Die große Wiese: weiß. Der Himmel: weiß. Die Bäume: weiß. Der Himmel scheint in der Wiese zu versinken. Die Bäume sind namenlose Gespenster. Nussbaum wie Apfelbaum sind anonym. Der Waldrand rundum ist ein weißer Kranz für irgend eine Feier. Alles ist anders, sogar der Klang der Stille. Es schneit so fein, dass man’s kaum merkt, ein bisschen Wolkenstaub. Die Drähte von Strommast zu Strommast sehen auf dem weißen Hintergrund wie Notenlinien aus. Fehlen nur noch die Noten. Drei schwarze Vögel würden schon genügen für einen Akkord. Aber kein Vogel ist zu sehen. Nur eine sentimentale Alte, die durch den Winter stapft und aufpasst, dass sie nicht ausrutscht und für immer in einem weißen Loch verschwindet.

Heute früh wollte ich vor der Tür Schnee wischen und nahm den Besen zu Hand. Aber der wollte nicht. Blieb, wo er war. Krallte sich an den Boden. Ein Zauberbesen. Ich riss, er wehrte sich. Ich riss und riss. Es konnte doch nicht sein, dass mir die Gegenstände nicht mehr gehorchten. Dass Schreibstift, Kaffeetasse und Pantoffel fortan an ihrem Untergrund haften blieben. Gabel, Duden und Schmerztablette …Wie sollte ich so denn weiterleben. Ein Alptraum. Plötzlich gab der Besen nach. Du warst aber grob, schien er zu sagen, mich derart an den Haaren zu reißen. Bei fünfzehn Grad unter null! Kann doch nichts dafür, dass ich festgefroren war … 

Schon zu Urzeiten waren die Fragen zum Kosmos schwindelerregend: Warum geht die Sonne im Westen unter und im Osten auf? Wo ist sie nachts? Wie sind die Sterne am Himmel befestigt? Das Museum Rietberg zeigt zur Zeit in einer Ausstellung, wie alte Kulturen den Kosmos darstellten. Alle haben sie nach einer Möglichkeit gesucht, Mensch und Universum in einem Gedankengehäuse unterzubringen. Die kosmologischen Vorstellungen heute sind noch genauso schwindelerregend: Das gesamte Material unserer Galaxis soll einst in eine Tasse gepasst haben – wie geht das? Und manche Schwarzen Löcher sollen eine Masse enthalten, die einer Milliarde von Sternen entspricht. Hilfe! Das blaue blaue Himmelszelt ist von einer erschreckenden Unfassbarkeit, und während unser Wissen immer grösser wird, werden wir immer kleiner.

Heute habe ich eine seltsame Mail erhalten. Absender: »Happy Man«. Betreff: »I am happy«. Text: »J«. Ich kenne den Happy Man nicht. Vielleicht ist es eine Frau. Vielleicht aus Patagonien. Vielleicht aus der Psychiatrie. Auf jeden Fall ist Happy Man irgendwie ausgerastet. Ist dermaßen vom Glück bombardiert worden, dass er die Welt davon unterrichten will. Oder aber das Unglück hat gewaltsam zugeschlagen, und die Mail ist einfach schwarze Ironie. Ich hoffe es nicht, ich hoffe, Happy Man ist tatsächlich glücklich. Ich könnte ihm antworten, ich getraue mich nicht. Fremdes Glück rührt man besser nicht an. 

Wenn ich einem gartenlosen Menschen jetzt sage, dass bei mir Schneeglöckchen blühen, dann denkt der Mensch: Ja und? Ich könnte ihm genauso gut sagen, Angela Merkel putze die Zähne mit einer elektrischen Zahnbürste, Tayıp Erdoğan sei Türke, Thomas Mann habe einen Morgenmantel besessen, der Vesuv sei seit 1944 ruhig, Wolle stamme vom Schaf, der Papst sei ein Mann, und Rumpelstilz heiße Rumpelstilz. Ja und? Mensch, gartenloser, Schneeglöckchen haben im Frühling zu blühen! Und die kleine Rosenblüte am Spalier gehört auch nicht in den Dezember! Der Garten ist in Aufruhr, im Boden geht die Revolution los, wenn man das Ohr auf die Erde legt, hört man es rumoren. Würmer legen die Munition bereit, und demnächst schießt alles brutal aus dem Boden.

Blauer Schnee wär schön. Sagte Ben, als er vier war. Muss ihn mal fragen, ob er das, elf Jahre später, immer noch fände. Ich denke, wenn blauer Schnee, dann dürfte der Himmel nicht blau sein. Zitronengelb vielleicht, auch Minzgrün, und bei schlechtem Wetter weiterhin schiefergrau. Wär nicht schlecht, ein bisschen wie ein expressionistisches Gemälde, Kirchner oder so. Vom Schmelzwasser würden dann die Seen tiefblau, so blau, dass die Farbe haften bliebe, wenn man den Fuß ins Wasser steckte. Mit der Zeit würden die Menschen blauer und blauer, die Kinder kämen bereits blau zur Welt, und die Seelen flögen blau durch die zitronengelbe Luft.

 

Ich sah des Sommers letzte Malve stehn, soeben im Garten, blutrot. »Ich sah des Sommers letzte Rose stehn«, so fängt Hebbels berühmtes Sommergedicht an, »sie war, als ob sie bluten könne, rot.« Seine letzte Rose entblättert sich dann durch den Flügelschlag eines Schmetterlings. Meine letzte Malve steht nun in einem Glas auf dem Küchentisch, ein kräftiges, zähes, schon fast mutiges Wesen, das fast bis Weihnachten durchgehalten hat. Ich danke ihr für ihre wunderbare Blüh-Wut, und dem Word-Suchprogramm danke ich, dass ich ruckzuck die Stelle finde, wo ich versucht habe, die Farben meiner Malven zu beschreiben: 17. Juli 2014. Ach, Sommer. Ach, Hebbel. Wie hast du’s bloß ausgehalten ohne Suchprogramm.

 

In einer Konditorei in Thun sitzen zwei alte Damen: »Strumpfhosen sind ungesund, sie lassen keine Luft an die Füße.« »Wie?« »Strumpfhosen.« »Ach so.« »Und oben schneiden sie ein, am Bauch.« »Wie?« »Am Bauch.« »Ja, ja.« »Leggins sind besser. Dünne Leggins und dazu Socken.« »Socken?« »Socken. Ist dein Kaffee auch bloß lau?« »Warum Socken?« »Socken stricken, kannst du das noch?« »Nein.« »Als ich ein Kind war, waren die Socken aus Wolle. Auch die Unterhosen. Immer, auch im Sommer. Das mit den Unterhosen heute ist so eine Sache. »Wie?« »Also Wolle vertrage ich gar nicht. Ich rufe die Kellnerin. Man muss sich nicht alles gefallen lassen.« »Hä, was hat dir gefallen?« »Fräulein! Der Kaffee ist kalt!« 

Gestern am Weihnachtskonzert wurde das alte Lied gesungen: »Maria durch ein Dornwald ging … der hat in siebn Jahren kein Laub getragen.« Und da ging sie also, die schwangere Maria, und »da haben die Dornen Rosen getragen.« Ist das Poesie? Ja, was denn sonst. Und am Autoradio spielte Patent Ochsner: »D’W. Nuss vo Bümpliz … u d’Spargle wachse i bluetjung Morge …« Ist das Poesie? Ja, was denn sonst. Und zu Hause flatterte die Amsel durch den dunklen Garten, und mir fielen die Beatles ein: »Blackbird singing in the dead of night, take these broken wings and learn to fly …« Ist das Poesie? Ja, was denn sonst. Ich habe im Lexikon nachgeschaut. Unter Poesie steht: siehe Dichtung. Da habe ich das Lexikon gleich wieder zugeklappt. Dafür habe ich den Song »Blackbird« gegoogelt. Nicht eine Amsel ist damit gemeint, sondern eine schwarze Frau – gut, also: afroamerikanische Frau – , die in den USA diskriminiert wird.

 

UNO und LASER sind Begriffe, die aus Anfangsbuchstaben zusammengesetzt sind und somit Akronyme. Ebenso YOLO (»You Only Live Once«) und LOL (»Laughing Out Loud«) aus der Jugend- und Chatsprache. Kein Akronym, sondern ein Backronym ist das Jugendwort SWAG. Das heißt, man hat die Abkürzung im Nachhinein ins Wort hinein interpretiert: »Secretly We Are Gay«. SWAG kommt aber von swaggen = prahlen und bedeutet »Coole Ausstrahlung«. Auch SPA im Sinn von »Sanitas Per Aquam« ist ein Backronym, denn SPA leitet sich ab von Spa, einem Heilbad in Belgien. Ebenso ist EHE im Sinn von »Errare Humanum Est« ein Backronym, denn das Wort geht zurück auf das althochdeutsche ēwa. Und ein typisches Backronym ist WALDIS, interpretiert als »Wer Aus Leichtsinn Dauernd Irgendwas Schreibt«.

Die Katz und ich teilen einander so manches mit. Wir verstehen’s nicht immer. Um Mitternacht hat sie mir eine Maus ins Schlafzimmer gebracht, hat gespielt mit ihr, schau mal, hat sie gesagt, das hab ich verstanden. Ich hab dann das Mäuslein, das mause war, aus dem Fenster geworfen, das hat die Katz aber nicht verstanden. War doch eine perfekte Maus, hat sie gesagt. Manchmal verschweigen wir auch einiges. Zum Beispiel sage ich ihr nicht, dass ich in die Ferien fahre. Schon wenn ich den Koffer packe, wirkt sie irritiert, ist traurig oder beleidigt, genau weiß ich das nicht. Sie hat mich so weit gebracht, dass ich mich mit dem Koffer aus dem Haus schleiche, ich will ihr den Anblick ersparen. Sie wiederum nimmt keine solchen Rücksichten, sie haut einfach ab in den Wald oder in die Gärten, allerdings ohne Gepäck. 

Wie kommt das tote Schaf in meine Schublade. Wie kommt General de Gaulles an meinen Tisch und will Nudeln. Wie kommt ein Alphornklang in meine Waschmaschine. Wie kommt ein Koran zwischen meine Kochbücher. Via Traum, via Traum, via Traum. Träume, so weiß man heute, sind nicht nur auf den REM-Schlaf beschränkt, es gibt sie auch in den anderen Schlafstadien. Ein Drittel des Lebens besteht aus Schlaf und somit aus Traum. Kein Wunder, erwache ich oft wie ein geprügelter Hund. Erstaunlich, was nachts alles los ist. Neurowissenschaftler in Kyoto messen die Hirn-Aktivitäten von Träumenden und legen Datenbanken der entsprechenden Traumbilder an. Ziel ist so etwas wie eine Traumlesemaschine. Ich möchte das Schaf und das Alphorn nicht in einer Datenbank ablegen, sondern lieber vergessen. 

Gehört mir noch, was ich im Müllsack an den Straßenrand stelle? Gehört mir noch, was in meinem Müllsack auf dem Müllauto davonfährt? Ist es verboten, etwas aus Nachbars Mülltonne an sich zu nehmen? Während rund drei Jahren hat ein neugieriger Mensch den Abfall von John Updike durchwühlt, hat Textentwürfe, Fotos, Briefe, Einladungen, Abrechnungen gefunden und alles auf seiner Internetseite platziert. Updike, gestorben 2009, sagt dazu nichts mehr. Sein Agent spricht von Diebesgut. Max Brod hat Manuskripte von Kafka nicht verbrannt, nicht entsorgt. Sind diese nun auch Diebesgut? Meinen Müll kann man gerne durchsuchen. Man findet darin so interessante Dinge wie Zettel mit Notizen, was ich noch tun sollte: Nagelsch. kaufen, Hansp. tel., Glühb. ersetzen. Katz entwurm. Wer daraus eine Geschichte machen will – bitte sehr.

Nikolaus. Braucht’s den eigentlich noch? Mandarinen, Nüsse oder Schokolade haben die Kinder auch so. Tag für Tag. Was sie falsch machen, hören die Kinder auch so. Tag für Tag. Warum bindet sich da einer noch einen Bart um. Liebe Mütter und Väter, vielleicht seid ihr diejenigen, die einen Nikolaus bräuchten. Einer der euch sagt, was ihr tun und lassen sollt. Bei »lassen« denk ich zum Beispiel an den Baby-Jogging-Anzug von Armani zu 249 Franken, erhältlich an der Storchengasse in Zürich. Bei »tun« denk ich zum Beispiel an Umarmungen ohne Grund. Man braucht die Umarmungen nicht mal auszuführen, man kann auch einfach so sein, als wäre man umarmend. Geschwätz? Geschwätz.

Eine Moulage, das weiß ich jetzt, ist kein Muschelgericht – ich war im Zürcher Moulagenmuseum. Um 1850 begann man in der Dermatologie Moulagen anzufertigen: Von erkrankter Haut wurde ein Gipsabdruck gemacht und dieser mit einer Wachsmischung ausgegossen. Dann wurde das Wachspräparat im Beisein der kranken Person minutiös und naturgetreu bemalt. Fürchterliche Ausschläge, grässliche Wucherungen an diversen Körperteilen sind geradezu liebevoll wiedergegeben. Wie Miniaturen alter Meister hängen die Moulagen an den Wänden des Museums, die Individuen sind erkennbar, Gesichter von vorn, von der Seite, samt Lächeln, Wangengrübchen und Haaransatz. Samt Schmerz, Schalk oder Müdigkeit. Ein Wachsfigurenkabinett der besonderen Art. Wenn sie wüssten, diese Menschen, dass sie da immer noch hängen – weil sie an der Nase ein Krebsgeschwür hatten oder am Kinn syphilitische Knoten.

Mit meinem Enkel, der zwölf wird, habe ich ein Diktat geübt, nur zwei Fehler, bravo. Bevor er hinausrannte zu seinen Freunden, füllte er sich den Kopf noch mit Bruchrechnungen und Schweizer Geografie. Abends kann er sich hinlegen und den freundlichen Schlaf empfangen. Weltweit legen sich rund 230 Millionen Mädchen hin, um den Ehemann zu empfangen. Sie sind jünger als fünfzehn und zwangsverheiratet. Das sind Zahlen der UNO. Ich stelle mir die Angst und den Widerwillen eines Mädchens vor, wenn sich der schwere Mann auf sie legt und sein großes Ding in ihre kleine Scheide zwängt. Von Zukunft keine Rede mehr. In den letzten drei Jahrzehnten hat die Zahl der Kinderheiraten kaum abgenommen. Macho-Macht, immer noch.

Alle Bäume jetzt nackt. Angezogen mag ich sie lieber, freu mich schon auf die ersten grünen Schleier im Frühling. Die Zeichnung der Äste ist nun sichtbar, sieht aus wie die Kritzeleien, die während langer Telefonate entstehen. Vor vielen Jahren hat mich regelmäßig eine Freundin angerufen und mir von ihrer behinderten Tochter erzählt. Es waren endlose Gespräche, und ich wusste ihr nicht zu helfen, ich hörte einfach zu. Ein weißes Blatt ums andere füllte sich derweil mit ornamentalen Kritzeleien, ich schrieb zum Schluss das Datum darunter und das Problem, um das es  im betreffenden Anruf gegangen war. Irgendwann schenkte ich in einem Anfall von Anteilnahme die recht schönen Blätter meiner Freundin, was taktlos war. Sie sah die Blätter als Vorwurf an, sie habe mir die Zeit geraubt. Bäume, macht bald wieder Blätter, bitte.

Seltsam, dass man in den USA so verrückt ist nach Speck. Mittlerweile gibt es dort Zahnpasta und Kondome mit Speckgeschmack und auch ein Parfum namens Bacon. Womöglich hat Speckaroma eine inspirierende Wirkung, so wie der faule Apfel in Schillers Tisch. Schillers Frau Charlotte sagte, dass die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt seyn müsse. Mal angenommen, Schiller hätte eine Schreibfeder mit Speckgeschmack verwendet, wäre sein Schreiben dann anders herausgekommen? Vielleicht hätte er »Das Lied von der Schwarte« geschrieben. Oder statt eines Apfels ein Stück Speck auf Walter Tells Kopf gelegt. Das sind lediglich Mutmaßungen. Germanisten müssten das klären.

 

In England hat kürzlich eine Frau sich selber geheiratet. Erst hat sie auf einer Parkbank um ihre Hand angehalten und Ja gesagt. Dann ist sie mit sich selbst vor den Altar getreten, hat sich vor fünfzig Gästen Treue gelobt und versprochen, auch an schlechten Tagen für sich zu sorgen. Dann hat sie sich auf einem Spiegel geküsst. Selbstheiraten sind staatlich nicht anerkannt, aber das ist nicht der Grund, warum ich mich nicht heiraten möchte. Ich liebe mich einfach nicht so wahnsinnig. Ich müsste dauernd an mir rummäkeln. Wie siehst du heute bloß aus. Wie kannst du bloß so einen dümmlichen Film anschauen. Was hat du nur für unschöne Gedanken. Wenn ich meinen Hochzeitstag vergessen hätte, könnte ich nicht einfach die Tür zuschmettern und mir selber davonlaufen. Es wäre ziemlich furchtbar. Es gibt auch Leute, die heiraten einen Gegenstand. Eine Amerikanerin hat mal den Eiffelturm geheiratet. Was für ein wunderbares Spektakel, wenn ihr der Eiffelturm davonliefe.

Wenn’s kälter wird, und das tut’s gerade, fällt mir jeweils die Frau ein, die mal mit mir in Winterthur auf den Bus wartete. Nur sie und ich standen an der Haltestelle, und das Warten dauerte. Ich merkte wohl, dass die Frau ein Gespräch anfangen wollte, aber mir war nicht danach, und ich drehte mich zur Seite. Sie aber gab nicht auf und sagte nach einer Weile laut und deutlich »Es wird kälter«, und als ich nichts erwiderte, sagte sie »Man merkt’s an der Temperatur!« Wie komisch das war, schien sie nicht zu merken. Ich ließ mein Gelächter nicht nach draußen, sondern blieb weiterhin still, was mir im Nachhinein ein bisschen leid tut. Da will jemand schon fast verzweifelt mit mir ins Gespräch kommen, und was tu ich, als der Bus endlich kommt: Ich suche mir einen Einersitz.

Ich lese News auf dem Handy: Türkei empfängt Flüchtlinge mit Träne – wie schön, ein Land weint eine Träne. Was für eine wunderbare Anteilnahme. Was für eine Hoffnung im Leid. Mein Finger tippt die Schlagzeile an, worauf diese in ganzem Umfang erscheint: Türkei empfängt Flüchtlinge mit Tränengas. Was zischt denn da? Ach so, das war nur meine entweichende Euphorie. Man soll eben nicht alles auf den ersten Blick glauben. Ernüchtert lese ich weiter. Und da steht es nun genauer: Das Tränengas galt türkischen Kurden, die im allgemeinen Durcheinander von der Türkei nach Syrien wechseln wollten, um gegen den IS zu kämpfen. Derweil 130‘000 kurdische Syrer um Einlass in die Türkei baten. Seit 2011 sind 1,5 Millionen Menschen aus Syrien in die Türkei geflohen. Zahlen: trocken. Tränen: nass.

Sonntagabend, ich eile durch die Bahnhofhalle, den Kopf randvoll mit einem wunderbaren Film, den ich soeben im Kino gesehen habe. Boyhood heißt er und schildert das Aufwachsen eines Jungen zwischen sechs und neunzehn. So eine geballte Ladung von Sinn und Unsinn wird einem in jenen Jahren aufgedrängt, denke ich, im Alter hat man dann Ruhe. Da zupft mich ein junger Mann am Ärmel und drückt mir ein Broschürchen in die Hand, »Tag des Friedens heute«, sagt er, »viel Glück noch!« Das ist nett. Nett sind auch die 21 Ratschläge in der Broschüre, die mir ein besseres Leben versprechen. Da heißt es zum Beispiel »Halten Sie Ihre Zähne instand« (Ratschlag 1) oder »Morden Sie nicht« (Ratschlag 8). Das empfiehlt mir L.R. Hubbard. Also gut, meinetwegen, dann halt – ich werd mir das Morden verkneifen.

Gärtnern ist eine absurde Angelegenheit. Da rupfe ich Grasbüschel aus, die zwischen den Steinplatten wachsen, oder gehe wie ein Drache mit einer sengenden Flamme drüber. Dabei ist Gras durchaus schön. In der Dichtung wird ihm gehuldigt. Walt Whitman schrieb in »Leaves of Grass«: I lean and loaf at my ease, observing a spear of summer grass… Und ich reiß es aus. Sowie das Hirtentäschl, den Giersch, die Ackerwinde, das kriechende Fingerkraut. Sie sind allesamt nicht hässlich, sie blühen hübsch, und giftig sind sie auch nicht. Aber raus mit ihnen. Rein darf dafür anderes …Kapuziner und Mohn und Akelei. Es gibt eben Kraut und Unkraut. Art und Unart. Sinn und Unsinn. Gar und Ungar. Ke und Unke.

Angenommen, es gebe ein Paradies und ich stünde davor und hätte gern Eintritt. Angenommen, ich würde gefragt, was ich vorzuweisen habe. Nun, ich könnte zum Beispiel sagen: Oh, ich bin Schweizerin und habe ein Parlament gewählt, ist doch was, oder? Das Parlament sorgt sich um die Menschen. Neulich hat es den Bundesrat beauftragt, die Regeln für die Ausfuhr von Kriegsmaterial zu lockern. Damit wird die wirtschaftliche Situation der Rüstungsindustrie verbessert. Diese hat gelitten, weil weniger Waffen ausgeführt worden sind, weil die Zahl neu bewilligter Waffenlieferungen zurückgeht, weil mehrere Betriebe Stellen abbauen. Ist doch was, oder? Ich habe als Wählerin mitgeholfen, die Leiden der Rüstungsindustrie zu lindern. Darf ich jetzt reinkommen?

Heute früh im Wald. Pilze, Pilze, Pilze, die hellen wie Lichtsprenkel unter den Bäumen. Die Schopftintlinge am Wegrand hat jemand umgekickt. Komm, wir gehen Pilze verschlachten, hat früher mein Enkel gesagt. Wir gingen, und er kickte, und ich dachte, das sollte er nicht, und ich müsst es ihm beibringen, doch ich schwieg, es sah so lustvoll aus. Man sagt, etwasaa,swöp^20schiqwopie^‘2 ….. jetzt ist die Katz über die Tastatur gelaufen ….. Man sagt, etwas schieße wie Pilze aus dem Boden, aber bitte, aus was sollen die Pilze denn schießen, wenn nicht aus dem Boden, etwa aus der Luft? Redewendungen sollte man jeweils genauer überprfhgj-.

Keine schönen Fragen: Will ich in der Zeitung sehen, wie ein britischer Entwicklungshelfer  von einem IS-Mann geköpft wird? Will ich sieben abgeschlagene Köpfe sehen, die ein IS-Mann auf einen Zaun gespießt hat? Will ich acht gekreuzigte Syrer sehen, die wegen »Abfall vom Glauben« sterben mussten? Will ich diese Bilder im Kopf? Kann ich sie aushalten? Wem nützen sie was? Den Mördern, den Opfern, der Zeitung? Warum wird das Gesicht des demnächst Geköpften verpixelt? Finde ich sein Leiden etwa weniger schlimm, wenn ich sein Gesicht nicht sehe? Warum sind in den Kirchen die Gesichter auf den Märtyrerbildern nicht verhüllt? Warum wird dort gezeigt, wie Sebastian dreinschaut, wenn er sieben Pfeile im Leib hat? Und wenn ich die Opfer nicht auf Bildern sehe, sondern nur von ihnen lese, ist das besser? Was ist gut? Und vor allem: Was ist böse?

Leute, die gerne Todesanzeigen lesen, schauen sich andernorts auch gerne Friedhöfe an. Ich bin eine von den Leuten. Kürzlich habe ich in einem Tessiner Friedhof das Grab von Metusalemme gesehen. Ein Kind Metusalemme zu taufen, geschieht wohl in der Hoffnung, dass es ein biblisches Alter erreicht, nämlich ein paar Hundert Jahre. Der Tessiner Metusalemme wurde nur etwas über siebzig, vielleicht hat ihn Vater oder Mutter sogar überlebt. Friedhöfe sind eine Deponie zerfallener Hoffnungen. Am Tag nach der Begegnung mit Metusalemme stieß ich in einer Zürcher Zeitung auf die Todesanzeige von Stephan. Er wurde neununddreißig und bedankt sich bei allen, die ihn in seinem Leben mal zum Lachen gebracht haben. Viel trauriger geht es nicht.   

Hat jemand mal beschrieben, wie es ist, in ein frisches Rübchen zu beißen? Rübchen, nicht Bübchen. Also das orangerote Ding, das gerade eben aus der Erde gezogen und im kühlen Wasserstrahl geputzt worden ist? Wie bitte? Niemand? Immer ich. Gäb doch Bessere. Also dann halt: Die Zähne stoßen auf Widerstand, angenehm, weil nicht zu hart, der finale Durchbiss erfolgt mit deutlichem Knackton, ziemlich laut, weil nah am Ohr. Und gleich danach füllt sich die Mundhöhle mit diesem erdigkarottigen Aroma, unvergleichlich, oder weiß vielleicht jemand einen Vergleich? Niemand? Hab ich mir gedacht. Beim Schlucken überfällt einen gleichzeitig die Dankbarkeit für die Existenz des einzigartigen Geschmacks und die Gier auf mehr, bitte. Kann das jemand bestätigen? Niemand? Auch egal.

Dieser Tage stand in der Zeitung, ein 0.5 auf 2 cm großes Stück blaues Leder sei zur Versteigerung ausgeschrieben. Auf dem Leder sind Blutspuren, es stammt aus der Limousine, in der John F. Kennedy 1963 erschossen wurde. Das Auftaktangebot beträgt 1000 Dollar. Ich könnte mir das leisten. Ich könnte es rahmen lassen und überm Sofa aufhängen. Aber wenn schon so was, würde ich eigentlich lieber das Stückchen Heftpflaster meines kleines Enkels aufhängen. Auf dem Pflaster sind Blutspuren nach einer leichten Schürfung am Knie. Meinen Gästen könnte ich es als Symbol für den ungeheuren Wagemut der Jugend präsentieren. Im Wiener Auktionshaus Dorotheum ist kürzlich für 9375 Euro eine Zierdecke versteigert worden. Sie stammt vom Sterbediwan aus dem Todeszimmer in Sarajevo und zeigt Reste von Blutflecken des Thronfolgers. Blut ist immer gefragt.

Letzter Augusttag. Wieder ein schwerer Mantel aus Feuchtigkeit. Kein Sommer war’s, nur wochenlanges Warten, ob’s Sommer wird. Kein Glühen, kein Flirren. Kein Sommer für wilde Gedichte. Trotzdem blüht es im Garten weiter, nahezu trotzig. Noch trotziger reifen die Kürbisse, liegen knallbunt in der Nässe. Gesprenkelte Bohnen hängen wie lange Kommas in der wirren Schrift des Laubs. Unkraut macht sich klammheimlich breit, der Stechende Gichterling, die Gemeine Rheuminie und allerlei duftlose Arthrosen. Besser nicht hinsehen und schon gar nicht anfassen. Die verschwinden wieder. Das weiß man seit Paracelsus. Und irgendwann sehen wir über uns wieder eine unglaublich makellos blaue Kuppel. Das weiß man seit Adam und Eva.

Ein alter Bahnhof in einer norditalienischen Stadt. Geleise, die kaum mehr befahren werden. Architektonische Großartigkeit, die längst vergessen ist. Eine Biglietteria, die meistens geschlossen ist. Und ein Ristorante, auf das man nur per Zufall stößt. Aber da sitzen sie noch, die Menschen von gestern, an weißgedeckten Tischen, mit einer Manier von gestern: Wer hereinkommt, wird nickend begrüßt. Die Gäste waren mal grösser, als der Bahnhof noch glänzte, inzwischen sind sie geschrumpft, weil alt. Der Abstand vom Kinn zur Tischkante beträgt etwa fünfzehn Zentimeter. »Praktisch«, sagt O. Auch der Kellner ist nicht mehr jung, möchte hinken, tut’s aber nicht. Am Hinterkopf hat er eine kahle, verletzliche Stelle in Lindenblattgrösse. Er bringt uns Pasta für dritte Zähne und ein Lächeln, das für einen ganzen Tag reicht.

Ob Wissenschaftler auch mal träumen von den Mäusen, die sie manipulieren? Wär doch eigentlich mehr als recht. Kürzlich haben sie ins Mäusehirn eine Glasfaser eingesetzt, um Neuronen mit Lichtblitzen an- oder auszuschalten. So lassen sich, sagen die Neurowissenschaftler, schlechte Erinnerungen löschen. Der Mäuse-Hippocampus im Mäusehirn speichert alsdann die Mäuse-Angsterlebnisse nicht weiter. Die Maus muss somit nicht zum Psychiater, um ihre posttraumatischen Belastungsstörungen und Phobien behandeln zu lassen. Sie muss auch keinen Roman verfassen, um ihre Kindheit zu verarbeiten. Und sie gibt die Peitschenschläge, die ihr der Mäusevater mit seinem Schwanz verpasst hat, nicht an ihre vielen Jungen weiter. Erinnerungen-löschen-lassen wird vielleicht mal ein lukratives Business. Man sollte schon jetzt in Glasfasern investieren.

Ich habe ein bisschen Ordnung gemacht bei unseren CDs. Auf einer Schachtel steht in meiner Schrift: Das ist die CD, die lief, als P. im Sterben war. Ich kann mich nicht an die Musik erinnern. Ich weiß noch, wie ich P.s Hand hielt, als sich ihr Atem veränderte. Wie ich ihr sagte: Du darfst loslassen. Wie ich ihr sagte: Flieg auf deinen Lindenbaum. Dass dazu Musik lief, war mir nicht bewusst. Mozart, Klavierkonzerte No. 12, K. 414, No. 13, K. 415, Philharmonia Orchestra, Vladimir Ashkenazy. Ich habe mir die CD nie mehr angehört, achtzehn Jahre lang, und ich werde sie mir auch weiterhin nicht anhören. Nichts gegen Mozart. Nichts gegen Ashkenazy. Er war ein wunderbarer Pianist, ich hab ihn mal in der Tonhalle Zürich erlebt. Auch P. war dabei. P. war meine Mutter. Ich frage mich, wohin sie weitergeflogen ist, damals, vom Lindenbaum aus. 

Die linke Brust ist eine pralle weiße Kugel, die rechte wohl auch, aber verdeckt vom Gewand. Madonna zeigt, was sie hat. Nicht die Sängerin, nein – die Heilige Maria. Sie reicht dem Kind die Brust. Im romanischen Kirchlein von Miglieglia, so um 1500, wurde die weiße Kugel fürs gläubige Volk gemalt und zur Schau gestellt. Da schaut, wie die Milch strömt für unseren Erlöser. Seltsam, eigentlich hätte ich vermutet, Marias Busen sei tabu. Hieß es doch immer, sie sei irgendwie vom Heiligen Geist geschwängert worden und dabei irgendwie Jungfrau geblieben. Und nun tritt sie in dem Kirchlein auf und scheut sich nicht zu zeigen, dass sie Körpersäfte hat wie andere Frauen und eine Brustwarze, die weh tut oder angenehm prickelt, wenn Jesus zu saugen anfängt. Ja, was sagen denn da die Herren in Rom? Bitt für uns?

Das beste Theater ist das Umsonsttheater. Und man hat erst noch den teuersten Platz, nämlich direkt neben, vor oder hinter den Hauptdarstellern. Zum Beispiel im Tram: »Vater hat gesagt, ich soll mir eine Frau suchen«, sagt ein junger Mann zu seinen Kumpels, »aber nur von Rom an aufwärts.« Oder im Laden: »Hoffentlich hab ich dafür noch Platz im Geschirrschrank«, sagt die Kundin zur Frau an der Kasse. »Sonst werfen Sie‘s einfach aus dem Fenster«, sagt diese. Oder im Zug: In Arth-Goldau steigt eine Familie ein. Die Frau sagt nichts. Der Mann sagt nichts. Das Kind sagt nichts. Bis Bellinzona. Oder auf dem Bahnhof: Zwei gehörlose junge Frauen reden lebhaft miteinander. Man versteht sie, wenn sie lachen. Oder in der Spitalkantine: Zwei Männer in weißen Schürzen essen Teigwaren und reden über Probleme beim Leichentransport. »Starr nicht so«, sagt mir O. jeweils in solchen Theatern.

Ein Wind fährt ein, er war nicht angemeldet, spielt dreist mit Büschen, mit Bäumen, rollt durch den Wald, hin, her, legt die Wipfel flach, bläst die Blumenstauden um, zieht sie wieder hoch, mögen die das? Es ist ein warmer Wind, ich stell mich hin und lass mich beflattern, von Luftfingern massieren, beinah fliegen meine Haare davon. Blätter wirbeln wie im Herbst, kein Wind mehr, schon fast ein Sturm, fegt jetzt ums Haus, fegt immer schneller um alle vier Ecken, und das Haus löst sich sanft vom Boden und hebt schwankend ab. Grad im letzten Moment kann ich aufspringen und übers Balkongeländer klettern. Noch nie hab ich so viel Boden unter den Füssen verloren, ein merkwürdig schönes Gefühl ist das. Tief unten seh ich unseren Keller, der ist zurückgeblieben, nun brauch ich den nicht mehr aufzuräumen.

»Sie dürfen hier Platz nehmen«, sagt die Helferin in der Arztpraxis. »Sie dürfen den Ärmel etwas zurückrollen. Ja, sehr schön. Und nun dürfen Sie die Faust machen.« Ich tu, was ich darf, und dann schau ich zu, wie mein Blut ins Röhrchen fließt, ich weiß, dass ich welches hab, und doch ist es immer wieder erstaunlich, wenn da so was Dunkelrotes daherkommt. »Sie dürfen die Faust wieder öffnen«, sagt die Helferin und drückt mir auf den Einstich ein Stückchen Gaze, das ich halten darf. »Sie dürfen mir das wieder geben«, sagt sie und wirft die Gaze in den Eimer. »Sie dürfen dann noch Wasser lassen«, sagt sie. Eigentlich möchte ich lachen, aber ich weiß nicht, ob ich das darf, vielleicht schon, vielleicht darf man hier einfach alles. »Nun dürfen Sie auf die Waage stehen«, sagt sie, »die Schuhe dürfen Sie anbehalten.« Dann darf ich im Wartezimmer wieder Platz nehmen. Ist das Leben nicht herrlich, wenn man so viel darf?

Das Hirn macht gern kleine Sprünge, drum fällt mir bei Google Gogol ein, dessen absurde Erzählung »Die Nase« ich mal gelesen habe, und nun sagt mir Google, dass Gogol eine übermäßig lange, spitze Nase hatte, zudem schlechte Haut, und dass er dünn, klein und krumm gewachsen war. Ein als hässlich bezeichneter Mensch, der mit 43 nicht mehr leben wollte und sich zu Tode hungerte. Weiter sagt Google, wie modern es anmute: das Groteske und Surreale in Gogols Werk. Da fällt mir Lichtenberg ein, der Bucklige, mit seinem glasklaren Witz und seinem listigen Tiefsinn. Vielleicht gibt es ja einmal eine Anthologie: »Die schönsten Texte der unschönsten Autoren«.

Seit 1998 gibt es Google und damit ein neues Zeitalter, das Googelium. Die Lexika des Prägoogeliums sind bereits am Versteinern. Wer heutzutage wissen will, wie Erzherzog Franz Ferdinands Mörder hieß und wie Hitlers Hund und wie viele Wirbel ein Frosch hat und wie viele Perlen ein Rosenkranz und ob Borretsch eine Suppe ist und nichtsdestotrotz  ein Konjunktionaladverb, der googelt. Der Name, heißt es, ist abgeleitet von Googol, das ist eine Eins mit 100 Nullen, was bedeuten soll, dass Google sehr viel beinhaltet, inzwischen weit über 1 Billion URL’s. Was URL’s sind, kann man googeln. Ich google jeden Tag, so wie ich Zähne putze. Gerade eben habe ich Anagramme meines Namens gegoogelt. AKNE  LIGA ist ein schöner Vorschlag, aber weil ich altersmäßig nicht mehr zur Akne-Liga gehöre, bin ich lieber die ALGE  INKA. 

Aus dem Autofenster habe ich ein Bündel gesehen, einen länglichen Haufen mit einem blauen Tuch drüber. Es war ein Samstagmorgen, neun Uhr, unter dem Bündel bewegte sich was, zwei Menschenköpfe waren kurz sichtbar. In der Nacht hatte es geregnet. Die lagen da im Halbschlaf, auf einem Grasstreifen neben der Straße, wahrscheinlich wollten sie am Nachmittag an die Street Parade und konnten sich kein Zimmer leisten. Sie taten mir ein bisschen Leid in ihrem feuchten Nest. Ich fuhr zur Post und vergaß sie. Auf dem Rückweg sah ich das Bündel wieder. Da lagen sie also immer noch, das blaue Tuch bewegte sich leicht. Anscheinend hatten sie es gut, die beiden, gaben sich Wärme und wohl sonst allerlei, und der Rest der Welt war ihnen völlig egal. Aus meinem »ein bisschen Leid« wurde ein bisschen Neid.
Heute früh im Wald: Die Rehe waren wieder da, Mutter mit Kind, rehbraun, wie denn sonst. Beinah hätte ich sie übersehen, so reglos waren sie, blickten zu mir. Wie immer blieb ich stehen, fing an zu sprechen. »Da seid ihr ja wieder, ihr Schönen. Keine Angst, ich bin’s bloß. Guten Morgen. Wie geht’s euch. Schön seid ihr, ihr Schönen. Hallo Mutter, hallo Kind.« Sie blickten zu mir, rührten sich nicht, und ich bewegte nur den Mund, wollte sie keinesfalls erschrecken. Nach ungefähr zehn Beteuerungen, wie schön sie seien, fiel mir nichts mehr ein, was ich ihnen hätte mitteilen können. Zahnarzttermin, Schulreform, Bankenkrise – passte alles irgendwie nicht. Also hob ich den Fuß und lief weiter und kam mir ein bisschen undankbar vor. Da sieht man am Stadtrand von Zürich zwei wunderbare Wesen und lässt sie einfach stehen …
Ja, es war schön in Holland bei den Friesen, ein sehr großer Himmel und darunter alles so aufgeräumt, auch die Stimmung. Die Bäume standen in einer Reihe, die Häuser auch und die Windturbinen, die Maisfelder waren gerade, auch die Kanäle und die Schilfgürtel, die Gänse flogen präzise ihren Keil, die Frietjes waren gleich lang und die Pannenkoeken bündig mit dem Tellerrand. Nichts lag schräg in der Gegend rum, auch der Regen fiel schnurgerade. In dem Augenblick, als ich das dachte, standen sogar die Kühe genau nebeneinander. Nur die Wolken, die waren recht unordentlich.

Flughafen Zürich. Ziehe meinen kleinen Koffer Richtung Ausgang. Es war schön in Holland, aber jetzt nichts wie nach Hause. Wüssten die Katzen wie, würden sie mich vielleicht abholen, die zwei Schwarzen, die Schwanzspitzen aufrecht und leicht zitternd. Nein, nichts zu verzollen. Vor mir geht ein Mann, langer Kerl, in der einen Hand eine Tasche, in der anderen ein rundes buntes Ding. Nun legt er die Hand mit dem Ding auf den Rücken, so dass man es nicht sehen kann, wenn er draußen vor die wartende Menge tritt. Es ist ein Riesenlutscher, fast melonengroß, mit Stiel. Er wird ihn in die Höhe strecken und dann jubelnd umarmt werden – schön, bist du da! Lächelnd wird er die Gigasüßigkeit überreichen, seinem Kind oder seiner Geliebten. Da bin ich wieder, küss mich! Aber niemand eilt auf ihn zu. Er steht da und schaut sich fragend um. Ich blicke zurück, hoffend, dass er nicht mehr allein ist. Aber er steht immer noch da und lässt den Lutscher hängen. Niemand hat ihn abgeholt, nicht mal eine Katze.

Ich eilte in Schiphol, Amsterdams Flughafen, zum Gate, nahm im Augenwinkel ein Wort wahr und blickte kurz zurück. RITUAL hieß das Wort, stand über einem Kosmetikshop, und ich wusste sofort, wo ich es schon einmal gesehen hatte: im Fernsehen, in einem Bericht über den Absturz der Boeing 777 in der Ostukraine. Am 17. Juli war die malaysische Maschine in Amsterdam gestartet und nach drei Stunden in 9100 Meter Höhe auseinandergebrochen. Auf dem Trümmerfeld hatte jemand ein paar Habseligkeiten zu einem Haufen zusammengetragen, unter anderem eine Einkaufstüte mit dem Logo RITUAL, weiß auf schwarz. Was in der Tüte war, hatte mal Schönheit oder Wohlbefinden versprochen, nun machte die kleine Habseligkeit niemanden mehr selig. 298 Menschen tot, darunter 80 Kinder, abgeschossen mit Boden-Luft-Raketen. Ein Flugzeug, das wohl beim Start mit reichlich Freude beladen war.

In Australien gibt es eine Echse namens Shingleback Skink. Wenn Herr und Frau Skink mal Kinder gezeugt haben, bleiben sie ihr Leben lang zusammen. Und das kann zwanzig Jahre dauern. Sogar über den Tod hinaus lassen sie nicht gleich voneinander. Man hat beobachtet, wie ein Skink seinem von einem Auto überrollten Partner tagelang nicht von der Seite wich. Sachte schubste er den Toten immer wieder an. Von so fremd anmutenden Wesen würde man das nicht ohne weiteres vermuten. Ja, auch so was sieht man im Fernsehen, und dann wieder diese Bilder, von Kindern, die im Flugzeug über der Ukraine abstürzten …, die am Strand von Gaza beschossen und getötet werden …, die in Lampedusa aus den Schlepper-Booten taumeln …, die im Kongo mit Gewehren ausgerüstet werden …. Was gibt es da überhaupt noch zu sagen – ach so: Tannzapfenechsen heißen die Skinks auf Deutsch. 

Vor kurzem war es noch so, dass man beim Warten im Bahnhof Stettbach auf Kunst von Gottfried Honegger blickte. Wandreliefs aus emaillierten, dreieckigen Metallplatten in Beinahgrün, Altgelb, Dumpfdunkelrot… Kunst hat Funktion, gilt für die Konkreten, und so sind Reliefs Pfeile, stadteinwärts hinter dem einen Gleis, stadtauswärts hinter dem anderen. Wer den Anblick nicht mag, kann sich nicht einfach umdrehen, er sieht auf der anderen Seite dasselbe. Die unterirdische zugige Haltestelle ist öde, und das Werk des berühmten Künstlers machte sie noch öder, gab ihr die Ausstrahlung einer Abdankungshalle. Soweit mein Geständnis: Ich bin ein Kunstbanause. Aber es kommt noch schlimmer: Auf des Künstlers Tafeln sind nun Graffitis, diese unlesbaren Buchstabenwülste, und – Schande – das ärgert mich nicht, sondern freut mich. Nachts zwischen ein und fünf Uhr müssen sie wie wild gearbeitet haben, die üblen Sprayer, und sie haben’s gut gemacht: farbsicher, konsequent, schon fast mit Stil.

Wenn Fräulein Brun, meine Sechstklasslehrerin, sich aufs vorderste Pult setzte und ihr braunes Kleid kurz anhob, sah man eine erstaunlich lange Unterhose, die ging fast bis zum Knie. Sie ist halt alt, dachte ich. Damals war sie gerade mal vierzig, hat man mir später gesagt. Ja, wissen Sie, wir sind halt jung, sagten die Schüler, denen mein Deutschunterricht nicht passte. Damals war ich gerade mal einundzwanzig, also so uralt nicht. Du tust bald toten, sagte Enkel B. zu mir, als er drei war. Damals war ich gerade mal dreiundsechzig, die Absicht, bald zu toten, hatte ich nicht. Wenn du mal fünfzig bist, sieht Europa vielleicht anders aus, sagte ich zu meinem Sohn. Damals war er gerade mal zwölf und Landkartensammler. Inzwischen ist er fünfzig, Europa sieht ein klein bisschen anders aus und wir auch. Nur die Zeit, die bleibt wie immer, während wir um sie herumrennen.

Die Katz liegt an der heißen Sonne, ist ein schlaffes Lümpchen, liegt da wie tot. Im vollen Licht wirkt ihr schwarzes Fell braun. Katz, sage ich, ich seh dich atmen. Ist das nicht irgendwie erstaunlich, dass du und ich am Leben sind? Grad hier und jetzt? Auf diesem Quadratmeter, auf diesem Ding namens Erde? Die Katz rührt sich nicht. Nasa-Wissenschaftler sind überzeugt, dass wir nicht allein im Universum sind, hörst du, Katz? In den nächsten zwanzig Jahren wollen sie es beweisen, hörst du, Katz? Dann atmen wir beide wahrscheinlich nicht mehr. Deine elf Katzenjahre entsprechen 65 Menschenjahren, heißt es. Bist also ein bisschen jünger als ich, Katz. Jetzt bewegt sich ganz sacht der dünne Pinselschwanz. Dann pinselt die Katz ein paar Wörter in die Luft. So etwas wie: Schon gut, und jetzt lass mich. 

Am Postschalter gibt der Mann vor mir seinen Namen bekannt, ich höre mit. Der Name des Mannes bedeutet: »Kleine Hose auf Schweizerdeutsch«. Obwohl der Name ganz nett klingt, möchte ich nicht so heißen. Von hinten sieht der Mann so ungefähr sechzigjährig aus. Ich frage mich, wie er fünf Dutzend Jahre lang mit seinem Namen zurechtgekommen ist. Spielt der Name überhaupt eine Rolle? Bildet der Name den Menschen mit? Und wenn sich die Leute umtaufen könnten, welche Namen würden sie dann wählen und warum? Würde der Mann vor mir sich eher Füglistaller oder Lavendel nennen wollen? Gut, dass die Pflanzen nichts von ihren Namen wissen. Der Knollige Kälberkropf etwa. Der bringt so oder so jeden Sommer seine weißen holden Dolden zustande. Endlich ist »Kleine Hose auf Schweizerdeutsch« abgefertigt, und ich bin dran. Die Postbeamtin trägt ein Namensschildchen. 

Vor zwei Wochen hatten die Malven erst grüne Knöpfe. Was für eine Farbe darin steckte, war ein Geheimnis. Jetzt sind sie nach und nach aufgegangen und zeigen so verschiedene Rottöne, dass mir die Farbbezeichnungen fehlen. Da gibt es ein Rosa zu benennen, das nur so schwach ist wie ein Anflug von Verlegenheit auf blasser Haut. Oder das Rosa eines Unterrocks aus dem Brockenhaus (hat O. gesagt). Oder das Rosa von Wangen in einem jungen Gesicht. Oder das Rosa von Wein mit Wasser. Oder das Rosa, das gern rot sein möchte. Oder das Rot von Wandersocken. Und das dunklere Rot von Trinkernasen. Und das Rot mit Sauerkirschnote und fruchtig im Abgang. Und da gibt es noch das tiefdunkle Dunkelrot, das schon beinahe schwarz ist. Die schwarze Malve ist die vornehmste von allen, zumindest tut sie so. Hummeln machen einen Knicks, bevor sie bei ihr eintreten.

Ein neuer Pass ist fällig. Biometrisch muss er jetzt sein. Im Kantonalen Passbüro muss ich mich erfassen lassen, muss mich in eine Zelle setzen und tun, was mir die Stimme der Schalterbeamtin durchs Mikrofon sagt. Erst wird ein Foto gemacht. Ich darf es mir auf dem Bildschirm ansehen. Gefällt es Ihnen?, fragt die Stimme. Nein, nicht. So sehen Verbrecherinnen aus. Auf einem Passfoto darf man lächeln, sagt die Stimme. Also lächle ich. So sehen angehende Verbrecherinnen aus. Jetzt sind die Fingerabdrücke dran. Gehorsam drücke ich die beiden Zeigefinger auf die gewünschte Stelle. Das bisschen Lust, die Finger zu kreuzen oder statt der Zeige- die Mittelfinger zu nehmen, ist gleich verflogen. Jetzt muss ich noch die Unterschrift auf einen Bildschirm schreiben. Zufrieden?, fragt die Stimme. Nein nicht. Das sieht aus wie eine Fälschung. Wahrscheinlich wird man mich verhaften, wenn ich aus der Zelle trete. Nein, nicht. Ich darf ohne Fußfessel nach Hause gehen. 

In Mozambik gibt es Sprengstoffratten. Sie haben eine Ausbildung in Tansania hinter sich, mussten lernen, TNT zu erschnuppern, bei Erfolg gab’s Bananenbrei. Eine ausgebildete Ratte trabt dann angeleint in Mozambik über die Felder und scannt das Gelände nach Minen ab. Sie selber ist zu leicht, um eine Mine auszulösen. »Da ist was«, sagt sie einfach mit ihrem kleinen Körper, woraus sich ein Mensch mit Detektor an die entsprechende Stelle begibt, und die Mine wird zur Explosion gebracht. Obwohl der Bürgerkrieg 1992 zu Ende ging, ist das Land noch völlig vermint. Um ein Feld von 10 auf 20 Meter abzusuchen, braucht die Ratte zwanzig Minuten, ein Mensch hingegen – der benötigten Vorsicht wegen – zwei Tage. Es ist beeindruckend, wie gut die Ratten das Suchen von Minen gelernt haben. Fürs Fabrizieren und Verkaufen und Legen von Minen sind sie hingegen viel zu dumm.

Regengott möchte ich nicht sein. Mal soll er regnen lassen, mal nicht. Ja, was jetzt. Schlecht definierte Managementaufgaben werden in der Wirtschaft vermieden. Hatten wir in Europa überhaupt mal so einen richtigen vollprofessionellen Regengott? Soviel ich weiß, war hier das Regnenlassen immer ein Nebenjob, zum Beispiel für Jupiter. Der durfte sich dafür Jupiter Pluvius nennen. Auch Thor war nur zum Teil fürs Regnen zuständig, er musste auch noch blitzen und donnern und sonstwie Eindruck machen. Für die Mayas hingegen war‘s klar: Regengott Chac mit der Rüsselnase sorgte fürs Nass. Aber nur nach ein paar Menschenopfern. So was wäre ja dann übertrieben, nur weil meine paar Kohlrabi, Sellerie, Bohnen und Kürbisse ersaufen. Das muss ich einfach erdulden. Die von der Meteorologischen Zentralanstalt nehmen keine Gebete entgegen, die lassen sich nicht schmieren. Und so giesst es halt weiter, und die Schnecken lachen sich ins schleimige Fäustchen.

Ich hab mal einen Juli gekannt. Julius hieß er wohl. Wir waren im selben Ferienlager. Er hatte Sommersprossen und rötliches Haar, so Buben gab’s später in Kinderbüchern, die sich um Lustigkeit bemühten. Der Juli war nicht lustig. Er war der schnellste an den senkrechten Kletterstangen. Er ging auf Stelzen rückwärts die Treppe runter. Er lief ins Freie, wenn’s gewitterte. Die Kapuze der schwarzen Pelerine zog er nie über den Kopf, auch wenn der Regen schnurdick fiel, dort hinterm Pilatus. Er tat alles mit ernstem Gesicht. Dass ich im Juli an Juli denke, ist Zufall. Schon lange hab ich nicht mehr an sein ernstes Gesicht gedacht. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich wissen möchte, ob der Juli auch mit ernstem Gesicht einen Schulabschluss feierte, eine Frau verführte, ein Kind zeugte, einen Pokal entgegennahm oder einen jungen Hund begrüßte. Oder ob er es fertigbrachte, ohne zu lachen alt zu werden. 

Seit den Neunzigern bin ich ein anderer Mensch. Damals hat sich in mir – vermutlich in der Hypophysenloge an der Schädelbasis – ein neues Organ entwickelt: die Interphyse. Sie ist inzwischen voll ausgewachsen und ein zentrales Steuerorgan geworden, das mich ans Internet koppelt. Das heißt: Ich kann nicht mehr ohne Internet. Wird die Internet- Konzentration im Blut unterschritten, schüttet die Interphyse sofort W-W-W-Signale aus, und ich setze mich umgehend an den Computer, um mich neu zu regulieren. Das funktioniert bestens. Manchmal allerdings überfallen mich Ängste, wenn ich mir die Abgründe des Webs vorzustellen versuche, dieses unermessliche und heimtückische Netz, in dem jeder Pixel für immer hängen bleibt. Und doch lasse ich in ein paar Tagen meine frisch erstellte Website in das dunkle Universum fliegen. Die Interphyse ist schuld. 

Worüber ich dankbar bin:

ŸDass das Aufplatzen der Knospen nicht mit einem hörbaren Knall verbunden ist und ich somit ohne Dauergeknatter in meinem Märzgarten sitzen kann.

ŸDass ich von dem, was ich in der Morgenzeitung gelesen habe, am Mittag schon den größten Teil vergessen habe.

ŸDass ich mir im Schlaf nicht  krampfhaft meine Träume merken muss, weil ich beim zum Frühstück nicht darüber abgefragt werde.

ŸDass meine Gedanken keinen QR Code haben, den andere mit ihren Handys lesen können.

ŸDass ich jederzeit mit diesen Eintragungen aufhören kann, ohne dass ich über mich motzen muss.

Worüber ich dankbar bin:

Dass das Aufplatzen der Knospen nicht mit einem hörbaren Knall verbunden ist und ich somit ohne Dauergeknatter in meinem Märzgarten sitzen kann.

Dass ich von dem, was ich in der Morgenzeitung gelesen habe, am Mittag schon den größten Teil vergessen habe.

Dass ich mir im Schlaf nicht krampfhaft meine Träume merken muss, weil ich beim Frühstück nicht darüber abgefragt werde.

Dass meine Gedanken keinen QR Code haben, den andere mit ihren Handys lesen können.

Dass ich jederzeit mit diesen Eintragungen aufhören kann, ohne dass ich über mich motzen muss.

Rund um Tschernobyl, hab ich gelesen, kann das Totholz fast nicht zerfallen. Es gibt keine Totholzfresser mehr. Die sind wohl umgekommen im Katastrophengift. Alles zerfällt viel langsamer als anderswo. Die Laubdecke wird dicker und dicker. Jetzt fehlen dem Boden die Nährstoffe, die ihm sonst durch die Zersetzung organischen Materials zugefügt werden. Und noch was hab ich gelesen: Es gibt Leichen auf unseren Friedhöfen, die nicht verwesen wollen. Es heißt, die seien zu sehr mit Antibiotika und anderen Medikamenten angereichert. Was machen wir denn da. Die Vorstellung, dass alles Tote für ewig liegen bleibt, ist nicht schön. Wenn sich Vergangenes nicht mehr verdrängen ließe vom Kommenden – nicht nur im Totenacker oder in Katastrophenerde, sondern generell –, wäre das das Ende von Leben. Durchs Fenster blicke ich auf den Baum in Nachbars Garten. Es ist ein Efeubaum, die Esche darunter ist nicht mehr zu erkennen. Im Efeu fliegen Tauben ein und aus und bauen ein Nest. 

In einem Text blockiert sein entspricht etwa dem Stillstand auf einer Wanderung. Der kann folgende Gründe haben: Ich bin zu einem Wegweiser gekommen und weiß nicht, welchem Pfeil ich folgen soll, dem langen oder dem kurzen Weg zum Ziel.

Oder ich bin zu einem Wegweiser gekommen, und mein Ziel ist gar nicht angegeben. Oder ich liege vor dem Wegweiser am Boden und kann nicht mehr. Oder ich bin so unkonzentriert, dass ich meinen Rucksack in die Tiefe rollen lasse, und  mein Vorrat ist weg. Oder es gefällt mir hier nicht, ich weiß nicht,  soll ich überhaupt weitergehen. Oder ich merke, dass ich schon mal da war, und somit war der Aufstieg umsonst. Oder ein Unwetter kommt auf mich zu und sagt: Lass das Wandern besser sein.  Und das Schreiben auch.

In einem Text blockiert sein entspricht etwa dem Stillstand auf einer Wanderung. Der kann folgende Gründe haben: Ich bin zu einem Wegweiser gekommen und weiß nicht, welchem Pfeil ich folgen soll, dem langen oder dem kurzen Weg zum Ziel. Oder ich bin zu einem Wegweiser gekommen, und mein Ziel ist gar nicht angegeben. Oder ich liege vor dem Wegweiser am Boden und kann nicht mehr. Oder ich bin so unkonzentriert, dass ich meinen Rucksack in die Tiefe rollen lasse, und mein Vorrat ist weg. Oder es gefällt mir hier nicht, ich weiß nicht, soll ich überhaupt weitergehen. Oder ich merke, dass ich schon mal da war, und somit war der Aufstieg umsonst. Oder ein Unwetter kommt auf mich zu und sagt: Lass das Wandern besser sein. Und das Schreiben auch.

Drei Jungen im Bus. Zwischen Geräuschen verstehe ich einzelne Sätze. »Nimmst du Ritalin?« geräuschäuschäusch. »Das wirkt nur dreieinhalb Stunden.« geräuschäuschäusch. »Wollen wir wetten?« geräuschäuschäusch.

»Das andere Mittel ist stärker.« geräuschäuschäusch. »Die mit Tourette sind behindert.« geräuschäuschäusch. »Wollen wir wetten?« geräuschäuschäusch. »Die wirken nicht behindert, aber sie sind es.« geräuschäuschäusch. »Hundert Prozent pro. Aber voll behindert im Fall«. geräuschäuschäusch. »Der ist ein Mongo.« geräuschäuschäusch. »Schau ihn doch an. Voll ein Mongo.« geräuschäuschäusch. »Ich weiß es. Ich bin gescheiter als du.« geräuschäuschäusch. »Also nimmst du jetzt Ritalin oder nicht?« Haltestelle, aussteigen.

Drei Jungen im Bus. Zwischen Geräuschen verstehe ich einzelne Sätze. »Nimmst du Ritalin?« geräuschäuschäusch. »Das wirkt nur dreieinhalb Stunden.« geräuschäuschäusch. »Wollen wir wetten?« geräuschäuschäusch. »Das andere Mittel ist stärker.« geräuschäuschäusch. »Die mit Tourette sind behindert.« geräuschäuschäusch. »Wollen wir wetten?« geräuschäuschäusch. »Die wirken nicht behindert, aber sie sind es.« geräuschäuschäusch. »Hundert Prozent pro. Aber voll behindert im Fall«. Geräuschäuschäusch. »Der ist ein Mongo.« geräuschäuschäusch. »Schau ihn doch an. Voll ein Mongo.« geräuschäuschäusch. »Ich weiß es. Ich bin gescheiter als du.« geräuschäuschäusch. »Also nimmst du jetzt Ritalin oder nicht?« Haltestelle, aussteigen.

Dass Champagner beim Öffnen der Flasche an die Decke spritzt, kann ich noch irgendwie nachvollziehen. Aber dann hört mein Physik-Verständnis auf. Physiker, die den Weltraum erklären können, sind für mich außerirdische Wesen. Jetzt haben die doch am Südpol Signale von der Geburt des Universums aufgespürt, und zwar von den Sekundenbruchteilen nach dem Urknall. In jenen Bruchteilen einer Sekunde soll sich das All giga-gewaltig aufgebläht haben. Für Leute wie mich veranschaulichen die Physiker das so: Etwas von der Größe eines DNA-Moleküls hätte auf einen Schlag die Größe einer Milchstraße. Und den Nachhall jenes gewaltigen Big Bangs hatte man jetzt also gemessen: Schockwellen aus der Zeit von 14 Milliarden Jahren vor Angelika Waldis. Wenn die Männer vom Teleskop Bicep2 den Nobelpreis erhalten, werden sie vielleicht eine Flasche Champagner aufmachen.

Ich liege im Bett und studiere. Wie hat der schon wieder geheißen. Hing dort an jeder Wand fast wie Atatürk. Manchmal hilft es, wenn man das Alphabet durchgeht: Fing der Name mit A oder B oder C an? Mit D oder E oder F?

Seine Frau hieß Annemarie. Nein Marianne. Nein auch nicht, aber was mit M. Ging ja dann mit ins Exil. Und er hatte immer so mittelblaue Anzüge an. Und dieses Lächeln auf. Mit G oder H? Mir fällt einfach nur Ulbricht ein. Aber ich will den Blauen, den Nachfolger. Wie hat der schon wieder geheißen. War ja ein furchtbarer Mensch. Ist eigentlich gut, ihn zu vergessen. Ha…He…Hi…Ho… Honnegger. Stimmt irgendwie nicht ganz. Honnecker. Oder Honecker. Das ist es. Und sie heißt Margot Honecker. Lebt noch irgendwo in Südamerika. Aber wie hieß er mit Vornamen? Mit A oder B oder C? Eigentlich ist mir das ja so was von egal.

Ich liege im Bett und studiere. Wie hat der schon wieder geheißen. Hing dort an jeder Wand fast wie Atatürk. Manchmal hilft es, wenn man das Alphabet durchgeht: Fing der Name mit A oder B oder C an? Mit D oder E oder F? Seine Frau hieß Annemarie. Nein Marianne. Nein auch nicht, aber was mit M. Ging ja dann mit ins Exil. Und er hatte immer so mittelblaue Anzüge an. Und dieses Lächeln auf. Mit G oder H? Mir fällt einfach nur Ulbricht ein. Aber ich will den Blauen, den Nachfolger. Wie hat der schon wieder geheißen. War ja ein furchtbarer Mensch. Ist eigentlich gut, ihn zu vergessen. Ha…He… Hi… Ho… Honnegger. Stimmt irgendwie nicht ganz. Honnecker. Oder Honecker. Das ist es. Und sie heißt Margot Honecker. Lebt noch irgendwo in Südamerika. Aber wie hieß er mit Vornamen? Mit A oder B oder C? Eigentlich ist mir das ja so was von egal.

Frau I. erzählt, sie sei am Räumen. Ihre Generation tue sich schwer mit Wegwerfen. Frau I. ist so gegen achtzig. In diesen Tagen hat sie die Küche geräumt, hat Gewürze weggeworfen. Früher hatte sie große Einladungen mit vielen Gewürzen. Tempi passati, sagt Frau I. Sie hat auch ein Glas mit einer Zucker-Zimt-Mischung gefunden. Als ihr Bub klein war, mochte er am liebsten Bießgrei. Dass sie es so gesagt hat, hat sie nicht gemerkt. Und dazu wollte der Bub Zucker und Zimt, welche er selber mischte und lange daran arbeitete, bis das Verhältnis genau stimmte. Heute ist der Bub zweiundfünfzig und Direktor einer Bank. Ich glaube, es hat Frau I. geschmerzt, die Zucker-Zimt-Mischung wegzuwerfen.

Die Katz ist irritiert. Ich sitze neben ihr am Fenster, sie schaut den Vögeln nach. Es ist viel los in der Luft, Frühlingsanfang. Die Vögel steigen und sinken. Wie Börsenkurse. Die Katz zittert leicht. Die Vögel machen sich an den Nistkästen zu schaffen, Hausbesichtigung. Na ja, zu groß, zu dunkel, zu lärmig, zu viel fließendes Wasser oder zu viele Kakerlaken. Eine Meise fliegt vorbei, den Schnabel übervoll mit Nistzeug. Das entspricht einem Ikea-Fahrzeug voll mit noch nicht zusammengesetztem Bett, Kissen, Pfulmen, Bettwäsche. Die Kinder sollen‘s weich und schön haben. Warum sagt man: Hast du ne Meise? Ich habe mehr als eine. Ist das schlecht? Die Rotbrust ist besonders hübsch, ist die Blondine unter den Gartenvögeln. Vielleicht machen die Rotbrustwitze. Ach wenn man alles wüsste.

Die Krim gehört jetzt zu Russland. Dem Mutigen gehört die Welt. Wem wird das Öl an den Polen gehören. Die Frau gehört nicht mehr in die Küche. Die Schweiz weiß nicht, was sich gehört. Klippschliefer und Elefant gehören zur Überordnung der Paenungulata. Bärlauch gehört nicht an einen Pesto. Kinder gehören ins Bett. Die Falkland Inseln gehören zu England, seltsam, Grönland gehört zu Dänemark, nicht umgekehrt. Die Nonne gehört Gott. Gott gehört allen. Mein Bauch gehört mir. Hörbar furzen gehört sich nicht. Ein Mord gehört bestraft. Zum Geburtstag gehört eine Torte. Der Hund gehört nicht ins Bett. Die Krim gehört jetzt zu Russland.

Ach, dass die innre Schöpfungskraft

Durch meinen Sinn erschölle!

Dass eine Bildung voller Saft

Aus meinen Fingern quölle!

Das schreibt Goethe in »Künstlers Abendlied«. Der Konjunktiv II zur Kennzeichnung findet sich nicht nur in ausgebauten Konditionalgefügen mit Haupt- und Nebensatz; er kommt auch in unabhängigen Sätzen vor. Steht so in »Duden – richtiges Deutsch«. Deutsch zu lernen, ach, wie mir das stänke und mich anschisse, wie mein Zorn schwölle und mein Frohmut schwände, weil ich meinen Geist vergeblich mölke und mich belüde mit Scham und mich unter Schande begrübe, während ein Lehrer unermüdlich auf mich eindrösche. Ach, wenn ich dann doch noch alles kapöre, wie ich vor Stolz tröffe und für die Schönheit der deutschen Sprache würbe. Ist goethe eigentlich der Konjunktiv II von gehen?

Ich habe für mein neues Buch wie geplant 26 Kapitel abgeschlossen, und ich weiß schon, wie ich diese Kapitel zusätzlich verknüpfen möchte. Aber erst kommt jetzt die Phase des Wiederlesens, ich muss mir einerseits das weitere Baumaterial aus den Kapiteln fischen und anderseits ändern, was fehlerhaft, fade, unschön, kraftlos und unlogisch ist. Ein bisschen Angst macht mir dieses Lesen des Texts, den ich vor fast zwei Jahren angefangen habe. War es ein Fehler, diesen Text anzufangen? War ich damals ein anderer Mensch? Einer, der besser oder schlechter schrieb? Gefällt mir heute, was ich damals erfunden habe? Mag ich die Figuren noch? Muss ich mich selber mit Schimpf und Schande vom Schreibtisch jagen? »Irgendwann nimmt er sich das Leben«. So fängt der Text an. Könnte schlechter sein, der Anfang. Na ja, dann wollen wir mal.

Wie wir wohl wären, wenn wir nicht träumten. Wahrscheinlich gingen wir bald zugrunde, wenn wir nicht regelmäßig entladen könnten, was sich über die Tage angesammelt hat. Eine faszinierende Gegenwelt oder Unterwelt, diese Träumerei. Trotzdem mag ich nicht wissen, was andere Leute träumen. In Büchern überfliege ich Träume sofort, und wenn sie noch so farbig geschildert sind. Denn ein fremder Traum bringt mir nichts. Eine Ausnahme ist Hieronymus Bosch. Woher nimmt der Mann seine beklemmenden und belustigenden Bilder, diese schön-scheußlichen Szenen? Immer wieder mag ich in seine unwirklichen Realitäten tauchen. Er hat Himmel und Hölle in einen Topf geworfen und dann sorgfältig umgerührt. In meinem letzten Traum lag eine Katze langgestreckt wie ein Mensch neben mir im Bett, dann kam ebenso lang ein Hund dazu, und auf gleiche Art legte sich noch ein Reh neben den Hund. Als wir zu viert da lagen, rief ich O., er solle kommen und sich das anschauen. Mit diesem Ruf weckte ich mich. Jetzt hab ich auch einen Traum erzählt, Entschuldigung.

Gestern hat der große Enkel beim Basketballspiel den kleinen Finger ausgerenkt und einen Nachmittag im Spital verbracht. Am Abend zeigt er das Röntgenbild: Eines der drei Fingerglieder ist völlig verschoben, steht so erbärmlich da wie ein geplagter Außenseiter. Leichtes Schaudern. Was alles in unserem Innern lässt sich so verschieben … Was alles nebst dem Skelett kann irgendwie auseinanderdriften und nicht mehr funktionieren … Alles. Einfach alles. Wir sind ein Haufen von täglichen Kleinwundern. Wir sind ein Sack voller sich permanent wiederholender Mirakel. Wir können nichts dafür, wenn‘s klappt. Wir können nichts dafür, wenn’s nicht klappt. Wir sind ein Riesenbeutel voller Geheimnisse. Ich will nicht in den Beutel gucken. Will weder meine alten Fingerknochen noch mein altes Hirn sehen. Will bloß keinen Aufruhr im Beutel. Danke.

Heute habe ich in einem Küchenschränkchen ganz zuhinterst vergeblich nach einer bestimmten Schale gesucht und habe stattdessen einen Schoppen gefunden. Einen was bitte?, kann man sich in Mecklenburg-Vorpommern fragen. Aber das ist mir jetzt egal. Ich habe nicht eine Trinkflasche gefunden, sondern einen Schoppen, nämlich den, nach welchem der kleine Enkel verlangte, wenn er traurig oder aufgeregt war. Wetsch en Schoppe? Einmal nicken – und die Großmutter rannte. Einmal saugen – und die Welt war wieder im Lot. Inzwischen spielt der kleine Enkel Fußball, löst Dreisatzrechnungen, lernt Französisch und wird immer schlagfertiger. Aber wenn er mal nachdenklich aus der Schule kommt und mich merkwürdig still grüßt, würde ich gerne ein paar Jahre aus dem Fenster werfen und fragen: Wetsch en Schoppe? Damit er nicken und ich rennen könnte. Damit die Welt umgehend ins Lot käme. Damit die bösen Geister verschwänden: der Neid, der Ehrgeiz, die Angst, die Scham, die Schuld …

Sie waren am gleichen Tag in der gleichen Zeitung, aber auf verschiedenen Seiten: der Bericht über das gelockerte Waffenexportverbot und das Bild vom verletzten Mädchen. Es heißt Dania Kilsi, ist Syrierin, elf Jahre alt, liegt. Die Augen sind dunkel, und dunkel ist das Blut, das ihm aus dem Mund läuft. Der Kapuzenpulli ist blutverspritzt. Jemand (zwei Hände, mager) hält seinen Kopf. Wir werden nicht erfahren, ob Dania Kilsi überlebt hat. Aber wir erfahren, dass der Nationalrat das Waffenexportverbot gelockert hat, das heißt: nun werden zum Bespiel auch nach Saudiarabien Waffen geliefert – beste Schweizer Präzisionsware – und die schicken die dann weiter zum Beispiel nach Syrien, wo auf Kinder wie Dania Kilsi geschossen wird. »Es wäre naiv zu glauben«, sagen die klugen Politiker, »ohne Schweizer Waffen gebe es keine Konflikte in der Welt. Wenn wir nicht liefern, liefern andere.« Was für eine tödliche Logik.

S. hat eine Freundin, die Freundin hat eine Schwester, die Schwester hat eine Familie, und das ist die traurige Geschichte, die mir S. erzählt hat: Vier Kinder gehören zur Familie, das jüngste ist krebskrank. Sie tun alles, was man tun kann, und das kranke Büblein lässt alles über sich ergehen, Operationen, Therapien. Es ist sieben Jahre alt, als es ihm so schlecht geht, dass die Ärzte sagen, jetzt kommt das Ende. Die Eltern rufen die anderen Kinder aus den Ferienlagern zurück. Der älteste, vierzehn, will nichts vom Tod hören, sagt, er komme nicht. Wider alle Voraussagen wird das Büblein zuhause plötzlich putzmunter. Schon einmal war das so, schon einmal gab’s Fehlalarm. »Ich will heut Nacht bei euch schlafen«, sagt das Büblein fröhlich, geht noch schnell auf die Toilette, kuschelt sich dann ins Bett und räkelt sich zufrieden, Mutter links, Vater rechts. Nachts merken sie, dass es tot ist. Sie bleiben bei ihm bis zum Morgen. Dann wecken sie die Geschwister.

War soeben im Wald, auf dem Pfad, den wir Philosophenweg nennen. Hier trifft man kaum jemanden an, höchstens ein Reh oder einen abgehauenen Hund. Aber heute kam mir eine Frau entgegen, und sie redete, redete in ein Telefon. Einen Fetzen davon bekam ich mit. »Ja«, sagte sie, »das wäre echt gut.« Pause. »Du und wer?« Pause. »Wisst ihr schon, wann?« Pause. »Im Ernst?« Dann waren wir aneinander vorbei. Ich habe dann im Weitergehen das Gespräch ergänzt und zu Ende geführt: »Wozu haben wir die Bombe? Wir sollten endlich ein Zeichen setzen.« »Ja, das wäre echt gut.« »Gestern haben wir beschlossen loszulegen. Jetzt sind wir zu dritt.« »Du und wer?« »Ich und Kurt und der Duweißtschon.« »Wisst ihr schon, wann?« »Heute Nacht.« »Im Ernst?«

Ich darf morgen die Tagesschau nicht verpassen.

Ich schaue mir am Bildschirm die Klassenfotos meines wunderschönen Enkels an. Jedes Kind kann ich einzeln anklicken. Knaben, Mädchen, so um die elf Jahre alt. Sie lachen, lächeln in die Kamera. Wenige sind ernst. Den meisten sieht man an, wie sie später mal aussehen. Oberschwester, Motorradmechaniker, Coiffeuse und Verwaltungsratspräsident sind bereits zu erahnen. In sechs, sieben Jahren werden sie sich mit dem auseinandersetzen, was den bedrohlichen Namen Geschlechtsverkehr hat. Werden mit Hass, Liebe, Neid, Eifersucht, Missgunst und allem, was Shakespeare schon thematisiert hat, in Berührung kommen. Werden übergangen oder gemobbt oder verachtet, werden erleben, dass aus dem Hinterhalt der Tod auftaucht. Diese blondgezopften und dunkelgelockten und großäugigen und rotbackigen Kinder. Man müsste ihnen ein Mindestgewicht Glück garantieren können. Ach Kinder. Was für eine Schmach. Das Leben ist schuld. Und mein Enkel ist von allen der schönste.

Gestern fuhr ich in der Stadt. Als ich in den Bus einsteigen wollte, fiel mir ein, dass ich mein Handy nicht mit dabeihatte. Ich erschrak richtig. Es muss wohl so ein ähnliches Gefühl sein, wenn ein Einbeiniger sein Ersatzbein nicht mit dabei hat. Dann erschrak ich gleich noch einmal über meinen Schreck. Denn der bedeutete wohl, dass ich abhängig war! Süchtig! Nicht ohne mein Handy in die Stadt fahren konnte! Ich, eine – wie ich meinte – einigermaßen souveräne Alte. Nun, ich stieg dann trotzdem in den Bus. Was sollte ich jetzt. Hatte nichts zu lesen, nichts zu surfen. Also fing ich an, Handys zu zählen. Bis zur Haltestelle Rennweg waren es fünfundvierzig. Dort gab ich auf. Denn die Handys waren überall. Die Leute trugen sie so sorgsam in der Hand wie eingefangene Vögel. Hielten sie ans Ohr, um zu lauschen, ob die Vögel noch atmeten. Ich beschloss, auf dem Nachhauseweg etwas anderes zu zählen, Kleinkinder oder Hunde, das gab weniger zu tun. Aber ich zählte dann überhaupt nichts mehr, sondern sah aus dem Fenster, sah, wie die abendliche Stadt vorbeiglitt, und fand’s schön.

Der große Enkel steht in der Küche und will Mehl haben, damit füllt er Ballone, das gibt angenehm Wurfgeschosse. Der kleine Enkel kommt in die Küche und fängt auch an, Ballone zu stopfen. Das Mehl stäubt. S. kommt in die Küche, packt die Einkäufe aus und sagt, sie wolle heute Abend alle bekochen. O. kommt in die Küche und sagt, er werde helfen und fängt an mitten zwischen Tüten und Päckchen Zwiebeln zu schneiden. S. sucht im Küchenschrank nach Curry. A. kommt in die Küche und versucht, die Reste des Mittagessens zu beseitigen. Jeder Küchenquadratmeter ist belegt. Ein Mehlgeschoss platzt auf den Boden. A. fällt ein, was sie am Morgen in der Zeitung gelesen hat: 6500 Tonnen Raumfahrtschrott kreisen um die Erde, murmelgroß, orangengroß und ganz groß. Aus der Pfanne fängt es an zu duften, nach Zitronengras, Kokosmilch, Peperoncinis. Der Duft beansprucht jedoch keinen Platz. Zum Schluss ist die Küche ein Chaos, und das Herz ist aufgeräumt.

Mich wundert, und so geht es sicher auch anderen, jungen oder alten, wie lange man ganz unauffällig und ohne große Anstrengung, da oder dort, jetzt oder später, einfach so und auf Zusehen hin und ganz spontan, sei es in wichtigen Belangen oder zu ganz Nebensächlichem, aber bar jeder Lächerlichkeit und auch unabhängig von der eigenen Stimmung oder von den Launen der anderen, wer immer die auch sein mögen – das wechselt ja von Situation zu Situation – wie lange man also in einem lockeren Gespräch, also mündlich, oder in einem strukturierten Text, also schriftlich, Wörter und Sätze von sich geben kann, ungeachtet der Sprache, sondern einfach im simplen Aneinanderreihen von Silben, russischen oder hawaiianischen, nichts sagen kann. Nichts. Hab's auf 628 Zeichen gebracht.

Shake, tremble, shiver, trembler, tremolare, titremek. Zitteraal, Zittergras, Zitterrochen, Zitterpappel, Zittermensch. Ich bin ein Zittermensch. Habe immer gezittert. Schon mit fünfzehn in der Klavierstunde. Hatte nicht geübt, die Lehrerin saß im Rollstuhl und konnte nicht davonlaufen. Und schon war mein Zittern da. Es kam, wenn ich aufgeregt war, vor Glück oder vor Angst. Sonst ließ es mich in Ruhe. Ein Knäuel Glasfasern leicht vibrierend irgendwo in mir, der sich blitzschnell auseinanderfalten und tausend Funken in die Hände jagen konnte. Ein Zittermensch bin ich, elektrisch geladen, nur leicht, aber immer unter Spannung, immer gefasst auf die Funken, auch beim Aufwachen, nie vollschlapp. Lästig ist das. Verstecken möchte ich die Hände. Na ja, vielleicht hat das Geladensein auch sein Gutes: Ich bin fast immer auf Empfang.

Ich saß in Tram neben einem kleinen Somalimädchen, so sechs Jahre alt war sie. Ihr Vater und Bruder standen daneben. Sie griff sich einen Prospekt aus der Sitzspalte und fing an zu blättern. Kühlschränke, Kühltruhen, Waschmaschinen … Sie zeigte mit ihrem kleinen Zeigefinger mal auf dieses, auf jenes. Den Prospekt hielt sie verkehrtrum. Alles stand auf dem Kopf. Die Bilder, die Preise, die Ausrufezeichen. Ich nahm ihr den Prospekt aus den Händen, drehte ihn um, legte ihn wieder vor sie hin. Sie schaute mich misstrauisch an. Dann erkannte sie im Prospekt ein Bügelbrett, es stand genau richtig da! Sie lächelte mich an. Es war ein schönes Lächeln. Ihr kleiner Finger zeigte wie wild auf Staubsauger, Kaffeemaschinen, Haartrockner. Dann musste ich aussteigen.

In einigen Gemeinden dürfen die Kinder an der Fasnacht verkleidet in die Schule kommen. Das ist schön. Sie dürfen als Hexe oder Zauberer daherkommen, aber nicht als Räuber oder Ritter. Das ist dumm. Spielzeugwaffen sind nicht erlaubt, weder Plastikschwert noch Käpslipistole. Das ist verlogen. Die Kinder sollen sich nicht mit Gewaltvorstellungen beschmutzen können. Das ist naiv. Wenn an der Fasnacht die Plastikpistolen verboten werden, müssen auch die Bananen verboten werden. Denn jedes Kind kann mit einer Banane in der Hand auf jemanden zielen und – piff paff – ist der Jemand tot. Und was machen wir Großen? Genießen im Fernsehen gespielte Gewalt, prämieren Schauspieler, die filmisch am besten töten. Profitieren von Waffenexporten oder tun so, als wüssten wir von nichts. Ich mag die Katz unter anderem, weil sie nicht heucheln kann. Das kann nur der Mensch. Nach drei bis vier Jahren weiß er bereits, wie das geht.

Die erste Amsel. Das Masseneinwanderungsverbot vom Volk angenommen. Der Blutdruck normal. Gemetzel an Muslimen in der Zentralafrikanischen Republik. Im Garten der letztjährige Rucola noch frisch. Die Katz schon mehr als zehn Jahre alt. In Zürich erste Messe für schwule Bräute und Bräutigame. Föhnsturm fürs Wochenende angesagt. Candidatus Liberibacter wütet auf Zitrusplantagen. In der Zeitung sucht ein Mann eine Frau, Haarfarbe egal. Heute früh im Wald ein Reh, liegend, kauend. In der Zeitung sucht eine Frau mit Cellulite einen Mann, Typ Förster. In Syrien werden Kinder gefoltert. Auf der Einkaufsliste: Nagelfeilen, Rindsragout, Zitronen, Kürbiskerne. Wenn man einen Traum aufschreiben will, ist er weg. Die Katz träumt auch. Sind in einem Monat draußen: Die Krokusse oder Kroken oder Kroki oder Kroküsser oder Krokanten. Die Sprache blüht auch im Winter.

Ich will kein Kind, sagt der eine. Ich auch nicht, sagt der andere. Sie sind um die achtzehn, haben Schnäuzchen, haben Kapuzen, eine blau, eine schwarz. Sie gehen wie ich über die Bahnhofbrücke. Ich mache schnelle Schritte, um auf ihrer Höhe zu bleiben. Ich will hören, was sie sonst noch sagen, die beiden, die beide kein Kind wollen. Ich hätte huere gern ein Kind, sagt der Blaue, huere gern. Ich auch, sagt der Schwarze. Aber ich will’s dem Kind nicht zumuten, sagt er Blaue. Der Schwarze sagt nichts mehr. Nach ein paar Schritten sagt er, ich war noch nie im Leben in diesem Coop dort. Alles ist einmal das erste Mal, sagt der Blaue. Darauf fängt der Schwarze an zu rennen, auf den Coop zu, und der Blaue rennt ihm nach. Der Blaue ist zuerst dort.

Der Bus sauste, das Tram flitzte, viel zu früh war ich am Bleicherweg, schlug Zeit tot in drei Läden, vielleicht liegt sie immer noch dort, unter den Ladentischen. Aber jetzt gehst du besser, dachte ich, besser, du bist ein bisschen zu früh dort. Meine Beine sausten, der Lift flitzte, viel zu früh war ich in der Arztpraxis, schlug die Zeit tot mit drei Zeitschriften, vielleicht liegt sie immer noch dort, unter den Ledersesseln. Erst kam die schwangere Frau dran, dann das schweigende Paar, dann die Frau mit der geschwollenen Tasche, dann die Frau mit dem Lächeln, dann war ich allein. Immer, wenn ich auf die Uhr sah, waren höchsten drei bis vier Minuten vorbei. Der Arzt war schon viel zu lange mit der lächelnden Frau beschäftigt .Vielleicht war sie ihm auf der Untersuchungsliege weggestorben. Oder vielleicht ließ er mich warten, weil er nicht wusste, wie er mir die schlechte Nachricht beibringen sollte. Ich wurde immer steifer. Dann kam ich dran und die Nachricht war gut und das Leben ging weiter. Ging fröhlichen Schritts neben mir nach Hause.

Es hat nicht geregnet, die Buchhandlung war voll, der Hals in Ordnung, die Lesung glückte, aber nicht die Fragestunde hinterher. Einzige Frage nach längerem Warten: Ist das autobiografisch? Nein, ist es nicht. Ich stotterte ein bisschen was aus meinem Leben. Hätte ja auch einfach sagen können, dass man, um einen Mord zu beschreiben, nicht selber einen begangen haben muss. Die Zuhörenden: alle freundlich. Ich weiß nicht, ob und wie zufrieden sie nun nach Hause gingen. Eine stille Freude waren die beiden Buchhändler, beide lange, dünne Menschen, deren Gesichter mir gleich sagten, was sie dachten oder empfanden, nämlich – wahrscheinlich – dasselbe wie ich. Es genügte, Worte zu wechseln, es brauchten nicht ganze Sätze zu sein. Das war ein Vergnügen.

Heute Abend in einer Buchhandlung in Basel-Binningen eine Lesung. Nichts Neues. Schon oft gemacht. Trotzdem Fragen: Wird’s regnen, werden meine Haare nass, die doch schön sein sollen? Ziehe ich die schwarzen Schuhe an, die schöner wären, oder die braunen, die bequemer wären? Muss ich noch die Nägel feilen? Wie lange habe ich in Basel Zeit vom Zug zum Tram, und wo fährt dieses ab? Was, wenn ich den Zug verpasse, wann fährt der nächste, und wie viel zu spät werde ich sein? Was, wenn nur eine Handvoll Leute kommen, soll mir das egal sein? Um wieviel Uhr muss ich die Tablette nehmen, um rechtzeitig nicht zu zittern? Was, wenn der gerötete Hals bis am Abend noch schlimmer wird? Was, wenn mir mein Text nicht mehr gefällt? Vorgestern tat er’s noch. Aber man weiß ja nie. Egal. Eine Lesung. Nichts Neues. Schon oft gemacht.

Ich war zu früh im Spital, es hieß, ich müsse ein halbe Stunde warten, also ging ich spazieren. Wenige Schritte vom Spital entfernt sah ich eine Mauer mit Portal und dahinter einen großen Park, wie schön. Dann sah ich die Grabsteine. Der Park ist ein Friedhof namens Enzenbühl, ein weiter, baumbestandener Hang. Wer im Spital Hirslanden stirbt, kann gleich dahinter beerdigt werden, ist das nicht praktisch? Und was für ein wunderbarer Blick für die Toten, über den See zu Hügel und Bergen. Es gibt welche, die liegen schon sehr lange dort, unter alten, kunstvollen Grabsteinen, die zu schade sind, um entsorgt zu werden. Darum kann man so einen historischen Grabstein samt Grab jetzt mieten. Ist das nicht praktisch? Man wird dann nicht ganz allein in der Erde liegen, sondern zusammen mit ein paar Knochen, die vielleicht vor hundert Jahren über die heute immer noch gleichen Hügel und Berge gewandert sind. So schnell sind hundert Jahre um. Und erst recht eine halbe Stunde.

Rotes Auge, weil von Zweig gepeitscht bei Sträucherschneiden. Taube Zeigefingerspitze links, weil irgendwarum. Leicht schmerzende Knubbel an den äußersten Fingergliedern, weil alt. Störung der Gebärmutterschleimhaut, weil Hormonspuk. Verschleimte Nasenhöhlen, weil schon lange. Stotterschlaf, weil sehr viel Denke. Hallo, du Alte. Weißt du ausser von dir auch was von der Welt? Aber sicher: Die Schweiz stimmt ab über einen Einwanderungsstopp. Hollande in Frankreich hat eine Geliebte. Die USA macht weiterhin flächendeckend Lauschangriffe. Demnächst in Montreux eine Syrienkonferenz zum aussichtslosen Krieg. Demnächst in Davos ein World Economic Forum als Apero-Treff der Mächtigen. Kein Verbot von Waffenfabrikation oder Waffenlieferung oder Waffenanwendung, nirgendwo. Stete Medienaufmerksamkeit, was Wetter, Börsen, Sport betrifft. The same procedure as always.

Wenn ich nachts wachliege, fällt mir so viel ein, was ich müsste, könnte, möchte, sollte, und morgens streife ich mir den Schlaf vom Gesicht, stolpere in die Küche, und alles, was mir einfällt, sind die Kaffeemaschine und die Pillenbox und meine Latschen, die ich bräuchte, um draußen vom Briefkasten die Zeitung zu holen. Ich habe nachts ein bisschen Mörike aufgesagt und an die schönen glänzenden Haare der Enkelmännchen gedacht und an die insgesamt drei Schneeglöckchen unter der Linde und daran, dass mir gestern ein Stück Text gelungen ist und daran, dass ich mal nach Schottland fahren möchte, habe auch erfreut gemerkt, dass mein Daumen plötzlich nicht mehr schmerzt und bin ganz fröhlich in den Schlaf gekrochen. Und morgens streife ich mir denselben vom Gesicht, sehe im Spiegel meinen verkniffenen Mund, auf der Treppe den Dreck, auf der Wiese das alte Laub, auf  dem Tisch das ganze Nichterledigte, und unter dem Sofa schaut der fette gelbgrüne Schwanz der Unzufriedenheit hervor. Noch barfuß stampfe ich heftig auf seine Spitze, und er verschwindet umgehend. Komm, Tag.

Manchmal springt die Katz auf meinen Tisch und fängt an zu schnurren, ohne dass ich sie berühre. Es ist eine schöne Art, Zufriedenheit auszudrücken. Wenn der Mensch auch schnurrte – wie das wohl wäre? Zum Beispiel  gäbe es abends in der S-Bahn einen vibrierenden, leicht dröhnigen Perma-Ton von all denen, die zufrieden sind, dass endlich Feierabend ist. Oder im Konzertsaal säßen reihenweise Menschen, die unentwegt ein sanftes Geräusch absonderten, weil Mozart so wohltut. Oder der Pfarrer am Altar gäbe ein Dauerbrömmeln von sich, wenn er mit Gott im Reinen wäre. Ach Katz, wir können es nicht, und wenn wir noch so zufrieden sind. Da fällt mir zur Zufriedenheit eben noch was ein: Ich habe im Supermarkt Herrn und Frau C. gesehen. Sie standen im Schlaraffenland zwischen prächtigstem Grün- und Fruchtzeug, beugten sich über eine Kiste und machten ein Gesicht, als müssten sie gerade ihre eigene Urne auswählen.

Wir sind im Herbst über den Turkanasee geflogen, der liegt in Ostafrika. Wir waren 39‘000 Fuß hoch, draußen war’s minus 55 Grad kalt, und es dauerte noch 59 Minuten bis Nairobi. Es wurden Frühlingsrollen serviert und Panna Cotta von Mövenpick. Und beim Essen fiel mir der Junge vom Turkanasee ein. Am Ufer des Sees hat man mal sein Skelett ausgebuddelt, das hatte eineinhalb Millionen Jahre lang unter tonnenschweren Sedimenten gelegen. Ein junger Homo erectus war’s. Ich versuchte mir vorzustellen, was der Junge zu den fliegenden Frühlingsrollen gesagt hätte. Es heißt, die Homines erecti hätten ansatzweise eine Sprache gehabt. Sicher haben sie auch bereits gelacht. Saßen mit ihren Steinwerkzeugen am Feuer und aßen grillierte Antilope. Und statt der Swiss flogen die Geier über ihre Köpfe. Ob der Junge mit mir hätte tauschen wollen?

Das Jahr 2013 ist zu Ende, ganz, die Bronchitis ist zu Ende, beinah, das Hoffen ist noch nicht zu Ende, das Wünschen auch nicht. Ich habe Sternschnuppen gesehen, in der Nacht auf den 15. Dezember bin ich extra aus dem Bett gestiegen, da sind am Himmel nämlich die Geminiden los. In unserer Verwandtschaft gibt es einen Mann, der einen Herzstillstand hatte und seither klappt in seinem Gehirn nicht mehr ganz alles. Neulich war er mit seiner Frau nachts unterwegs und fragte: Was sind das für Punkte da oben? Es waren die Sterne. Er muss alles wieder neu lernen, der Mann. Wie mühsam. Aber es lohnt sich, Mann, mach weiter, bis dir die wunderbare Welt ringsum wieder ganz und gar gehört, in 3D und Stereo. Im vergangenen Sommer lagen wir über Mittag in einem Wald in der Toscana, von links hörten wir die Zikaden und von rechts den Donner, ein ungewöhnliches Duett für unser nordisches Hirn. Apropos: Hirnwohlumen hat mein kleiner Enkel ins Schulheft geschrieben, als sie über den Australopithecus sprachen.