12. Oktober 2015

In Milano fuhren wir im Touristenbus, saßen oben, an der Frischluft, und via Kopfhörer hörten wir uns an, was anzusehen sich lohnen würde. Etwa die Kapelle von San Bernardino alle Ossa, wo die ganze Wände mit Schädeln und Knochen tapeziert sind, von Hingerichteten, Pestopfern und sonstwie Toten. Oder den Mega Store des Modezars San Giorgio Armani. Zwischen den Ansagen schepperten Musikstücke aus dem Lautsprecher, immer die drei gleichen; eines der Stücke holt prompt traurige Erinnerungen in mir hoch, also schossen mir jeweils die Tränen in die Augen, aber bevor sie flossen, hörte die schepprige Musik auf und eine neue Ansage lief, zum Beispiel zur Stazione Centrale, 1912 projektiert und unter Mussolini monumental vollendet. Im Nachhinein habe ich gelesen, dass von Gleis 21 die Juden in die Konzentrationslager transportiert wurden. Schön waren die Fluchten hoher dunkler Alleebäume, graustämmig mit kleinen grünen Früchten. Hätte gern gewusst, wie sie heißen. 

Aus »Tage, Tage«