ich mich entschieden hatte, ob wir ihn begrüßen sollten oder nicht. »Sohn!«, sagte er erfreut, und bemerkte gleichzeitig Nurays Hand auf meiner Hüfte. »Das ist mein Vater«, sagte ich, worauf sich Nurays Hand von mir löste. »Das ist Nuray«, fuhr ich fort und wusste nicht weiter. Hätte ich sagen sollen: Das ist Nuray, meine Geliebte? Das ist Nuray, meine Freude? Nuray sah mich erwartungsvoll an. Ich bemerkte die Schweißperlen auf ihrer Nase und die zerknitterte unvorteilhafte Bluse. Es war ein heißer Tag. Mein Vater und Nuray gaben sich die Hand.

Wie war es gewesen ohne Nuray. Er ging durch seine Wohnung und versuchte zu übersehen, was von Nuray da war: die Illustrierte im Ledersessel, der rote BH über der Badewanne, der Abdruck ihres Kopfs auf dem Kissen und ein dunkles Haar, die Blumen im Wasserkrug und daneben ein angebissenes Stück Käse. Wie war es gewesen vor nur gerade drei Monaten. Sicher kälter, sicher stiller. Vielleicht wie die erste Stunde des Morgens, beim Hellwerden, wenn die Sonne noch nicht kam, wenn die Geräusche noch sparsam waren, eine Fahrradklingel, eine erste Amsel. Nicht unschön war es gewesen, das nicht, aber eben nur die blasse Kopie von irgend etwas wunderbarem Unbekannten, von dem Deutschlehrer Bodmer noch nichts ahnte. Und nun war nach der Frühmorgenkühle der volle Tag plötzlich da und rauschte und flimmerte und jagte ihm ein Lebensfieber durch die Adern. Und ein angebissenes Stück Käse oder ein Haar auf dem Kissen hatten etwas ungemein Liebliches.

In der Schule verlor er an Wohlwollen. Junglehrer Bodmer, mit seinen dreißig Jahren der jüngste am altehrwürdigen Gymnasium, war seiner fachlichen Publikationen und seiner Disziplin wegen geschätzt, und darum wurde er angefragt, an einer Schulreform mitzuarbeiten. »Sie müssten sich ein bis zwei Abende pro Woche freihalten«, sagte der Rektor und war erstaunt, wie umgehend der Junglehrer die ehrenvolle Anfrage zurückwies: Er habe zur Zeit sehr viele Verpflichtungen und er bedaure sehr. Der Rektor entließ ihn ohne weitere Freundlichkeiten.

Die vielen Verpflichtungen bestanden darin, Nuray von der Mensa abzuholen, an ihrer Seite Einkäufe zu machen und diese mit ihr zur Wohnung hochzutragen, Nuray mit Blicken zu unterstützen, während sie Kleid, BH und Slip abstreifte und sich unter den Brüsten kratzte, sich mit ihr unter die Dusche zu stellen, gründlich zu überprüfen, ob alles noch da war, der Leberfleck im Nacken, die Rundung des Bauchs und die geriffelte Tektonik der Brustspitzen, und gründlich zu erkunden, ob alles noch gleich war in den feuchtwarmen Zonen des Tieflands. Eine weitere Verpflichtung bestand darin sie zu überreden, sich küssen zu lassen, überall dahin, wo sie sich nicht selber küssen konnte. Und immer waren die Abende zu kurz, verstehen Sie, Herr Rektor?

Manchmal bat er »Sag was Türkisches«, worauf sie auf ihn einredete. Es klang ein bisschen, als schimpfe sie ihn aus, und sie lachte ausgiebig über sein verständnisloses Gesicht. Wenn sie türkisch sprach, kam ihm Nuray seltsam kostbar vor, so als hätte eine osmanische Prinzessin ausgerechnet seine schiefwinklige Dreizimmerwohnung aufgesucht. Absolut nichts zu verstehen, machte ihm zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt nichts aus.

In der Schweiz hatte Nuray keine türkischen Verwandten. Der neunzigjährige Großvater lebte in Istanbul. Als sie ihn vor fünf Jahren besuchte, wusste er nicht mehr, wer sie war. »Als er meinen Namen schrieb, brauchte er wieder die arabische Schrift, die er als Kind gelernt hatte. Die lateinischen Buchstaben, die Atatürk später befohlen hatte, verwirrten ihn. Und die großen Zähne in seinem Mund bewegten sich, als hätten sie Muskeln. Und die viele Spucke entsorgte er in einer Tasse mit der Aufschrift Willkommen in Interlaken«. Während sie von ihrem Großvater erzählte, schnitt Nuray Gurken klein, bis die Stücke nur noch Erbsengröße hatten und sagte dann »Du erzählst nie etwas«.

Was sollte er Nuray erzählen. Wie schilderte man einen Film ohne Handlung. Er war das Kind ordentlicher Schweizer, der Vater mit gutem Geschäftssinn, die Mutter mit gutem Geschmack. Auf dem Salontisch lagen die Neue Zürcher Zeitung, Home & Garden und der Opernkurier. Das Kind Hans Joachim geriet, war ein Soufflé, das wunderschön aufging und seine Höhe beibehielt. Es blieb gleichbleibend freundlich zu Vater und Mutter, besuchte sie an Fest-und Feiertagen, und sie wussten nicht, dass es sich über die Jahre mit galaktischen Schritten von ihnen entfernte. Das Sichentfernen hatte angefangen, als Hans Joachim sechzehn war und sich einen Band Gedichte kaufte, »Von Klabund bis Borchert«.

Was sollte er Nuray erzählen. Was erzählt ein Schatten seinem Mond.

Am letzten Schultag vor den Ferien rief Mutter an. »Jules sagt, du hast jemanden kennen gelernt. Er hat euch in der Buchhandlung getroffen. Du weißt, ich bin neugierig«, sagte sie. »Willst du sie mir nicht vorstellen? Wir geben morgen ein kleines Gartendinner. Die Rosen blühen so herrlich.«

Nein, Mutter, das geht nicht.

Zeit, zu fliehen.

Nuray, komm.

Ich dachte, außer Nuray sei mir nichts mehr wichtig. Etwas anderes als die Liebe ginge mich nichts mehr an. Darum verstand ich nicht, warum ich gleichzeitig so feige war: Ich wollte Nuray nicht neben Mutter auf der englischen Gartenbank sitzen sehen, ihre weißen runden Beine neben Mutters schlanken, sommergemäß wohlgebräunten. Ich wollte nicht, dass Mutter sagte, Schostakowitsch sei heute kaum mehr im Angebot, und dass Nuray dann fragte, wie man das zubereite. Ich wollte nicht, dass Vaters Blick eine halbe Sekunde zu lange auf ihrem wunderbaren Busen blieb. Ich wollte nicht Nurays Nacken küssen im Bewusstsein, dass Mutter wegsah. Ich wollte nicht, dass Nuray die Seesicht des Hauses lobte, und sich Mutter dann nach Nurays Sicht erkundigte. »Ich sehe das Asylantenheim und die Tankstelle und das Bordell in den beiden oberen Etagen und die Wohnblöcke, die abgerissen werden sollen«, würde Nuray lachend sagen, und Mutter würde lächelnd sagen »Wie aufregend«. Ich wollte nicht der wohlgeratene dreißigjährige Knabe sein, der seine vollreife, frisch angebissene Frau präsentierte. Warum war ich so feige. Ein halbes Jahr später war Nuray tot.

Nuray, komm.

Nuray holte Reiseprospekte und begann anzukreuzen. Kamelritt in Tunesien. Nilfahrt mit Pyramiden. Wellness in der Algarve. Die Rosengärten von San Fidele. Er kreuzte Vilnius an, die Hebriden, Literarisches Galizien. Nuray wollte es warm haben. Also wurden seine Vorschläge gestrichen. Und Nuray wollte es nicht zu teuer haben. Also blieben von ihren Vorschlägen nur die Rosengärten. »Ich finde Rosengärten langweilig«, sagte er. »Ich eigentlich auch«, sagte sie, und er sagte »Warum besuchen wir nicht deinen Großvater?«

Und so beschlossen sie, nach Istanbul zu fliegen.

Die Mensa für fünf Wochen zu schließen, gab Nuray zwei Tage Arbeit. Während ein Putzmann die Geräte reinigte, kontrollierte Nuray die Vorräte und leerte die Kühlschränke, gab Bestellungen für die ersten Schultage auf, entsorgte angeschlagenes Geschirr und schrieb mit bunten Kreiden die neue Getränkeliste auf die Tafel. Er saß hinter der Kasse und las die Lebensgeschichte von Mehmet dem Zweiten, der mit 21 Jahren Konstantinopel erobert hatte. Er floh in die Küche, als der Rektor die leere Mensa betrat, und er hörte vom Kühlraum aus, wie Nuray erneut um eine neue Kaffeemaschine kämpfte. Es war anzunehmen, dass der Rektor ihn gesehen und erkannt hatte. Am Abend, als der Putzmann gegangen war und die Rollläden geschlossen waren, traf er sich mit Nuray in der Mitte des dunklen Speisesaals, wo sie sich küssten und in ihrer Umarmung eine Weile reglos stehen blieben.

Wenn er mit seinen Eltern eine fremde Stadt besucht hatte, hielten sie sich an einen schon zu Hause erstellten Kulturplan. Das war wie Ausmalen im einem Malbuch: das Gemalte kam stets fader heraus als die gedruckte Vorlage. Am besten war jeweils der letzte Tag, den seine Mutter als Jour d‘Achat bezeichnete. Während sie die empfohlenen Kleider- und Antiquitätengeschäfte aufsuchte, fuhren Vater und Sohn mit Bus oder U-Bahn von einem Ende der Stadt ans andere. Und was immer sie da sahen, ob Mietkasernen, Marktstände, Prostituierte am hellen Morgen oder verschwitzte Militärkadetten, das beeindruckte den jungen Hans Joachim mehr als Dürers Hände oder Caligulas Münzen.

Arm in Arm und Haut an Haut wollte er mit Nuray durch Istanbuls Straßen gehen, ohne irgendwelchen Schülern oder Bekannten zu begegnen. Er wollte sie jederzeit küssen dürfen, das war sein Plan für Istanbul, nur das. Und doch ertappte er sich beim Erstellen einer Besichtigungsliste und kam sich vor wie seine Mutter.

»Meine Zimmer sind Gräber«, sagte Nuray, als sie vom Aufräumen ihrer Wohnung kam. Das klingt wie der Anfang eines Gedichts, dachte er, von Hofmannsthal, von Lasker-Schüler. Meine Zimmer sind Gräber, aufrecht sitzet der Tod. Nuray zählte auf, was sie weggeworfen hatte, einen gelb gewordenen Ficus, zwei verdorrte Grünlilien und verfaulte Usambaras. Die Namen sagten ihm nichts. Schwarze Bananen, braune Äpfel, Zwiebeln mit fingerlangen Sprossen. »Lach nicht«, sagte sie. »Es roch wie auf einem Friedhof. Sogar der Duschvorhang zersetzt sich.« Sie brachte zwei volle Koffer mit. Das sah aus, als bliebe sie für immer bei ihm, die osmanische Prinzessin, die Flüche kannte, von denen er noch nie gehört hatte.

Während er packte, lag sie auf dem Bett und sah ihm zu. Als vor dem Spiegel seine alte Badehose anprobieren wollte, packte sie ihn von hinten und schaute über seine Schulter. Das Spiegelbild zeigte kurz ein nacktes vierarmiges Wesen. Dann rollten sie über die Bettdecke und liebten sich.

In dieser Nacht ging es mit den Bauchschmerzen so richtig los. Schon seit Tagen hatte er ein vages Ziehen verspürt und verdrängt. Jetzt saß er auf dem Bettrand und fühlte sich krank und krümmte sich. Nuray erwachte nicht, auch nicht, als er sich in der Küche erbrach. Er blieb am Küchentisch sitzen, bis es hell wurde. Statt zum Flughafen fuhren sie ins Krankenhaus. Der Blinddarm musste raus, und mit Istanbul war vorerst nichts. Dort sei es im Augenblick zu heiß, um sich zu erholen, sagte der Arzt, und er riet zu zwei Wochen Schonung.

Nuray nahm es gelassen. Wenn sie ihn besuchte, gab sie sich Mühe, ernst zu sein, weil Lachen ihm weh tat. Sie brachte ihm seltsame Dinge, eine Marzipankatze, Kölnisch Wasser, das er nicht mochte, ein Buch mit Engeln. Die Zimmertür öffnete sie energischer als die Krankenschwestern, er wusste sofort, sie war es. So als ob das Glück ihn schwerer machte, sank er dann etwas tiefer in die Kissen und wartete auf ihren weichen langen Kuss. Einmal, als der Arzt vorbeischaute, wusste er nicht gleich, wie er sie vorstellen sollte. »Nuray Neumann«, sagte er, »meine Freundin.« Der Arzt schaute Nuray verwundert an, aha, sagte sein Blick, seine Freundin, nicht seine Mutter.

Er war zum ersten Mal in einem Krankenhaus, vier Tage sollte er bleiben. Da er nicht litt, nichts musste, nichts brauchte, vervielfachte sich die Zeit. Die Stunden waren große weiße Fetzen, die sich überaus langsam an ihm vorbei bewegten. Er wusste: das war die Gelegenheit, mit sich ins Reine zu kommen, sein bisheriges Leben mit einer stillen Gründlichkeit zu lesen, die Gedanken nach Gewicht zu sortieren. Aber das Denken wollte ihm nicht gelingen. Er wartete bloß. Er wartete auf Nuray. Stellte sich vor, wie sie kam und küsste. Wie sie an seinem Bett saß und in den Illustrierten blätterte, und wie er währenddessen ihrer Brust zusah, die sich hob und senkte. Wenn sie ging, schloss er vergnügt die Augen, dachte: so muss sich ein Kind fühlen, das man gestillt hat. Und dann begann er wieder zu warten. »Sie unterrichten also an einem Gymnasium?«, sagte der Arzt. Ach so, ja, das tat er. Das hatte er ganz vergessen.

Nuray hatte für seinen Balkon einen Sonnenschirm und eine Liege gekauft. Hier sollte er sich erholen. Schirm und Liege waren geblümt. Erst erschrak er ein bisschen, dann vergaß er das Geblümte. Er hatte seine angefangene Arbeit über die Lyrik der Siebziger Jahre wieder hervorgeholt und las seine Aufzeichnungen wie die eines Fremden. Liebesgedichte, die ihm damals gefallen hatten, kamen ihm jetzt wie gedrechselter Unsinn vor: »Schöner / lerne mich tragen und ich / Mache mich leicht. Auch soll dir dafür / Manches Wunder passieren: mein Haar / wird dir durch die Finger wachsen … « Das war von Sarah Kirsch. Wie falsch es war. Liebe war nicht so. Liebe war nicht dazu da, einander tragen zu lernen. Liebe war Lust, ineinander zu sein. Liebe war Lust, aneinander zu sein. Erst seit Nuray wusste er das. Wenn sie vom Schwimmbad zurückkam, und er seine Fingerspitzen an ihre kühle Haut hielt und in ihrer Hand noch den grünen See roch, waren sie schon vereint. Sie brauchte nicht »Schöner« zu sagen, und er brauchte sie nicht ins Schlafzimmer zu tragen. Zum Glück, Frau Kirsch. Erstens war Nuray wohl schwerer als er. Und zweitens hatte der Arzt verboten, Schweres zu tragen. Die Operationswunde sollte rasch heilen. Er spürte sie kaum mehr. Was indes wohltuend schmerzte, war das, was in den Gedichten Liebe hieß.

Inzwischen misstraute er der Lyrik jener Jahre. Als er die Arbeit anfing, war er sicher gewesen, sich damit literaturwissenschaftlich profilieren zu können. Von dieser Sicherheit war nichts mehr da. Wohl arbeitete er weiter, auf der geblümten Liege unter dem geblümten Sonnenschirm, aber es war, als stricke er an etwas, das ihm selber nicht gefiel.

Ab und zu ging er für ein paar Stunden in die Bibliothek. Nuray brachte ihn hin und holte ihn wieder ab. »Ich bin doch kein Kind«, sagte er glücklich. Dann setzten sie sich in ein Straßencafé und bestellten, was sie noch nie bestellt hatten. Einmal steckte er den Trinkhalm in Nurays Busenspalte und tat, als schlürfe er. Nuray lachte. »Dafür bekomme ich Trinkgeld«, sagte sie, und im gleichen Moment sah er aus dem Augenwinkel, wie eine elegante Dame in Hellgrau an den Tischen vorbeiging und vor einem Antiquitätengeschäft auf der gegenüberliegenden Seite stehen blieb – seine Mutter. Sie schaute gebannt ins Schaufenster, den schönen Kopf vorgeneigt, die braungebrannten Bein ordentlich nebeneinandergestellt. Bitte, geh endlich weiter, dachte er. »Wer ist das?«, fragte Nuray. »Niemand«, sagte er und steckte den Kopf in die Getränkekarte. »Hast du schon mal Preiselbeerwein mit Minze probiert?«

Später zog er Nuray vor das Antiquitätengeschäft und fragte sie, was sie nähme, wenn sie müsste. Nuray entschied sich für einen Kerzenleuchter aus blauem Glas.

Ein paar Monate nach Nurays Tod, genauer gesagt am 22. April, der unser erster Jahrestag nach dem Zusammenprall im Korridor gewesen wäre, bin ich in dieses Antiquitätengeschäft gegangen. Der Antiquar hörte schlecht. Ich musste meinen Wunsch nach einem blauen Kerzenleuchter aus Glas etwa fünfmal formulieren, ja schreien. Dabei hätte ich den Leuchter in meinem Schmerz gern schnell und still gekauft und nachhause getragen. Der Antiquar schüttelte den Kopf. An so einen Leuchter könne er sich nicht erinnern. Vielleicht wisse seine Frau etwas, sie sei im letzten Sommer oft im Laden gewesen. Nein, anrufen könne er sie nicht. Sie sei zur Kur im Badischen. Er wolle aber noch im Keller nachschauen, wenn ich mich einen Augenblick gedulden könne. Was für ein langer Augenblick das war. Ich blickte durchs Schaufenster nach draußen und sah die Tische des Cafés, in dem ich mit Nuray gesessen hatte. Über uns hatte ein Gestirn namens Freude gehangen, hatte gewärmt, gestrahlt, geleuchtet. Als der Antiquar einen silbernen Kerzenleuchter aus dem Keller brachte, hätte ich ihm den am liebsten aus Hand geschlagen. Noch zwei Mal stieg er in den Keller, dann hatte er ihn gefunden, Nurays blauen Wunsch. Jetzt steht der Leuchter in meinem Wohnzimmer auf dem Fensterbrett, seit Jahren, fängt mit seinem blauen Glas das Licht, und wenn ich Schmerz spüren will, stelle ich mich davor. Es funktioniert immer.

Dass Nuray für drei Tage ins Tessin fuhr, irritierte ihn sehr. Eine Freundin hatte sie eingeladen, sie hatte ihn gefragt, soll ich fahren?, und er hatte gesagt, ja klar, fahr nur. Er verstand nicht, warum sie drei Tage ohne ihn leben wollte, warum sie ihn so mir nichts dir nichts losließ, sie waren doch mitten in einer Liebe. Aus einem Krieg lief man auch nicht einfach davon. Fahr nur, und sie fuhr. Die Freundin stammte aus der Zeit, als Nuray verheiratet gewesen war. Sie hieß Daisy, und wenn sie mit Nuray telefonierte, konnte er hören, wie viel und laut diese Daisy lachte. Er hörte es wieder, als Nuray am Abend nach ihrer Abreise anrief und sagte, sie liebe ihn und sie küsse seine Blinddarmwunde. »Vermisst du mich?«, sagte sie. Am liebsten hätte er nein gesagt. Wie konnte sie so was fragen. Ebenso gut hätte sie ihn fragen können, ob es auf seiner Seite der Alpen auch Sterne am Himmel gebe. Das Wasser auch abwärts laufe. Das Blut auch rot sei. Er wünschte ihr einen vergnüglichen Abend und ließ die lachende Daisy grüßen. »Komm doch auch«, sagte Nuray. Nein, das ging nicht, verletzt wie er war. Zweimal kurz hintereinander hatte man ihn aufgeschnitten, hatte ihm erst den Blinddarm entfernt und dann das Herz halbiert. Nachts lag er wach, und am Morgen schlug er auf Nurays unberührtes Kissen ein.

In der Bibliothek traf er Franco, den Geschichtslehrer. Sie setzten sich auf die Treppe, wie früher als Studenten, und Franco begann auf ihn einzureden, er war empört, dass die Lehrer während den Herbstferien einen pädagogischen Weiterbildungskurs besuchen sollten. »Lass uns streiken«, sagte er. Nur um renitente Schüler disziplinieren zu können, wolle er nicht fünf Tage Ferien opfern. Er lasse sich vom Rektor nicht so einfach unter Druck setzen Er wolle im Herbst mit seiner Frau nach China reisen. Sie lerne seit Monaten Chinesisch. Sie sei es, die ihn auf die Idee gebracht habe zu streiken. Sie sei die Mutige in der Familie. »Deine Frau wird auch nicht erfreut sein, oder?«

Deine Frau. War Nuray seine Frau? Nuray hatte ihn verlassen und war ins Tessin gefahren. Das war Verrat. Nach der Zeit absoluter Hingabe, von ihm, von ihr, war das Verrat. Er würde sie dafür bestrafen. Er würde in den Herbstferien diesen Kurs besuchen und sie völlig sich selber überlassen.

»Komm doch auch«, sagte sie, als sie am nächsten Tag erneut anrief. Nachts höre man die Palmen rauschen und die Berge seien violett. Zwei Stunden später saß er im Zug. Der Zug fuhr fast geräuschlos, das stetige nuraynuraynuray hörte sonst keiner. Den Gedichtband, den er hastig eingepackt hatte, schlug er nicht mal auf. Er sah aus dem Fenster und blickte in Gärten und Hinterhöfe, auf Wäscheleinen, Grillöfen, Kinderschaukeln, Müllsäcke, und fragte sich, ob die, die da lebten, sich liebten. Ob seit langem, ob für immer. Bei Brunnen glänzte der See wie Glas. Bei Amsteg stürzten die Schatten ins Tal. Airolo war rosa im Abendlicht. nuraynuraynuray. Keine jähen Hänge mehr, das Tal jetzt granitgrau, und wieder Wäscheleinen, Grillöfen, Kinderschaukeln, Müllsäcke. Es war ein ganz neues Gefühl, in einem Zug zu sitzen, der zu einem Menschen fuhr, den man liebte. Es war eine neue Himmelsrichtung. Nordsüdwestöstlich. Ostsüdnordwestlich. Steil aufwärts bis zum Grund.

Nuray stand am Bahnsteig und lachte.

Sie aßen auf der Piazza und blieben lange sitzen. Nurays Füße kletterten unter dem Tisch an seinen Beinen hoch. Es war schon dunkel, als sie an Daisys Tür klingelten. Daisys Blicke tasteten ihn ab. Was bist du für einer. Was willst du mit Nuray. Warum so ein Junger. Was hat sie davon. Bist du so ein Bock, oder was. Sie umarmte ihn und lächelte ohne Unterbruch. Vor ihrer Terrasse rauschten tatsächlich die Palmen, und etwas tiefer blinkten die Lichter von Lugano. Sie tranken lauwarmen Roten, und Nuray und Daisy erzählten einander Geschichten von früher. Er mochte sie nicht so richtig, diese Daisy, und sie schien das zu spüren. Mehrmals sahen sie einander prüfend an. Nuray merkte nichts davon. Sie sagte, sie möchte am kommenden Tag etwas Altmodisches machen, zum Beispiel auf einem Dampfschiff den ganzen Lago di Como rauf und runterfahren. Sie möchte sich damit von der Jahreszahl neunzehnhundertneunundneunzig verabschieden. Die Jahreszahl zweitausend sei ihr nicht geheuer. Die bringe vermutlich nichts Gutes. »Nuray, alte Unke«, sagte Daisy.

Die Schifffahrt wurde beschlossen, und so nahmen sie in der Früh den Zug nach Como, ohne Daisy. Ihr werde auf Schiffen schlecht, hatte sie gesagt, ohne die Ausrede extra auszukleiden. Der Monte Generoso und die Bergrücken dahinter waren tatsächlich violett. Nuray schob ihre Hand unter seine Hose auf die Blinddarmwunde und ließ sie dort, auch als der Schaffner kam.

Ich kann mich nicht erinnern, was wir den ganzen Tag auf jenem Dampfschiff gesprochen haben. Haben wir überhaupt gesprochen? Vielleicht saßen wir wie ein Rentnerpaar einfach wortlos da und blickten aufs gleitende Ufer. Sprechen, damit gesprochen wurde, das haben wir nie gemacht. Wir sprachen, wenn es sich ergab, so wie wir tranken, wenn wir durstig waren. Das stille Nebeneinander genügte mir durchaus. Ich nehme an, dass es auch Nuray so erging. Es gibt Menschen, die wie wahnhaft kommentieren müssen. Die unbedingt diskutieren wollen. Nicht Nuray. Nuray und ich waren uns einig wie zwei Beine. Wir standen, gingen, rannten, ohne uns abzusprechen. Bestimmt wars schön gewesen dort auf jenem Dampfschiff. Sonnig wohl auch. Ich kann mich erinnern, dass Nurays Sonnenhut beinah ins Wasser flog. Ein freundlicher Herr fing ihn auf und überreichte ihn Nuray mit einer kleinen Verbeugung, und ich sah mit Unbehagen, wie sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkte.

Monate nach Nurays Tod stand Daisy plötzlich mal vor meiner Tür, und ich lud sie in eine Pizzeria ein. Mitten im Kauen fing sie still an zu weinen, die Tränen tropften auf den Teigrand, den sie weggeschnitten hatte. Ich war wütend auf sie, weil sie weinen konnte und ich nicht. »Hast du gewusst, dass sie mal abgetrieben hat?«, sagte sie. Das hatte ich nicht gewusst, und ich wurde noch wütender. »Es wäre bestimmt ein wunderschönes Kind geworden«, sagte sie. Sie erzählte von ihrer Zeit mit Nuray, von der gemeinsamen Wohnung, von Nurays Drang, die ganze Zeit Lieder zu summen. »Sie summte sogar, wenn sie den Mund voller Zahnpastaschaum hatte«. Die summende Nuray hatte ich nicht gekannt, bei mir hatte sie nicht so oft gesungen, und meine Wut auf Daisy machte meiner alten, aufsässigen Traurigkeit Platz. Erschüttert nahm ich zur Kenntnis, was Daisy von Nuray gewusst hatte und ich nicht. Dass ich Nuray so wenig gekannt hatte, stellte mir ein schlechtes Zeugnis aus. Ich brachte Daisy zum Bahnhof, und wie ein Schüler schlich ich mit meinem schlechten Zeugnis nach Hause.

Weil er sich im Funicolare vom Bahnhof hinunter in die Stadt unbeobachtet fühlte, küsste er Nuray gleich beim Einstieg und verlängerte den Kuss bis zum Ausstieg. Nuray machte willig mit. Mit jedem Meter, den sie sanken, verschoben sich ihre Zungen um winzige Distanzen. Er schloss die Augen und erforschte Nurays Mundhöhle, erst war sie morgenkaffeebitter, dann wurde sie immer süßer und saftiger, während der Funicolare sank, stieg die Lust. Die Fahrt und der Kuss dauerten zwei Minuten, beide wurden mit einem kaum merklichen Ruck beendet. Er verließ Nurays Mund und sah sich wieder in der Welt um und erblickte Anatol Bodenmann, Fayencen-Sammler und steter Gast seiner Mutter in Südfrankreich. Bodenmann strich sich verlegen über den kahlen Schädel, und weil sie einander beim Ausstieg nicht ausweichen konnten, begrüßten sie sich. Bodenmann schüttelte fragend Nurays Hand. Von Fayencen war kurz die Rede, von Wetterlaunen und der Nostalgie einer Standseilbahn. Derweil schwebte der vollendete Kuss leuchtend Richtung Innenstadt davon.

Er wollte den letzten Tag in Lugano nutzen, um nach Montagnola zu fahren, zum Haus von Hermann Hesse. Er wusste genau, welche Gedichte in Montagnola entstanden waren, er hatte als Gymnasiast für Hesse geschwärmt, das aber niemandem gesagt. Ein Hesse-Liebhaber galt als reaktionär. »Gedichte?«, sagte Nuray. »Sag mir eins.« »Seele, banger Vogel du.« »Und dann?« »Seele, banger Vogel du, / Immer wieder musst du fragen: / Wann nach so viel wilden Tagen / Kommt der Friede, kommt die Ruh?« »Und dann?« Er wusste nicht weiter, Nuray schwieg. Erst am Abend, vorm Einschlafen, sagte sie »Ich weiß nicht, ob ich das Gedicht mag. Meine Seele ist kein Vogel.« »Was dann«, sagte er. »Meine Seele ist ein Topf, man kann sie auslöffeln.« Dann sagte sie noch »Ich bin wohl nicht für Gedichte gemacht« und stieß einen Seufzer aus, der hieß: lass uns schlafen.

Am nächsten Morgen fuhren sie nicht nach Montagnola, sondern an den Samstagmarkt in Ponte Tresa. Nuray wollte sich eine Tasche kaufen und für Daisy eine Kugel, in der es schneite. Montagnola war vom Zug aus zu erahnen. Seele, banger Vogel, du. Es gefiel ihm immer noch. Nuray streichelte seine Denkfalte.

Während Nuray durch den Markt streifte, saß er in einem Café an der Tresa. Im Wasser schaukelten Schwäne, bestimmt dreißig Schwäne, schaukelten wie angebundene Zierschwäne, sahen aus, als gehörten sie nicht hierhin. Ich gehöre auch nicht hierher, dachte er, aber das ist mir egal, weil Nuray in der Nähe ist. Ich gehöre zu Nuray. Über die Brücke kamen Scharen von Menschen aus der Schweiz. Kamen sie aus Italien zurück, schleppten sie volle Tüten. Neben ihm saß eine Familie und stritt sich, sie warfen einander vor, schlecht eingekauft zu haben. »Das gleiche T-Shirt gabs zwei Stände weiter zur Hälfte«, sagte der Vater, und die Mutter sagte »Du hast schon immer geknausert«, »Ach wo«, sagte der Vater, und die Mutter sagte »Du hast den billigsten Wein bestellt, als du mich zum ersten Mal ausgeführt hast, und das ist zwanzig Jahre her«, und der Vater spuckte ohne aufzustehen übers Geländer in die Tresa. »Nicht nachmachen«, sagte die Mutter zu den Kindern. Wo würden er und Nuray in zwanzig Jahren sein. Worüber würden sie streiten. Er spürte etwas Warmes am Hinterkopf, das war Nurays Mund, der ihn in die Haare küsste. Die Kinder der streitenden Eltern sahen ihn an.

Wie ihre Zukunft sein könnte, darüber hatten Nuray und er noch nie gesprochen. Sie saßen nebeneinander wie Grünzeug in einem Garten und machten sich keine Gedanken übers Wachsen.

Obwohl noch Morgen, hatte Nuray kleine Schweißperlen auf der Nase, die hätte er gerne weggeschleckt, aber die Kinder der streitenden Eltern sahen ihn immer noch an, sie lutschten an einem grünen Eis und dachten sich was. Nurays Einkauf füllte zwei große Tüten, die würden sie über die Brücke tragen, zurück in die Schweiz, sie würden so sein wie alle Leute auf der Brücke. Seele, banger Vogel du.

Nuray wühlte in den Tüten, sie hatte ihm etwas gekauft. Gerührt sah er ihren Händen zu, die das Einwickelpapier aufrissen, den großen, kräftigen Händen, deren Druck er so gern auf seinen Schulterblättern spürte. Es war ein dünnes Mäppchen mit Reißverschluss, aus einem Material wie Schlangenleder. »Danke«, sagte er, er hatte keine Ahnung, wozu das Mäppchen gut war. Nuray strich die Schweißperlen von der Nase. »Und was tu ich da rein?« Nuray hob die Schultern. »Vielleicht die Briefe, die ich dir nicht geschrieben habe. Oder die Gedichte, die du magst.« Er nahm ein Stück des zerrissenen Einwickelpapiers und schrieb: Du bist wie eine Blume, / So hold und schön und rein; / Ich schau dich an, und Wehmut / Schleicht mir ins Herz hinein. Als er aufblickte, sah Nuray aus, als ob sie rot geworden wäre. »Meinst du mich damit?«, sagte sie. Nein, das waren bloß Zeilen von Heine, die er liebte. Aber er nickte.

Daisy brachte sie in Lugano zum Bahnhof und weinte ein bisschen, als sie Nuray umarmte. Sie fanden ein leeres Abteil, so eines, das mit einer Tür zu schließen war, Nuray sank mit einem zufriedenen Seufzer auf den Sitz und erhob sich noch mal, um Daisy zu winken. »Wer weiß, wann ich sie wieder sehe«, sagte sie, da waren sie bereits auf der anderen Seite des Ceneri. Sie hatte die Füße auf seinem Schoss und sah aus dem Fenster, während er in ihrem Gesicht zu erraten suchte, was sie sah. Manchmal schloss sie die Augen, obwohl sie, das wusste er, keineswegs müde war. Er nahm an, dass sie glücklich war.

In Bellinzona stiegen die Rebers zu.

Schade, dachte er, als die Frau die Schiebetür aufzog und ihre Tasche ins Abteil hievte. Nun waren sie nicht mehr allein, mindestens bis Arth-Goldau. »Ist hier noch frei«, sagte die Frau ohne Freundlichkeit. Nein, hier ist nicht frei, dachte er, merken Sie das nicht? Hier ist alles reserviert für Nuray, bis hinauf nach Hammerfest und für immer. Also nehmen Sie Ihre Tasche und gehen Sie wieder. Dass sie Rebers Frau war, merkte er erst, als Reber eintrat. Reber war Informatiklehrer an seiner Schule. »Da schau her, der Bodmer«, sagte er, »auch unterwegs«. Er nickte Nuray zu und Nuray zog ihre Füße unter den Sitz und nickte zurück. Nach dem Verstauen des Gepäcks stellte Reber seine Frau vor. Nuray stellte sich selber vor. »Ich hab Sie schon irgendwo gesehen«, sagte Reber. »In der Mensa«, nehm ich an«, sagte Nuray. Ob sie auch unterrichte, fragte Rebers Frau. »Nein«, sagte Nuray. »Ich verpflege«. »Ach so«, sagte Rebers Frau verständnislos. Sie hieß Gerlinde und studierte Geologie, was den dritten zugestiegenen Fahrgast, einen Bergsteiger, zu interessieren schien. Er knüpfte mit Gerlinde ein Gespräch an.

Es war eine endlose Fahrt. Er vermisste Nurays Füße auf seinen Knien. Und er wusste nicht, was er mit Reber reden sollte. Dass er nach einer Blinddarmoperation im Tessin ein paar Tage Ferien gemacht habe, war bald gesagt. Rebers Neugier war offensichtlich. Sein Blick erwartete Auskunft darüber, was Nuray und den Blinddarm verbinde. Nuray lächelte ihn an und schloss dann die Augen. Sie hielt sie bis Göschenen geschlossen. Reber holte eine Zeitung aus dem Gepäck.

Zum ersten Mal wurde ihm klar, dass er mit Nuray nicht mehr dazugehörte. Sie waren als Paar auf eine schwimmende Insel verbannt. Schwebten neben der Bahn durch das Abendlicht. Schaukelten auf dem dunkelgrünen Urnersee. Dockten an lichterlosen Ufern an. Es machte ihn keineswegs traurig. Im Gegenteil. Er spürte so etwas wie Mitleid mit Reber, der seine Gerlinde in einem öffentlichen Bahnabteil »Schatz« nannte. Schatz, hast du das Vorlesungsverzeichnis in der Außentasche versorgt?

Zu Hause lag ein Paket aus Südfrankreich mit zwei leichten dunkelgrauen Kragen-Shirts. Man wirke darin sehr angezogen, schrieb seine Mutter. In ihrer schnellen Handschrift las sich angezogen wie ungezogen. Leider kenne sie seine Istanbuler Adresse nicht, schrieb sie. Die Shirts seien von Fabricci. Und in einem PS schrieb sie, Vater sei einer kleinen Kreislaufschwäche wegen zwei Tage in Nizza im Krankenhaus gewesen. Er saß mit dem Brief in der einen und den Shirts in der anderen Hand am Küchentisch und machte sich Vorwürfe. »Wer schickt dir so was Teures?«, fragte Nuray. »Meine Mutter«, sagte er. »Warum?«, fragte sie.

Er beschloss, aus Istanbul anzurufen und nach dem allgemeinen Befinden zu fragen. Mutters Brief und die Shirts und Vaters Kreislaufschwäche würde er nicht erwähnen, da er in Istanbul davon gar keine Kenntnis haben konnte. Das hieß so viel wie Lügen. Früher war es ihm schwergefallen. Seit Nuray log er mit Leichtigkeit. Wer ihn und Nuray störte, war selber schuld.

Sie buchten den Flug, und erst am Abend merkte Nuray, dass der Freitag, an dem sie fliegen würden, der dreizehnte war. »Macht dir das was aus?«, sagte er, und Nuray schüttelte den Kopf: Sie stürze an sämtlichen Tagen gleich ungern ab. Sie lachte, und trotzdem hatte er das Gefühl, dass der Freitag, der dreizehnte sie störe. War sie abergläubisch? Im Tessin hatte sie gesagt, die kommende Jahreszahl 2000 sei ihr nicht geheuer. Und auch schon hatte sie ganz seltsame Schritte gesetzt, damit sie nicht auf eine Fuge im Randstein trat. Und sie hatte ihm ein grünes Ei aus Stein ins Schulzimmer gebracht, vielleicht sollte das etwas Magisches haben. »Nuray«, sagte er, »würdest du mich an einem Freitag, dem dreizehnten, heiraten?« »Ist das ein Heiratsantrag?« »Wenn du willst, ist es einer.« Nuray sah ihn ernst an. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, flüsterte sie.

Vor dem Einschlafen sagte sie »Versprich mir, dass du nie jemanden an einem Dienstag heiratest.« Am Dienstag dürfe man nichts Wichtiges anfangen, zumindest auf Türkisch. Es heiße Salı sallanır: Der Dienstag wackle. »Und noch etwas«, sagte sie. »Du solltest in der Türkei nachts nicht pfeifen. Denk dran. Das ruft die Teufel herbei.« Vielleicht funktioniere das hier auch, sagte er und spitzte die Lippen. Sie merkte es, obwohl es dunkel war, und schloss ihm den Mund mit einem sehr langen Kuss.

Das grüne Stein-Ei nehme ich selten mehr zur Hand. Die grauen Shirts trage ich noch. Und an einem Dienstag fange ich nichts Wichtiges an, daran halte ich mich. Was mir vor allem bleibt von damals ist die Gewissheit, dass ich einmal im Leben richtig gelebt habe. Vor Nuray war ich lediglich die Vorstellung meiner selbst, und seit Nuray bin ich lediglich die Ausübung meiner selbst. Aber neun Monate lang habe ich richtig gelebt. Dann wurde Nuray ins Nichts und ich in den Schmerz entlassen.

Ich funktioniere sehr gut. Ich unterrichte, ich esse, ich verdaue. Ich lese zeitgenössische Lyrik, ich mache Konversation, ich lege mich an die Sonne. Ich besuche meinen Vater, ich putze sein Hörgerät, ich bin freundlich. Ich leite die Lehrerversammlung, ich halte die Wohnung sauber, ich lache mit. Ich atme ein, ich atme aus, ich funktioniere sehr gut. Ich ziehe mich jeden Morgen auf. Das klappt tadellos.

Mit dem Schreiben dieses Buches habe ich mir eine zweite Haut zugelegt, sie schützt vor Verletzungen. Jetzt, wo ich aus dem Buch vorlesen soll, kommt mir die Haut etwas eng vor.

Von Arnold war eine seltsame Einladung gekommen. L!, stand auf der Vorderseite, und auf der Rückseite lud er zu einer kleinen Feier, mit oder ohne Begleitung, und bat um Anmeldung bis zum 1. September. Arnold war Lateinlehrer, der älteste im Gremium, ein ernster Mensch. L!, das war wohl etwas Scherzhaftes und für Arnold ungewöhnlich. L wie Leben? Kaum.

Nuray hatte die Karte zusammen mit weiterer Post vom Briefkasten hochgebracht. Möglich, dass sie sie gelesen hatte. Sie kannte Arnold auch, denn er aß regelmäßig in der Mensa zu Mittag, er hatte seinen festen Platz in der Ecke, den man ihm freihielt. Nuray mochte Arnold, sie hatte gesagt, er sei der einzige Mensch, der imstande sei, mit ernstem Gesicht zu lachen.

Die Feier würde vermutlich eine artige Angelegenheit mit höflichen Kollegen und passenden Ehefrauen werden. Sollte er mit Nuray da hingehen. Wollte sie das überhaupt. Und würde Nuray dort den Arm um ihn legen oder ihm etwas von der Wange wischen, wie ging er dann mit diesen fragenden Blicken um. Wie bitte, der Deutschlehrer Bodmer und die von der Mensa. Wie passt denn das.

Nein, vorerst brauchte noch nicht die ganze Welt von seiner Liebe zu wissen. Er würde sich eine Absage einfallen lassen. Er nahm ein Buch vom Regal und steckte die Einladungskarte zwischen die Seiten.

Zu packen gab es wenig, sie würden nur eine Woche weg sein, dann fing die Schule schon wieder an. Während er immer wieder mal was in seine Reisetasche legte und dafür etwas anderes herausnahm, stopfte Nuray ihren Koffer in Windeseile und öffnete ihn bis zur Abreise nicht mehr. Er stellte mit einer leichten Verwunderung fest, dass es wunderbar war, jemanden zu lieben, der so durch und durch anders war als er, so viel unbekümmerter, so viel kurzentschlossener, so viel aufrichtiger. Und es war, als hätte Nuray in all den Jahren, die sie älter war als er, genug Wärme für sie beide gespeichert. Er sah sie in der Küche sitzen und verspürte Freude, allein deshalb, weil er sie da sitzen sah. Hätte er formulieren müssen, was an ihr schön war, es wäre ihm schwergefallen. Der Haarbusch war wild, der Bauch rund, die Nase groß, alles war groß, Nuray war nicht niedlich, aber Nuray glänzte, Nuray schimmerte, Nuray war sein Mond in lauer Nacht, darüber hätte sie gelacht, mit Lyrik hatte sie nichts am Hut. 

Seit vier Jahren wohnte er in diesem Haus, aber erst seit Nuray hier war, wusste er, dass der Mann im Erdgeschoss verbotenerweise Schlangen hielt, die Frau in der ersten Etage aus einer Ehe in Ägypten durchgebrannt war und die Familie in der zweiten Etage einen erwachsenen Sohn hatte, der schwer behindert in einem Heim lebte. Die Leute hatten ihn gegrüßt, mehr nicht. Nuray gaben sie ohne weiteres ihre Seele zu lesen.

Am Abend vor dem Abflugtag, eben jenem Freitag, dem dreizehnten, lag die Frau aus der zweiten Etage regungslos auf der Treppe. Nuray hatte den Mann rufen gehört und war nach unten geeilt, um ihm zu helfen. Der Notarzt kam, die Frau war tot. Sie lag auf dem Ehebett, die Hände unter dem Kinn gefaltet, was aussah, als wolle sie etwas beteuern.

Erst um Mitternacht kam Nuray nach oben, kroch unter die Decke und erzählte. Koffer und Reisetasche standen im Korridor bereit. »Ich weiß nicht, ob wir fliegen können«, sagte sie. »Der Mann hat niemanden. Hast du übrigens gewusst, dass er Hans Johann heißt, fast wie du?« Natürlich hatte er das nicht gewusst. Was ging der Mann ihn an. Die Reise nach Istanbul wollte er sich nicht nehmen lassen. »Schlaf jetzt«, sagte er streng. »Ja«, sagte Nuray, und kurze Zeit später hörte er, dass sie in der Küche hantierte. Es schien, dass sie sich etwas kochte. Aus den Geräuschen konnte er entnehmen, dass sie Besteck aus der Schublade nahm, einen Deckel auf den Kochtopf setzte und ihren Stuhl näher an den Tisch rückte. Was sie kochte, konnte er nicht erraten. Der Kühlschrank war jetzt vor der Abreise beinahe leer. Er fragte sich, ob Hans Johann in der unteren Etage sich neben seine tote Frau aufs Ehebett gelegt hatte. Wahrscheinlich war deren Schlafzimmer genau unter seinem. Er kreuzte die Hände hoch über der Brust, so wie Nuray das von der toten Frau beschrieben hatte. Zur Frau, als sie noch lebendig gewesen war, fiel ihm nicht viel ein. Graues Haar, rote Schuhe, die vor der Tür standen, und klein war sie gewesen, sehr klein, der Hans Johann hatte bestimmt in die Knie gehen müssen, wenn er sie küsste. Das war wohl lange her. Und jetzt hatte sich die kleine Frau davongemacht. In der Küche fiel etwas zu Boden, eine Holzkelle wahrscheinlich. Es roch nach Milch. Er stand auf um zu spähen. Nuray saß am Tisch und aß etwas Weißes, sie aß mit großer Andacht, die nackten Füße auf dem Boden übereinandergelegt wie zum Gebet. Er schlich sich zurück ins Bett und schickte einen Dank hinaus in die Dunkelheit... 

Nuray schlief bis spät in den Morgen hinein. »Was war das, was du gestern gegessen hast?«, fragte er. »Milchreis«, murmelte sie, und dann fiel ihr die tote Nachbarin ein und Hans Johann, und sie sah ihn erschrocken an. Inzwischen war aber die Tote bereits abgeholt worden, und um Hans Johann kümmerte sich der Schlangenmann aus dem Erdgeschoss, er wollte für ihn kochen. »Woher weißt du das alles?« fragte sie, und er gestand, dass er im Treppenhaus gelauscht habe, während sie schlief. »Ich geh heute kurz nach Istanbul«, sagte er, »kommst du mit?« Sie lachte und schien nicht zu merken, dass er sich schämte, weil ihm Hans Johann egal war.

In der langen Warteschlange beim Check-in genoss er das Warten an Nurays nacktem Arm. Sie trug ein leuchtend rotes Kleid, das er noch nie gesehen hatte. Der eng geschnallte Gürtel hob ihre Rundungen hervor, er musste sich zurückhalten, sie nicht überall anzufassen. Nuray schien die heimliche Lust in seinen Fingern zu spüren. Einmal küsste sie ihn, lange und zärtlich und gründlich, es schien ihr egal zu sein, dass man von allen Seiten zusah.

Als ihr Koffer mit den aufgeklebten Hasen- und Mäusebildchen auf dem Förderband davonruckelte, blickte Nuray ihm nach, bis er verschwand.

Erneut genoss er das Glück des Wartens, als für den Abflug eine Dreiviertelstunde Verspätung angesagt wurde. Nuray saß lesend in einem der schwarzen Sessel, und er umkreiste sie und nahm die rote Verheißung in sich auf, von nahem, von weitem, sah mit Rührung die abgestreiften Sandaletten, die hellen nackten Füße, und die erste Begegnung mit diesen Füssen fiel ihm ein, auf dem dunkelgrünen Linoleum, vor gerade nur drei Monaten.

Ich bin später noch einmal in die Türkei gereist, habe in denselben schwarzen Sesseln denselben Aufruf gehört: Passengers for the flight to Istanbul please come to the gate, und das Bild von Nuray im roten Kleid brannte unter meinen Lidern.

Sie war tot, und das Gefüge der Welt war lose, nichts stimmte mehr, der Flughafen schien zu schwanken, die Flugzeuge sahen aus, als ob sie taumelten, alles verschob sich sachte ins Beängstigende, und die Menschen wirkten wie in einem Film, in dem Bild und Ton nicht aufeinanderpassen.

Nuray im roten Kleid erhob sich und verschwand wie ein verwischter Flecken Farbe in den äußeren Winkeln meiner Augen.

 Als für den Flug nach Istanbul aufgerufen wurde, bückte sich Nuray nach ihren Schuhen, und er konnte beobachten, wie der Mann, der ihr gegenüber saß, unverhohlen in ihren Ausschnitt schaute. Das verstörte ihn. Zum ersten Mal sah er Nuray als sein Eigentum an. Der große milchweiße Busen gehörte ihm, die dunkle Vertiefung dazwischen gehörte ihm, die ganze Fülle unter den roten Stoff gehörte ihm. Im Flugzeug störte es ihn, dass Nuray nicht einfach die Augen schloss und seine Hand hielt, sondern mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch kam. Er hörte sie Dinge erzählen, die sie ihm noch nie gesagt hatte, dass sie als Kind mit einer Vergiftung in Istanbul im Krankenhaus lag, wie sie mit einem Freund in Frankreich auf Bauernhöfen übernachtet hatte, warum nach einer Verstauchung ihr kleiner Finger nicht mehr grad geworden sei, welche Instrumente sie gerne spielen würde und dass sie falsch singe. Angestrengt blickte er durchs Fenster in die Tiefe, auf die Österreicher Alpen, die schroffen Hänge, die engen Täler. Über den Schlaufen der Donau sagte Nuray »Hajobo, ist was?« Nein, was sollte sein. Im Airport Istanbul, als sie auf ihre Gepäcksstücke warteten, hatte Nuray wieder eine rege Konversation, auf Türkisch diesmal. Endlich tauchte ihr Koffer mit den Hasen- und Mäusebildchen auf. Sie lachte, und der Türke auch.

Warum sie gelacht habe, wollte er wissen. Aus seinem Unbehagen war inzwischen eine eigentliche Übelkeit geworden, so fing es an, wenn man seekrank wurde. Er hatte solche Wellen von Eifersucht noch nie gespürt. Sie habe gelacht, sagte Nuray, weil der Mann gesagt hatte, die meisten Koffer sähen aus, als ob sie katholisch wären, schwarz halt.

»Gib mir die Hand«, sagte er. 

In ihrem Haus in Südfrankreich hatten seine Eltern eine Bibliothek eingerichtet, und einmal hatte Vater seine über Jahre gesammelten Agatha Christie-Taschenbücher dort deponiert. Mutter hatte diese dann aus der Bibliothek wieder entfernt und unter Vaters Bett geschoben. Zwei Tage später stellte Vater sie wortlos wieder ins Regal. »Sie sind unpassend«, sagte Mutter, »unsere Gäste werden sich wundern.« Mutter liebte Gesamtausgaben in Schubern.

Agatha Christies wegen hatte er mit Nurays Einverständnis im Pera Palas ein Doppelzimmer gebucht. Das Zimmer, in dem Christie vor rund siebzig Jahren am »Mord im Orient Express« geschrieben habe, sei zu besichtigen, hieß es auf der Website des Hotels. Er hatte das Buch für die Reise gekauft, und Nuray hatte es gleich an sich genommen. Wenn Nuray las, stemmte sie die Zunge gegen die Vorderzähne und ließ den Mund leicht offen. Beim Wenden einer Seite richtete sie diese Mundstellung neu ein. Wenn Nuray las, hatte er umgehend Lust, sie zu stören. Vielleicht war auch das Eifersucht.

Im Taxi war Nuray ganz still, er wusste nicht, ob sie auf die orientalischen Klageklänge lauschte, die aus dem Autoradio kamen und die er unangenehm fand. Es war heiß, obschon es bereits dunkel war. Der Fahrtwind blies wie ein Haarföhn durch die offenen Fenster. Sie hielten einander an der Hand. Seine Übelkeit war verflogen. Der Verkehr roch wie überall. Der Stau machte ihm nichts aus. Er wollte nirgendwo hin, beziehungsweise er war schon da: bei Nuray. »Willkommen, klare Sommernacht, die auf betauten Fluren liegt ...«, hieß es bei Gottfried Keller. Das war aus einer anderen Welt. Das war aus der Zeitrechnung vor Nuray. Betaute Fluren waren so weit weg wie die Milchstraße. Jetzt war es heiß und laut und Nurays Hand zwischen seinen Beinen brachte ihn um. »Ich Düsseldorf«, sagte der Taxifahrer. »Zwei Jahre.« Als von den Hintersitzen kein Kommentar kam, drehte er die Musik lauter und fing an mitzusingen. Das hörte sich an wie Stöhnen. Vor dem Hotel knallte er die beiden Koffer aufs Pflaster und fuhr ohne eine weitere Handreichung davon in die Sommernacht.

Im Zimmer war es heiß, sie öffneten das Fenster und schauten hinaus auf die Stadt. Unter ihnen brauste sechsspurig der Verkehr. Der Nachthimmel schien braun, der Mond sah aus wie das Abgeschnittene eines Fingernagels. Nuray zeigte über die Dächer nach Osten. Dort, auf der anderen Seite des Bosporus lebte ihr Großvater. Zwei Wochen durften sie und Mutter jeweils bleiben, wenn sie ihn besuchten. Für länger wollte Vater sie nicht gehen lassen, er brauchte Mutter in der Konditorei. »Habe ich dir erzählt, dass ich einmal im Krankenhaus war?«, fragte Nuray. Er schüttelte den Kopf und erinnerte sich an seine Eifersucht im Flugzeug wie an ein überstandenes Fieber. »Einmal war ich im Krankenhaus«, sagte Nuray und dann blieb sie still. Erst als der Zimmerkühlschrank zu dröhnen anfing, erzählte sie weiter. Wegen einer Vergiftung. Wahrscheinlich von verdorbenem Fleisch. Man habe ihr den Magen ausgepumpt, und sie habe geglaubt, sie sterbe, und als sie im Krankenzimmer aufgewacht sei, habe sie gedacht, sie sei tot, denn an ihrem Bett habe im Halbdunkeln ein großer Mann mit Bart gesessen, Gott Vater, und sie habe schnell die Augen wieder zugemacht. Aber dann habe Gott Vater gelacht und sie habe gemerkt, dass es der Großvater war.

Nuray schloss das Fenster. Er rechnete. Als sie dieses Kind war, war er noch nirgends, und es sollte noch Jahre dauern, bis er zwischen den Beinen seiner Mutter zum Vorschein kam.

Der Aufzug im Pera Palas war ein altes Prunkstück, Art déco, die Tür wurde umständlich von einem livrierten Bediensteten zugemacht. Der Aufzug fuhr sehr langsam, der Bedienstete, ein Kurde, der in mal in Wanne-Eickel gearbeitet hatte, fand Zeit für deutsche Sätze. »Heute Sommer, wie gestern der Tag, groß die Stadt.« Das hätte bei Rilke stehen können, wurde jedoch etwas getrübt, weil sich der Kurde gleichzeitig intensiv am Bein kratzte. Eins zwei drei sei auf Kurdisch yek du se, sagte er, und er liebe alle Menschen. Nuray trug ihr rotes Kleid und schien wie ein Purpurfalter zu flattern. Sie freute sich auf das Frühstück. »Im Morgen sein, so neu«, sagte der Kurde. Dann tat der Aufzug seinen abschließenden Ruck.

»Er dichtet, hast dus gemerkt, Nuray? Er dichtet die Fugen zwischen den Wörtern.«

Niemand konnte so lustvoll essen wie Nuray. Wenn sie etwas in den Mund schob, öffneten sich die Lippen wie eine Durchreiche ins Glück. Was sie kaute, schienen ihre Kiefer zu liebkosen. Sie hatte sich am Frühstücksbuffet den Teller voll geladen und räumte nun voller Sorgfalt Stück um Stück in ihren Körper ein. Er wunderte sich, wie man sich zur frühen Stunde schon hartgekochte Eier, Gurken, Oliven und Schafkäse schmecken lassen konnte. Nuray träufelte Honig auf den Käse und erzählte ihm die Geschichte von Gül und Gustav, ihren Eltern. Ende Mai 1953 verkaufte Gustav in seiner Konditorei in Schlieren kleine schartige Schokoladespitzen mit Zuckerbestäubung. Sie stellten den Mount Everest dar, der gerade zum ersten Mal bestiegen worden war. Die Everests fanden reißenden Absatz. Gül hatte bei Gustav ein Musterbuch ihrer Teppichfirma abzuliefern und bekam einen Everest serviert. Weil sie Süßigkeiten nicht mochte, legte sie ihn in die Auslage zurück, als Gustav nicht hinsah. Gustav reichte ihr einen zweiten. Und er lud sie zur Besichtigung seiner Backstube ein, nach Ladenschluss. Gül nickte, verstand aber weder Ladenschluss noch Backstube, sie war erst vor ein paar Wochen aus der Türkei in die Schweiz gekommen. Als Mädchen für alles arbeitete sie im Teppich-Import ihres Onkels. Am 2. Juni verkaufte Gustav grüne Marzipantörtchen mit kleinen Kronen. In England wurde gerade Elisabeth die Zweite gekrönt. Gustav sah, dass Gül vor seinem Schaufenster stand. Er holte sie in den Laden, servierte ihr ein königliches Törtchen, schaute zu, wie sie es aufaß und schleckte ihr einen grünen Krümel vom Mundwinkel.

»Im folgenden März kam ich zur Welt«, sagte Nuray. »Gül und Gustav waren fünfzehn Jahre auseinander. Wie wir.« Sie schlürfte röhrend mit dem Trinkhalm den Rest des Granatapfelsafts aus dem Glas. »Aber wir bekommen kein Kind.«

An ein Kind hatte er noch gar nie gedacht. Wenn er Nuray umarmte, überkam ihn eine tiefblaue Dunkelheit. Es war die vollkommene Lust. Was außerhalb des dunkelblauen Vorhangs lag, kümmerte ihn nicht. Die Zukunft war weit weg, an übermorgen dachte er nicht. Ein Kind? Hätte ihm das einfallen müssen? Wie auch immer, Nuray war zu alt für ein Kind, und sie brauchten auch keins, sie hatten einander, und das kam ihm vor wie ein Wunder, wie der erste Regen, von Gott frisch erfunden. 

Nicht weit vom Pera Palas, an der großen Flanierstraße, gab es eine deutsche Buchhandlung. Er wunderte sich über die Gier, mit der er sich über deutsche Bücher hermachte, war er doch erst gerade von zu Hause weg. Während Nuray die Läden nach einem leichten Sommerkleid absuchte, stand er glücklich vor den alten Holzregalen mit Büchern, die er liebte, die er grüßte wie alte Bekannte. Wie schön, Herr Hesse, dass Sie auch da sind. Mögen Sie den Klang des Türkischen, Herr Johann Wolfgang? Ach, Herr Lenz, bestimmt leiden Sie unter der Hitze. Er nahm die Bücher so sorgsam in die Hand, als wären sie aus einer Katastrophe gerettete Einzelstücke, und als wäre ein jedes einzig und allein für ihn verfasst worden. Ein plötzliches lautes Gelächter im hinteren Teil des Ladens holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er griff zu einem türkischen Buch vom Verkaufstisch, und sein Blick blieb an vier Zeilen hängen:

Geldim

Kaldım

Güldüm

Öldüm

Was für eine seltsame Sprache. Das klang wie ein Zauberspruch. Er nahm das blaue Notizheft aus dem Rucksack und schrieb ihn auf. Der Autor hieß Hikmet.

Nuray war nicht in der Bar, in der sie abgemacht hatten, er wartete eine Viertelstunde und ging dann einigermaßen verunsichert wieder hinaus. Vielleicht hatte er sie falsch verstanden, vielleicht brauchte man drei und nicht zwei Stunden, um ein Kleid zu kaufen. Auf der Suche nach dem Fischmarkt kam er an einem unschönen Büroturm vorbei und las »Goethe-Institut«. Er dachte an seine Mutter, die annahm, dass ihr wohlgeratener Sohn hier Studien betreibe, und ihren Gästen in Südfrankreich sagte, Hans Joachim sei dieses Jahr leider verhindert. Er meinte zu hören, wie ihre wohlklingende Stimme »Goethe-Institut« modulierte und merkte, dass ihm soeben etwas auf die Schulter gefallen war, ziemlich flüssige Taubenscheiße. Nuray hätte gelacht. Er fand den Fischmarkt und sah zu, wie ein Händler und ein Käufer sich wegen eines Schwertfischs ereiferten. Der lag derweil blauschimmernd meterlang auf dem Eis, und sah mit seinem offenen Maul aus, als ob er eine Frage hätte. Wer hat mein schnelles Leben gestoppt.

Als er die Bar betrat, sah ihn Nuray ganz merkwürdig an. War sie wütend? Nein, sie lächelte. Aber ihr Lächeln hatte etwas Starres, irgendwie kam sie ihm verändert vor, auch älter. In aller Eile suchte er nach Gründen. Etwas musste sich ereignet haben. Vielleicht hatte sie jemanden angetroffen, eine ungute Erinnerung gehabt, eine schlechte Nachricht erhalten. Vielleicht wollte sie etwas verdrängen, etwas vor ihm verbergen. »Merkst du was?«, sagte Nuray. »Ich habe mich verschönern lassen!« Sie sei beim Coifffeur gewesen, und dort habe man sie zu einem Beauty-Treatment überredet. Das habe so lange gedauert.»Tut mir leid«, sagte Nuray und lächelte wieder. Das wars also. Sie war geschminkt, und in der Hitze wirkte sie wie Aschenbach in »Tod in Venedig«. Erleichtert stellte er fest, dass ihr Haar noch so wild und dunkel war wie vorher. Ein Kleid hatte sie nicht gefunden, aber einen Morgenmantel für ihren Großvater. Als er sie küsste, roch er die fremden Düfte in ihrem Gesicht, und sein Mund rutschte auf ihrem Lippenglanz aus. Er holte sein Heft aus dem Rucksack, damit sie ihm die vier Zeilen übersetze. 

Geldim

Kaldım

Güldüm

Öldüm

»Ich kam, blieb, lachte und starb«, sagte Nuray. »Soll das ein Gedicht sein? Lass uns was essen.«

Er freute sich auf den Kurden im Hotellift, aber ein anderer bediente den Aufzug und blieb schweigsam. Im Zimmer stürzte sich Nuray unter die Dusche und wusch die ungewohnte Schminke weg, unter der sie einen halben Tag lang sich selber fremd durchs Leben gegangen war. Als er sie mit feuchtem Haar und rotgerubbelter Haut auf dem Bett liegen sah, überfiel ihn das, was man Liebe nannte, überfiel ihn ungestüm, ja, das war wohl das richtige Wort. Er blieb am Fenster stehen und sah ihrer Reglosigkeit zu, sie lag mit geschlossenen Augen, die großen Hände auf der großen Brust. Draußen rauschte der Verkehr. Liebe hat nicht Wort, könnte der Kurde sagen. Während Nuray einschlief, der Kühlschrank dröhnte und die Tageshitze lautlos surrte, saß er über dem blauen Notizheft und wusste nicht, was er schreiben sollte. Um einen Anfang zu machen, schrieb er blaue Dinge auf ‒ das Notizheft, ein Flecken im Teppich, der beginnende Abend vor dem Fenster, eine Ader in Nurays Ellbeuge. Der Schwertfisch auf dem Eis, der Lapislazuli-Ring, der er für Nuray fast gekauft hätte, der Bluterguss an seiner Wade.

Mitten in der Nacht wachte er auf, sah Nuray von hinten, wie sie aus dem Fenster schaute, die Hände auf dem Kopf verschränkt, wie Vögel in einem wilden Nest aus Haar. Er nahm das Bild mit in den Schlaf. 

Es war schon Mittag und sehr heiß, als sie aus dem Pera Palas hinaus auf die Straße traten. »Es ist Sonntag«, sagte Nuray. »Was machen wir?« »Was möchtest du?«, sagte er. Nuray trug einen Hut, ihre Augen lagen im Hutschatten, der Mund im Licht. Ihr Lächeln hatte etwas Verlegenes, so als wollte sie fragen: Gefalle ich dir? »Bäume«, sagte Nuray. Ausgerechnet Bäume. Die standen nicht auf seiner Besichtigungsliste. Nuray winkte ein Taxi herbei. Ihre Bluse war in der Achsel bereit nassgeschwitzt. Im Taxi nahm sie den Hut vom Kopf und zog die Schuhe aus. Er machte sich auf eine lange Fahrt gefasst.

Es war ihm nicht klar, warum sie ausgerechnet zu einem Friedhof fuhren, er wusste nicht, ob der Taxifahrer oder Nuray so entschieden hatte. Der Friedhof hieß Eyüp, er wirkte unordentlich, weil die alten Grabstelen schräg standen, und das zerzauste trockene Gras die Pfade verdeckte, und es war wie in allen Friedhöfen – das Leben hatte bloß noch das Gewicht von einem Schnipselchen Papier. Nuray wusste, dass die Stelen mit Turban für männliche Tote waren, während die Stelen für Frauen zuoberst eine Blume trugen. Die ganz alten Stelen neigten sich zueinander und schienen zu flüstern, Frauen mit Männern.

Sie saßen an der Umrandung eines Grabs, im Schatten einer Kiefer, mit angezogenen Knien. In dieser Stellung wirkte Nurays volle Bluse wie eine Schale mit Früchten, die sie Vorübergehenden zum Verkauf anbot. Es ging aber niemand vorüber, sie waren allein mit einem grünen Papagei, der irgendwo ausgerissen sein musste. Durch die Äste der Kiefer sah man ein Stück Autobahnbrücke und Minarette im Dunst. »Wonach riecht es hier?«, fragte Nuray. Er sagte ihr nicht, dass es exakt nach einer Mischung aus Autobahn, Friedhof und fauligem Wasser vom Goldenen Horn roch. Er sagte »Grüne Papageien« riechen so. Nuray lachte, ein leichter Wind wehte, was knatterte, musste eine Fahne oben auf dem Hügel sein, unter der Kiefer war es kühl. Er versuchte sich vorzustellen, was der Kurde im Aufzug zum Friedhof sagen würde. An dem Ende von Leben geschwind. Oder: Tod ist Schönes. »Morgen besuchen wir Großvater«, sagte Nuray. »Kann ich ihm auch etwas mitbringen«, fragte er. »Er braucht noch fünf Meter Tuch«, sagte sie. »So lautet das türkische Sprichwort: Am Ende des Lebens hast auch du nur noch fünf Meter Tuch.« Wozu, wollte er wissen. Um als Leiche drin eingewickelt zu werden. Nuray lachte, als sie sein betretenes Gesicht sah. 

Hätten wir gewusst, dass Nuray ein halbes Jahr später zu den Heerscharen der Toten gehören würde, wären wir nicht vom Hotel zum Friedhof gefahren. Lasse ich den Film rückwärts laufen, dann erheben wir uns von der Umrandung des Grabs, Nuray seufzt erleichtert auf, ich frage, warum sie lache, sie lacht, dann sagt sie «Gül!« heißt auch »Lach!«, auf dem Grabstein steht »Gül«, das sei ein Vorname, sagt Nuray und bedeute Rose, in den Ästen sitzt ein grüner Papagei, die Äste gehören zu einer Kiefer. Das Taxi steht immer noch da, Nuray nimmt den Hut vom Kopf, wir steigen ein, Nuray zieht die Schuhe aus, der Taxifahrer gibt mir das Geld zurück und fährt rückwärts über das Goldene Horn, wir stehen lange im Stau, von unten nach oben streichle ich Nurays Arm, lange, lange, Nuray sagt »Nein, Schweiz«, und der Taxifahrer fragt »Deutschland?«, und sie seufzt auf und zieht die Schuhe an und setzt den Hut auf und wir steigen aus und fahren mit dem wunderbar ratternden Lift hoch und lieben uns auf dem ungemachten Bett, und dort hätten wir bleiben sollen, gleich nach dem Frühstück, für immer.

So weit rund ein Drittel von »Liebe, nur das«…