Sie schrieben zwei Geschichten übers Verschwinden. Möchten Sie auch manchmal einfach verschwinden?

Angelika Waldis: Schon, aber nur, wenn ich weiß, dass ich nachher wieder zurückkommen kann! Ich bin gerne in meinem Leben.

Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich nahm zwei Mal an einer organisierten Reise teil und fand es faszinierend,

wie die Leute in der Gruppe miteinander in Beziehung traten. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn unterwegs jemand verschwinden würde – davon handelt die eine Geschichte meines Buches.  

Darin stirbt Zett, ein Teilnehmer der Reisegruppe – niemand ist traurig über sein Verschwinden. Macht es Ihnen Spaß, ekelhafte Menschen zu beschreiben?

Es ist amüsanter, ein Ekel zu beschreiben als eine artige Person!

Haben Sie oft mit Menschen mit kompliziertem Innenleben zu tun?

Gibt es denn Menschen mit einfachem Innenleben? Ich glaube nicht.

Sie scheinen eindeutig eine Vorliebe für extreme Fälle zu haben.

Ich habs schon gern ein bisschen schräg, das stimmt. Ich zeige meine Figuren mit all ihren Sonderlichkeiten. Ich beschreibe, was passieren kann, wenn Menschen zu oft allein sind oder wenn Lebenserwartungen nicht erfüllt werden.

Einige Ihrer Figuren wirken psychisch ziemlich angeschlagen.

Stimmt, aber sie versuchen, das so lange wie irgend möglich zu überspielen.

Wieso nimmt niemand medizinische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch?

Das ergäbe keine Kurzgeschichte!

In der zweiten Geschichte haut die Großmutter mit dem kleinen Enkel ab, der Mann aus der Beziehung, und am Schluss macht sich die Großmutter aus dem Leben davon. Stellen Sie den Tod bewusst als etwas Leichtes dar?

Der Mensch hat ja das Problem, dass er weiß, dass er stirbt. Und er weiß, dass er das Leben möglichst gut nutzen müsste. Zudem ist er umgeben von wohlmeinenden Personen mit X Erwartungen. Ich versuche, diese ganze Schwere und Schwierigkeit darzustellen – in leichtem Erzählton. Ich zeige den schwierigen Gang sozusagen in leichtem Schritt. So probiere ich auch zu leben.

Ihnen gelingt es, Liebe erahnen zu lassen, zwischen Mann und Frau und zwischen den Generationen. Sie haben selber Enkel?

Ja, ich sehe sie oft. Sie sind jede Woche einen Tag bei uns. Als mein erster Enkel auf die Welt kam, schrieb ich für ihn ein Buch, das er dann lesen kann, wenn er erwachsen ist. Es heißt »Benjamin, mach keine Dummheiten, während ich tot bin«.

(…)

Hat es Sie nicht abgeschreckt, dass in der Schweizer Literatur vor allem die älteren und blutjungen Autoren stark beachtet werden?

Nein, gar nicht. Klar, bringen Zeitungen gern Reportagen über ein schönes, junges »Fräuleinwunder« – da bin ich mit meinen über sechzig Jahren fast eine Exotin. Doch vielleicht ist das auch schon wieder lustig … Zum Schreiben finde ich es jedenfalls nicht von Nachteil, schon einiges erlebt und gespürt zu haben.

Was ist Ihre größte Stärke?

Ich kann gut improvisieren und behalte auch in schwierigen Situationen den Überblick.

Und Ihre Schwäche?

Das Flüchtige, das Hastige. Nur beim Schreiben bin ich gründlich.

 
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