Angelika Waldis‘ neuer Roman »Marktplatz der Heimlichkeiten« ist überraschend anders als der Vorgänger – aber erneut ein Wurf. Vermutlich wäre Angelika Waldis eine gute Schauspielerin. Und vielleicht wäre sie auch – was sie sicher weniger gern hört – eine gute Politikerin. Denn sie verfügt über eine Gabe, die für beide Berufe unerlässlich ist und die sie auch als Schriftstellerin auszeichnet: Sie hat ein ausgezeichnetes Einfühlungsvermögen und weiß schon fast erschreckend genau, wie Menschen ticken. Es kommt einem zuweilen vor, als könnte sie sich im Hirn ihrer Figuren einnisten, so klar beschreibt sie deren Gedanken.

Diesmal porträtiert Angelika Walds in 27 je etwa zehnseitigen Kapiteln 27 Mitarbeitende eines Medienunternehmens – vom einfachen, nicht ganz lebenstauglichen Hauspöstler bis zum snobistischen CEO, von der Kantinen-Angestellten bis zur ehrgeizigen Gerichtsreporterin. Der Titel des Buchs, der nicht zufälligerweise an den Börsenmakler-Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» von Tom Wolfe erinnert, passt. Wie auf einem Markt von Stand zu Stand, geht man in diesem Buch quasi von Mensch zu Mensch, wühlt in den Auslagen – und blickt auch gern mal unter den Tisch, ins Verborgene. Und so, wie ein Stand allein noch keinen Markt macht, ist auch bei »Marktplatz der Heimlichkeiten« das Ergebnis mehr als die Summe seiner Einzelteile: Raffiniert verknüpft die Autorin die vielen Charaktere und Handlungsstränge, um ein treffendes Panorama unserer Arbeitswelt und unserer Zeit entstehen zu lassen.

Schauplatz ist das Unternehmen NeoMedia, die fiktive Herausgeberin der ebenso fiktiven Neuen Schweizer Zeitung. (…) Zwar schreibt die Autorin in einem ganz kurzen Vorwort: »Menschen wie Medien in diesem Roman sind erfunden«; sie schwächt diese Standardaussage aber gleich mit einer typischen Waldis-Spitze ab: »Aber erfunden ist nicht gelogen.« Wer heute im Beruf steht, weiß: Nein, gelogen ist es wahrlich nicht, wie hier die schöne neue Businesswelt des 21. Jahrhunderts daherkommt. Sie hat mit dem, was Menschen eigentlich wollen und brauchen, wenig zu tun: Alle sind latent überfordert und gestresst, auf der Suche nach Selbsterfüllung und Bestätigung, es riecht in jeder Ecke nach Versagensangst, das Damoklesschwert des Rausschmisses schwingt bedrohlich nah über allen Scheiteln. Zeit ist Geld und Geld ist alles. Das alles gilt ebenso für die Zeitungsverträgerin, die es wohl auch in früheren Zeiten nie einfach hatte, wie für den eigentlich dem Schöngeistigen zugewandten Verwaltungsrat, dem man ständig Powerpoint-Präsentationen um die Ohren knallt. Spätestens nach drei, vier Porträts fragt man sich: Wer ist eigentlich schuld daran, dass alles derart in Schieflage geraten konnte? Und wenn man dann endlich bei den vermeintlich Schuldigen ankommt, den Mächtigen, erkennt man, dass auch die meisten von ihnen nur ihre Rollen in einem großen Spiel spielen. Man könnte meinen, wir alle seien kleine Zauberlehrlinge, die heillos überfordert sind von den Geistern, die wir riefen: dass wir alles unter einen Hut bekommen möchten, uns in rasendem Tempo durchs Leben peitschen und ständig nach dem Mehr streben, von dem wir gar keine konkrete Vorstellung haben.

Doch »Marktplatz der Heimlichkeiten« ist kein graues Zeitgemälde, das einen niederdrückt und deprimiert – dafür ist Angelika Waldis einfach zu lebensfroh und spitzbübisch. Es macht Spaß, wie sie mit leichter Ironie den Überlebenskampf im Haifischbecken beschreibt, wie sie mit Wonne die vielen kleinen Schwächen ihrer Figuren ausbreitet und uns an deren Privatestem teilhaben lässt. Wie in jedem Konzern ist die Luft auch bei NeoMedia erotisch aufgeladen, und man lässt sich gern hineinziehen in den ganzen Klatsch, den die 27 Hauptfiguren mit vielen Nebenfiguren und untereinander austauschen – bis zum 28. Kapitel, dem Höhepunkt, an dem alle Fäden zusammenlaufen und »100 Jahre Neue Schweizer Zeitung« gefeiert wird.

 
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