Personen: Frau, Mann
Ort: Ein Zimmer. Zwei aneinander geschobene Tische, Längsseiten zum Publikum, rundum dreizehn nicht durchwegs zusammenpassende Stühle. Dreizehn Gedecke nach einem Essen. Eine Türöffnung ins Dunkle. Eine Fensteröffnung ins Dunkle.

Mann und Frau machen sich daran, den Tisch abzudecken.

Frau:

Wir hätten sie besser nicht gemacht.

Mann:

Ich fand sie ganz gut. Bisschen zu viel Ingwer.

Frau:

Ich meine die Einladung.

Mann:

Warum?

Frau:

Wo man nie weiß, wanns losgeht.

Blickt aus dem Fenster.

Ich glaube, Tschiises fands geschmacklos.

Mann:

Und warum ist er dann erschienen?

Frau:

Vielleicht wollte er vor dem Untergang ein Abendmahl feiern.

Setzt sich auf den hochlehnigen Stuhl in der Mitte der hinteren Tischseite und hebt segnend die Hände.

Mann:

Seit wann nennt er sich Tschiises?

Frau:

Seit  er so aussieht.

Mann:

Haare und Bart sind gebleicht.  Was für eine Verkleidung.

Frau:

Mir gefällts.

Mann:

Dir gefallen viele. Was hast du eigentlich die ganze Zeit mit dem Boris geflüstert?

Frau:

Hab ich gar nicht.

Mann:

Doch, hast du.

Frau:

Er hat.

Mann:

Und was?

Frau:

Er hat gesagt,  er haue ab in die Berge. Er hat dort eine Hütte. Eine Sterbehütte, sagt er.

Mann:

Und warum flüstert er dir das ins Ohr? Will er mit dir in die Hütte?

Frau:

Davon hat er nichts gesagt.

Mann:

Warum hast du ihn überhaupt eingeladen.

Frau:

Weil er mir die Kisten hochgetragen hat. Weil er unser Nachbar ist. Weil es mir egal ist, am Tisch einen Dreizehnten zu haben. Weil es mich freut, wenn du eifersüchtig bist. Weil das heißen könnte, dass du mich noch liebst.

Mann:

Der Faber hat gesagt, sie machen das Lieben am liebsten auf dem Tisch. Man sinkt ineinander statt in die Matratze, hat er gesagt.

Frau:

Blickt auf den überladenen Tisch.

Das geht  hier jetzt schlecht.

Mann:

Warum hast du mich ausgerechnet zwischen den Fabers platziert. Das Fabergelaber macht mich krank. Sie erstellt eine Liste mit Kraftorten. Den neuesten hat sie im Parkhaus Promenade gefunden. Stellen Sie sich dich da mal mit geschlossenen Augen auf der Ebene 3 an die Nordwand, hat sie gesagt.

Die Silberlöffel kannst du wegschmeißen, die laufen an und riechen.

Frau:

Erbstücke.

Mann:

Und der Faber, der pendelt. Der pendelt alles aus. Er hat ausgependelt, dass er Dunkelgrün nicht verträgt. Und Thunfisch. Mir kommt kein Thunfisch mehr ins Haus, sagt er. Und er hat gependelt, dass seine Frau nach Belgien fahren sollte. In Belgien wartet irgendetwas auf sie.

Frau:

Vielleicht ein Thunfisch..

Mann:

Er hat auch gependelt, dass es in vier Tagen losgeht.

Frau:

Es.

Mann:

Es.

Mann:

Ich habe immer noch Hunger.

Frau:

Nathan der Greise hat sein Schnitzel nicht gegessen. Es liegt auf dem Küchentisch.

Mann:

Das würde mich grausen. Er hat so graues Zahnfleisch.

Frau:

Er hat es gar nicht angerührt.

Mann:

Seine Zähne bewegen sich, wie Zehen, hast du gesehen?

Frau:

Er isst kein Fleisch. Er sagt, das Vieh entlasse mehr Methangas in die Atmosphäre als der Verkehr.

Mann:

Wenn wir untergehen, werden dafür die Kakerlaken furzen. Es gibt tausende von Kakerlakenarten.

Frau:

Wer sagt das?

Mann:

Ich. Ich weiß auch ein bisschen was. Nicht nur dein Nathan. Und den Garnelensalat, hat er den gegessen?

Frau:

Nein.

Mann:

Ich habe nicht gewusst, dass Garnelen furzen.

Frau:

Für ein Kilo Garnelen werden sechs Kilo Beifang getötet, sagt er. Und ins Meer zurückgeworfen.

Mann:

Das ist nun mal so. Für einen gescheiten Satz muss ich sechs dumme ertragen. Mindestens.

Frau:

Ich wäre gern so wie Nathan der Greise.

Mann:

Dann müsste ich dein graues Zahnfleisch küssen

Frau:

Wer jetzt nicht Angst hat, ist dumm, sagt er. Das Ende, das ist sicher, das Ende kommt, sagt er.

Mann:

Das ist ja wohl logisch, dass das Ende kommt und nicht geht. Hast du schon mal von einem Ende gehört, das gegangen ist?

Frau:

Deine gefüllten Oliven sind geschätzt worden.

Mann:

Von wem?

Frau:

Nathans Frau.

Mann:

Ah, dann hat sie also auch mal was gesagt.

Frau:

Gesagt hat sie eigentlich kaum was, sie hat dafür sehr viele Oliven gegessen.

Mann:

Die würd ich wieder machen. Falls. Na, ja. Hast du eigentlich Angst?

Frau:

Du nicht?

Mann:

Truninger sagt, alles sei nichts als Propaganda.

Frau:

Warum nennst du ihn immer nur Truninger?

Mann:

Ich weiß nicht. Er hat so ein vornamenloses Gesicht.

Frau:

Propaganda von wem?

Mann:

Umweltfritzen, Friedensfritzen, Kulturfritzen, das ganze grünrotgestreifte Pack, sagt er.

Der Truninger verehrt dich.

Frau:

Davon habe ich nichts gemerkt.

Mann:

So was merkt man doch.

Frau:

Also gut, wenn man das merkt, dann sag mir, wer dich verehrt.

Mann:

Verehren tut sie mich nicht, aber ich glaube, sie mag mich ganz gut.

Frau:

Die Anna.

Mann:

Nein, die Evita.

Frau:

Die Evita! Und woran merkst du das?

Mann:

Sie lacht so, äh, zärtlich, irgendwie.

Sie sagt, das Leben hat keinen Sinn, das Leben hat einen Wert.

Warum sagst du nichts?

Frau:

Ich kratze Camembert-Reste von den Tellern.

In der Maschine gehen die nicht weg.

Warum sagst du nichts?

Mann:

Sie hat gefragt, ob wir etwas feiern.

Frau:

Und?

Mann:

Nichts. Ich habe »Nichts« gesagt. Sie hat gesagt: Warum feiern wir nicht den Untergang? Warum stoßen wir nicht drauf an? Die Upapulkis feiern ihren Tod auch, wenn er im Kommen ist.

Frau:

Die Upapulkis?

Mann:

Oder so ähnlich. Ich nehme an, das sind Indios.

Frau:

Upapulkis? Nathan der Greise hätte es gewusst. Warum hast du so viel Käse gekauft? Wir werden noch Wochen Käse essen.

Mann:

Wenn der Faber richtig gependelt hat, nicht.

Evita ist gescheiter als wir alle. Die denkt. Sie hat etwas Schönes gesagt: Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele.

Frau:

Ist nicht von ihr.

Mann:

Sondern.

Frau:

Irgendein Grieche, Plato, glaub ich.

Mann:

Könnte aber von Evita sein.

Frau:

Plato war auch nicht gerade dumm.

»Was es alles gibt, was ich nicht brauche.«

»Was es alles gibt, was ich nicht brauche.«

»Was es alles gibt, was ich nicht brauche.«

Mann:

Ich habs gehört.

Frau:

Ist auch von Plato. Das ist dem schon damals eingefallen.

Ich möchte mal mit Plato durch ein Shopping-Center laufen. Ihm einen elektrischen Nasenhaarentferner kaufen. Und einen versilberten Sparschäler. Und hellblaue Kontaktlinsen. Und eine Strumpfhose, die nachts leuchtet.

Mann:

Und was würde dein Plato Gescheites sagen?

Frau:

Er würde sagen, jetzt haben wir den Scheiß.

Jetzt haben wir den Scheiß, und die Welt erstickt darin.

Mann:

Habemus merdam! Der Lateiner sagts feiner.

Hätten wir eigentlich auch Stoffservietten gehabt?

Frau:

Wir hätten die – dich verehrende – Evita und den – mich verehrenden – Truninger Alfons verkuppeln sollen. Beide schreien sie nach Begattung.

Mann:

Die rote Evita und der Volkspartei-Alfons! Das gäbe eine Explosion.

Frau:

Eben. Einen Politorgasmus. Ja, Stoffservietten hätten wir gehabt, aus deinen Erbstücken, mit Monogramm. Auf jeder Serviette steht ACH drauf.

Mann:

Ach?

Frau:

Ein A und ein CH ineinander verschlungen. Wer war das?

Mann:

Keine Ahnung. Eine Urgroßmutter, eine Großmutter …

Frau:

So schnell geht man vergessen. Stell dir vor, du hast einen Enkel, und der weiß nicht, wie du geheißen hast.

Mann:

Ich werde keinen Enkel haben. Meine Nachkommen sind Kakerlaken. Sie bewohnen die bestickten Servietten. Sie fressen unseren Nachlass. Sie paaren sich auf diesem Tisch.

Frau:

So wie das Herr und Frau Faber empfohlen haben.

Mann:

Sie kommen im Dunkeln und veranstalten ein gewaltiges Geraschel, klingt dann wie Meeresrauschen.

Frau:

Und über allem der Vollmond, immer noch.

Mann:

Wenns nicht die Kakerlaken sind, dann sinds die Termiten. Sie erzeugen furzend bis zu 30 Prozent des gesamten Methangehalts der Atmosphäre.

Frau:

Vielleicht erzeugen sie auch einen Plato. Der mit seinem Termitenhirn Selbstgespräche führt.

Mann:

Haben sie eine Seele?

Frau:

Als Larve noch nicht. Erst wenn sie geflügelt sind.

Im neunzehnten Jahrhundert hatte der männliche Fötus ab dem vierzigsten Tag eine Seele, der weibliche erst ab dem achtzigsten.

Mann:

Und dann.

Frau:

Dann kam ein Papst und änderte das.

Mann:

Wie beichtet man eigentlich?

Frau:

Man kniet sich in einen Beichtstuhl und zählt vor dem Pfarrer die Sünden auf.

Frau kniet vor einen Stuhl, blickt durch die Öffnung der Rückenlehne.

Mann:

Vielleicht sollten wir das machen, bevor wir untergehen.

Frau kauert auf die andere Seite des Stuhls.

Frau:

Ich wär der Pfarrer.

Mann kniet hin.

Mann:

Habemus merdam!

Frau:

In aeternum, amen!

Mann:

Und jetzt?

Frau:

Bekenne deine Sünden.

Mann:

Wirst du mir dann verzeihen?

Frau:

Kommt drauf an.

Mann:

So geht das nicht, Herr Pfarrer. Du kannst keine Bedingungen stellen. Ich will die absolute Absolution! Bist du als Pfarrer nicht an Gottes Stelle? Eben. Und Gott ist, nehme ich mal an, absolut. Entweder oder. Entweder es gibt ihn, oder es gibt ihn nicht. Entweder er nimmt mich auf, oder er wirft mich in die Hölle. Entweder er ist Gott, oder er ist der Teufel.

Frau:

Also dann, leg los. Ego te absolvo.

Mann:

Der Kartoffelauflauf war sozusagen noch roh.

Frau:

Ist das Sünde?

Mann:

Ich hab ihn zu spät in den Ofen geschoben, weil ich zu spät nach Hause gekommen bin, und ich bin zu spät nach Hause gekommen, weil ich zu spät von Rosalie weggegangen bin.

Frau:

Rosalie? Ich dachte, du gingst Rosmarin holen. Für die Schnitzel.

Mann:

Nein, nicht Rosmarin. Rosalie.

Frau:

Seid ihr denn immer noch nicht fertig mit dem Quellenverzeichnis? Ich dachte, das Buch liege längst beim Verlag.

Mann:

Das Buch liegt beim Verlag, und wir liegen im Bett.

Frau geht zum Tisch.

Frau:

Und was macht ihr da?

Mann:

Was man so macht, im Bett.

Frau:

Der Faber machts auf dem Tisch.

Schiebt mit einem Arm Geschirr zu Boden.

Begibt sich wieder zum Beichtstuhl.

Fahre fort, mein Kind.

Mann:

Mit Rosalie?

Frau:

Nein, mit deiner Beichte. Wie lange treibt ihr es schon?

Mann:

Seit Menschengedenken.

Frau:

Und was sagt Rosalies Mann dazu?

Mann:

Der weiß nichts. Ist ein Trottel. Mit Verlaub, Hochwürden.

Frau:

Ist er nicht. Ist ein feiner Mann, der Ernst.

Mann:

Du kennst den Trottel doch gar nicht. Mit Verlaub, Hochwürden.

Frau:

Dann höre, mein Kind.

Frau zieht Mann  hoch und kniet selber vor den Stuhl.

Der Ernst, Rosalias Ernst, ist mein Liebhaber.

Seit Menschengedenken.

In Betten. Auf Tischen. Unter Tischen.

Der Ernst ist ein Könner.

Und wenn ich wählen könnte, würde ich genau so gern mit ihm wie mit dir untergehen.

Amen.

Mann stellt sich an Fenster.

Frau:

Sagen Sie was, Hochwürden.

Mann:

Der Himmel ist so gelb dort drüben.

Bestimmte Hirnregionen sind an der Verdrängung unangenehmer Gedanken aktiv beteiligt. Beim präfrontalen Kortex irgendwo.

Für die Fahrt ins Konzentrationslager verrechnete die Reichsbahn für Kinder nur den halben Ticketpreis. Und ab 400 Personen gabs fünfzig Prozent Rabatt.

Der Himmel wird immer gelber. Hast du gewusst, dass es in zwanzig Lichtjahren Entfernung einen Planeten mit Wasser gibt? Er heißt Gliese, mit einer Zahl dahinter. Einen Kilometer tiefen Ozean gibt es da.

Frau:

Der Gliese? Die Gliese? Ich würde mein Kind nicht so taufen wollen.

Mann:

Hast ja keins.

Frau:

Und wenn ich eins bekäme?

Mann:

Zu spät.

Das Telefon klingelt. Frau geht hinaus. Mann liest vom Boden auf, was die Frau vorhin vom Tisch gewischt hat. Frau kommt wieder herein.

Frau:

Morgen werden gratis Schutzmasken abgegeben. Die zieht man über den ganzen Kopf.

Mann:

Wer wars?

Frau:

In Schulen und Bahnhöfen.

Es war Tschiises. Er hat seinen Rucksack vergessen. Fragt, ob er ihn morgen holen kann. Ja, ich mag ihn auch nicht so recht. Ja, seine Margarete gefällt mir auch besser. Ja, ich finde sie auch schön. Nein, dieser Abend war schon okay. Ja, die Mischung der Gäste war vielleicht nicht ideal, zu wenig multikulti.

Mann:

Warum haben wir das ganze Essen überhaupt veranstaltet?

Frau:

Gastgeberschulden. Jetzt sind sie bezahlt. Alle aufs Mal. Jetzt können wir schuldenfrei zugrundegehen. Hast du gewusst, dass Margarete eine Schamlippenoperation gemacht hat?

Mann:

Das hat sie dir gesagt? Einfach so?

Frau:

Wir haben über Glück gesprochen. Sie ist glücklich, sagt sie. Sie liiiebt die neuen Schamlippen.

Mann:

Ich fasse es nicht. Ausgerechnet jetzt. Wie kann sie überhaupt noch an so was wie eine Schamlippe denken.

Frau:

Du denkst auch an deinen Fußpilz. Überhaupt. Jemand hat mal gesagt, er würde noch ein Apfelbäumchen setzen, wenn die Welt untergeht. Warum soll sich die Margarete also keine neue Schamlippe pflanzen. War das Einstein?

Mann:

Nein, Luther, soviel ich weiß. Ist unsere Beichte eigentlich zu Ende?

Frau:

Wir müssten uns noch die Absolution und eine Buße erteilen.

Mann:

Die Buße in Euro? Oder was hat Gott für eine Währung? Ich weiß, was ich dir auferlege: Als Buße räumst du dieses Durcheinander auf. Und ich geh zu Bett.

Frau:

Was hättest du denn gern für eine Buße?

Mann:

Ich möchte gerne eine Buße, die dir Freude macht.

Frau:

Dann hilf mir aufräumen.

Draußen Sirenen.

Frau:

Ego me absolvo. Ego te absolvo. Ego nos absolvo, von allen unseren Scheußlichkeiten, Gedankenlosigkeiten, Gierigkeiten, Rücksichtslosigkeiten, Verstümmelungen, Vergiftungen, Vernachlässigungen, Übernutzungen, Überheblichkeiten. Ego te absolvo, Menschheit, a peccatis tuis.

Mann:

Sehr schön.

Frau:

Sag auch mal was Richtiges.

Mann:

Ich sage: Nie mehr so eine Einladung!

Frau:

Das brauchst du dir gar nicht vorzunehmen. Wir wissen, dass es die letzte war. Es war das Abendmahl mit dreizehn Personen.

Mann:

Niemand von den dreizehn hats genossen. Es war eine Quälerei für alle. Und meine Kartoffeln waren roh. Und in deinen Puddings war too much Ingwer. Und die Schnitzel waren schweinisch. Und die Garnelen sonstwie falsch. Nathan der Greise hat nur Brot gegessen. Darum hatten wir zum Käse kein Brot mehr. Und die Leute waren falsch gesetzt.  Und Tschiises heißt gar nicht Holy, sondern Holenweger. Du hast mich falsch informiert. Durchs Band ein Flop, dein Abendmahl.

Frau:

Es war genauso auch deins. Du hast gesagt: Lass uns einfach alles vergessen. Tun wir so, als ob nichts wäre. Reden wir von australischem Shiraz und bretonischem Salz. Hast du gesagt.

Schlägt auf den Tisch. Und nochmals..

Ein Tier! Vielleicht ein Kakerlak.

Übrigens waren heute Abend nicht dreizehn, sondern dreizehneindrittel anwesend.

Mann:

Ach. War das Drittel der Heilige Geist, über der Tafel schwebend?

Frau:

Nein, ein Fötus. Im Fruchtwasser schwebend.

Mann:

Aha. Und welche Dame hatte Fruchtwasser dabei?

Frau:

Ich hab Fruchtwasser. Bestes Fruchtwasser. Ohne künstliche Aromen. Trinkwarm.

Mann:

Du meinst. Du meinst, du. Du meinst, du würdest ein Kind kriegen, wenn –zeigt zum Fenster – es noch ein paar Monate dauerte?

Frau:

Ja, und es wär sogar deins. Ich hab zurückgerechnet. Der Ernst war zur Zeit der Entstehung für einen Monat auf Geschäftsreise.

Mann:

Du meinst – zeigt zu ihrem Bauch – da drin ist ein Stück von mir?

Frau:

Nenn es meinetwegen »Stück«. Der Name spielt nun keine Rolle mehr.

Mann und Frau setzen sich nebeneinander. Schweigen für eine Weile.

Frau:

In einer Textilfabrik irgendwo in Asien dürfen die Arbeiterinnen kein Wasser trinken. Sagt Nathan der Greise.

Mann:

Das erspart Pisspausen. Frauen müssen immer.

Frau:

Und, sagt Nathan der Greise, der Lohn reicht dort grad mal fürs Essen, Linsen, ein bisschen Huhn. Darauf sagt Margarete, dass sie von Linsen immer Blähungen bekommt. Darauf sagt ihr Nathan der Greise: Versuchen Sies mal mit Blausäure, es gibt nichts Besseres gegen Blähungen. Darauf sagt Margarete: Vielen Dank für den Tipp. Aber heißt das nicht Blähsäure?

Mann:

Und was sagt Nathan?

Frau:

Nichts. Er stopft Brot in sich hinein.

Legt die Hände auf den Bauch: Arabella, Adele, Angelina, Apollonia, Aurelia, Anastasia, Antonietta …

Mann:

Suchst du Vornamen? Alitalia, Somalia, Malaria, Paranoia… Fängst du etwa wieder an zu hoffen?

Frau:

Hoffnung ist die Strecke zwischen nein und ja.

Mann geht hantierend um den Tisch herum.

Mann:

Hast du gemerkt, dass wir über alle Gäste gesprochen haben außer über die Schwestern?

Frau:

Es gäbe schon was über sie zu sagen.

Mann:

Mir kommen sie vor wie aus Styropor. Füllmaterial, das überall reinpasst. Mit Stimmen wie in einem Sprachkurs: »Deutsch lernen, leicht gemacht«. Welche ist die ältere?

Frau:

Die Anna. Sie hat schöne Hände. Legt sie neben den Teller wie zwei Stücke Porzellan. Die Linda hat dafür einen schönen Mund, eine rote Molluske, frisch aus dem Meer. Und Krebs hat sie auch. Sie blutet. Die Anna hats mir gesagt.

Mann:

Mir sagt man nie so was.

Frau:

Weil du nicht fragst.

Mann:

Sollte ich? Hallo, Boris, was hast du heute? Nasenpolypen oder Darmverschluss? Hallo, Frau Faber, verfügen  Sie vielleicht irgendwo über einen Ausschlag oder eine Zyste oder sonst was Interessantes? Hallo Nathan, gibts was Neues aus der Harnröhre?

Frau:

Die Leute mögen, wenn man fragt.

Mann:

Hallo Frau, wie geht es deinem Fötus? Bekommt er schöne Hände oder einen schönen Mund? Hat er sich für eine Sturzgeburt oder für einen Kaiserschnitt entschieden? Freut er sich aufs Leben? Oder weiß er schon, dass er keines haben wird?

Frau:

Du meinst, du seist zynisch, dabei bist du nur verzweifelt.

Bist wie einer, der den Löffel verkehrt hält.

Nimmt Löffel, machts vor.

So bleibt nichts drin.

Wir hatten doch immer volle Löffel, du und ich.

Ja, ja, ich weiß.

Wir waren auch nicht besser.

Haben nicht hin-, sondern weggeschaut.

Ausbeuter.

Profiteure.

Wenn auch kultiviert.

Mit Herrengehabe. Oder Damengehabe.

Ja, ja, ich weiß.

Der Konsumwahn.

Der Machbarkeitswahn.

Aber an allem sind wir nicht schuld.

Haben nicht Millionen von Kindern gemacht. Wir nicht.

Nur einziges Drittelkind.

Namens Paranoia.

Nathan sagt, wir hätten die Menetekel nicht sehen wollen. Da sagt Nathans Frau, was ist das schon wieder. Da sagt die gescheite Evita: Menetekel ist der Ekel der Menet. Und wer ist Menet, fragt Nathans Frau. Menet, sagt Nathan, ist die Göttin der Galaxis. Und die Erde ist ein eitriger Pickel am galaktischen Leib.

Mann:

Ich hab gehört, wie der Truninger »Wäh« gerufen hat. War das deshalb? Ich hab gedacht, er hat in seinem Teller was Grausliges gefunden. Er hat so lange mit der Gabel drin rumgestochert.

Frau:

In meinen Garnelen war ein Stück Fingernagel.

Mann:

Lackiert?

Frau:

Wo hast du sie gekauft?

Mann:

In der Delicatessa.

Frau:

Du hast noch nie gespart.

Mann:

Warum sollte ich sparen. Worauf. Auf einen weißen Flügel? Eine weiße Yacht? Einen weißen Marmorengel auf meinem Grab? Wir hinterlassen demnächst ohnehin alles den Kakerlaken.

Frau:

Hör doch endlich auf mit deinen Kakerlaken. Bestimmt hast du auch am Tisch davon gesprochen.

Mann:

Ja. Frau Faber meinte, sie habe noch nie eine Kakerlake gesehen. Herr Faber sagte, es heiße nicht die Kakerlake, sondern der Kakerlak. Worauf sie sagte, es heiße aber auch die Kloake und nicht der Kloak. Worauf er sagte, dafür heiße es der Pastinak und nicht die Pastinake. Worauf sie sagte, Männer wüssten eben immer alles besser. Und Pastinakengranulat sei harntreibend. Das vergesse ich dir nie.

Frau:

Was?

Mann:

Dass du mich zwischen die Fabers gesetzt hast.

Frau:

Wo hättest du denn gern gesessen?

Mann:

Neben dir.

Frau:

Ich liebe dich.

Mann:

Haben wir uns eigentlich verziehen? Ich meine: Verabsolutioniert? Hochwürden, leg mir die Hand aufs Haupt.

Die Frau tuts.

Jetzt kann ich sterben.

Frau:

Zuerst wird aufgeräumt.

Sie wirft ein Glas aus dem Fenster. Es klirrt.

Sie wirft ein Glas aus dem Fenster. Es klirrt.

Sie wirft ein Glas aus dem Fenster. Es klirrt.

Sie wirft ein Glas aus dem Fenster. Es klirrt.

Sie wirft ein Glas aus dem Fenster. Es klirrt.

Paranoia soll diese scheußlichen Gläser nicht erben müssen. Sie soll eine freie Seele sein. Ihr Himmel ein reines Blatt. Ihr Gehäuse ein offener Raum. Ihr Gehirn ein frisch gewundenes Ding.

Sie wirft und wirft und redet.

Eine neue Erde soll sie haben.

Unverbraucht.

Klar.

Leuchtend.

Weint.

Mann:

Lass uns anstoßen.

Frau:

Jetzt haben wir keine Gläser mehr.

Sie trinken aus Flaschen.

Möchtest du rückwärts wachsen, wenn du könntest? Wieder fünfundzwanzig werden, dann fünfzehn, dann fünf? Wieder schön werden, dann picklig, dann analphabetisch?

Mann:

Was bringts. Ob ich picklig sterbe. Oder analphabetisch. Was bringts. Oder im Bauch meiner Mutter ersticke. Was bringts.

Der Faber sagt, er war in seinem früheren Leben ein Goldschmied zur Zeit der Pest.

Frau:

Sie waren immer was Mehrbesseres, die in einem früheren Leben was waren. Keine Dienstmägde, keine Schweinehirten.

Mann:

Keine Betschwestern, keine Störmetzger.

Störphilosophen, das wär mal was Sinnvolles.

Sie müssten stören bei festgefahrener Denke. Müssten alte Zöpfe aufzurren. Alte Muster durchschütteln.

Ich hole mir ein Stück Käse.

Geht hinaus, kommt kauend wieder.

Frau:

Und wer bezahlt diese Störphilosophen?

Mann:

Wer weiß. Der Staat. Als permanente Maßnahme gegen die Verkalkung der Gesellschaft.

Frau:

Dazu ist es nun zu spät. Jetzt kommt die Verkakerlakung der Gesellschaft.

Mann:

Schnuppert am Käse.

Ob es so einen wunderbaren Gestank dann noch gibt?

Frau:

Gib mir auch ein Stück.

Sie stellen sich ans Fenster und schauen hinaus. Es ist lange still.

Mann:

Da draußen ist die Unendlichkeit.

Frau:

Da draußen ist Armageddon. Schauplatz der letzten Schlacht.

Mann:

Blickt ins Zimmer.

Und hier hat die letzte Schlacht bereits stattgefunden.

Frau:

Zwischen dir und mir.

Mann:

Haben wir uns umgebracht?

Frau:

Ich glaube, wir leben noch.

Lass uns aufräumen.

Sammelt Gabeln ein.

Von den kleinen Silbergabeln hatten wir mal ein Dutzend. Eine fehlt.

Hast du die mal irgendwie gebraucht?

Mann:

Was hätte ich damit machen sollen.

Frau:

Deinen Rücken kratzen. Irgendwo Dreck hervorpulen. Fliegen zerquetschen. Was du halt so machst.

Mann:

So siehst du mich also. Kratzend, pulend, quetschend. Dass du überhaupt noch an fehlende Gabeln denkst. Ich wüsste nicht, was mir jetzt egaler wäre als eine fehlende Gabel.

Frau:

Das hat mit jetzt gar nichts zu tun. So was war dir schon immer egal. An mir wars, die Ordnung einigermaßen zu halten. All die Jahre, all der Kram.

Mann:

Was hat dein Plato schon wieder gesagt.

Frau:

Ja, ja. »Was es alles gibt, was ich nicht brauche.«

Mann:

»Eben« – könnt ich jetzt sagen.

Frau:

Sags doch. Tu dir keinen Zwang an. Mach mich fertig. Bin eh demnächst fertig. So wie du. Werde verschwunden sein wie die Gabel. Lass uns streiten. Nur nicht zu laut. Paranoia hört vielleicht schon mit.

Geht zum Fenster, schaut hinaus.

Mann:

Ab morgen ist Kirchenglockengeläute verboten.

Frau:

Warum?

Mann:

Die Bevölkerung soll in keiner Weise in irgendeine Form von Alarm versetzt werden. Glocken lassen den Sentimentalpegel ansteigen, sagt der Katastrophenausschuss.

Die Katastrophe ist die letzte Strophe der Menschheit.

Stellt sich auch ans Fenster.

Frau:

Können wir jetzt aufräumen?

Beginnt mit Aufräumen, hört gleich wieder auf.

Ich mag nicht mehr.

Ich möchte einen Hund.

Ich hatte nie einen Hund.

Schenk mir einen Hund.

Schreit:

Schenk mir einen Hund!

Mann:

Woher soll ich denn jetzt noch einen Hund herholen. Der Katastophenausschuss hat verordnet, dass sämtliche.

Auch Katzen. Weißt du doch.

Der unvorhersehbaren Reaktion von Tieren ist zuvorzukommen, sagen sie.

Frau:

Setzt sich an den Platz von Tschiises, breitet die Arme aus:

Lasset die Hunde zu mir kommen.

Legt den Kopf auf die Tischplatte.

Alle Lichter gehen schlagartig aus.

Und schlagartig wieder an.

Was war das?

Mann:

Ein Scherz.

Ein Scherz des großen Unbekannten.

Frau:

Boris hat mir ein Spiel gegeben. Er sagt, man spielt es im Dunkeln.

Nestelt ein Stück Papier aus der Tasche.

Es heißt »Hau den Schopen«.

Mann:

Den was?

Frau:

Den Schopen. Boris sagt, der Schopen ist der Mensch, den man vorgibt zu sein.

Mann:

Und wie geht das?

Frau:

Es sind zehn Fragen. Jede Frage wird beim Licht eines Streichhölzchens vorgelesen. Die Antwort gibt man im Dunkeln. Auch der Vorleser muss antworten.

Mann:

Und?

Frau:

Willst du es spielen?

Soweit die Hälfte von »Nach der Party«, dem Stück für zwei Personen …

 
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