kulturtipp: Ihre Hauptfigur erinnert in den Anfängen manchmal an die älteren Damen mit Sinn fürs Morbide aus Romanen von Ingrid Noll. Wie haben Sie sich zur Hauptfigur Luisa inspirieren lassen?

Angelika Waldis: Inspiriert hat mich das Heer der angepassten, resignierten, lichtlosen Grau- bis Weißhaarigen. Die Hauptfigur Luisa bricht aus, nimmt ihr Leben im Alter noch einmal in die Hand, mit Wut und mit Mut: Sie spürt Rache-und andere Gelüste, macht das, was sie denkt. In diesem Auf- und Ausbruch wird ihre Vergangenheit nochmals abgespielt: Was für ein intensives, berührendes, hundsnormales Leben – wer hat das eigentlich nicht?

Luisa entdeckt im Alter die Lust am Übermut. Welche Facetten des Älterwerdens wollten Sie in Ihrem Roman aufzeigen?

Ich wollte nicht unbedingt Facetten des Älterwerdens aufzeigen, aber Facetten dessen, was man Schicksal nennt. Ich wollte zeigen, wie Glück und Unglück gleichermaßen unerwartet zuschlagen, wie man sich selber betrügen und entlarven kann.

Ihr Roman endet überraschend versöhnlich. Luisa verfällt in ihr altes Muster. Entwickeln Ihre Figuren manchmal eine Eigendynamik?

Ich wusste von Anfang an, wie die Geschichte keinesfalls endet. Die Protagonistin läuft mir nicht davon. Weil ich sie im Lauf des Schreibens besser kennenlerne, kann ich ihr Schritte in unerwartete Richtungen gestatten: Ich weiß, dass sie zuverlässig zu unserem gemeinsamen Schluss zurückkehrt. Beim Aufzeichnen einer Geschichte spielt natürlich auch der Zufall »Sprache« eifrig mit: Angenommen, Protagonist schnitzt Herz in Rinde von Linde, dass sich das reimt, missfällt dem Autor, er ersetzt Linde durch Eiche. Angenommen, es kommt ein Gewitter, Eichen – heißt es – soll man weichen, Blitz schlägt ein, Protagonist tot, Autor hat neue Ausgangslage. So einfach ist das.

Übrigens ist Luisa am versöhnlichen Ende des Buches nicht wieder die alte, sondern eine neue Alte.

Welche Stoffe reizen Sie allgemein für Ihr Schreiben?

Zum Schreiben reizt mich, was sich nicht sagen lässt: Das Sichtbarmachen einer versteckten Empfindung, das kurze Anleuchten von Schattendingen, das Einfangen kleiner Vergänglichkeiten, das schnelle Gestreiftwerden durchs Glück. Alles hier und jetzt bei Frau und Mann und Kind. Keine Fantasy, nur erfundene Wahrheiten.

 
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