Angelika Waldis: »Züri Gschnätzlets«

Wahre und unwahre Beobachtungen, geschrieben für den Tages-Anzeiger Zürich zwischen 2006 und 2008.

Im Städtischen Fundbüro an der Werdmühlestrasse beschreibt ein Mann seine Tasche: »Dunkelgelb mit Klettverschluss.« Dann holt er mit den Armen aus: »So groß, so breit.« Die Frau hinter ihm spürt ein bisschen dunkelgelben Neid, weil der Mann die Tasche so genau beschreiben kann. Dann ist sie dran.

Nein, das ist kein Kochbuch. Züri Gschnätzlets ist zwar ein bekanntes Zürcher Gericht aus geschnetzeltem Fleisch und Rahm. Aber auf diesen Seiten hat Angelika Waldis etwas ganz anderes zu Häppchen geschnetzelt: ihre ungewöhnlichen Beobachtungen in Zürichs gewöhnlichem Alltag. Sind sie wahr oder nicht wahr? Darf man sie ohne weiteres schlucken? Da gibt es den Herrn, der nur immer die Zeitung von gestern kauft. Die Frau im Fundbüro, die einen Satz verloren hat. Das junge Paar, das Farkisisch spricht. Zwei Linksküsser in der Grünanlage. Das Baby mit der Tätowierung Angelika Waldis hat in Läden, Bahnen, Restaurants, Kirchen oder Parks genau hingeschaut und hingehört. Hat notiert, was Menschen in Zürich bewegt. Oder bewegen könnte. Man kann sich von ihr ganz zärtlich verunsichern lassen.

(...) Wie schon in ihrem Erzählband Züri Gschnätzlets (Europa Verlag 2011) zeigt die Autorin alltägliche Begebenheiten in völlig neuem Licht, schildert skurrile oder tieftraurige Szenen zart und nüchtern, sagt in konkreten Bildern mehr als alle Kommentare zu erklären vermöchten.(…)