Echo

Ein Schweizer Medienhaus ist Schauplatz für lakonische, farbige Darstellungen seiner Mitarbeiter vom Boten bis zum Chef, Einblick ins Zeitungswesen inklusive. Das liest sich so interessant, weil wir die Mitarbeiter am Arbeitsplatz erleben und ihre persönlichen Schicksale quasi zugeraunt bekommen, alles so munter wie auch teils sarkastisch, ohne je beleidigend zu sein. Die Autorin greift hinein ins volle Menschenleben, sie hat viel Erfahrung, und nichts Menschliches ist ihr fremd. Auch die Schwierigkeiten der heutigen Printmedien kommen zur Sprache. Der Zeitungsverlag ist eine Art modernes Narrenschiff mit den unterschiedlichsten Charakteren, die bei aller Kürze sehr gut gestaltet sind und vermutlich auf lebenden Beispielen beruhen. Dem Leser bleibt im Hintergrund noch genug Raum zur Eigenanalyse. Schöner Lesestoff.

Die Geschichte spielt in einem großen Verlagshaus in Zürich. Dort wird in erster Linie eine überregionale Zeitung herausgegeben. Das ist das Kerngeschäft. Hinzu kommen dann zum Beispiel noch eine Zeitschrift für Frauen und eine Gratiszeitung, die in hoher Auflage an Bus- und Bahnhaltestellen verteilt wird. Das also ist der Marktplatz. Hier werden Geschichten über andere geschrieben und verkauft - doch von sich selbst geben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieber nichts preis. Sie halten ihr Innenleben geheim.

Natürlich wird hier die Arbeit von Journalisten thematisiert. Aber es geht auch um viele andere Menschen und Berufsgruppen, die in einem solchen Unternehmen arbeiten. Zum Beispiel um die stellvertretende Kantinenchefin Nadine Schoch, um die Auszubildende Annakatharina Hirsbrunner aus der Honorarbuchhaltung oder um Tino Turrini, der täglich die Hauspost an die Schreibtische bringt. So gesehen könnten die hier präsentierten Stories in jedem anderen in Schieflage geratenen Unternehmen spielen: weil die Geschäfte nicht mehr so gut laufen, weil die Zukunft sehr viel ungewisser geworden ist, weil deshalb die Sorge um den Arbeitsplatz größer und der Ellbogeneinsatz untereinander schlimmer geworden ist.

Angelika Waldis‘ neuer Roman »Marktplatz der Heimlichkeiten« ist überraschend anders als der Vorgänger – aber erneut ein Wurf. Vermutlich wäre Angelika Waldis eine gute Schauspielerin. Und vielleicht wäre sie auch – was sie sicher weniger gern hört – eine gute Politikerin. Denn sie verfügt über eine Gabe, die für beide Berufe unerlässlich ist und die sie auch als Schriftstellerin auszeichnet: Sie hat ein ausgezeichnetes Einfühlungsvermögen und weiß schon fast erschreckend genau, wie Menschen ticken. Es kommt einem zuweilen vor, als könnte sie sich im Hirn ihrer Figuren einnisten, so klar beschreibt sie deren Gedanken.

Spannender Blick hinter die Kulissen: Die Autorin beschreibt den menschlichen Mikrokosmos eines Züricher Zeitungsverlages und ganz nebenbei lesen wir auch noch über die veränderten Bedingungen auf dem Printmedienmarkt im digitalen Zeitalter und wie ein großes Verlagshaus darauf reagiert. Wir lernen Menschen aus vielen Bereichen kennen – von der Zeitungsausträgerin bis zur stellvertretenden Personalchefin, vom Hausboten bis zum Stiftungsratsmitglied. All diese Personen begegnen sich tagtäglich in den Fluren und Aufzügen des Verlagshauses und jeder hat seinen persönlichen Hintergrund, seine Ängste und Hoffnungen, Sehnsüchte und Abneigungen und eben auch seine Heimlichkeiten.

Angelika Waldis versteht es vortrefflich, die Verlagsmitarbeiter und deren Geschichten vorzustellen und dabei die Charaktere nach und nach auf mehreren Ebenen geschickt und spannend miteinander zu verbinden. Hervorragend dargestellte Einzelschicksale und mal tragische, mal komische, mal interessante Interaktionen der Protagonisten kennzeichnen diesen Roman.
Sie suchen einen außergewöhnlichen Roman für die eigene Lektüre oder als besonderes Weihnachtsgeschenk? Dann empfehle ich Ihnen wärmstens das wundervolle Buch »Marktplatz der Heimlichkeiten« von Angelika Waldis.