Um es gleich vorneweg zu sagen: Dieser schmale Roman über eine Schweizer Familie ist so großartig, wie die beschriebene Familie kleinkariert ist. Hier gibt es keinen Helden. Und darin, in der Belanglosigkeit der beschriebenen Normalos, liegt eben nicht nur der höhere Schwierigkeitsgrad dieser Erzählung, sondern auch die besondere Meisterschaft der Autorin. Denn als Fazit kann man nur sagen: Gekonnt geschildert.

Doch soll das nicht die Frage verdrängen: Wie hat die Autorin dieses Kunststück zustande gebracht? Noch vor dreißig Jahren hat so mancher, der sich als moderner Schreiber zeigen wollte, alles in Minuskeln geschrieben. Als ob man durch Kleinschreibung seinen Schrieb vergrößern könnte. Das macht die Autorin nicht. Heute gibt man stattdessen dem Lektorat gern das Signal modern, indem man die wörtliche Rede ohne Anführungszeichen bringt und den Leser immer herumrätseln lässt, ob er gerade etwas liest, was die Figur bloß denkt oder was sie auch sagt. Eine bemühte Intensivierung des Textes. Auch dieses Verwirrspiel hat Angelika Waldis nicht nötig. Ferner verkneift man sich heute großzügig oder aus scheinbarem Übereifer jegliche Exposition. Das ist eine Methode, die auch der Waldis gefallen hat: Die atemlos in die Geschichte springende Erzählerin spielen. Sie startet ihre Erzählung so: Das Paket macht ihr Angst. Seit ein paar Tagen liegt es auf dem Bücherregal. Sie hat sich noch nicht daran gewöhnt. Wenn sie das Zimmer betritt, schaut sie immer zuerst dorthin, als wäre das Paket ein Wesen, das sich demnächst bewegt. Natürlich weiß sie, dass es sich nicht bewegen wird. Es ist nicht größer als ein Buch, vielleicht eins über die Wüsten der Welt oder die Geschichte der Mode, in braunes Packpapier gewickelt und längs und quer zigfach verschnürt. So verzweifelt verschnürt, als dürfe das Paket niemals geöffnet werden.

Dieses Niemals schiebt sie – seine Bedeutung negierend – weit hinaus. Was sich in dem Paket befindet, erfährt der Leser erst auf den letzten Seiten. Also die konventionelle Weise, einen Spannungsbogen zu bauen. Daran aber hängt sie unzusammenhängende Eindrücke auf, neben Erinnerungen und Gesprächsfetzen und Vorstellungen und Aktionsbröckchen. Mit ihrer Vorliebe für kurze Sätze suggeriert die Autorin einen Schnellschnitt dieser Ingredienzien. Das treibt den Leser kräftiger vorwärts als die simple Spannungsfrage, was in dem verschnürten Paket versteckt ist. Ja, der konventionelle Spannungsbogen wird auf diese Weise fast als ein überflüssiger, bloß so üblicher Jux abgetan.

Die Protagonistin, die Schneiderin Jolie, plant eine Geburtstagsfeier für Mutter und Vater, die beide achtzig werden. Zwar ist der Vater seit Jahren untätig und wortlos wie versteinert und die Mutter ist krank und ohne Gedächtnis im Pflegeheim. Dennoch will Jolie die weit über den Globus verstreut lebenden Kinder und Enkel zusammenrufen und bei sich zuhause ein großes Familienfest veranstalten. Dabei quält sie die Erinnerung an ihren Lieblingsbruder Franz, der als junger Mann beim Baden im nahen See ertrunken sein soll. Weil man nie seine Leiche gefunden hat, klammert Jolie sich an die Hoffnung, dass er noch lebe. Sie lässt sich sogar dazu hinreißen, im Internet liebevoll immer wieder anders formulierte Suchanzeigen aufzugeben.

Also eine recht qualvolle Situation. Doch zu einem einzigen Vergnügen wird die Lektüre durch die frisch-frechen Formulierungen, die Angelika Waldis sich erlaubt. Hier nur ein paar Beispiele:

Als Franz ertrunken war, sagte der Pfarrer: Möge er in der Tiefe ruhen. Das hat Mutter nicht gefallen. Sie ging nicht mehr in die Kirche, und ohne sie gingen auch Vater und die Kinder nicht. Mit Franz war auch Gott ertrunken.

Oder als Jolie sich ausmalt, wie es wäre, einen Mann zu haben, einen richtigen Dauermann (…): Wenn sie uralt würden, könnten sie sich die Hand geben und nebeneinander durch die Stadt schlurfen, hinaus ins Graue, könnten zusammen zerfallen wie zwei Stück Zucker.

Sie schreibt in ihr Arbeitsjournal, in dem sich die kuriosesten Einfälle sammeln: Ich falte die gewartete Zeit zusammen und gehe.

An anderer Stelle heißt es: Jolie lacht in sich hinein. Zum Teufel mit der Wahrheit. Mit ihr kommt man nicht vom Fleck. Sie hat viel zu schwere Schuhe an.

Und als sie einen One-Night-Stand mit einem nicht geliebten Mann erlebt hat, merkt sie, dass sie nicht auf Herrn Fischbacher wütend ist, sondern auf sich selbst: Wie konnte sie nur. Was hat sie sich bloß gedacht, dort in Konstanz. Gar nichts hat sie gedacht. Sie ist eine einfältige Kuh. Das ist sie. Zeitlebens wird sie das Bettzeug jenes Hotels wiederkäuen.

Jolie übt schon die Festansprache, die sie halten will: Liebe Anwesende, wir feiern heute die Geburtstage von Vater und Mutter. Sie haben fünf Kindern auf die Welt geholfen. Alle fünf sind wohlauf. Sind Vater und Mutter tot, müssen die fünf selbst sehen, wie sie wieder von der Welt herunterkommen.

Zugegeben, man ist nach der Lektüre dieses Buches kein anderer Mensch, ist auch nicht klüger als zuvor. Die großen Fragen der Menschheit sind ihrer Beantwortung keinen Meter näher gebracht. Doch ist mit diesem kleinen Gesellschaftsroman ein Bild unserer heutigen Lebensverhältnisse entstanden, und das in einer Sprache, die so ergreifend sein kann wie überraschend witzig. Ausgerechnet eine Schweizerin zeigt uns, was für Möglichkeiten des treffenden Ausdrucks im Deutschen stecken, in der Sprache, die heute von Werbern und Wissenschaftlern, von Politikern und Presseleuten gedankenlos zugunsten des Englischen beiseite geschoben wird. Deshalb kann ich diese Schneiderin nur weiterempfehlen.

 
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