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20. April 2026

Ein Ungeheuer schwankt, torkelt, krabbelt über die Origanostaude. Bestimmt gut drei Zentimeter lang, sechsbeinig und geflügelt. Ein Kopf wie aus dem Gruselkabinett, zwei Antennen, zwei Riesenaugen, dazwischen drei kleine Knopfaugen. Ein Leib wie aus dem Modejournal, gestreift und gepunktet, gelb und rot und braun. Was für ein Fabelwesen, und das in unserem Garten! Es ist – so habe ich inzwischen nachgelesen – eine Hornissen-Königin, soeben aus dem Winterschlaf erwacht. Your Majesty, Ma'am, welcome to Spring Palace.

18. April 2026

In der Früh zwischen sechs und sieben ‒ die Sonne noch nicht ganz über dem Waldsaum, die Birnbaumblüten noch nicht ganz geöffnet, die Amseln noch nicht ganz laut, mein Kopf noch nicht ganz wach ‒ wandere ich um die große Lichtung und sehe von Weitem etwas Schwarzweißes. Das sind Kühe! Seit Jahren waren hier keine Kühe mehr ‒ guten Morgen, ihr Schönen! Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, alle nah beisammen am Zaun. Und weitab, mitten auf der Wiese, steht reglos die achte Kuh und denkt. Wesen wie sie brauchen wir.

6. April 2026

Es ist Ostermontag. Ein US-Präsident schreibt an die iranische Regierung auf Social Media: »Open the Fuckin' Strait, you crazy bastards, or you'll be living in Hell - JUST WATCH! Praise be to Allah.« Übersetzt klingt es genau so erschreckend: »Öffnet die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – IHR WERDET SEHEN! Gelobt sei Allah.« Was für Osterworte. »Ich glaub es nicht!«, rufe ich laut, als grad der Osterhase vorbeirennt. »Mir egal«, ruft er zurück, »ich bin trotzdem da!«

1. April 2026

Die Klinik verschreibt O. ein Opioid gegen Schmerzen, und ich hole das Rezept beim Hausarzt ab. »Vielen Dank«, sage ich, »kann ich das nun an der Langstraße verkaufen?« »Sie würden bestimmt Abnehmer finden«, sagt er ernst, und mein schlechter Scherz tut mir leid. Erinnerung kommt hoch an das Elend in den Neunziger Jahren im Platzspitz-Park, der damals »Needle Park« hieß. In dieser größten offenen Drogenszene Europas hielten sich täglich bis zu 3000 Süchtige auf, kranke, magere, kaputte Gestalten. Einmal brachten O. und ich warme Wintermäntel vorbei, und ich vergesse die dringlichen Rufe des bleichen Jungen nicht, der Schlafmittel verkaufte: »Rohypnol, wer will Rohypnol?«

26. März

Ach, ihr Bücher. Alle seid ihr mal mit Konzentration und Hingabe geschrieben worden. Im Trommelfeuer von Gedanken. Im Fieber von Phantasien. Und nun habe ich euch mit groben Händen von den Regalen aussortiert und auf die Sackkarre geladen, auf der ich sonst schwere Pflanzentöpfe oder Kompostsäcke verschiebe. Etwas zögerlich ziehe ich die Karre hinter mit her zum wöchentlichen Abfall-Sammel-Bus. Ach, ihr Bücher, verzeiht. Ihr werdet verbrannt im Erdreich landen und vielleicht noch ein Weilchen da und dort durch die Lüfte geistern. Wie ich.

19. März 2026

Heute Abend sei der Mond eine liegende Sichel, steht in der Zeitung. Oh, das habe ich mal in Indien gesehen: Der Mond war ein Lächeln am Himmel, war eine Schaukel für fröhliche Geister! Das will ich noch einmal erleben. Doch der Mond am frühen Abend versteckt sich. Nachts um drei gehe ich erneut hinaus ins Dunkle, barfuß über den kalten Boden – kein Mond. Dafür ein über und über sternengesprenkeltes Firmament! Allzu lange habe ich nicht mehr da hinauf geschaut. Was für ein Glück. Und dann flattert erst noch etwas Freundliches an meinem Ohr vorbei. Muss eine Fledermaus sein. Pipistrello, buona notte …

4. März 2026

Ich denke, das Kind war etwa drei Jahre alt, es saß auf Mutters Schoß am Bus-Fenster, draußen zog die Welt vorbei. »Schau«, sagte die Mutter, »das Hündchen dort hat einen Mantel an.« »Warum?« »Sonst würde es frieren.« »Warum?« »Es hat kein dickes Fell.« »Warum?« »Weil es kein Pudel ist.« »Warum?« »Weil es ein Dackel ist.« »Warum?« »Weil es eine Dackelmutter und einen Dackelvater hat.« »Warum?« »Weil Kinder einen Vater und eine Mutter haben.« »Warum?« »Das weiß ich auch nicht.« Hier stiegen Mutter und Kind aus. Warum?

2. März 2026

»Der Seitenscheitel ist zurück!« Eine Schlagzeile aus der heutigen Zeitung. Erst erschrecke ich leicht, denn das klingt so bedrohlich wie »Die Beulenpest ist zurück!« oder »Pol Pot ist wieder aufgetaucht!« Ach wo, um den netten gradlinigen Scheitel geht es nur, und wie er seit den achtziger Jahren herumgeschubst wurde. Die Generation Y, auch Millennials genannt, trug ihn seitlich, die Generation Z ließ ihn in die Mitte wandern, doch nun schiebt ihn die Generation Alpha wieder zur Seite. Meine große Frage ist jetzt bloß: auf welche Seite? Bitte keinen weiteren Rechtsrutsch!

23. Februar 2026

Diese Woche werden erstmals auch Olivensamen im Saatgutbunker auf Spitzbergen gelagert. Saatgutproben von mehr als 5600 Pflanzenarten aus aller Welt befinden sich schon dort, bei minus 18 Grad. Das soll sicherstellen, dass die Menschheit nach einer globalen Katastrophe einen landwirtschaftlichen Neuanfang hat. Andernorts gibt es Frozen Zoos, wo DNAs und Spermien und Eizellen bedrohter Tierarten gespeichert werden. In Berlin lagert das Endangered Language Archive Gesprochenes, also Video- und Audioaufnahmen von über 500 Sprachen, die vom Aussterben bedroht oder schon gestorben sind. Geschriebenes wird mancherorts in Literaturarchiven vor dem Vergessen gerettet. Aber wo werden eigentlich kostbare Geräusche gelagert? Bachgemurmel? Wind in the Willows? Erleichterungsseufzer? Popcornplatzen? Springkrautploppen? Kindergelächter? Stepptanzklacken? Bienenstockbrummen?

13. Februar 2026

Nobelpreisträger Omar Yaghi hat ein wundersames Pulver erfunden. Es heißt MOF (metal-organic framework), besteht aus winzigen Kristallen und kann Wasser aus der Luft filtern, speichern und wieder abgeben – etwa zur Trinkwasserversorgung. MOF kann aber auch CO₂ aus der Luft ziehen oder Giftstoffe aus Gewässern filtern. Das sind großartige, vielversprechende Techniken im Zeitalter des Klimawandels. Leider ist die Produktion von MOF noch sehr teuer und die Lagerung oder Entsorgung von eingefangenen Pestiziden oder gesammeltem CO₂ noch nicht völlig gelöst. Ist aber eh egal, denn den Klimawandel gibt es gar nicht, sagt der Präsident der Vereinigten Staaten. Und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass CO₂ gesundheitsschädlich ist, hat er heute für ungültig erklärt. Nun, er hat halt das Pulver nicht erfunden, wie man auf Deutsch so höflich sagt.

10. Februar 2026

»Erhepmiversecklet« sagte die Frau ins Handy. Sie saß mir im Bus vis-à-vis, war mittelalt, mittelschön, mitteldick und hatte Herzchen als Ohrstecher. Falls jemand in Deutschland hier mitliest: »Er hat mich verseckelt« bedeutet »Er hat mich verarscht.« Ist beides grob, Arsch und Seckel/Sack befinden sich in benachbarten Körperzonen. Die Frau hätte es auch feiner sagen können: »Er hat mich hinters Licht geführt.« Aber das hätte nicht zu ihrem Gesicht gepasst, in dem die Empörung grösser war als die Trauer. »Voll versecklet«, sagte sie und tat mir leid.

2. Februar 2026

Beim Vorbeifahren im Augenwinkel gelesen: »Kita Fugu«. Seltsam, dass man in zürcherischen Rüti eine Kinderkrippe »Fugu« tauft. Fugu ist ein Kugelfisch, der in Japan als Delikatesse gilt. Sein Fleisch enthält das tödliche Nervengift Tetrodotoxin. Nur speziell lizenzierte Köche dürfen Fugu zubereiten, sie entfernen die giftigen Innereien wie Leber und Eierstöcke. Ich finde, »Erdbeerfröschchen«, auch giftig, wäre als Name für einen Kindergarten etwas hübscher. Ein Altersheim könnte man dementsprechend »Quecksilber« oder »Arseniorama« taufen, ein Streichorchester »Strychnin« und einen Friedhof »Seidelbasta«. »Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume«, schrieb Friedrich Nietzsche in »Also sprach Zarathustra«.

26. Januar 2026

Sautierte Perlhuhnbrust mit Tomatenwürfeln und Estragon-Jus, das stand auf dem Menüplan im Spital, aber dem geschwächten Patienten stellte man etwas Extraleichtes hin: ein Omelettchen mit Butterbrot. Wie schwierig kann etwas Extraleichtes sein! Der Patient ‒ eine Hand gelähmt ‒ sagt, er habe es nicht geschafft, die Butter aus dem Alupäckchen zu schälen, das Brot aus dem dreifachen Zellophan zu wickeln oder das Salzbriefchen zu zerreißen. Klingeln und quengeln mochte er nicht. Und weil das Omelettchen dauernd von der Gabel rutschte, aß er einfach sautiertes Nichts mit Frustwürfeln. .

10. Januar 2026

Die Klappmütze ist bedroht! Ach je, liebe Klappmütze, ich habe gedacht, du seist eine Kopfbedeckung - im Mittelalter gab es so was. Aber nein, du bist eine Robbe, gehörst laut Bilanz des WWF zu den Verlierern des Jahres 2025. Wir dürfen doch so ein verrücktes Wesen wie dich nicht verlieren! Hast eine dunkle Gewebe-Mütze auf der Stirn, die du so stark aufblasen kannst, dass dein Kopf doppelt so groß wirkt. Hei, das imponiert. Und dann kannst du noch die Nasenscheidewand durch ein Nasenloch nach außen stülpen und so aufblähen, dass sie aussieht wie ein feuerroter Kinderballon. Hei, damit balzt es sich gut. Liebe Klappmütze, wie brauchen dich weiterhin, wenn die Welt ein Wunder bleiben soll!

8. Januar 2026

»Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.« Wie wunderbar schön und gescheit ist das gesagt. Wie wohl tut die Erkenntnis, dass so wunderbar gescheite Dinge so schön gesagt werden können. Aus dem Jahr 1880 stammt der Satz. Und von Marie von Ebner-Eschenbach. Wer das schon wieder war? Eine österreichische Schriftstellerin, von der man kaum mehr spricht. Dabei ist ihr eine der allerschönsttraurigsten deutschen Erzählungen überhaupt gelungen: »Krambambuli«, die Geschichte eines Hundes. Sei gegrüßt, du Jetzt! Und danke, dass ich kann.

5. Januar 2026

Sprichwörter behaupten oft einfach drauflos. Etwa: Aller guten Dinge sind drei. Stimmt das? Sind drei Gläser Wein besser als zwei? Brauchen Mann und Frau noch eine/n Dritte/n für die Liebe? Flögen Vögel besser mit drei Flügeln? Aller guten Dinge sind zwei, das scheint mir stimmiger. Der Sinn braucht den Unsinn, das Licht braucht den Schatten, die Linke braucht die Rechte, das Ja braucht das Nein, die Stimme braucht das Echo, das Ein braucht das Aus, das Plus braucht das Minus, der Reim braucht den Schleim. Aber was sollen wir mit drei Nasenlöchern, was sollen wir mit drei Socken …