Das Warten

Nacht zum 1. Januar 2000: Millenniumstaumel. Die Australier – so wird nachher zu lesen sein – jagen zwanzig Tonnen Feuerwerk in die Luft. In Rom erzeugen die Feiern so großes Gepolter, dass den Behörden ein Erdbeben gemeldet wird. Auf dem Ölberg in Jerusalem zittern Apokalyptiker in Erwartung des Herrn.

Und wir warten auf das Enkelmenschchen.

In dieser aufregenden Nacht will es sich auf die Welt wagen.

Es war doch für später angemeldet.

Wir sitzen unruhig da, wir, die wir seine Großeltern sein werden, und schauen hinaus auf die brennenden Kerzen in der weißen Wiese. Die Flämmchen zittern für uns. Als der Anruf kam, S. sei in den Wehen, sei im Spital, sind wir nach draußen geeilt und haben Kerzen in den Schnee gesteckt, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig ... eine ganze Wiese voll. Mehr können wir nicht tun für das Enkelmenschchen und seine Mutter. Und so sind die Kerzen doch schon mal für was gut. Gedacht waren sie als Notvorrat beim Millenniumkollaps, der gar nicht eintrifft, aber das wissen wir jetzt, vier Stunden vor Mitternacht, noch nicht.

Das Enkelmännchen trifft drei Stunden vor Mitternacht ein.

Noch während die Kerzen brennen. Noch im alten Jahr.

Einen Namen wird es erst im neuen Jahrtausend erhalten.

Erster Brief

Liebes Enkelchen

Im Millenniumstaumel blieb es in Staffelstein ruhig. Staffelstein ist der Geburtsort von Rechenmeister Adam Riese, und nach Adam Riese wäre die Feier zum neuen Jahrtausend erst Ende 2000 fällig. Ruhig blieb es auch vor den Computern, die drei gefeierten und gefürchteten Nullen rücken problemlos nach, kein Chaos, kein Kollaps, die Welt bricht nicht auseinander. Sie bleibt, wie sie war, schön und verheißungsvoll und kaputt wie noch nie. »Am Beginn des dritten Millenniums steht die Menschheit vor gewaltigen Problemen«, schreibt die DIE ZEIT. Die Menschheit: das sind inzwischen sechs Milliarden Leute. Wenn du zwanzig bist, werden es – so schätzt man – noch 1.5 Milliarden mehr sein.

Heute ist die nutzbare Fläche pro Mensch auf vier Prozent jener Fläche geschrumpft, die zu Jesus’ Zeiten jedem zur Verfügung stand.

Und noch was zu Jesus: Als man ihn, Verursacher der neuen Zeitrechnung und somit ein Millenniumsbaby, in die Krippe legte, hatte er nur ein Fetzchen Stoff um. Das Schweizer Millenniumsbaby 2000 kriegt für mindestens ein Jahr Windeln geschenkt, das sind so rund 2000 Pampers.

Und noch was zu Pampers: Sie wurden 1961 erfunden. Damals waren sie dick und sperrig. Heute sind sie dreimal kleiner. Für das Kind und das Kaufhaus-Warenlager ist das praktischer. Sie sollen noch kleiner werden. Vielleicht hat man in 20 Jahren gar keine mehr. Dafür einen Chip in der Blase?

Die Hauptsache

Kaum ist er da, ist er schon die Hauptsache. Das ist eine erstaunliche Leistung für so ein kleines Männchen. So bleiben wird es nicht. Kann sein, dass er in zwanzig Jahren einen Raum voller Leute betritt – und niemand dreht den Kopf. Aber an später denkt jetzt niemand.

In einem Raum voller Leute hält seine Mutter einen Vortrag, und ich soll solange auf ihn aufpassen. Wir warten eine Etage tiefer. Manchmal ist von oben kurz ein Lachen oder Klatschen zu hören, gutes Zeichen. Benjamin Lou Otmar, vier Kilogramm schwer, hängt in einem Tragesack an meiner Brust und soll bitte bitte still sein. Wir stehen am Fenster, die Sonne ist schon untergegangen, der Horizont flammt noch gelb hinauf ins Mauve, Berge und Bäume sind schwarz, und der See sieht aus wie aus Zinn gegossen. Was für eine dramatische Landschaft. In den dunklen Zacken im Hintergrund, vor fünfhundert Jahren, hat einer ein heiliges Leben versucht, hat Frau und Kinder verlassen und fortan in der Schlucht gelebt, Nikolaus von der Flüe. Plötzlich ist Benjamin ein paar Gramm schwerer. Schlaf hat ein Gewicht. Ich lege die Hand auf das warme Schädelchen, Benjamin-Kind, denke ich, du wirst bestimmt nie verlassen. Genau in diesem Moment ertönt von oben Applaus.

Zweiter Brief

Lieber Benjamin

Du weißt noch nicht, dass du Benjamin heißt.

Du weißt noch nicht, dass das Tageslicht nicht dasselbe ist wie der Lampenschein nachts.

Du weißt noch nicht, dass das, was dein Händchen greift, ein Finger ist, der Finger einer Großmutter, weißt noch nicht, was eine Großmutter ist.

Ist ja auch nicht wichtig, all das. Hauptsache für dich, es sind immer warme weiche Hügel voller Milch für dich da. Trotzdem: Ich bin ein bisschen ungeduldig. Es wird noch lange dauern, bis wir über Tageslicht und Lampenschein reden können. Und bis wir über Schein und Sein reden können, weiß ich vielleicht nicht mal mehr, ob Schein und Sein verschiedene Dinge sind. Denn wenn du zwanzig bist, werde ich achtzig sein und vielleicht sprachlos – oder werde ich gar nicht mehr sein.

Dann wirst du lesen können, was deine ungeduldige Großmutter hier für dich aufgeschrieben hat, zum Beispiel, dass man zur Zeit in Houston/Texas zu einem Soft-Eis-Fleck am Boden pilgert. Er hat die Form der Jungfrau von Guadalupe. Man hat ihn mit einer Glasscheibe gesichert, und ein Schild bittet, nur leise zu sprechen. Die Leute kommen in Scharen, auch aus Miami, Seattle, Kanada.

Das Geschenk

Er lächelt!

Er hat gelächelt!

Ist denn niemand da, dem ich‘s zeigen kann? Bäume, er lächelt, seht ihr? Ganz kurz rauscht es rundum, dann erstarrt der Wald in Andacht. Seine Majestät, seine Heiligkeit, Benjamin der Erste, hat gelächelt. Nichts kommt auf gegen dieses garantiert echte Signälchen der Zuneigung. Kein Kompliment vom Besten. Nicht mal ein tobender Applaus.

Wieviel das ausmacht, das Hochziehen von drei Millimeter Haut. Zygomaticus heisst der freundliche Muskel.

Dem Jogger, der auf uns zuläuft, werde ich mich mit ausgebreiteten Armen in den Weg stellen. »Wissen Sie was?«, werde ich rufen. »ER hat gelächelt.« Nein, ich lass ihn besser laufen. Will lieber kein fremdes Lächeln sehen, irgend ein eingeübtes, vorgestanztes, abgenutztes. Das würde den wundersamen Vorgang von vorhin entzaubern.

Ich stoße den Kinderwagen über den Waldweg, bleibe wieder stehen, will es nochmals versuchen, will es nochmals erleben, beuge mich langsam über das stille Kind, und da kommt es wieder, das Lächeln, dieses Geschenk – wofür? Für eine sich nähernde, leicht diffuse, aber inzwischen vertraute Gesichtsscheibe.

Dritter Brief

Lieber Benben

Ich stelle mir vor, wir erwachen beide – da und dort – an einem kühlen Märzmorgen im Jahr 2020, um sechs Uhr dreißig. Ich, weil meine alten Knochen für immer so programmiert sind. Du, weil dich ein freundliches Gesicht auf der elektronischen Bildtafel in deinem Schlafzimmer zum Aufstehen ermuntert. Deine Kaffeemaschine wird in Gang gesetzt, dein Kühlschrank meldet, dass die Milch zur Neige geht, dein Staubsauger fängt an, deine Wohnung zu saugen, und während du dich radargesteuert zum Fußballtraining fahren lässt, sitze ich im Altersheim auf der Kloschüssel, deren Brille meinen Puls und meine Temperatur misst und den Zuckergehalt meines Altweiberurins. 2020 werden Räume und Dinge und Menschen voller Mikroprozessoren sein. Es gibt es keine Papierzeitungen mehr, aber der Drucker printet meine Tageszeitung aus, mit einer Themenauswahl nach meinen Interessen. Weil ich aber immer weniger weiß, was mich interessiert, weil mir nämlich beinahe alles egaler geworden ist, ist meine ausgeprintete Zeitung sehr dünn. Eigentlich will ich nur noch wissen, was das Universum für eine Farbe hat. Immerhin ist die Zeitung etwas, das ich in die Hand nehmen kann. Ein immer größerer Anteil dessen, was die Menschheit produziert, existiert nicht mehr physisch, sondern nur noch virtuell, als entmaterialisierte Zeichenfolge. Dieser Satz ist nicht von mir, sondern von Bill Gates, er hat ihn etwa zur gleichen Zeit gesagt, als du das Lächeln entdeckt hast. Bill Gates ist der Gründer von Microsoft, möglich, dass sich seine Firma im Jahr 2020 bereits entmaterialisiert hat. Dann nämlich, schätzt man, wird die Computertechnik ihre Grenzen erreicht haben, weil sich die Silizium-Chips nicht weiter miniaturisieren lassen. Vielleicht fährst du an diesem kühlen März-Morgen gar nicht zum Fußballtraining, sondern forschst mit an Silizium-Alternativen, und komm mal vorbei, ich möchte gerne deine großen Hände in die Hand nehmen.

Mag sein

Er wird durch irgendwas abgelenkt – eine Tür, die ins Schloss fällt, ein Schatten, der kurz das Licht wegwischt –, er hört zu trinken auf, hebt den Kopf. Und dann diese Heftigkeit, mit welcher der Kopf wieder zur mütterlichen Brust dreht!

Mag sein, dass das nicht erwähnenswert ist und völlig ohne Belang. Sie gefällt mir einfach, diese Heftigkeit, diese wilde Entschlossenheit auf seine Milch, seine Brust, seine Lust. Am liebsten würde ich den kleinen Trinker noch ein paarmal stören.

Mag sein, dass es unpassend ist, nach obiger Belanglosigkeit eine tragische Meldung anzubringen:

Vor vier Jahren waren wir in Senafe – das ist ein verschlafener Ort in Eritrea, an der Grenze zu Äthiopien, an einem der vielen Enden der Welt –, waren in einem dunklen Raum zur Feier eines Neugeborenen geladen, zu Honigbier und Ingera. Und nun lese ich, dass Senafe unter äthiopischer Besatzung ist, dass bei Dunkelheit die Soldaten in Gruppen ausgehen, auf der Suche nach eritreischen Frauen, um sie zu vergewaltigen. Und ich sehe die junge Mutter von damals vor mir, das Kind an ihrer Brust.

Mag sein, dass sie Glück haben, die beiden.

Vierter Brief

Lieber Benjamutze

Über der Schweiz und Deutschland war in diesem April das Polarlicht zu sehen. Es entsteht, wenn Sonnenpartikel auf die Erdatmosphäre treffen und ist ein uraltes Naturschauspiel, inszeniert in klaren und mondlosen Nächten bei starken Sonneneruptionen. Diesmal hat es in Deutschland für Aufregung gesorgt. Bei der Polizei läutete pausenlos das Telefon. Der rot, blau und grün leuchtende Himmel wurde als Giftgaswolke angesehen.

Leider muss ich dir gestehen, dass das Giftgasbild nicht so unmöglich ist. Die Erde ist ziemlich kaputt, sorry. Zwar ist das seit einigen Jahrzehnten bekannt, und es gibt wunderbare Statements, die Besinnung versprechen, zum Beispiel: »Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt. Wir haben sie von unseren Kindern geborgt.«

Das heißt: wir wollen deiner Welt Sorge tragen. Wir drosseln unseren Abfall, gehen sparsam um mit Benzin, mit Wasser, mit Euphorien. Leider muss ich dir gestehen, dass die Nukleararsenale der ehemaligen Sowjetunion vor sich hin rosten, dass unser Ozonloch alles andere als kleiner wird, dass sich die USA weigern, das internationale Umweltabkommen zum Klimaschutz zu unterschreiben. Ach je, und wir kaufen ungebleichte Kaffeefilter und keinen Besenstiel aus Tropenholz. Ich schäme mich, Benjamutze. Du hast mir so eine wunderbare Welt ausgeliehen.

Allen voraus

Sein Vater eilt voraus, die Känguru-Tasche und der kleine Sohn darin sind von hinten nicht zu sehen, aber des Vaters weit ausgestellte Ellenbogen, das heißt: er hält im Gehen die Hände schützend um sein kostbares Gepäck. Das Gehen ist eigentlich ein Springen und Klettern von Stein zu Stein, ein blitzschnelles Suchen nach dem bestmöglichen Platz für Fuß und Fuß, das Bergell bergab Richtung Soglio. Zuvorderst der Jüngste, an Vaters Bauch, zuhinterst die Alten, so wandern wir durch Wildbachtäler und über steile Wiesen.

Wie haben sie sich überboten, sich um die besten Bilder gebalgt, die Dichter, die Künstler, Rilke oder Hesse, Segantini und die Giacomettis, berührt von diesem Tal, das sich im Süden warme Füße holt. »Die Wipfel halten den Traum am hellsten Tag«, so hat Bloch von den Platanen in Chiavenna geschrieben.

Sie hatten alle keinen Windelmann dabei. Keine kleine Unschuld ging ihnen voraus. Sie wussten nicht, wie schön Bergell sein kann, wenn jemand dabei ist, der noch nicht weiß, wie schön Bergell sein kann.

Fünfter Brief

Liebes Benjabenchen

Auf deiner Windelpackung steht das Wort »Natur«. Es steht auch auf der Butter, dem Waschpulver oder meinem Taschenkamm. Es steht fast auf jeder Zeitungsseite – ob es um Urlaub, Zeugungsschwäche, Wurstwaren oder Tiefbau geht. Die Natur ist in aller Munde. Das ist oft der Fall, bevor jemand zum Teufel gejagt wird. Kann sein, dass das Wort einmal so zerkaut ist, dass es niemand mehr verwenden mag.

Es gab einen gescheiten Mann vor rund zweihundert Jahren, Goethe hieß der Mann, der würde sich heute wahrscheinlich über den Wandel von »Natur« etwas wundern. Er schrieb über sie wie über ein hochverehrtes listiges wildes Weibsbild:

»Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.«

Oder:

 »Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor, und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen.«

Oder:

»Auch das Unnatürlichste ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht.«

Diese Sätze haben kein Frischhaltedatum, aber ich nehme an, sie werden auch dir noch schmecken. Ich wünsch‘ dir irgendwann im Leben einen Lindenbaum, unter dem du sitzen und denken kannst, während es über deinem Kopf leise rauscht. Es kann statt der Linde auch was anderes rauschen. Aber kein Ventilator.

Ach Mensch

Der Löffel fährt auf seinen Mund zu, der schließt sich zu einem hermetischen Neinstrich. Streik! Er ist ein Breiverweigerer. Die meisten Kinder, so heißt es im Babybuch, seien mit sechs Monaten breireif. Er ist noch so klein, und schon gehört er nicht zu den meisten Kindern.

Vielleicht ist er nicht Brei-, sondern Löffelverweigerer, wer weiß. So genau äußert er sich nicht.

Er patscht das Händchen in den Brei, ich wische mir die Spritzer vom Gesicht und frage mich, wann der Löffel erfunden worden ist. Haben die alten Ägypter mit den Fingern gegessen? Das Breihändchen mag‘s gerne, wenn ich es in meine großen Hände nehme. Irgendwann wird es selber den Löffel Richtung Mund führen. Irgendwann wird es merken, dass die Wölbung des Löffels nach unten zeigen muss. Irgendirgendwann wird es »Löffel« schreiben. Und »alte Ägypter«. Und »Archäologie«. Und »Anthropophänomenologie«.

Ach Mensch, wenn man vorher wüsste, wie vieles man zu lernen hat, wollte man da noch auf die Welt kommen? Erkennen, Ergreifen und Bewegen von Löffel, Benennen, Schreiben und Übersetzen von Löffel – so ein Aufwand für jedes einzelne Ding. Und keine Garantie, dass man gegen Ende des Lebens immer noch weiß, wozu ein Löffel gut ist.

Wieder patscht das Händchen in den Brei. Wer sagt eigentlich, dass ich das nicht auch darf?

Sechster Brief

Liebes Benuckelchen

Das ist von allen neuesten Meldungen die verrückteste: 97 Prozent des menschlichen Genoms sind entschlüsselt. Das Resultat ist eine Abfolge von über drei Milliarden chemischer Buchstaben, die sich in den 23 Chromosomen des Menschen aneinanderreihen.

Das Buch des Lebens ist offen.

Die wunderbarste und wahnwitzigste Geschichte seit dem Urknall lässt sich buchstabieren. Nur: buchstabiert ist noch lang nicht gelesen. Allein in einem Bakterium sind einige tausend Gene versponnen. In jedem Wurm einige zigtausend. Im Menschen über hunderttausend. Jedes Gen kann auf jedes andere einwirken. In manchen Zellen sind über 40 000 Gene gleichzeitig aktiv. Zu komplex ist Leben, als dass die Forscher ab sofort knutselen könnten. Knutselen ist basteln auf holländisch und klingt so nett.

Die Euphorie ist auf jeden Fall da. Der Genomknacker Craig Venter hat bereits 6500 Patente auf menschliche Gene beantragt. Der Mensch der Zukunft soll nach Maß geschneidert werden. Gescheiter, perfekter, langlebiger. Und Biophysiker Gregory Stock prophezeit: »In nicht allzu ferner Zukunft wird man Leute, die Kinder durch normale Empfängnis bekommen, als Dummköpfe betrachten.«

Ich denke, Herr Stock weiß nicht, dass etwas wie dein Lächeln oder der kleine Leberfleck in der Falte deines Ellbogens niemals ein genetisches Produkt, sondern immer nur ein genetisches Geschenk sein kann.

Die List

Gehend hetze ich durch den Schattenstreifen im Garten, von der Linde zum Tulpenbaum und in scharfem rechtem Winkel zur Birke und wieder zurück und hin und zurück. Gehen ist eine seltsame Sportart. Der Geher muss schnell sein, aber darf nicht rennen, was natürlich wäre, darum wirkt er mechanisch wie eine Aufziehpuppe. An einer Stelle, da wo Sonne hinfällt, muss ich sechs Schritte seitlich gehen, mich abdrehen, damit sich mein Schatten auf Benjamin legt, der in meinen Armen liegt. Gehen, gehen, gehen, so wird der kleine Körper sanft gerüttelt, vielleicht war‘s im Mutterbauch ein bisschen ähnlich, aber jetzt kann er die Juliwiese riechen und das Licht im Lindenlaub sehen, bitte, Augen, bleibt jetzt endlich zu, nehmt ihn endlich an, den Schlaf. Gehen, gehen, gehen, mit acht Kilogramm Müdkind im Arm. Würd‘ ich das Müdkind hinlegen, würde es schreien, denn es will nicht in den Schlaf geschickt werden, nicht in den dunklen Tunnel hineinrutschen, es will bei uns in der hellen Welt bleiben, das kluge Kind. Und also müssen wir gehen und gehen, listig, auf dass die Augendeckelchen unten bleiben, gehen, eine gute halbe helle Julistunde lang.

Nach dem Schlaf dann zuerst die kleine Verwirrung: Wo bin ich hier, bin ich auf der Welt?

Benjamin
Der Protagonist 2002
Benjamin
Der Protagonist 2014