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25. Januar 2024

Tage, Tage, wie sie flitzen,
bleiben nie ein Weilchen sitzen,
jagen und erlegen Zeit
in der Sucht nach Ewigkeit.

So viel träger sind die Nächte,
sind wie schwere, greise Hechte,
die in traumgeschwärzten Tümpeln
auf und ab durchs Trübe dümpeln.

Na ja, auf »Nächte« hätte auch »Spechte« und »Schächte« gereimt.

18. Januar 2024

Abend im Bahnhof Kreuzlingen. Es zieht, es regnet Schnee, zum Warten sucht man sich eine überdachte Ecke. Zwei Polizisten zupfen da an einem langen, schmutzigen Bündel, das Bündel ist ein Mann im Schlaf. He, Sie! Der Mann bewegt sich, murmelt, murrt – lasst mich. Schon wieder ein Platz, an dem er in seinem Rausch nicht bleiben darf. Ich erinnere mich an Nächte vor vielen vielen Jahren, da rief meine Mutter manchmal vom Bett aus: O, wie gut, dass ich jetzt nicht auf einem kalten, russischen Bahnhof bin! Dann nestelte sie sich zwischen die Decken und ließ sich dankbar in den Schlaf sinken.

17. Januar 2024

Heute kommt mit der Post ein Prospekt des Landesmuseums. »Mit Gäst:innen durch die Ausstellungen« heißt es da. Die Ausstellungen klingen vielsprechend, aber die Gäst:innen machen mich etwas ratlos. Ich war noch nie eine Gästin. Muss ich mich dazu irgendwie passend anziehen? Und darf mein Mann auch mitkommen, wo es doch nach Gäst gar kein e hat? Leicht verwirrt stehe ich am Fenster und blicke hinaus in den nebligen Garten, wo die Äst:innen noch kahl und die Vogelkäst:innen noch leer und Beete bloß nasse Moräst:innen sind.

15. Januar 2024

»Ich weiss, dass ich nichts weiss« – diese Aussage wird Sokrates zugeschrieben. Und das ist die Formulierung von Albert Einstein: »Je mehr ich weiss, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiss.« Wenn ich meine Texte durchs Korrekturprogramm laufen lasse, staune ich, wie oft ich »weiss« beziehungsweise »weiss nicht« verwende, wie oft ich nämlich ss in ß verwandeln muss, damit die Lesenden in Deutschland nicht zusammenzucken. Ihnen, lieber Herr Sokrates, lieber Herr Einstein, wird das wohl egal sein. Und dir, liebes Rumpelstilzchen, wohl auch.

14. Januar 2024

»Klang der Bäume«, »Zugang von Transpersonen zu Frauenräumen«, »Vegan Literary Studies«, »Marginalisierte Sexualität in Kirgistan«, »Whiteness bei Friedrich Dürrenmatt«, »Stempelsiegel in vorhellenistischer Zeit« – das sind einige der Studienprojekte, die vom Schweizerische Nationalfond unterstützt werden, mit 165ʼ000 Franken (Kirgistan) bis zu 854ʼ000 Franken (Frauenräume). Das lese ich in der heutigen SonntagsZeitung, und mein Kopf beginnt sich ungefragt zu schütteln. Erst hin und her, während ich denke: Also bitte, muss das sein? Dann auf und ab, weil ich denke: Ja, ja, ja, das muss sein. Jede Einzelheit ist irgendwo, irgendwann, irgendwozu am großen Ganzen beteiligt und somit wesentlich. Und es ist wunderbar, dass unter den mehreren Zehntausend unterstützten Projekten auch Phänomene untersucht werden, die weder Profit noch ewige Jugend versprechen.