18. Dezember 2015

Ich habe mich darauf gefreut, den hochgelobten neuen Ralf Rothmann zu lesen: Im Frühling sterben. Schon einige Male hat er mich beeindruckt, der Könner. Ich lese, und ich wundere mich: Es kommt mir vor, als könne ich ihm diesmal nicht alles glauben. Da späht Walter nachts in eine Kammer, hat nur eine schwache Lampe mit blakender Flamme – und das sichtbare Pochen ihrer Halsader und das tiefe Schwarz der Achselhaare nahmen ihm momentlang den Atem. Hat Walter das Pochen wirklich gesehen? Oder da steht Walter des Morgens neben seinen von einem Jagdbomber zerfetzten Kameraden und blickt in die Ebene hinunter, wo Rauch aus den Schornsteinen der Bauernkaten stieg und Fische aus den Teichen ins Frührot sprangen. Sah Walter die Fische wirklich springen? Zu stark geschminkt kommt mir das Buch plötzlich vor. Aber ich werde es zu Ende lesen. Jetzt erst recht. 

Aus »Tage, Tage«