»Tu nicht so«, der schmale Erstling von Angelika Waldis, lässt aufhorchen: In ihren gesammelten Kurzgeschichten entlockt die 63-jährige Schweizer Autorin der Sprache überraschende, spannende Bilder.

Von 1982 bis 1999 war Angelika Waldis Ko-Leiterin des Jugend-Magazins «Spick» und publizierte die mit dem Schweizer Jugendbuchpreis ausgezeichnete Erzählung »Tita und Leo«. Seither hat die 63jährige Autorin Muße zum freien Schreiben, und vierzehn ihrer neu entstandenen Kurzgeschichten hat der immer für Überraschungen gute Zürcher Verlag Kein & Aber nun in einem kleinen Buch mit dem Titel »Tu nicht so« herausgebracht.

»Tu nicht so, wir müssen alle mal sterben«, sagt der Vater zum Kreischen seiner elfjährigen Tochter Irma, als er den gefangenen Fisch tötet. »Tu nicht so« wurde wohl auch zu ihrer gleichaltrigen Freundin Stasi gesagt, als sie sich gegen Missbrauch wehrte. Solche Erinnerungen tauchen auf, während die alt gewordene Irma die Asche der verstorbenen Freundin am selben See begräbt. Das wird erzählt in Fragmenten und Andeutungen aus kunstvoll gegeneinander geschnittener Vergangenheit und Gegenwart: zwei Leben auf nur sechs Seiten.

Auch die anderen, durchwegs kurzen Erzählungen von Angelika Waldis sind solche Momentaufnahmen von manchmal alltäglichen, manchmal schrägen Situationen: prägnante Skizzen aus wenigen Strichen. Dabei geht es oft um scheiternde Beziehungen zwischen Liebenden oder Familienmitgliedern, um unerfüllte Sehnsucht und stillen Hass.

»Am Anfang meiner Geschichten steht meist eine Idee, die ich illustrieren möchte«, sagt die Autorin. »Das kann Empörung sein oder Schmerz, manchmal ausgelöst durch etwas, was ich höre oder in der Zeitung gelesen habe. Dieses starke Gefühl stecke ich dann in eine Person und lasse sie damit laufen, oft ohne vorher zu wissen, wo sie hingeraten wird.« Ihre Figuren können skurrile Sonderlinge sein, wie etwa der Schulabwart, der eine heimliche Sammlung gebrauchter Papiertaschentücher anlegt. Sein zunehmend verkommendes städtisches Umfeld dagegen ist genau beobachtete Realität. Dazu kommen autobiografische Erinnerungen an Menschen und Landschaften, manchmal auch recherchierte Fakten. Manche Geschichten enden tragisch, etwa im Suizid einer Ladendiebin. Alle sind mit leichter Hand erzählt, oft witzig und manchmal spannend, aber immer vor einem Hintergrund unsentimentaler Melancholie. Überflüssig zu betonen, dass solche Leichtigkeit immer das Ergebnis geduldiger Schleifarbeit ist. »Ich schreibe sehr langsam«, verrät die Autorin, »ich arbeite einen Satz lange im Kopf durch, bevor ich ihn gelten lasse. Doch was dann einmal steht, lasse ich meist unverändert.« In ihrer unprätentiös lakonischen Sprache blitzen immer wieder überraschende Bilder auf wie glänzende Einschlüsse in grauem Gestein. Da scheint etwa der frühe Morgen im winterlichen Gebirge »noch ungehäutet, eine lila Hülle spannte sich vom Schwertberg zu den Wendestöcken.« In einer anderen Geschichte

schaut ein Mann neben seinem sterbenden Hund zu, wie es schneit: »Die Flocken sind leicht und wirbeln manchmal hoch, es sieht aus, als würde die Welt neu gemixt.« Und er stellt sich vor, »dass die Flocken nicht fallen, sondern stehen und dass er in seinem Stuhl hochfährt, höher und höher, die Flockentapete entlang.« Oder eine Frau kommt zu ihrem Geliebten »mit einer Ladung Zärtlichkeit, die zu groß ist für ein Wochenende« und genießt dann »die dick mit Glück bestrichene Zeit.« Das sind keine eitel ausgebreiteten Trouvaillen, sondern gezielt gesetzte, stimmige Farbtupfer. Und so fühlt sich der erste Liebeskummer eines jungen Mädchens an: »Das Weh ist innen und außen, die Haut brennt, als wäre keine mehr da, als hätte man sie abgezogen wie von einem Pfirsich und das glänzende Fleisch bloßgelegt, und in der Speiseröhre hockt ein Ding, das nicht tiefer rutscht und das ganz hart wird, wenn sie mit den anderen lachen soll.«

Da erklingt eine neue Stimme in der Schweizer Literatur. Nächsten Frühling erscheint unter dem Titel »Briefe an den Enkel« bereits das nächste Buch von Angelika Waldis. Und in ihrer Schublade liegt ein fertiges Romanmanuskript: »eine offene Liebesgeschichte, von einer Frau und einem Mann parallel erzählt, aber alles andere als parallel verlaufend», sagt die Autorin dazu.

 
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