Angelika Waldis: »Tu nicht so«

In der Schweiz vergriffen. Weiterhin erhältlich via Amazon.
Auch via Buchantiquariate wie www.booklooker.de und www.abebooks.de. Oder bei der Autorin.

Wenn er sie streichelt, legt sie den Kopf in den Nacken. Er fährt ihr mit den Fingern über die Nase, streift ihr die Lider über die Augäpfelchen, massiert ihr die Stirn, sie drückt das Gesicht in seine Hand, mach weiter! Er nimmt ihre Ohren zwischen Daumen und Zeigefinger, sie sind so seidenweich wie eh und je, er reibt sie sanft. Kaum hat er sich von ihr gelöst, blickt sie ihn an, sie blickt ihm nach durch den ganzen Raum, mit diesen großen, dunklen, glänzenden Augen.

»Sie stinkt«, sagt Yvette.

»Sie ist immer noch schön«, sagt Jakob.

»Tu nicht so«, der schmale Erstling von Angelika Waldis, lässt aufhorchen: In ihren gesammelten Kurzgeschichten entlockt die 63-jährige Schweizer Autorin der Sprache überraschende, spannende Bilder.

Der Band versammelt 14 Kurzgeschichten, wie sie das Leben eben auch schreiben könnte (und sicher auch tut). Sie sind samt und sonders kein bisschen alltäglich und doch so menschlich, dass sie sich alle Tage ereignen können. Angelika Waldis, Jahrgang 1940, arbeitet seit 2000 als freie Schriftstellerin. Auf dem Gebiet der Jugendliteratur wurde sie in der Schweiz bereits mehrfach ausgezeichnet. Auch das vorliegende Buch ist absolut preiswürdig. Ein echter Geheimtipp für alle, die ihren Gedanken gerne freien Lauf lassen: Was wäre, wenn...?

Einer sammelt gebrauchte Papiertaschentücher, eine zelebriert ihren Tag der Wut, eine andere klaut zwanghaft, derweil ihr Mann ebenso süchtig danach ist, die Beute zurückzulegen. An abwechslungsreichen Symptomen fehlt es nicht – auch wenn der versteckte Grund immer derselbe ist: die Sehnsucht, geliebt zu werden. Angelika Waldis gibt dem Verdrängten in diesen gescheiterten, gealterten, zerbrochenen Beziehungen eine Geschichte, subtil und ideenreich. Wo sie ganz einfach vom Sichtbaren berichtet, brodelt umso beklemmender das Untergründige. Weniger gelungen sind die erzähltechnischen Experimente, wie in der Titelgeschichte, in der sie zwei Ebenen ineinander zu schneiden versucht.