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(…)  Die Geschichten entfalten sich aus der präzisen Beobachtung von inneren und äußeren Zuständen. Nahaufnahmen sind es, welche die Figuren, die Situationen und die Zusammenhänge erst allmählich preisgeben. Nichts ist ausgewalzt, manches nur angedeutet. Kommende Katastrophen nur als Ahnung. »Ich versuche, meine Geschichten offen zu lassen«, sagt die Autorin. »Ihr Wert liegt nicht im Ablauf der Handlung.«

Aerni: Soeben erschien Ihr neuestes Buch »Rocco & Jele«. Es ist eine Geschichte über eine Begegnung, die sich dann über den Umweg einer vorsichtigen Annäherung zu einer leidenschaftlichen Liebe entwickelt. Aber Sie verfolgen die beiden Personen nicht nur auf Reisen, sondern machen aus diesem Buch zwei Geschichten, indem Sie beide Perspektiven aufnehmen? Wie kamen Sie auf diese Idee?

Waldis: Es hat mich gereizt, ein-und dieselbe Situation aus der Sicht von Mann und Frau zu beschreiben, ein-und denselben Moment simultan mit zwei Seelen zu erleben. Ich versuche zu zeigen, dass eine Beziehung nicht auf beiden Seiten gleich rasch oder gleich tief wächst, da gibt es immer Synkopen. Die können sowohl reizvoll wie schmerzlich sein.

In zwei Geschichten wird diese Liebe zwischen zwei Menschen erzählt, die sich beim Joggen begegnen und die die weitere Entwicklung jeweils aus der eigenen Sicht erzählen. Beide Geschichten beginnen mit der Seite eins, beide enden in der Mitte des Buches. Jele sieht Rocco zum ersten Mal bei ihrem Pausenkaffee im Gasthaus an ihrer Jogging-Strecke und findet ihn attraktiv.