Sie dachte, er käme. Er kam nicht, sie litt, sie vergaß. Ein anderer kam, sie dachte zu lieben. Die Jahre kamen, sie dachte zu hassen. Es gab Krieg, es gab Flucht. Ende 2016 kam er doch, sie schrie und verzieh. Sie dachte, er bleibe. Aber er verschwand.

Ein Roman in acht Sätzen statt auf achthundert Seiten, bestückt mit drei Protagonisten sowie mit Gedanken und Emotionen und Spannung und Erotik und Gegenwartsbezug. Was will man mehr? Vielleicht bei den Satzzeichen eingestreut ein bisschen Pferdegeruch oder Lavendelduft? Bitte rubbeln.

In diesen positiv beladenen und mit Glückwünschen, Geschenken und Gaumenfreuden überschäumenden Feiertagen denke ich mir, ein paar ausgleichende Festtage im Jahreslauf täten wohl. Zum Beispiel im April: allgemeiner Lügentag. In Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und quer durchs gemeine Volk muss öffentlich gelogen werden, dass es kracht – und ohne Berichtigung. Im Juli: 24-Stunden-Hungerfestival. Im September: europäischer Schimpf- und Fluchtag. Mündlich und schriftlich und in sämtlichen Medien. Im November: Selige Unkaufswoche. Jegliche Käufe sind untersagt, von saudischem Öl bis zu norwegischen Wollsocken. Über einen Dispens von den vier neuen Feierlichkeiten entscheiden die sieben Zwerge unter dem Vorsitz von Rumpelstilz.  

Weil in den engen Kurven bergab das Tram immer quietscht, verstehe ich vom Gespräch der beiden Frauen nur ein paar Fetzen. »…Mutter«. Und noch einmal: »…Mutter.« »Wann?« »Vor einem halben Jahr.« Tram in Kurve. »Es geht auch ohne, ganz klar, aber du spürst schon, dass sie weg ist.« »Braucht Zeit, hä?« »Du sagst es. Manchmal vergess ich total, dass ich keine mehr habe, und dann wieder spür ich plötzlich dieses Ziehen.« Tram in Kurve. »Braucht Zeit, oder?« »Ich sag dir eins: So zu bluten wie eine Sau, das ist das Letzte. Jetzt darf ich dann wieder velofahren, endlich.« Tram in Kurve. »Nein, Kari will sowieso keine Kinder. Was soll ich also mit einer Gebärmutter.« Tram hält an.

Wieder mal im Zug nach Luzern, wieder mal am Rotsee vorbei, diesmal schimmert er tiefdunkel unter einem Nebelschleier, die Uferbäume liegen zur Hälfte im Wasser, schwarz, kahl, und flugs geistert die Dichterin Droste-Hülshoff herbei, mit ihren Versen vom Knaben im Moor: O schaurig ist’s übers Moor zu gehn / wenn es wimmelt vom Heiderauche / sich wie Phantome die Dünste drehn / und die Ranke häkelt am Strauche … Die Reisende neben mir studiert in der Gratiszeitung die Angebote des Tages, Rollschinken, Frühtulpen, Herrensocken, und knabbert an einem Daumennagel. Als ich ein Kind war, ging die Familie hier auf den Sonntagsausflug. Zuerst mit dem Fährmann über den See, ihm fehlte eine Hand, er hielt das Ruder mit einem eisernen Haken, dann vorbei am Frauengefängnis, eine weiße Flagge auf dem Dach bedeutete, dass gerade niemand eingesperrt war, dann weiter über die sanften Hügel und durch die Obstbaumwiesen

Draußen ist es zwei Grad über Null, der Garten ist raureifweiß, die Katz sitzt drinnen am Fenster mit Blick aufs Vogelhaus. Dort ist ein Hin und Her, ein An- und Abflug, ein Flattern und Flüchten. Die ganze Vogelmeute wäre beste  Katzenbeute, außer Elster, Specht und Eichelhäher, die wären eine Nummer zu groß. Die Katz sitzt reglos, nur die Schwanzspitze zittert. Kohl-, Blau- und Schwanzmeise, Spatz, Kleiber, Buchfink und Amsel, Amsel, Amsel. Bös irritierende Wesen, die können, was die Katz nicht kann: fliegen. Sie schaut und schaut, die kleine Masochistin. So wär’s, wenn man mich an eine Sushi-Bar setzte, die Hände auf den Rücken gebunden, und auf dem Laufband zögen Teller um Teller mit Köstlichkeiten an mir vorbei. Ich hol der Katz jetzt was Leckeres aus dem Kühlschrank

Morgen fahre ich ins Tessin an eine Abschiedsfeier. Ein Mann hat sich umgebracht. Er hat einen Text hinterlassen, der an der Feier vorgelesen werden soll. Und er hat einen Schock hinterlassen bei denen, die ihn liebten, die ihn mochten. Er muss gewusst haben, dass man ihm diesen Schock schwer verzeiht, aber es blieb ihm wohl keine andere Wahl. Ich habe ihn nicht so gut gekannt, dass ich trauern müsste. Es gab ein paar gute Gespräche, ein paar fröhliche Tafelrunden, ein paar Familienbilder. Auch wenn wir uns einige Mal umarmt hatten, kannte ich ihn eigentlich nur von weitem. Er war ein schöner, freundlicher, gescheiter Mensch. Gesund, soviel ich weiß. Als er sich erschoss, war er fünfundachtzig Jahre alt. Wunsch: Dieser Todesschatten lege sich nicht für immer auf der Erinnerung nieder.

Weiß nicht, welche Google-Welle mich auf die Website von BIID geschwemmt hat. Weiß nur, dass ich um ein Unverständnis reicher bin. BIID ist ein Akronym von Body Integrity Identiy Disorder. Wer an BIID leidet, will zum Bespiel sein Bein amputiert haben, denn sein Hirn will das Bein nicht anerkennen. Er denkt an nichts mehr anderes als an Amputation. Aber die Ärzte weigern sich, das Bein ist ja gesund. Also klappt er in der Freizeit das Bein hoch, bindet es an den Oberschenkel, geht mit einer Krücke spazieren und ist dann einigermaßen glücklich. Auf dem Forum der Website tauschen sich die »BIIDler« aus, über den Leidensdruck, die Scham, über die Höhe der Amputationsstelle, über das Glück, einen Stumpf anzufassen … Weltweit soll es mehrere Tausend Betroffene geben – meistens Männer – , die einen Körperteil weg haben wollen, meistens das linke Bein. Fassungslos schaue ich beim Tippen auf meine Finger. Ich möchte zum Glück keinen loshaben.

»Ihalootepuloovl!«, singt ein kleines Mädchen und tanzt an der Kasse des Autobahn-Cafés vorbei. Tanzt um die Tische. Freude, kleiner Götterfunken, Tochter aus Elysium (Schiller, bisschen umgetextet). »Ihalootepuloovl!« Ich habe einen roten Pullover, heißt das, und wer es nicht versteht, kann es sehen: Der kleine Götterfunken trägt einen roten Pullover. »Ihalootepuloovl!« Dass man sich so über einen roten Pullover freuen kann. Sogar deswegen tanzen muss! Das steckt an. Auf der Weiterfahrt im Auto fangen wir an zu singen: »Ihalootepuloovl!«

Finde einen Fetzen Zeitung, am 18. Juli 2014 herausgerissen und zur Seite gelegt. Da schreibt Hans Huber einen Leserbrief: Wie wäre es, wenn man die Flüchtlinge proportional zum Anteil der gelieferten Waffen, die in den kriegerischen Konflikten eingesetzt werden, auf die entsprechenden Staaten verteilen würde? Das leuchtet ein! Leider lässt es sich nicht so leicht umsetzen. So liefern zum Beispiel Schweizer Rüstungsfirmen laut Kriegsmaterialverordnung keine Waffen in Konfliktgebiete. Die 2011 in Libyen aufgetauchte Schweizer Munition war offiziell an Katar geliefert worden, die 2012 in Syrien entdeckten Schweizer Handgranaten waren für die Vereinigten Arabischen Emirate bestimmt. Waffen machen Umwege. Die Kriegsparteien erhalten und ergaunern sie von irgendwo und irgendwem. Zwei Jahre nach Hubers Leserbrief ist das Kriegselend entsetzlicher denn je. Und der Schweizer Rüstungskonzern Ruag baut gerade eben in den Emiraten eine Tochterfirma auf. Begründung: »Militärischer Wachstumsmarkt.«

Heute Morgen ist der Nebel bis auf den Waldboden gesunken. Die Baumkronen waren umhüllt, die Stämme verschleiert, sie waren zu erahnen, Herden von Giraffengeistern. Der Nebel war so dicht, dass ich meinte, beim Vorwärtsgehen sein Gewicht zu spüren, zum Glück war der Weg noch sichtbar, ich konnte meine Füße an frischen Pferdeäpfeln vorbeisteuern, die dampften noch, was für ein Grau-in-Grau-Gemälde. Es war genau die Stimmung, in der man die Erscheinung eines Einhorns oder eines weißen Hirschs erwarten könnte, und da brach auch tatsächlich etwas aus dem Gebüsch, gelbschwarz, groß, eine Riesenhummel, die vor dem Winter noch kein passendes Erdloch gefunden hat, ein Jogger war’s. Ganz kurz wurde ich von seinem unfrohen Blick gestreift.

Les sanglots longs des violons de l’automne … Das schöne Verlaine-Gedicht habe ich mir als Schülerin ins Hirn geschrieben, ich kann es noch immer. …blessent mon coeur d’une langueur monotone … Hip Dent, ruft das Hirn dazwischen. Tout suffocant et blême, quand sonne l’heure … Hip Dent! Hip Dent! ruft das Hirn wieder. Was soll das? Ich schaue im Internet nach und erfahre: Hip Dent ist eine feine Einbuchtung zwischen dem Ende des Oberschenkelknochens und der Hüfte, und Models mit Hip Dent sind zur Zeit besonders begehrt. Richtig, das habe ich vor Kurzem in einer Zeitung gelesen und, so scheint es, im Hirn direkt neben Verlaine gespeichert. …je me souviens des jours anciens et je pleure ... Hip Dent. Et je m’en vais au vent mauvais qui m’emporte deça, delà, pareil à la feuille morte. Hip Dent. Hip Dent. Hüft-Delle. Hip Dent. Bitte, liebes Hirn, könntest du vielleicht das Gedicht stehen lassen und Hip Dent löschen? So sorry, Mister Verlaine.

Heute ist der Dreizehnte. Wem die Dreizehn Angst macht, ist ein Triskaidekaphobiker, hat jeden Monat einmal Bauchschmerzen wie die Frau vorm Eisprung. Die Gemeinde Benken SG wollte auch dieses Jahr einen Wirtschaftspreis für lokale Unternehmer verleihen, aber der Preisträger lehnte ab – es wäre die 13. Ausgabe des Preises gewesen. Es ist furchtbar, woran der Mensch leiden kann, will oder muss, die Zahl der Phobien ist unbegrenzt. Der erste hat Panik bei der Dreizehn, der zweite kann keine Triskaidekaphobiker aushalten, der dritte hat Angst vor Phobien, dem vierten reicht ein Spinnchen … und so weiter … und der Dreizehnte hat Angst vor sich selbst. Der Allmächtige hat bei der Erschaffung der Welt zu jedem erdenklichen Ding noch einen phobischen Schatten geschaffen. Es ging grad in einem.

Ich muss einen steinigen steilen Hang runterklettern, schwierig, aber da seh ich gelbe Geländer im Fels, kann mich festhalten und schaff es nach unten, so wie der vor mir, mein Ehemann? Jetzt sind wir die Bekannte los, die wir loshaben wollten. Nein, sie ruft von oben: Wartet, ich komme auch. Ein blöder Traum mehr, denk ich, als ich erwache. Und zum ersten Mal fällt mir ein: Bestimmt komme ich auch vor in den Träumen anderer. Die klettern mir an gelben Geländern davon, und weiß der Teufel, in was für abstruse Geschichten sie mich im Traum verwickeln. Ich bin darin eine Figur, die man ungefragt verwenden kann. Eigentlich ein recht unangenehmer Gedanke. 

Schadenfreude ist eine tiefgehende Freude. Schade, dass man sie nicht zeigen darf. Es ist eine unkorrekte Freude, vielleicht wollen sie die Englischsprechenden deshalb nicht in ihrem Wortschatz: Im Cambridge Advanced Learner‘s Dictionary wird Schadenfreude mit »Schadenfreude« übersetzt. Muss man deutsch denken, um sich so richtig hässlich zu freuen? Auch »Weltschmerz« und »Wanderlust« haben es ins Englische geschafft. Auch »Doppelgänger« und »Poltergeist«. Bei solchen Transaktionen könnte man fast denken, es gebe typisch deutsch Gedachtes und typisch deutsch Gefühltes. Das wäre aber ein Trugschluss – und der heißt auf Englisch anders.

Ich habe mich zu früh gefreut (10. Oktober 2016). Breaking News aus den USA: Es gibt keine demokratische Präsidentin! Der republikanische Horrorclown hat gewonnen! Was für ein Hohn. Was für ein Sturz aus der Zuversicht. Good old Hoffnung wurde der Schädel gespalten. Das macht traurig, und Angst macht es auch. Was wird der unberechenbare Trumpator mit seinem Land anstellen? Und was mit dem Rest der Welt, also mit uns? Dieser schwarze neunte November hat bereits ein Kürzel: Eleven/Nine – in Anlehnung an die Tragödie von Nine/Eleven. 

Ein altes Büchlein ist mir in die Hände geraten – Max Bolliger, Gedichte, 1953. Ich muss etwa fünfzehn Jahre alt gewesen sein, als ich meiner Mutter aus dem Büchlein das Inhaltsverzeichnis vorlas und so tat, als sei es ein Gedicht. Sie hörte andächtig zu, stutzte ein wenig. Als ich laut herauslachte, lachte sie erleichtert mit. Ach Mutter, ich würd’s dir gern noch mal vorlesen:

Hände

Einer traurigen Frau

Auch das ist gut

März

Ganz ohne Schwere

Kleiner Vogel

Meiner Mutter träumte

Du gehst vorbei

Wie von weit

Vorherbst

Auf dem Hügel

Zu einer Bienenwachskerze

Freude

Der Schriftsteller Julian Barnes (mag ihn sehr!) spricht in einem Zeitungsinterview vom Unbehagen bei Lesungen. Er zitiert Philip Larkin (viel gewürdigter englischer Poet, hab‘s gegoogelt!), der Lesungen nicht mochte und sagte: »I don’t want to go around pretending to be me.« Wie schön ist das umschrieben, dieses unangenehme Gefühl, ich müsse mich so darstellen, wie die anderen mich zu sehen glauben. So zu tun, als sei ich ich. Vielen Dank, Mister Larkin, Ihre Bemerkung tut wohl. Hilft mir auch durch lästige philosophische Gespräche über das Finden des Ichs. Ich hab’s nämlich gar nie gesucht.

Wir stürzten immer tiefer in die Kauforgie, der Einkaufswagen war schon randvoll, Stockfisch, Feigen, Socken, Oliven, Teller, Käse, Pullover, Birnen, Besen, Mandeltorte, alles durcheinander. Der Gigasupermercato gleich jenseits der Grenze war neu für uns, und da wir doch schon mal hier waren, wo es alles gab, was Herz, Gaumen und Augen begehrten, griffen wir zu, schon fast berauscht. Aktion, Aktion! Vor dem Joghurt-Regal war ich aufs Mal stocknüchtern. Zwei Stück hätte ich kaufen wollen, jedoch war das Regal gewiss acht Meter lang und sechs Tablare hoch und präsentierte eine schon fast obszöne Masse von Joghurtsorten, Joghurtgrößen, Joghurttypen. Zu viel des ach so Guten. Ich verließ den Tempel des Heiligen Aktionius, holte draußen tief Luft und stellte befriedigt fest, dass ich diese nicht kaufen musste.

Beim Kastaniensuchen im Tessin kam mir ein Mann entgegen und verschwand abrupt seitwärts zwischen den Bäumen, so als wollte er nicht gesehen werden. Es regnete, ich kletterte den Pfad hoch und bückte mich mal da, mal dort nach einer extra großen Frucht. Besonders ergiebig war ein mächtiger Baum am Waldrand, hier hatte noch niemand gesammelt, alle Läden des Ferienhauses dahinter waren verschlossen, keiner da. Doch, da war wieder dieser Mann, er kehrte hastig um, als er mich sah, so als hätte er etwas vergessen Vielleicht ein Flüchtling, dachte ich, ist über die nahe Grenze gekommen und hat in dem Haus einen heimlichen Unterschlupf gefunden. Vielleicht saß eine ganze Gruppe dort drin, rauchte und fror und öffnete Konservendosen. Wenn es so wäre, ich würde sie nicht verraten, dachte ich. Der Mann hatte eher dunkel ausgesehen, wie etwa ein Pakistaner. Oder wie ein Tessiner, so fiel mir plötzlich ein. Alte Eselin, dachte ich, packte Sack und Hirngespinste und machte mich auf den Heimweg.

Nächsten Monat ist Präsidentschaftswahl in den USA. Kandidat Trump ist derart unmöglich, dass wohl Kandidatin Clinton gewinnt. Und damit ist dann der mächtigste Mensch der Welt eine Frau. Seit Tausenden von Jahren waren Männer an der Macht, sagten, was Frauen durften, sei’s im Staat, sei’s in der Religion, in nomine Domini. Die Frau war ja lediglich ein Geschöpf aus Adams Rippe. Oder wie Schopenhauer schrieb: » …eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist.« Oder wie Aristoteles sagte: » Das Weibchen ist ein verkrüppeltes Männchen.« Und jetzt – so sieht’s aus – wird so eine Art Mittelstufe bzw. ein verkrüppeltes Männchen demnächst Chefin der Vereinigten Staaten und Tonangeberin der Welt! Herrgott, was sagst du dazu?

Das Hirn meines Gegenübers mit nichts als meiner Denkkraft manipulieren – das geht nicht. Ich hoffe, dass es nie gehen wird. Denn würde es gehen, könnte mein Gegenüber dasselbe mit mir tun, was für eine Horrorvorstellung. Im Swiss Cybathlon Race der ETH Zürich steuerten gestern halsabwärts komplett gelähmte Menschen kleine Figürchen – Avatare – durch ein Computerspiel. Sie ließen sie springen, tanzen, rutschen, mit Hilfe ihrer Gedanken und einer Gehirn-Computer-Schnittstelle, die ihre Gedanken las. Es war so großartig wie unheimlich. Die Technologie wird weiterentwickelt werden. Irgendwann wird man mit Gedankensteuerung Roboter aktivieren können. Es ist mir irgendwie recht, dass ich das nicht mehr erleben werde.

In Deutschland hat jedes fünfte Kind zwischen drei und sieben Jahren eine psychische Störung. Sagt das Robert-Koch-Institut in Berlin. Was soll ich daraus schließen? Ich entscheide mich mal dafür: In Deutschland sind vier von fünf Kindern zwischen drei und sieben Jahren langweilig, fad, durchschnittlich, angepasst, einfallsarm, farblos, uninteressant, mittelmäßig. Armes Deutschland, sage ich da. Oder soll ich besser dem Robert-Koch-Institut nicht so ganz trauen? Übrigens: Die Zahl verordneter Tagesdosen von Ritalin und ähnlichen Medikamenten soll innerhalb eines Jahrzehnts von 8 auf 55 Millionen gestiegen sein. Wenn das nicht jedem fünften Kind hilft, dann bestimmt jedem fünften Pharmaunternehmen

»Garstonom« steht in der Zeitung. Nur ein Druckfehler. Aber der Gastronom wird sich ärgern. Und mich bringt’s zum Lachen. Ich schäm mich auch ein bisschen. Spätschämen könnte man es nennen: Die Nachbarin damals in den Siebzigern, eine Ostdeutsche mit unschönen Erinnerungen und unschönen Zähnen, schwärmte davon, einmal nach Paris zu reisen. Fast sehnsüchtig sagte sie: »Ich würde so gern mal in einem Birsto sitzen.« Sie konnte nicht französisch, die Nachbarin, und sie konnte auch nicht nach Paris, sie starb kurze Zeit später. Ich hab sie damals heimlich ausgelacht, nur wegen eines einzigen falsch platzierten Buchstabens. Und ich hab sie nicht vergessen, nur wegen eines einzigen falsch platzierten Buchstabens.

Das Haus ist alt, die Wasserleitungen sind alt, und wir sind alt. Als das Wasser laut wie der Rheinfall aus dem Rohr in den Keller rauschte, waren wir hilflos. Was bislang auf dem Boden gestanden hatte, begann im Wasser zu schaukeln, Schuhe, Körbe, Kleinkram. Wir stopften, rannten, retteten. Es schien, als sprudle das Wasser des ganzen Quartiers aus unserer Röhre. Fast zielgerichtet floss es in den Nebenraum, zur Kellerbibliothek mit gesammelter Belletristik aus fünfzig Jahren. Das war’s dann, ihr Dichter und Dichterinnen, jetzt werdet ihr verschimmeln, dachte ich und beschloss, dem Weinen nachzugeben, tat’s dann doch nicht, war ja schon nass genug, triefnass. »Die Feuerwehr kommt ab fünf Zentimeter Wasserhöhe«, sagte der rettende Mann von der städtischen Wasserversorgung. Wir hatten nur drei Zentimeter.

»Hör endlich auf«, sagt die Katz, »so ungemütlich zu tun.« Vier Bücher knallen vor ihr auf den Boden, sie springt auf und setzt sich gleich wieder. »Was machst du da eigentlich«, sagt sie, »auf jeden Fall machst du Staub. Und warum stehst du auf der Leiter und stöhnst?« Ich sage ihr, dass ich Bücher entsorge. »Die Psychologie-Bücher und die Gedichtbände, verstehst du, Katz?« Nein, tut sie nicht. Sie sagt, sie wisse nicht, warum wir Gedichte überhaupt erst in diese Dinger da rein schreiben und dann zum Lesen wieder hervorholen. »Wir dichten direkt in die Luft«, sagt die Katz. »Das ist viel effektiver.« Sie hat wohl recht. »Bitte, dichte was, Katz!« Sie überlegt und kratzt dann mit der Pfote etwas hinterm Ohr hervor: »Alte Freundin steht auf Leiter und weiß ganz und gar nicht weiter.« Das sei schön, sage ich, besonders die »Freundin«. Und besonders die Zeilenfall- und Interpunkionsangaben mit der Schwanzspitze. »Also«, sagt die Katz, »kommst du jetzt endlich ins Bett?«

Ich fuhr mit dem Auto um die Kurve, da riss oder platzte etwas in seinen Innereien, »puff«, kaum hörbar, aber es war das Ende. Mit dem vorhandenen Schwung konnte ich noch bis zum Straßenrand steuern, stellte das Pannendreieck auf, rief den Pannendienst an. Ich öffnete die Motorhaube, glänzend lag der Motor vor mir, kam mir vor wie ein großes Gedärme in einem stillen Leib. Ein paarmal noch drehte ich den Schlüssel, doch es ertönte nur endlos Gewinsel, kam mir vor wie sich verflachende Linien auf dem Monitor kurz vor Herzstillstand. Der Pannenhelfer fuhr vor, lud das Auto auf seinen Abschlepper, kam mir vor wie Sarg und Leichenwagen. Zwölf Jahre war ich mit dem Auto rumgefahren, aber erst jetzt fühlte ich so was wie eine sentimentale Verbindung. Nichts mehr zu machen, sagte der Garagist am Telefon. Zahnriemen gerissen. Ich wusste nicht mal, dass mein Auto einen Zahnriemen gehabt hatte. »Schade«, sagte der Garagist. »Mein Beileid« sagte er nicht.

Ein Jugendbuch von 1937, grüner Leinenumschlag, auf der ersten Seite der Name meiner Schwester, Schönschrift, Tinte, Hilfslinien mit Bleistift. Auf der letzten Seite ein Eintrag meiner Tochter, gut dreißig Jahre später. »Empfehlbar« Sie hat als Kind eine Zeitlang Bibliothekarin gespielt und unsere Bücher entsprechend beschriftet. War wohl nicht sonderlich begeistert von dem grünen Buch. Es heißt »Pedronis muss geholfen werden«. Ich kann mich an die Geschichte erinnern, sie war einigermaßen aufregend, traurig und von deutlicher Moral. Geschrieben hat sie Oskar Seidlin, geboren als Oskar Koplowitz in Oberschlesien, 1933 in die Schweiz und später nach USA emigriert, Literaturwissenschaftler. Er lebt nicht mehr, und sein grünes Jugendbuch ist vergessen. Zwar habe ich es kürzlich meiner Schwester überreicht, und sie sagte überrascht: »Oh, da schau ich gern wieder mal rein.« Nach ihrem Reinschauen wird das Leben des Buchs dann wohl definitiv zu Ende sein. Ja, auch Bücher sterben.

Die Tollkirschen sind reif. Schwarz, glänzend. Direkt am Waldwegrand. Man braucht nur die Hand auszustrecken, um sie zu pflücken. Ich frage mich, warum der Förster sie da stehen lässt. Sonst lässt er doch vernichten, was ihm nicht ins Konzept passt, zum Beispiel böse Neophyten wie das Drüsige Springkraut und den Japanischen Knöterich. Zehn bis zwölf Tollkirschen braucht’s, um einen Erwachsenen umzulegen, für Kinder reicht die Hälfte. Wär gut möglich, dass mal ein paar Kinder auf die schöne Atropa Belladonna aufmerksam werden … Leicht süßlich sollen sie schmecken, die tödlichen Beeren. Ob der der Förster, der freundliche Mann, gar was Mörderisches im Sinn hat? Nein, der Förster wohl nicht. Der Mörder ist immer der Gärtner.

Kein sonderlich schöner Bau, das Hotel Waldhaus in Sils Maria. Seit 1908 thront es auf seinem Hügel mit Zinnen, Türmchen, Erkern. Fast würde man es naserümpfend links liegen lassen, wüsste man nicht, welche Geistesgrößen da mal abgestiegen sind, um auf Nietzsches jahrzehntealten Spuren zu wandeln: Mann, Hesse, Einstein, Jung, Adorno, Benn, Kästner … Also nichts wie rein in die vornehme Höhle, wo Kultur fast von den Wänden trieft. Diskret spielen Musiker zum Afternoon Tea auf, lautlos bringen Kellner Kännchen und Kelche, gedämpft wabern Gespräche über die Tische, sanft schimmert Waldesgrün durch die hohen Fenster. Und dann steht dort draußen plötzlich ein Reh, rupft Gras, schaut nicht mal rein. Wir und die ganze gebildete, feinsinnig plaudernde Horde sind ihm egal. So ein Reh taucht auch auf in Kästners Gedicht »Vornehme Leute«: Sie haben ihren Smoking an / Im Walde klirrt der Frost. / Ein kleines Reh hüpft durch den Tann. / Sie haben ihren Smoking an / und lauern auf die Post.

Der Regionalzug hielt, ich sah nicht, wie die Station hieß. Nur wenige Leute stiegen aus und ein. Im vorderen Teil des Waggons weinte jemand herzzerbrechend. Eine Frau. Schluchzte, wimmerte, schrie. So schmerzerfüllt, als hätte man ihr für immer ihr Kind von der Brust gerissen. Auf dem Sitz hinter mir sagte eine Männerstimme trocken: »Da weint jemand.« Das Weinen war furchtbar. Tut man da was oder tut man nichts, fragte ich mich. Mir gegenüber saß eine junge Muslimin mit Kopftuch. Sie stand kurz entschlossen auf und begab sich Richtung Elend. Als sie wieder kam, fragte ich, ob man helfen könne. Sie schüttelte den Kopf. Die weinende Frau schluchze ins Handy, deutete sie an. »Problem anderes ist«, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Sie hatte getan, was ich hätte tun sollen. Ich hätte ihr etwas Anerkennendes sagen müssen. Aber nicht mal das tat ich. Das wilde Schluchzen dauerte noch an bis zur nächsten Station. Die hieß Wiesendangen.

Heute früh war ich schwimmen. Die ersten paar Meter See lagen noch im Schatten, ich schwamm mit selbstverordneter Vorfreude möglichst rasch durchs Kühle hinaus in die Sonne, und dort genoss ich Zug um Zug die wunderbar glitzernde Fläche. So geht’s mir manchmal mit Büchern: Ich mühe mich ab mit ersten Kapiteln und plötzlich bin ich mitten in einer faszinierenden Weite und in einem wunderbaren Licht und kann nicht genug davon bekommen. Weg ist das anfängliche Frösteln, nur noch Lust ist da –und Spannung, weil man so viel Tiefe unter sich weiß. Es kommt auch vor, dass ich das Buch schon nach ein paar Seiten entschlossen zuklappe, weil es für mich zu kalt ist. Dann spritzt immer ein bisschen Beschämung auf.

Seit gestern Mittag ist mir endgültig klar, dass ich alt bin. Ich hatte für die Enkel aufwendig gekocht, Bohnen aus dem Garten, Nudeln Bolognese, zum Dessert ein süßer Auflauf. Das Essen fand Anklang, der Schulfreund eines Enkels saß mit am Tisch, und es wurde eifrig geredet. Nicht über Surfbords, You-Tubes, Burgers. Nicht über Smartphones, Sneakers, Open-Airs. Über Max Frisch und Homo Faber! Über Faber in Mexiko! Faber auf dem Schiff! Faber im Griechenland! Über Sabeths rötlichen Rosschwanz und den Kamm in der hinteren Tasche ihrer Hose! Über griechische Tragödien und den Ödipus-Komplex! Sie sind mir davongewachsen, dachte ich fassungslos. Ich kam mir ein bisschen verlassen vor, so wie wenn der Bus statt zu halten an einem vorbeifährt. Die kostbaren eigenen Bohnen hab ich dann doch noch gegessen.

Niemand geht in dieses Dorf oben am Berg. Vielleicht mal ein paar Ziegen oder ein Bauer, der einen Platz für seinen Bienenkasten sucht. Das Dorf ist kaputt, seit einem Felssturz im letzten Jahrhundert verlassen. Der Weg hinauf ist steil und versteckt. Ich hab ihn im Sommer 07 per Zufall gefunden und acht Jahre später erneut gesucht. Zu schön ist es zwischen den Ruinen: Man sieht noch Ein- und Durchgänge, Rundbögen, ein paar hellblaue Farbreste an den Wänden, einen Brunnen mit Kuppel, schräge Grabsteine. Die Bäume sind alte Riesen. Feige, Granatapfel, Maulbeere, Nuss, Olive. Nur Holz und Steine liegen auf den Pfaden, kein Fitzelchen Plastik. Tief unten schimmert die Ägäis, ein abgestürzter Himmel. Was sich bewegt: sehr sacht ein Wind, kaum merklich eine Schildkröte, und möglicherweise die Zeit. Wenn letztere nichts dagegen hat, ginge ich gerne wieder mal hin.

Die Zahnlose Schließmundschnecke habe ich noch nie gesehen. Wenn ich sie mir vorstelle, denke ich an Gesichter im Speisesaal eines Altersheims. Ist nicht nett, ich weiß. Wer gibt den Lebewesen eigentlich ihre Namen? Egal. Hauptsache, die vom Aussterben bedrohte Zahnlose Schließmundschnecke überlebt. Sie hat jetzt eine Chance. Man hat nämlich im Wildpark Langenberg auf gefällten Kastanienbäumen ein paar Exemplare entdeckt und diese zur Wiederansiedelung an einen neuen Ort gebracht: auf Bergahorn und Eschen rund um die Ruine Schnabelburg im Sihlwald bei Hausen am Albis. Ich habe das nicht erfunden, es stand in der Zeitung, und ich finde es wunderbar, dass da neben Massakern in Syrien und Hinrichtungen in Saudi-Arabien auch so etwas steht. Hier noch mal die Adresse der Wiederangesiedelten: Zahnlose Schließmundschnecke, Ruine Schnabelburg, Hausen am Albis.

José hat einen Blumen- und Gemüsegartengarten angelegt. Wo vorher struppiges Gras wuchs, blüht und reift nun allerlei, wenn auch erst spärlich: Gladiolen und Sommerflor, Tomaten, Zucchini. Am Ende des Gartens hat er – wie der Fürst im Schlosspark – einen Blickfang errichtet. Er hat drei Autoreifen rotweiß im Backstein-Look bemalt, diese aufeinandergeschichtet, darauf wie über einem Sodbrunnen ein rundes Spitzdach im Ziegel-Look montiert. Was ist das, fragen wir, und das war falsch. Merkt ihr denn nicht, scheint José beleidigt zu sagen, dass das ganz einfach schön ist? Er sagt nichts. Und erst nach einer Pause meint er: Ich will da mal ein paar Kräuter reinstellen. Das mit den Kräutern ist gelogen, das haben wir jetzt begriffen. Auch dass Schönheit etwas absolut Relatives ist. Aber davon mal abgesehen: Was ist denn Schönheit überhaupt?

Sieben Tage war ich an der Küste von Norfolk, in Cromer. Wenn ich an diese Woche zurück denke, müsste mir eigentlich zuerst der altmodische Pier einfallen. Oder die Wanderung über die Klippen mit Blick auf die graue See. Oder die Verwunderung über so viele so dicke Leute, die essen und essen. Oder der Aufseher im kühlen Lifeboat-Museum, dem Schweiß übers Gesicht läuft wie Regen übers Eisenbahnfenster. Oder mein Enkel in Amys Sweet Shop, der kurz überwältigt ist von den Gläsern voller Candies. Oder die Enttäuschung, dass die Wellen nur schwappen und nie aufregend werden. Aber das kommt alles an zweiter Stelle. An erster Stelle ist der weinende rotgesichtige Mann im Polstersessel, den ich durchs Schaufester der Cromer & District Indipendent Funeral Services sehe. Er hat ein Begräbnis zu besprechen, neun Uhr morgens, sonniger Tag.

Im Tessin haben wir mal einen Kumquat gesetzt. Das Bäumchen mochte seinen Platz und gedieh. Aber statt der orangen, herrlich bittersüßen Früchtchen reiften ungenießbare Zitronen heran, die bestanden fast nur aus Kernen und einer dicken pelzigen Schale. Zudem waren die Äste voller gefährlich spitzer großer Dornen. Wehe, wenn die den spielenden Kindern ins Auge gingen. Als wir beim Gärtner reklamierten, meinte er, da habe sich die Veredelungsgrundlage, eine Wildzitrone, gegenüber dem aufgepfropften Kumquat durchgesetzt. Er gab uns ein neues Bäumchen. Es gedieh, es blühte, und wieder bescherte es uns nur ungeliebte Wildzitronen und bitterböse Dornen. Jetzt aber wussten wir Bescheid und schnitten alle neuen Triebe weg. Übrig blieb ein kümmerliches, ab jetzt streng beobachtetes Kumquat-Stämmchen. Das soll uns nun endlich die gewünschten Früchte liefern. Das Wilde ist halt oftmals stärker als das Aufgepfropfte. Aber ich will hier nicht pädagogisch werden, nein, keinesfalls …

Frühmorgens liege ich im Bett, die Türe öffnet sich einen Spalt, der Enkel steckt den Kopf rein. »Was machst du? Denken?«, sagt er. »Ja«, sag ich. »Willst du auch?« Er legt sich neben mich und dann denken wir angestrengt nebeneinander her. Nach etwa fünf Minuten ist er fertig, federt mit einem vollendeten Luftsprung vom Bett und verschwindet. Ich bleibe liegen und statt selber zu denken, lasse ich denken, das ist gut eingespielt. Die alten Denk-Lakaien kommen umgehend und bringen Tabletts voller Gedanken, wickeln sie aus oder packen sie ein oder stapeln sie aufeinander oder werfen sie aus dem Fenster oder verknüpfen sie zu neuen Mustern oder zerkrümeln sie und streuen sie mir übers Haupt. Ich brauche gar nichts zu tun. Schön ist das, es denkt einfach. Bis irgendwo im Haus Wasser rauscht und ich wieder selber denken muss: O je, wir haben die Spülung noch nicht geflickt, und den Briefkastenschlüssel müssen wir auch noch suchen.

Ich möchte gern den 12. Juli zum Tag der unscharfen Schere ausrufen. Den gibt es nämlich noch nicht. Ist der 12. Juli noch frei? Bis anhin ist er lediglich der Nationalfeiertag von Kiribati. Wo ist das überhaupt? Gibt es dort Scheren? Falls ja, müssten die Kiribaten dann den 12.Juli doppelt feiern. Aber das geht. So haben die Deutschen am 21. Juni gleichzeitig Tag des Schlafes und Tag des Sonnenschutzes. Wahrscheinlich feiern sie den Tag des Schlafes nachts, und tags nur den Tag des Sonnenschutzes und den auch nur bei warmer Witterung. So gewinnen sie Feierzeit. Ich weiß nicht, ob die Kiribaten so tüchtig sind wie die Deutschen. Ob sie zum Beispiel imstande sind, zum Nationalfeiertag eine neue Flagge zu kreieren: unscharfe Schere auf blauem Grund. Ich trau es ihnen einfach mal zu und erkläre hiermit den 12. Juli zum Tag der unscharfen Schere, weltweit.

Intelligenz kann man messen. Dummheit wohl nicht. Dummheit ist nicht das Gegenteil von Intelligenz, ist nicht einfach Intelligenz unter null. Tiefintelligente sind nicht automatisch dumm. Tiefintelligente können überraschend listig und lustig sein. Aber Dumme, die sind eine Kategorie für sich. Ja, das ging mir heute Morgen durch den Kopf, als ich im Wald dieses Säcklein sah. Dieses faustgroße, ordentlich zugebundene Plastiksäcklein am Wegesrand. Plötzlich war ich überzeugt: Auch Dummheit kann man messen. Eine Skala muss her! Darauf sind zuunterst die leicht Dümmlichen und zuoberst die absolut unfassbar stock- und strohdummen Volltrottel. So einer muss kurz vor mir durch den Wald gewandert sein, einer mit Hund. Der Hund hat brav seine Kacke gekotet, der Trottel hat sie ins Säcklein geknotet. Und da liegt es nun am Wegesrand, wird nicht verrotten, wird bleiben für immer. Derweil wiegt sich der Trottel im Behagen, er sei ein ordentlicher Mensch.

Heute stand ich im Garten und hörte einen Summton. Fein und hoch und stetig. Aus dem Haus kam er nicht. Auch nicht aus der Ferne. Aus mir vielleicht, rauschte etwa mein Blut? Ich tat ein paar Schritte, da wurde er leiser. Ich hörte auf zu atmen, der Summton blieb, als sei er der Summton der Welt. Es war ein stiller, schöner Tag, ein Himmel ohne Jet. Nichts bewegte sich außer zwei Pünktchen in Richtung große Linde. Ihnen ging ich nach, stellte mich unter den Baum und lauschte. Hier war der Summton voll aufgedreht, und jetzt wusste ich auch, woher er kam – von den Bienen an den Lindenblüten. Sie waren in der dichten Krone kaum zu sehen. Ich habe mal bedauert, dass unsere Lindenblüten nicht duften. Und finde jetzt: sie zu hören ist noch viel wundersamer als sie zu riechen. Auch wenn die Bienen längst weg sind, wird mir dieser Summton des Lebens bleiben. 

Der Hochzeitsflug der Ameisen ist vorbei. Während rund zwei Wochen hing jeden Morgen ein neuer Schwarm geflügelter Bräutigame wie ein Stück grauer Schleier innen an der Fensterscheibe. Es gelang mir nicht herauszufinden, durch welche Ritze er ins Haus kam. Eigentlich sah er ganz schön aus, erinnerte an die Massenhochzeit der Moon-Sekte in Korea. Ich versuchte mir einzureden, der Schwarm störe mich nicht. Aber als die Hochzeiter vereinzelt auch in die PC-Tastatur kletterten und in meine Kaffeetasse taumelten, holte ich den Staubsauger. Ich saugte jeden Tag, ich leerte den Beutel im Garten aus und sah, dass da immer noch Leben war. Noch bewegten sich ein paar staubschwere Flügelchen. Bei Elias Canetti habe ich irgendwo gelesen, in unserem Verhältnis zum Tier seien wir alle Nazis. Wahrscheinlich hat er eher an die Schlachtung von sogenannten Nutztieren gedacht als an das Killen von Ameisen. Ich möchte kein Nazi sein. Ich möchte nicht, dass der Ameisengott mich straft. Ich möchte einfach keine Ameisen in der Tastatur. Es sei denn, sie würden für mich schreiben.

Jetzt müsste ich mir eigentlich ein Glas einschenken und auf mich anstoßen wollen. Denn ich habe »Ende« unter meinen neuen Roman geschrieben. Aber die Freude fehlt. Jetzt könnte ich eigentlich die sauber ausgedruckten Seiten durchlesen und mich mit Elan ans Ausfeilen und Überarbeiten machen. Aber der Schwung fehlt. Und der Mut. Ich getrau mich nicht, von neuem hineinzugehen in meine Geschichte. Der dicke Stoß von Blättern liegt auf meinem Tisch, kommt mir vor, wie ein von irgendwem zugeschicktes Ding, das ich nicht zurückschicken darf. Seit Tagen regnet es, kein Gartenwetter – Schreibtischwetter wär’s. Ich habe eine Geschichte geschrieben, und jetzt macht sie mir Angst. Selber schuld.

Gestern in der Stadt hab ich es wieder mal gemerkt: Ich leide an der Gewohnheit zu verachten. Nein, ich leide nicht darunter, ich hab sie einfach, diese Gewohnheit, ich pflege sie gar. Aber sicher ist sie schlecht, und ich müsste sie loswerden. Gestern: Aufgebrezelte Dame mit zu fetten Schenkeln in hautenger Hose - Verachtung. Gestern: Volltätowierter Arm eines lauten Mannes am Handy - Verachtung. Gestern: Mutter, die ihrem Kind mit wichtiger Stimme Vollmond/Neumond falsch erklärt - Verachtung. Warum kommt bei mir statt Verachtung nicht das erhabene Gefühl hoch »Ach, wie reizvoll sind die vielen Facetten des Menschen«? Herr Pfarrer, wie ist das bei Ihnen? Haben Sie die Verachtung aus Ihrem Repertoire erfolgreich eliminiert? Mir gelingt es nicht, aber ich tröste mich damit, dass ich selber Objekt der Verachtung bin, die Alte mit den unpassenden Turnschuhen, der wirren Frisur und dem penetrant neugierigen Blick.

Ich frage mich, was Majed jetzt macht. Der Knabe Majed, 13, wohnhaft in Aleppo. Der mit den kleinen Zwillingsbrüdern. Er war an der Arbeit in einer Schneiderei, als die Bomben fielen und sein Zuhause zerstörten. Er fand seine Mutter im Krankenhaus, sie war tot. »Ich erkannte sie an der Halskette«, sagte er. Mutter war in Stücke gerissen. Auch die Zwillingsbrüder waren tot. Majed klammerte sich an die Plane, unter der einer der toten kleinen Brüder lag, und schrie seinen Schmerz hinaus. Ein Fotograf hat die Verzweiflung in Majeds Gesicht festgefroren und das Bild um die Welt geschickt. Man getraut sich kaum hinzuschauen, so also sieht abgrundtiefer Schmerz aus. Seitdem sind knapp zwei Monate vergangen. Vielleicht ist Majeds Schwester unter den Trümmern noch gefunden worden. Immer noch fallen die Bomben. Von Majed liest man nichts mehr.

Wenn ich das Kalb von Bauer Strittmatter überfahre, sagt er mir genau, was es wert war: Aufzuchtskosten plus Schlachtpreis. Er wird nicht verrechnen, dass er dem Kalb nicht mehr den Kopf kraulen kann. Wenn ich einen Menschen überfahre, wie wird dann sein Wert berechnet? Zählt das Alter, die Ausbildung, das Einkommen, die Nationalität, die Anzahl der Trauernden oder die Summe des Verkaufswerts aller nutzbaren Organe? Wie wertet man seine Freundlichkeit? Im alten Rom kostete ein Sklave um Einhundert nach Christus umgerechnet etwa 50‘000 Euro. Heute kann man auf dem Schwarzmarkt Kinder kaufen. Ich habe von einem Pakistanerchen gelesen, das 800 Euro gekostet hat. Eigentlich wüssten oder wissen es alle: Der Mensch ist zum Glück unbezahlbar. Sein Wert lässt sich nicht beziffern. Schön ist der Satz des Befreiungstheologen Ernesto Cardenal über menschlichen Besitz: »Der Wert eines Menschen sollte nicht mehr danach gemessen werden, was er anderen wegnimmt, sondern danach, was er anderen gibt.«

Weiß schon, Roboter sollten mich interessieren, von wegen Zukunft der Enkel und Veränderung der Gesellschaft und von wegen philosophischer Unterscheidung zwischen Leben und Existenz. Trotzdem erlaube ich mir jeweils das Überblättern entsprechender Zeitungsmeldungen. Aber heute hat’s mich gepackt: ein Weedmobil wird gebaut! Es ist 600 Kilogramm schwer, navigiert von alleine übers Feld und soll mit Hightech statt Chemie Unkraut zerstören: Sensoren scannen die Blattflächen der guten und bösen Pflanzen, Algorithmen erkennen, was weg muss, geben Befehle an pneumatische Stempel, die sausen aus des Roboters Bauch und stampfen das Unkraut gezielt in die Erde. Fertig, aus. Und ich konnte letztes Jahr nicht mal die Blattflächen von Bohnen und Winden unterscheiden, ließ die Winden die Bohnenstangen hochklettern und freute mich an den großen weißen Blütentrichtern. Allerdings machten sie nur die Augen satt.

Keine Ahnung, warum mir jetzt gerade das Auge einfällt. Das Hirn gibt ungefragt ab, was es will. Da, nimm, sagt es, dock an und denk. Also denke ich an das Auge. Es war rund, glänzte im Dunkeln, war umgeben von Blattwerk. Wem das Auge gehörte, sah ich nicht. »Quiet! Hippo!«, flüsterte der Guide und machte vor, wie wir geduckt vorbeischleichen sollten. Das war vor etwa zwanzig Jahren im Selous Reservat in Tansania. Das wahrscheinlich verletzte Hippo hatte sich ins Gebüsch verkrochen. Hätten wir es gestört, hätte es uns angegriffen. Vielleicht lebt es noch, Hippos können dreißig bis vierzig Jahre alt werden. Vielleicht aber waren wir etwas vom Letzten, was das glänzende runde Auge wahrgenommen hat.

Erst denk ich, das wird nichts. Ich schaue auf die leere braune Fläche wie auf ein leeres Papier, auf dem nichts wächst, kein Krümelchen Text, obwohl die Gedanken gesät sind. Vor zwei Wochen habe ich Bohnen in die Erde gesteckt, seit Tagen sehe ich gleich nach dem Aufstehen nach, aber da tut sich nichts. Nichts als Erde, braun, flach, leer. Und dann! Eines Morgens! Eine kleine Wölbung! Ein winziger gebeugter Rücken! Die erste sich aufrichtende Bohne! Ha! Dann! Eines zweiten Morgens! Die zweite, dritte, vierte Bohne! Ha! Und Hokus stehen sie aufrecht! Und Pokus haben sie Blättchen, zwei grüne Flügel! Alle erblicken sie das Licht meines Gartens! Und ich habe noch nie so viele Ausrufezeichen in einen Text gesetzt! Alle erblicken sie das Licht meines Computers! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !

Eine kleine traurige Geschichte wär zu erzählen, aber wie nennt man die gusseiserne(?) jahresringartig gerillte Scheibe, aus deren Mitte der Lindenbaum an der Zürcher Bahnhofstrasse wächst? Wie auch immer. Auf der Scheibe kniet ein Mann, neben sich diverse Tüten und Schraubenzieher. Er versucht, mit einem Taschenmesser etwas zwischen den Rillen herauszupulen, erwischt aber nur Flusen und Kippen. Hat er etwas verloren? Nein, es sieht eher aus, als pule er verbissen nach unbekannten Schätzen. Kapuze, halbnackter blasser Hintern, schmutzige Hände, beringte Finger. »Suchen Sie Kleingeld?«, frage ich und lege ein Zweifrankenstück auf den Boden. Die Hand nimmt’s, der Kopf hebt sich ganz kurz, ich sehe ein junges krankes Gesicht mit einem schiefen Mund. »Hab Mühe, Leute anzusprechen«, sagt der Mund, und schon ist der Kopf wieder unten. »Kann ich verstehen«, sage ich und denke: Eine kleine traurige Geschichte wär zu erzählen, aber wie nennt man die Scheibe, aus deren Mitte…. 

Eben habe ich das letzte Kapitel meines neuen Buches fertig geschrieben, habe aber beschlossen, dass es ein neues erstes Kapitel braucht, darum ist das letzte für mich nicht das letzte, sondern das erste wird das letzte sein. So was gibt es auch anderswo, heißt es doch, die letzten werden die ersten sein. Die erste Arbeit nach dem ersten Kapitel wird dann die letzte sein, nämlich vom ersten bis zum letzten Kapitel nochmals alles in Frage zu stellen. Und die letzte Arbeit wird sein, die letzten Fehler aufzuspüren, weil es das Letzte ist, dem Lektor ein ungejätetes Beet zu überlassen. Das alles braucht noch sehr viel Zeit, derweil es erstens und letztens vor allem drauf ankommt, das die Protagonisten nicht davonlaufen. 

Tragen Sie Sorge zu Ihrem Hirn – so etwas wird nie gesagt. Sorge zur Lunge, zum Herz, zum Magen, ja. Aber zum Hirn? Wäre eigentlich sinnvoll, zum Hirn Sorge zu tragen, nur – wie macht man das? Das lese ich zum Beispiel, dass Fettabsaugen in Deutschland durchschnittlich 3190 Euro kostet, was dem Marktpreis von zehn Tonnen Reis entspricht. Habe ich mit solcher Erkenntnis mein Gehirn schlecht gefüttert? Ist das Cheap Brain Food? Die Verdauung geht nicht ohne weitere Gedanken: Ich muss mir eine Tonne Reis vorstellen, habe aber bislang nur Kilosäcke gesehen. Ich muss mir ausmalen, wie Fettabsaugen klingt und wie das Fett aussieht. Ich muss mich erinnern, dass die Künstlerin Teresa Margolles eine Wand mit sieben Kilo abgesaugtem Fett aus mexikanischen Schönheitsfarmen bestrichen hat. Ich muss mich fragen, ob ich mir Fett absaugen lassen würde, so zwei drei Kilo. Und ich muss daran denken, endlich wieder Reis zu kaufen… Ach mein armes Hirn.

Zur Zeit kommen sechs Männer in meine Deutschstunde für Asylsuchende. Der Albaner kann‘s schon gut, setzt einen Singular in den Plural oder einen Präsens-Text ins Perfekt. Und plötzlich haut ihm die deutsche Sprache wieder eins um die Ohren: Warum heißt es hier der Frau und nicht die Frau? Warum heißt es nicht zum Kirche wie zum Bahnhof? Während er sich mit dem Dativ auseinandersetzt, schreiben die fünf Sri Lanker von der Tafel ab. Für den jüngsten sind die lateinischen Buchstaben noch völlig ungewohnt. Er strengt sich sehr an, Zunge im Mundwinkel. Ich komme, du kommst, er kommt. Ich möchte die Schüler für die vielen Ausnahmen um Verzeihung bitten. Ich bin, du bist, er ist. Ich möchte lieber, es hieße, ich seine, du seinst, er seint. Kürzlich habe ich gelesen, dass an einer Wand im Bahnhof Schweinfurt stand: »Ich liebe dir und kann ohne dich nicht bin.« So etwas Schönes brächten die Schüler dieser Klasse nicht zustande. Wir müssen noch ganz viel üben.

Gestern im Bus sah ich einem Jungen zu, der etwa sieben Jahre alt war, und dessen Gesicht bereits zeigte, wie er als Vierzigjähriger aussehen würde. Als Filialeiter oder Gemeinderat oder Steuerbeamter. Er trug einen Rucksack mit türkisen Trägern, saß sehr still und dachte. Der Sitz neben ihm war frei, es schien, dass er alleine reiste, niemand rief ihm zu »Schau dort, ein Graureiher« oder »Wo hast du deine Mütze«. Ich glaube, was er dachte, belustigte ihn nicht, es macht ihn eher leicht missmutig. Als sich eine Frau neben ihm niederließ und ihn mit ihrer großen Tasche etwas bedrängte, sah er noch missmutiger aus. Bei der nächsten Haltestelle stand er auf und ging mit raschen Schrittchen zum vordersten Sitzplatz, wo er freie Sicht und seine Ruh hatte und weiterdachte. So fuhr er in seine Zukunft. Er machte mich etwas traurig, weiß nicht warum. Vielleicht weil er in seinem Leben bis zur Endstation noch so oft wird aus- und umsteigen müssen.

Im April vor sechs Jahren hat sich der Vatikan dazu durchgerungen, den Limbus definitiv abzuschaffen. Bislang landeten ungetaufte Kinder auf ewig irgendwo zwischen Himmel und Hölle. Limbus hieß der Ort, was auf Lateinisch Saum oder Grenze bedeutet. Im Limbus wurden auch sämtliche guten Menschen gelagert, die vor Christi Geburt gelebt hatten. Ich frage mich – jetzt, wo der Limbus nicht mehr existiert –, ob die im Limbus Versorgten inzwischen ins Paradies verschoben worden sind. Ein umfangreicher Transport bei so vielen Seelen. Ein logistisches Kunststück für die Theologen in Rom. Da der Begriff Limbus jetzt nur noch in der Augenkunde eine kleine Rolle spielt – Übergang von Hornhaut in Lederhaut – , ist er wieder frei verfügbar und offeriert sich für eine neue Verwendung. Als Label für einen Drink? Als Name für das Land der Hoffnung?

Vor einem halben Jahr, am 20. September, habe ich geschrieben, wir hätten einen jungen Holunder verpflanzt, weil er gartengestalterisch im Weg war. Wenn er sich bis im Frühjahr an neuen Ort nicht integriere, werde er definitiv ausgeschafft. Nun, das Holunderchen hat es geschafft! Hat sich durch den Winter gefroren, hat Knospen und Blättchen gemacht. Und schon zeigen sich die ersten Blütenstände. Ist ein kräftiger kleiner Baum geworden, und ich habe ein bisschen was über ihn gelesen. Es heißt, dass im Holunderbaum die guten Hausgeister wohnen, die Haus und Hausmensch beschützen. Deshalb solle man ihn stehen lassen. Machen wir gerne. Es heißt, die Jungfrau Maria habe auf der Flucht nach Ägypten unter einem Holunderbaum gesessen. Deshalb solle man beim Vorbeigehen jeweils den Hut ziehen. Das ist aber etwas aufwändig. Viermal jährlich grüßen, reicht das auch? Und dann heißt es noch, Judas Ischariot habe sich an einem Holunderbaum erhängt. Deshalb, was? Empfehlung fehlt.

Liebe Gentechniker, ich habe gelesen, dass Sie daran arbeiten, Schweine zu »editieren«, die als Organspender für Menschen taugen. Oder Malaria-Mücken gentechnisch zu sterilisieren. Bitte arbeiten Sie doch vorerst mal an einem Toleranz-Gen! Passend für jeden Menschentyp. The Selfish Gene haben wir ja schon, dazu brauchen wir allesamt dringend ein Gegenstück. Die Religionen haben in dieser Beziehung nichts gebracht. Der Mensch ist zur Zeit ziemlich hilflos. Sie wissen schon: Krieg und Terror und so. Bitte beeilen Sie sich, liebe Gen-Technikerinnen. Ich erlebe Ihren Erfolg wohl nicht mehr. Aber ich stelle ihn mir so gerne vor: Das Ego-Gen schreit »Leben!« Und das Toleranz-Gen schreit: »Leben lassen!«

Heute lag der Zeitung der Prospekt eines großen Lebensmittelverteilers bei. Er zeigte lauter glückliche Menschen, die in lauschigen Bergtälern und grünen Landen nach alten Rezepten glücklichen Food produzieren. Honig von fröhlichen Bienen, Joghurt von munteren Ziegen, Käse von freundlichen Schafen. Essig, hergestellt mit frischen Kräutern. Konfitüren, hergestellt mit Waldbeeren. Gebäck, hergestellt mit Gaben von Mutter Natur. Ich blätterte mit zunehmendem Appetit, bis ich las: Würste, hergestellt mit Herzblut. Igitt.

Ach, Herr Mankell, wie gut, dass Sie von dem mageren Applaus nichts erfahren, Sie sind ja schon tot. Ach, Herr Mankell, wie schade, dass Sie schon tot sind, Sie haben so ein feines Stück geschrieben, und jetzt schreiben Sie keines mehr. Ach, Herr Mankell, wie ärgerlich, dass das Publikum nicht länger und lauter klatschte, gestern, im Societaetstheater in Dresden, nach der perfekten Inszenierung eines perfekten Stücks mit drei perfekten Personen. Was hatten die Leute denn so Dringendes vor, dass sie nicht drei oder vier Minuten länger sitzen bleiben und applaudieren konnten – waren sie auf der Flucht? Ach, Herr Mankell, wie lange haben Sie an »Lampedusa« geschrieben, drei oder vier Monate? Oder Jahre? Und wie lange wird es aktuell bleiben, Ihr »Lampedusa«, drei oder vier Jahre? Oder Jahrzehnte? Es ist zu befürchten.

In so einem feinen Hotel bin ich noch nie gewesen. Die Bettüberwürfe, dunkelblau mit einem rotgoldenen Streifen, würden gut über die Balkonbrüstung der Queen passen. Der Bademantel ist fast schwerer als ich. Wenn ich die Kleiderschranktür aufmache, geht drinnen ein Licht an. In der Ledermappe auf dem Tisch gibt es hoteleigenes Schreibpapier in drei verschiedenen Formaten. Im Kühlschrank stehen 3.75-Deziliter-Flaschen Champagner, Marke Taittinger, zu 49 Euro. Frühmorgens hängt draußen an der Türklinke eine edle Tüte mit der frischen Tageszeitung. Darin lese ich, dass zehn Kilometer nordwärts wieder ein Asylantenheim abgebrannt ist, neue Unterkünfte werden gesucht. In diesem Hotelzimmer hätten sechs weitere Betten Platz. Vielleicht wär‘s ein bisschen eng.

In einer deutschen Bahn. Wie ein großes Bonbon aus einem Papier schält die Mutter ihr kleines Mädchen aus einem rosa Anzug, schaut aus, als wolle sie sich das süße Ding gleich in den Mund stecken. Das süße Ding benimmt sich unsüß, weil es dauernd mit dem Schuh gegen den Abfallcontainer kickt, das knallt unschön. Die Mutter hält den Schuh immer wieder mal fest, aber das Mädelchen schüttelt sich umgehend frei. »Jetzt fahren wir zur Oma.« »Oma«, sagt das Kind und kickt. »Erst kaufen wir Kuchen.« »Uchen«, sagt das Kind und kickt. »Du kannst mit Oma spielen.« »Ielen«, sagt das Kind und kickt.»Dann gibt’s Würstchen.« »Üstchen«, sagt das Kind und kickt. »Dann machst du ein Mittagsschläfchen.« »Ischmachekainittaschneefschen!«, sagt das Kind, und verwundert ob des langen Satzes aus seinem Mund vergisst es völlig, dass es wieder kicken und nerven müsste.

Das Zapfenmysterium beschäftigt uns schon länger. Wer zum Teufel und wann und warum … Zwei bis drei neue Zapfen liegen täglich unter unserer großen Linde. Eben habe ich wieder einen ganzen Korb gefüllt. Es sind Zapfen von Fichten oder Tannen, so genau weiß ich das nicht, denn das Wesen das sie herbringt, hat sie leicht zerzaust. Der Wald ist nicht weit, da gibt es Zapfenbäume, die Frage ist nur, warum wird ein Zapfen nicht gleich dort nach leckeren Samen abgesucht? Warum der weite Weg auf unsere Linde? Fliegend oder laufend muss das Zapfenwesen anreisen, das Picknick im Mund oder Schnabel, um dann das Speiseritual hier abzuhalten. Wir haben es nie gesehen. Am liebsten stelle ich mir ein Eichhorn vor: es kommt mit zwei Zapfen, links und rechts unter den Arm geklemmt, und es geht, nachdem es uns kurz seine kleine Zunge herausgestreckt hat.

Gar nichts los heute Morgen im Wald, außer den Lichtsprenkeln bewegt sich nichts. Kein Gezwitscher, kein Geflatter. Das Jahr ist noch im Winterschlaf. Aber dann, hört, hört. Dieser langgezogene, fast klagende Ton – was ist das? Und eine Sekunde später und drei Bäume weiter und ein klein bisschen tiefer derselbe Ton. Da unterhalten sich zwei: Herr und Herr Schwarzspecht. Ich höre zu und verstehe nichts. Klar ist nur: Es ist ein wichtiges Gespräch, es dauert und dauert. Zuhause lese ich im Vogelbuch. Der abfallende klagende Ton wird mit Klieeh oder Kliööh umschrieben. Meinetwegen. Didwii oder Günää würde auch hinhauen. Wie auch immer, es handelt sich um den sogenannten Anwesenheitsruf. Bei großer Erregung erfolgt er in Intervallen von wenigen Sekunden. Bin hier. Bin da. Bin hier. Bin da. Lustig wär, erregte Damen im Café Sprüngli an der Bahnhofstrasse würden solche Rufe abgeben. Klieeh. Kliööh. 

Beim Entsorgen von alten Zeitungsausschnitten finde ich ein Bild – publiziert am 23. Februar 2005 –, das ich noch immer nicht wegwerfen kann. Da kauert ein Mann, wohl ein Bauer, ist dreckig von Staub und Schutt, ein Erdbeben morgens um sechs hat sein Dorf zerstört: Hotkan im Iran. Hinter dem Mann ist ein Haufen Steine, neben ihm ein Haufen von Tüchern. Man sieht, wie der Mann das Gesicht verzogen hat, fast könnte es sein, dass er leise lacht. Man schaut genauer hin und hört, dass er weint. Das Bild hat plötzlich Ton! Es ist kein lautes Schluchzen, es ist ein heftiges, stilles Weinen. Unter dem Haufen von Tüchern schaut ein lebloses weißes Kinderfüßchen hervor. Der Mann weint um sein Kind, sagt das Bild. Ich behalte es noch ein Weilchen.
Hab ein Gedicht vergessen, weiß nur noch, dass es ein Degicht war, es muss es ein Tedichg gewesen sein, denn es reimte, Gidecht auf Digecht, es waren acht Zeilen, mit undeutschen Wörtern dazwischen, etwa Chidegt und Chedigt, und am Schluss, das weiß ich noch, stand Tidechg. Wer schreibt denn so was, hab keine Ahnung mehr, mein Gedächtnis ist nicht mehr Sodicht.
Mit dem großen und dem kleinen Enkel sitze ich am Tisch und höre zu, was sie am Nachmittag vorhaben. Der Kleine wird sich mit Freunden treffen. Wo? An der Hölderlinstraße. »Hölderlin war ein deutscher Dichter«, sage ich. »Das ist mir so was von egal!«, sagt der Große und freut sich auf mein entsetztes Gesicht, das ich auch sogleich mache. »In seinen letzten Jahrzehnten war er umnachtet«, sage ich. Auf weiteres Entsetzen hoffend, ruft der Kleine: »Das ist mir so was von noch egaler!« Sie hämmern lachend und rhythmisch auf den Tisch: »e-gal, e-gal, e-gal, e-gal.« Man könnte dazu tanzen. Es war leider ein kurzes Vergnügen. Hieße die Straße Mörderlinstraße, hätten wir vielleicht länger darüber geredet.
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben. Das ist ein Bibelvers: Johannes, Kapitel 8, Vers 12. Abgekürzt: JN8:12. Solche abgekürzten Bibelverse graviert die US-Firma Trijicon auf ihren Produkten ein. Sie produziert Zielfernrohre für Schusswaffen. Zumindest habe ich das gelesen. Aber man muss ja nicht alles gleich glauben. Also öffne ich die Internetseite der frommen Firma. Da steht: »Yes, Trijicon places a small biblical reference on the products we sell. It is a tradition started by our founder and we continue it as a reflection of our company values. Although Trijicon has now offered to remove these references for military issued products, we will continue to inscribe our consumer products with biblical references.« In Syrien oder Afghanistan wird man also nicht mehr christlich schießen können. Aber einem privaten, von Jesu gesegneten Amoklauf in der Heimat steht weiterhin nichts im Wege.

Kürzlich hat uns ein Freund eingeladen. Dass er krank war, wussten wir. Wie krank, das wussten wir, als wir ihn sahen. Abgemagert, eingefallen, nur noch die Hälfte von einst. Seine Töchter machten ein Feuer im Kamin, brachten Gebäck und einen wunderbaren alten Wein aus dem Keller, dann ließen sie uns allein. Nach ein bisschen Geplauder kam unser Freund zur Sache. Sein Arzt habe gestern erklärt, da sei nichts mehr zu machen. Zwei drei Monate noch. Jetzt warte er einfach, sagt unser Freund. Es sei ein seltsamer Zustand. Aber weh tue nichts. Wir stießen an, »auf dich«, sagten wir. Sollten doch noch wilde Schmerzen kommen, sagte unser Freund, dann werde er die Sterbehilfe rufen, das sei so organisiert. Er schnupperte am Glas mit dem wunderbaren Wein und sagte: »Ich hoffe bloß, dass der letzte Trank nicht Zapfen hat.« Wir werden seine Späße vermissen. Die letzte Umarmung dann, die war deutlich die letzte.

Habe mich durch die TV-Sender gezappt und bin hängen geblieben in einem Interview mit einer jungen, netten, tätowierten Dicken. Sie werde jetzt dann gleich auftreten und singen, sagte sie und freute sich rasend. Und tatsächlich, gleich danach stand sie auf einer Bühne, lachte die vier begutachtenden Personen an und freute sich immer noch rasend. »Deutschland sucht den Superstar« hieß die Sendung, in der die junge, tätowierte, dicke Nette zu tanzen anfing, ihre rund hundertzwanzig Kilos im geblümten Kleid verführerisch schwenkte und dazu irgendwie sang. Bitte nicht, dachte ich, aber die begutachtenden Personen, alle gestylt, blondiert und sonstwie getrimmt, verbargen ihre Häme und bedankten sich freundlich bei der jungen, netten, dicken Tätowierten, bevor sie sie hinter die Kulissen entließen, wo sie sich bestimmt wieder rasend freute. Ich zappte weiter und fragte mich, ob es schon immer Menschen gab, die sich gern hemmungslos produzierten, und wie das dann wohl aussah, zum Beispiel bei den Pfahlbauern …

Ich habe ein Gespräch belauscht. »Er ist ein Schwein«, sagte die junge Frau in ihr Handy. Sie war vielleicht zwanzig, blass und hübsch. »Das kann er doch nicht machen.« Ich sah nur ihr Profil, aber wir standen ganz nah beieinander, nur getrennt durch die Fahrplantafel. »Der ist so gestört. «. Ich konnte schamlos zuhören, sie merkte nicht, dass ich direkt neben ihr stand. »Zweimal.« Der Neuner kam. »Er riecht auch komisch.« Der Neuner fuhr wieder ab. »Was weiß ich. Komisch einfach.« Noch ein Neuner kam. »Wehe, der versucht es noch mal.« Der Neuner fuhr weg. Erst meinte ich, die junge Frau fange zu weinen an, aber es wurde ein Lachen draus. »Unten am Kinn, so was Rotes.« Jetzt kam der Achter. Sie stieg telefonierend ein. Von hinten war sie auch hübsch. Ich musste auf den Fünfer warten. Ich hätte gerne gewusst, was das Schwein zweimal gemacht hat.

Gestern war ein altes Foto in meiner Mail – 50er Jahre – mit der Frage, ob ich noch wüsste, wer da drauf sei. Ja, so langsam wachsen sie mir aus dem Bild entgegen, Lehrpersonen vor dem Schulhausportal. Die meisten von ihnen sind vermutlich schon lange tot. Mathelehrer R. mit den schönen Händen, der mich gnädig schonte. Deutschlehrer J. mit dem überheblichen Gehabe, den ich beeindrucken wollte. Botaniklehrer W. mit der Aura von Langeweile, der gerne Tango tanzte. Religionslehrer G. mit den großen Ohren, der Osterhase genannt wurde und als Denker galt. Lateinlehrerin H., elegant und unnahbar, die ausrastete, als jemand gähnte. Sie haben mir alle etwas beigebracht. Ich zweifle, ob es das Richtige war. Sie mussten, ich musste. Es waren Muss-Zeiten.

Mohamed zieht ein Handy aus der Hosentasche. »The boat« will er mir zeigen. Er ist sechzehn, seit ein paar Monaten in der Schweiz und gehört zu den elf Somaliern, denen ich versuche, Deutsch beizubringen. Da: ein wackliger Film, ein Gummiboot in den Wellen, schwankend. Die Menschenladung kreischt. Etwa neunzig waren sie, von Libyen aus Richtung Sizilien, eine Frau war schwanger. »Jetzt Kind«. Ein italienisches Schiff hat sie alle an Bord genommen. Von dessen Reling aus hat Mohamed später noch ein anderes Gummiboot gefilmt, so eines wie seines, mit ebenso vielen Menschen. Man sieht, wie es kentert. Die grauen Punkte im Wasser sind Menschen. Sie gehen unter. »Alles tot«, sagt Mohamed. Und jetzt muss er ein Diktat schreiben: »Mein Freund hat ein rotes Auto. Er lebt in Zürich. Wir spielen gerne Fußball…« Ball mit zwei L, Mohamed!

Ich habe ein Geschenk bekommen: das Urner Mundartwörterbuch. Nicht weil ich es bräuchte, sondern zum reinen Vergnügen. Ich picke ein Wort heraus, lasse es auf der Zunge zergehen und versuche zu bestimmen, was es ist. Es ist mir nicht gelungen bei äitüä (gleichgültig), bäintlä (trippeln), blääschtä (Darmwinde entweichen lassen), Blügghäit (Schüchternheit), Buuseretä (Ärger,) Xämpäli (Anekdote). Aber Folgendes hab ich richtig erraten: Fuchtetä, Gjütz, Ggräikts, Hiänderhüt, Fitlätassä und häiwälä. Was für eine leckere Sprache. Und eben merke ich, dass bäintlä eventuell von Bein kommt, und Xämpäli von Exempel. Wer weiß, mittishi (vielleicht).

Der kreisrunde blasse Mond oder die rote Sonnenscheibe nach dem Auf- und vor dem Untergehen, wie schön ist das. Ich bleibe kurz stehen, schaue, verspüre jedes Mal neu das altbekannte Ah! Seltsamerweise mag ich die runden Dinger auf Fotos nicht mehr. Auch nicht auf Gemälden (Herr Klee, Herr Rousseau: Entschuldigung). Ich decke sie mit dem Finger ab. Sie kommen mir vor wie Verlegenheitsdekoration, wie Lückenfüller, wie überflüssige Adjektive oder unnötige Petersilie. Vielleicht braucht es Mut, mit leeren Himmeln oder ungeschmückten Sätzen daherzukommen: Da schau, da lies, brauchst mich nicht erst abzuschminken, ich bin es schon. Vielleicht magst du mich so …