Zum Hauptinhalt springen

23. Juli 2026

Wir sitzen draußen am Steintisch, und mein Enkel L. blickte immer wieder mal rüber zur Wiese. Nun ja, denke ich, er hat wohl genug vom Gespräch der Alten. Doch die Wiese, kurzgemäht und trocken, scheint mir kaum spannender, bis L. auf den Maulwurfshügel zeigt. Dort bewegt sich etwas! Erde rieselt, nur sachte, nur wenig. Dann steht die Erde wieder eine Weile still. Aber wir wissen: Dort drin ist jemand. Dort drin tut jemand, was er muss. Im Dunkeln. Allein. Er wird im Lauf des Tags noch weitere Hügel aufwerfen – mir grad so viel feinen Aushub liefern, wie ich fürs Pflanzloch der Rose brauche.

21. Juli 2026

Heute habe ich Couscous gekocht, habe ihn so sehr versalzen, dass er nicht mehr zu retten war. Habe neuen Couscous aufgesetzt, diesen so stark anbrennen lassen, dass er nicht mehr zu retten war. Dann halt einfach Brot stattdessen! Das Brot war schon etwas hart, sodass ich beim Schneiden abgerutscht bin – in den Finger. Etwas zu hastig bin ich aus der Küche geeilt und habe dabei die aufgerissene Couscous-Tüte zu Boden gefegt. Ich habe nach einem passenden Pflaster gesucht, doch die richtige Größe war ausgegangen. Gute Idee, dachte ich, schlüpfte in meine schönen Schuhe und ging auch aus.

18. Juli 2026

»Zucker in Milch« erinnert mich an die Caramels, die wir als Kinder machten. Von Zucker in Milch steht heute etwas in der Zeitung; Astronomen haben nahe am Zentrum der Milchstraße Zucker gefunden, in einer Gaswolke namens G+0.693-0.027 . Der Zucker heißt Erythrulose und kommt auf der Erde zum Beispiel in Himbeeren vor. Die Tatsache – so lese ich –, dass so ein komplexes organisches Molekül im Weltall existiert, macht klar: Die chemischen Voraussetzungen für Leben gibt es nicht nur auf der Erde, sie entstehen ganz natürlich im Kosmos. Für unsere Vorstellung vom Ursprung des Lebens ist das wesentlich. Um so etwas richtig zu verstehen, müsste ich im Hirn sehr sehr lange rühren, wie seinerzeit im Kochtopf für die Caramels.

17. Juli 2026

Gestern Abend war großer Sturm, aber heute Morgen ist der Wald so still wie ein vergessenes Märchen. Auf dem Weg liegen Tannzäpfchen wie verstreute Blumen an einer Hochzeit. Jemand scheint unterwegs gewesen sein, sich das Ja-Wort zu geben, vielleicht Fuchs und Füchsin. Willst du mich lieben, bis dass der Jäger uns scheidet? Die Füchsin muss sich die Lindenblütenkrone vom Kopf gerissen haben, Reste davon liegen herum. Und auch das Brautkleid hat sie abgeworfen, da liegt nämlich mitten auf dem Weg ein grüner Umhang aus Rotbuchenlaub, symbolisch bestickt mit Kapseln voll heranreifender Buchnüsschen. »Reineke, vergiss es«, hat sie gerufen, »ich liebe dich nicht, ich verschwinde! Kannst es ja im Januar noch mal versuchen, zur Ranzzeit!« Übrigens hat der große Sturm auch noch eine Eiche, zwei Föhren und einen Ahorn umgelegt

10. Juli 2026

Als Frau M. ihren dementen Mann im Pflegeheim besucht, sieht sie ihn von weitem mit einer anderen Frau auf einer Gartenbank sitzen. Sie erschrickt ein bisschen, weil sich die beiden simultan von der Gartenbank erheben und dann Hand in Hand Richtung Heimkapelle gehen. Frau M. folgt ihnen in einigem Abstand und erschrickt wieder ein bisschen, weil die beiden nun Hand in Hand in der Kirchenbank sitzen. Der Mann dreht Frau M. den Kopf zu und nickt freundlich. Er ist immer ein freundlicher Mann gewesen.

19. Juni 2026

Aufgewacht, sechs Uhr, hallo schöner Sommertag, was bringst du? Durchs Fenster kommt ein Rauschen, nein Branden, nein Brausen, ach je, der Gartenschlauch muss wieder mal geplatzt sein, bitte keine Überschwemmung! Ich renne ins Freie, der Schlauch schläft noch friedlich geringelt im Gras, das Geräusch kommt von anderswo, von der grossen Linde. Da sind Bienen drin, bestimmt zehntausende! Summend, suchend, süchtig im Nektarrausch. Lauschend bleibe ich eine Weile unter dem Baum, mitten im betörenden steten Bienenbrausen. Let it bee!

18. Juni 2026

»Hoffnung« heisst eine Station der Buslinie 751 – schön. Da steige ich ein, und ein Büblein rutscht sofort vom Sitz und macht mir Platz. Der Bus ist rappelvoll mit Büblein und Mägdlein im Kindergartenalter, es sind sechsundvierzig, sagt eine Begleiterin. Sie fahren in den Zoo, sind bunt ausstaffiert von Kopf bis Fuss, viel Pink und Gelb und Lila. Dicht aneinander stehend und halb aufeinander sitzend halten sie sich irgendwo fest, und wenn der Bus in die Kurve fährt, geben sie ein Piepen, Girren und Jauchzen von sich. Es hört sich an wie eine exotische Volière, und es fühlt sich an wie eine fröhliche Ladung für die Zukunft.

17. Juni 2026

Nur noch vier Tage, nur noch viermal schlafen! Und dann ist er da, der üble, üble 21. Juni. Hockt im Kalender und lässt sich nicht hinausschieben. Kannst bitten und flehen, soviel du willst. Er ist und bleibt der längste Tag, und nach ihm fängt der Winter an. Ja, zugegeben, nicht gleich mit Schnee und Schlottern. Ja, zugegeben, der Sommer kann noch herrlich und der Herbst noch zauberhaft werden. Aber das verheißungsvolle, knospende, blühende erste Halbjahr ist vorbei, fertig, aus. Die Tage werden kürzer und kürzer und kürzer. Nur noch viermal ...

11. Juni 2026

In einer Anzeige bei Instagram steht: »Ich habe es satt, mich dauernd mit meiner Hornhaut herumzuschlagen!« Der sprachlich korrekte Satz verfilmt sich umgehend, und ich sehe mit Schaudern, wie sich eine Hornhaut von einem Fuß löst und selbständig macht und nun wie ein wild flatterndes Fensterleder auf den zum Fuß gehörigen Menschen eindrischt, links und rechts, peitsch und knatter, knall und klatsch. Die Hornhaut haut, der Mensch schlägt zurück, doch die Hornhaut duckt sich, weicht aus, ein Grinsen im bleichen zernarbten Gesicht.

19. Mai 2026

Ich starre im Warenhaus geradeaus, um mir den vergessenen Einkaufszettel vorzustellen, da sehe ich den klauenden Mann. Er studiert intensiv mit schrägem Kopf die Waren oben im Regal, derweil seine Hand etwas von unten nimmt und in die Jackentasche gleiten lässt. Noch zweimal macht das die Hand. Dann dreht sich der Mann um, lächelt mir zu und geht von dannen. Klar, dass ich nachschaue, wohin die Hand gegriffen hat – zu den Taschenmessern, zu den teuren. Da werden sich wohl drei nette Menschen über ein schönes Geschenk freuen.

14. Mai 2026

Aufregung: Es gibt einen neuen Vogel in unserem Garten. So einer war noch nie da, rundlich und spatzenklein, die Oberseite tiefschwarz, die Unterseite blendend weiss. Ich hab gleich nachgelesen: Ein männlicher Trauerschnäpper ist's, nur grad etwa 10 Gramm schwer. Und dieser Winzling wird im August übers Mittelmeer nach Zentralafrika ins Winterquartier zurückfliegen! Er wird nachts fliegen und tags ruhen, aber die Sahara, die überquert er nonstop – in rund fünfzig Stunden. Was für eine Leistung. Und wir Riesentrampel haben uns etwas eingebildet, wenn wir sechs Stunden gewandert sind …

7. Mai 2026

Heute ist die Trauerfeier für ein Ehepaar, das ich von weitem gekannt habe. Angesehene Architekten beide, weit über 90 beide. Sie starben am selben Tag, sie starben zusammen, so hatten sie es beschlossen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, wenn man gemeinsam auf das allerletzte Tor zu geht. Ob man sich an der Hand hält. Ob man den Gang des andern spürt. Ob sich die Schritte verändern. Und wenn sich das Tor dann öffnet, ob es breit genug ist für zwei, oder ob man schließlich doch allein hindurch muss.

3. Mai 2026

Als ich meine alten Knochen ächzend auf dem Stuhl platziere, fällt mir ein Satz von Max Frisch ein: »Wer alt wird, ist selber schuld« (2. Tagebuch, 1971). Recht hatte er, der gescheite Frisch, dessen Schreiben ich seit November 1957 bewundere. Damals las er in »meinem« Schulhaus Musegg in Luzern aus seinem brandneuen Roman »Homo Faber«. Ich war hin und weg – es war, als hätte er für mich ein Fenster aufgerissen. Was für ein aufregendes Gewitter da draußen, und was für eine kühle, klare Sprache, die hereinströmte.

20. April 2026

Ein Ungeheuer schwankt, torkelt, krabbelt über die Origanostaude. Bestimmt gut drei Zentimeter lang, sechsbeinig und geflügelt. Ein Kopf wie aus dem Gruselkabinett, zwei Antennen, zwei Riesenaugen, dazwischen drei kleine Knopfaugen. Ein Leib wie aus dem Modejournal, gestreift und gepunktet, gelb und rot und braun. Was für ein Fabelwesen, und das in unserem Garten! Es ist – so habe ich inzwischen nachgelesen – eine Hornissen-Königin, soeben aus dem Winterschlaf erwacht. Your Majesty, Ma'am, welcome to Spring Palace.

18. April 2026

In der Früh zwischen sechs und sieben ‒ die Sonne noch nicht ganz über dem Waldsaum, die Birnbaumblüten noch nicht ganz geöffnet, die Amseln noch nicht ganz laut, mein Kopf noch nicht ganz wach ‒ wandere ich um die große Lichtung und sehe von Weitem etwas Schwarzweißes. Das sind Kühe! Seit Jahren waren hier keine Kühe mehr ‒ guten Morgen, ihr Schönen! Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, alle nah beisammen am Zaun. Und weitab, mitten auf der Wiese, steht reglos die achte Kuh und denkt. Wesen wie sie brauchen wir.

6. April 2026

Es ist Ostermontag. Ein US-Präsident schreibt an die iranische Regierung auf Social Media: »Open the Fuckin' Strait, you crazy bastards, or you'll be living in Hell - JUST WATCH! Praise be to Allah.« Übersetzt klingt es genau so erschreckend: »Öffnet die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – IHR WERDET SEHEN! Gelobt sei Allah.« Was für Osterworte. »Ich glaub es nicht!«, rufe ich laut, als grad der Osterhase vorbeirennt. »Mir egal«, ruft er zurück, »ich bin trotzdem da!«

1. April 2026

Die Klinik verschreibt O. ein Opioid gegen Schmerzen, und ich hole das Rezept beim Hausarzt ab. »Vielen Dank«, sage ich, »kann ich das nun an der Langstraße verkaufen?« »Sie würden bestimmt Abnehmer finden«, sagt er ernst, und mein schlechter Scherz tut mir leid. Erinnerung kommt hoch an das Elend in den Neunziger Jahren im Platzspitz-Park, der damals »Needle Park« hieß. In dieser größten offenen Drogenszene Europas hielten sich täglich bis zu 3000 Süchtige auf, kranke, magere, kaputte Gestalten. Einmal brachten O. und ich warme Wintermäntel vorbei, und ich vergesse die dringlichen Rufe des bleichen Jungen nicht, der Schlafmittel verkaufte: »Rohypnol, wer will Rohypnol?«

26. März

Ach, ihr Bücher. Alle seid ihr mal mit Konzentration und Hingabe geschrieben worden. Im Trommelfeuer von Gedanken. Im Fieber von Phantasien. Und nun habe ich euch mit groben Händen von den Regalen aussortiert und auf die Sackkarre geladen, auf der ich sonst schwere Pflanzentöpfe oder Kompostsäcke verschiebe. Etwas zögerlich ziehe ich die Karre hinter mit her zum wöchentlichen Abfall-Sammel-Bus. Ach, ihr Bücher, verzeiht. Ihr werdet verbrannt im Erdreich landen und vielleicht noch ein Weilchen da und dort durch die Lüfte geistern. Wie ich.

19. März 2026

Heute Abend sei der Mond eine liegende Sichel, steht in der Zeitung. Oh, das habe ich mal in Indien gesehen: Der Mond war ein Lächeln am Himmel, war eine Schaukel für fröhliche Geister! Das will ich noch einmal erleben. Doch der Mond am frühen Abend versteckt sich. Nachts um drei gehe ich erneut hinaus ins Dunkle, barfuß über den kalten Boden – kein Mond. Dafür ein über und über sternengesprenkeltes Firmament! Allzu lange habe ich nicht mehr da hinauf geschaut. Was für ein Glück. Und dann flattert erst noch etwas Freundliches an meinem Ohr vorbei. Muss eine Fledermaus sein. Pipistrello, buona notte …

4. März 2026

Ich denke, das Kind war etwa drei Jahre alt, es saß auf Mutters Schoß am Bus-Fenster, draußen zog die Welt vorbei. »Schau«, sagte die Mutter, »das Hündchen dort hat einen Mantel an.« »Warum?« »Sonst würde es frieren.« »Warum?« »Es hat kein dickes Fell.« »Warum?« »Weil es kein Pudel ist.« »Warum?« »Weil es ein Dackel ist.« »Warum?« »Weil es eine Dackelmutter und einen Dackelvater hat.« »Warum?« »Weil Kinder einen Vater und eine Mutter haben.« »Warum?« »Das weiß ich auch nicht.« Hier stiegen Mutter und Kind aus. Warum?

2. März 2026

»Der Seitenscheitel ist zurück!« Eine Schlagzeile aus der heutigen Zeitung. Erst erschrecke ich leicht, denn das klingt so bedrohlich wie »Die Beulenpest ist zurück!« oder »Pol Pot ist wieder aufgetaucht!« Ach wo, um den netten gradlinigen Scheitel geht es nur, und wie er seit den achtziger Jahren herumgeschubst wurde. Die Generation Y, auch Millennials genannt, trug ihn seitlich, die Generation Z ließ ihn in die Mitte wandern, doch nun schiebt ihn die Generation Alpha wieder zur Seite. Meine große Frage ist jetzt bloß: auf welche Seite? Bitte keinen weiteren Rechtsrutsch!

23. Februar 2026

Diese Woche werden erstmals auch Olivensamen im Saatgutbunker auf Spitzbergen gelagert. Saatgutproben von mehr als 5600 Pflanzenarten aus aller Welt befinden sich schon dort, bei minus 18 Grad. Das soll sicherstellen, dass die Menschheit nach einer globalen Katastrophe einen landwirtschaftlichen Neuanfang hat. Andernorts gibt es Frozen Zoos, wo DNAs und Spermien und Eizellen bedrohter Tierarten gespeichert werden. In Berlin lagert das Endangered Language Archive Gesprochenes, also Video- und Audioaufnahmen von über 500 Sprachen, die vom Aussterben bedroht oder schon gestorben sind. Geschriebenes wird mancherorts in Literaturarchiven vor dem Vergessen gerettet. Aber wo werden eigentlich kostbare Geräusche gelagert? Bachgemurmel? Wind in the Willows? Erleichterungsseufzer? Popcornplatzen? Springkrautploppen? Kindergelächter? Stepptanzklacken? Bienenstockbrummen?

13. Februar 2026

Nobelpreisträger Omar Yaghi hat ein wundersames Pulver erfunden. Es heißt MOF (metal-organic framework), besteht aus winzigen Kristallen und kann Wasser aus der Luft filtern, speichern und wieder abgeben – etwa zur Trinkwasserversorgung. MOF kann aber auch CO₂ aus der Luft ziehen oder Giftstoffe aus Gewässern filtern. Das sind großartige, vielversprechende Techniken im Zeitalter des Klimawandels. Leider ist die Produktion von MOF noch sehr teuer und die Lagerung oder Entsorgung von eingefangenen Pestiziden oder gesammeltem CO₂ noch nicht völlig gelöst. Ist aber eh egal, denn den Klimawandel gibt es gar nicht, sagt der Präsident der Vereinigten Staaten. Und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass CO₂ gesundheitsschädlich ist, hat er heute für ungültig erklärt. Nun, er hat halt das Pulver nicht erfunden, wie man auf Deutsch so höflich sagt.

10. Februar 2026

»Erhepmiversecklet« sagte die Frau ins Handy. Sie saß mir im Bus vis-à-vis, war mittelalt, mittelschön, mitteldick und hatte Herzchen als Ohrstecher. Falls jemand in Deutschland hier mitliest: »Er hat mich verseckelt« bedeutet »Er hat mich verarscht.« Ist beides grob, Arsch und Seckel/Sack befinden sich in benachbarten Körperzonen. Die Frau hätte es auch feiner sagen können: »Er hat mich hinters Licht geführt.« Aber das hätte nicht zu ihrem Gesicht gepasst, in dem die Empörung grösser war als die Trauer. »Voll versecklet«, sagte sie und tat mir leid.