Ich habe ein neues Wort geträumt: »Freeden«. Hab mich gefreut. Was für ein gutes Wort, hab ich im Traum gedacht. Ist doch so: Frieden gibt es nur, wenn man free ist. Passt in die Diskussion über die Ukraine und Russland. Freeden, das muss ich propagieren, gleich wenn ich aufwache. Hab dann aber in wachem Zustand nichts weiter unternommen, als zu kurz im Etymologischen Lexikon zu blättern. »Frieden« kommt von althochdeutsch fridu, was Schonung und Freundschaft bedeutete. Auch nicht schlecht. Freede-Freunde-Feierkuchen.

Der Pilatus sieht immer noch aus, als stürze er sich kopfvoran in den See. Der See kommt mir immer noch grün vor. Das Wasser finde ich immer noch kalt. Das Tuten des Dampfschiffs und das Geläute der Luzerner Hofkirche klingen immer noch gleich. Und das kleine Glück nach den ersten paar Schwimmzügen ist immer noch da. Aber uff: Meine Knochen sind alt, mein Fleisch ist schlapp, meine Seele ist übervoll, und die Kindheit ist längst untergegangen. In dieser Badeanstalt, so nannte man das, habe ich schwimmen gelernt und bin vor rund siebzig Jahren mit Schwester links und Mutter rechts zum ersten Mal in den See hinaus geschwommen. Fünfundvierziger hieß die Anstalt, weil der Eintritt fünfundvierzig Rappen kostete. Jetzt bezahlt man sechs Franken, dreizehnmal mehr als damals, und auf der Welt leben dreimal mehr Menschen als damals, und ich bin nullmal gescheiter als damals.

Auf der römischen Tiber-Insel steht seit 1585 das Krankenhaus Fatebenefratelli, heute ein modernes Spital in alten Mauern. Davor ein Maserati mit der Aufschrift Onoranze Funebri, also Bestattungsinstitut, lang, silbern, mit einer Einschubschiene für den Sarg. Schöne letzte Reise! Apropos letzte Reise: 1943 wurden in Fatebenefratelli von den Nazis bedrohte Juden aufgenommen, und Dottore Borromeo erfand für sie eine Krankheit: Morbus K – K nach den deutschen Besatzern Kappler und Kesselring. Sie verursache Krämpfe, Lähmungen, Demenz und Tod durch Ersticken. Sehr gefährlich. Hustet, hustet!, hieß es in der sogenannten Isolierstation, und die Nazis sahen von Durchsuchungen ab. Man schätzt, dass so etwa hundert jüdischen Menschen die furchtbare letzte Reise erspart blieb, die ins Vernichtungslager.

Wir haben in der Kirche Santa Maria gesessen, in Rom-Trastevere, und zu den Mosaiken in der goldenen Apsis hochgeschaut. Da steht das Lamm Gottes mit Heiligenschein und links und rechts sind je sechs weitere Lämmer, wohl die Apostel. Es war still, kaum Leute da, ein Wochentag. Aufs Mal eilte wehenden Gewandes ein Priester herbei, nahm Position, und dann erscholl von der Orgel der Hochzeitsmarsch! Wer vorne saß, drehte den Kopf. Zwei Menschen kamen sehr langsam durch den Mittelgang geschritten, ein recht Alter, groß, dünn, und eine recht Alte, klein, rund. Beide dunkel gekleidet, sie trug ein Sträußchen. Und den beiden voraus trippelte ein Mädchen, es trug ein blaues Samtkissen, darauf lagen wohl die Ringe. Was für ein überraschendes mutiges Paar. Ich glaube, die dreizehn Schafe haben verhalten geblökt.

Was will ich mehr. Auf dem Dachgiebel ist eine Amsel und singt. Singt und singt im Abendlicht. Singt so schön, dass ich stehen bleibe. Dass ich still werde. Dass die Baumkronen ihr Rauschen einstellen. Dass der Rasenmäher des Nachbars stotternd verstummt. Dass die Düfte lauschend aus den Blumen klettern.  Dass die Mücken im Flug innehalten. Dass in allen Gewehren die Munition stecken bleibt. Dass alle Flüche in den Mündern ersticken. Dass alle Götter von den Thronsesseln rutschen und verglühen. Was will ich mehr.

In einer Broschüre über Handschmerzen steht der erstaunliche Satz: »Die Hand ist das Schweizer Sackmesser der menschlichen Evolution.« Es gibt SchweizerSackmesser mit  siebzig und mehr Funktionen. Sie können Dosen öffnen, Holz meißeln, Metall feilen, in den Zähnen stochern. Sie können sozusagen alles Sie können vielleicht auch in meiner Nase bohren. Aber mir beim Lachen den Mund zuhalten können sie nicht. Mir die Tränen aus den Augen wischen können sie nicht. Meine Katze zwischen den Ohren kraulen können sie nicht. Nur eine freundliche Hand kann das.

Im Reisezentrum des Hauptbahnhofs musste ich eine Nummer ziehen und warten, lange warten. Die Halle war voll mit Wartenden. Sie starrten ins Handy, sie dösten, sie gähnten. Der neben mir telefonierte. »Ach.« »Ach du.« »Ach, das tut mir leid.« »Fühl dich von mir umarmt.«  »Wenn ich doch bloß.« »Da muss man durch.« »Natürlich kannst du mich jederzeit.« »Das weißt du.«  »Ach.« »Ach, klar doch. »Versteh schon, rein emotional.« » Ich würde nur zu gerne.« »Ach du. »Aber leider.« Aber leider erfuhr ich nichts Genaueres, meine Nummer leuchtete auf, ich rannte zum Schalter und kaufte zwei Tickets Zürich-Rom und zurück, ein Mal umsteigen, Fensterplätze. Ach du.

K. hat mir gestern von einem Mann erzählt, der war im Verfolgungswahn auf einen Baukran geflüchtet, und sie sah ihn von ihrem Fenster aus dort ausharren. S. hat mir gestern von einem Mann erzählt, der hat mit seiner Ehefrau insgesamt hundertachtzig Reisen unternommen und jetzt in Demenz alle vergessen. N. hat mir heute von einem Mann erzählt, der hat eine suizidale Frau von einem Brückengeländer geholt, in die Arme geschlossen und später geheiratet. O. hat mir heute von einem Mann erzählt, der als Schulkind manchmal so lange an seinem ärmlichen Haus vorbeiging, bis niemand mehr da war, der ihn das Haus betreten sah. Geschichten, wahre.

VEDO DOVE DEVO – das steht über dem Eingangsportal des Berner Kunstmuseums. Wunderschön ist das, beste Anagrammkunst. Übersetzt: ICH SEHE, WO ICH MUSS. Besser fände ich eigentlich die Aussage: Ich sehe, wo ich nicht muss. Das hieße dann: Ich lasse den Blick rundum schweifen, ich nehme so viel auf wie möglich, ich wende mich nicht ab, ich schaue hin, auch wenn ich erschrecke, ich halte beim Hinschauen aus, ich will mich nicht verdrücken, ich bin bereit, aus meinem Wohlbehagen zu steigen und etwas zu tun. Für einen Menschen oder gegen eine Sache. Passendes Anagramm: AUGEN GENAU

Eine Frau. Ein Heimleiter. »Ich will sterben.« »Was ist los?« »Eben nichts.« »Macht wieder der Magen Probleme?« »Nein.« Die Schulter?« »Nein.«

»Das Gebiss ist doch jetzt auch in Ordnung, oder?« »Ja.« »Wie schön Ihre Geranien sind.« »Ja.« »Gerade jetzt, in der Abendsonne.« »Ja.« »Waren Sie wieder mal im Gruppenmalen?« »Nein.« »Oder möchten Sie gern mal ins Chörli?« »Nein.« »Wir haben so nette Angebote.« »Ja.« »Sagen sie einfach, was Sie möchten.« »Ich will sterben.« » Was tut denn so weh, dass Sie sterben wollen?« »Die Seele.«

Die Teenies im Museum standen vor Ad Parnassum von Paul Klee, 1932, und eine kunstsachverständige Dame gab eine Interpretation ab. Den beiden Jungs zuhinterst – rote Mütze, schwarze Mütze – kommentierten umgehend, was sie sagte, halblaut, so dass ichʼs verstand und merkte: Denen ist jetzt nicht nach Kunst zumute. Aus »Ad Parnassum« machten sie »Ad Parnasshole« und aus »Heiliger Berg« »Heiliger Bimbam«. Als die Dame nach der Bedeutung der roten Scheibe fragte, sagte die schwarze Mütze »Wursträdeli«, und als sie Klees Reise nach Tunesien erwähnte und was ihnen dazu einfalle, rief die rote Mütze »Couscous!« Was damit meine, wollte die Dame wissen. »Mit Couscous«, sagte die schwarze Mütze, »meint er die vielen Punkte, aus denen das Bild gemacht ist.« »Interessanter Aspekt«, sagte die Dame, »Pointilismus. Interessant.«

Ächz! ist der lautlose Ausruf, wenn ich mich vom Sofa erhebe. Ich finde, das trifft dann mein Befinden sehr schön. Besonders gefällt mir das neckische Z, wenn ich bereits auf halber Höhe bin. Andere Sprachen – ich habe mich erkundigt – überzeugen mich in dieser Situation weniger: stok! (slowenisch), aïe! (französisch), groan! (englisch) oder grom! (niederländisch). Das litauische atsipeikėkite! klingt zwar sehr deutlich nach Anstrengung, aber es ist schlicht zu lang: Beim Ausrufezeichen steh ich bereits.

Aquafit, das ist Gymnastikstunde unter Wasser: Dehnen, Wippen, Laufen, Strampeln. Von den sechs turnenden Frauen sind nur die Köpfe zu sehen, alle weiß- oder grauhaarig. Was für Körper an den Köpfen festgemacht sind, das wird dann erst nach der Stunde beim Duschen sichtbar. Die nackten Gestalten wirken wie aus Gemälden gestiegen: ein Botero, drei Rubens, ein Monet, ein Modigliani, kein Botticelli. Es ist schön, wie selbstverständlich sich alle bewegen. Mit siebzig- bis achtzigjähriger Grazie schlingen sie die Tücher um die müden Schultern.

Ein Altersheim in der Nacht stelle ich mir vor wie einen gigantischen Topf, in dem Träume kochen, simmernd, blubbernd, sprudelnd. Aus jedem Zimmer dampfen Träume aus ungezählten Vergangenheiten hoch bis unters Dach, und das Dach hebt sich und entlässt die Träume in den Himmel, ins All, ins Nichts, wo sie zerspringen und verglühen und verglimmen, wie demnächst die Alten, aus denen die Träume gekommen sind. Haben Sie gut geschlafen?, wird man die Alten am Morgen fragen und ihnen die Pantoffeln reichen für einen weiteren bleichen Tag.

Immer wieder mal – zwischen Unkrautzupfen und Brillesuchen und Namengoogeln und Knoblauchhacken und Altersächzen und Undsoweiter – immer wieder mal fällt mir mit freudigem Erschrecken ein, dass ich mich wunderbarerweise auf einer grünen, blauen, besonnten, bemondeten Weltkugel befinde, die sich mit einer gigantischen Fracht an Leben um sich selber sowie  um einen fünfzehn Millionen Grad heißen Gasball dreht, an Einzigartigkeit scheinbar allein auf weiter Weltraumflur.

 

Da war ich im Traum doch tatsächlich dran, mir eine Zigarette anzuzünden. Warum nicht, dachte ich, und legte sie dann doch ohne Bedauern beiseite. Fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass ich die letzte geraucht hab, ein Vierteljahrhundert! So lange hat sich die Erinnerung an einen lustvollen Vorgang in mir versteckt gehalten. In Tat und Wahrheit habe ich nie mehr auch nur das leiseste Verlangen nach einer Zigarette, nie, never, jamais, mai. Fällt mir nicht im Traum ein. Oder da eben doch.

Wenn ein Hummer in kochendes Wasser geworfen wird, versucht er aus dem Topf zu klettern. Ist ein schwerer Deckel darauf, kratzt der Hummer noch lange an der Topfwand. Das ist für die Wissenschaft kein Beweis dafür, dass der Hummer Schmerz spürt. Ob etwas als ein Reflex oder als eine Emotion zu definieren ist, dem haben umständliche verhaltensbiologische Tests vorauszugehen. Erst danach gilt die Emotion namens Schmerz als erwiesen. Oh, der Krake leidet im kochenden Wasser! Oh, dem Oktopus tutʼs weh, wenn er auf Eis gekühlt wird! Dass ein Lebewesen leiden kann, ohne dass es schreit, müsste man als einfacher Mensch eigentlich ganz testlos so mir nichts dir nichts wissen.

Beim Schreiben nicht abgedroschene, ausgelutschte, steifgedörrte Bilder verwenden – darum bemühe ich mich, und manchmal wird es schwierig, ein neues Bild zu finden, das dann nicht zu geschminkt und gestelzt daherkommt. Soll ich »schneeweiß« durch »backpulverweiß« ersetzen oder »samtweich« durch »ohrläppchenweich«? Nö. »Faust aufs Auge« durch »Schrot ins Brot«? Nö. »Wie ein Wirbelwind« durch »Wie ein Laubbläser« ? Nö. Angenehm wär es, ich könnte einfach mit ein paar Lauten etwas hinmalen: »mapeschnell«, »florrgescheit«, »glunteblöd«, »butejaschön«. »Wie Zibbelinsterne«, »Wie ein alter Drox«, »Wie hundert Fleibünter«, »Wie immer schon ersuntert« … aber das geht ja nicht. Das versteht ja dann kein Gurch.

Schaum, Schaum, Schaum, am Waldrand überall hingetupft die weißen Kirschbaumschäumchen, Schwarzdornschäumchen, Schlehenschäumchen. Am Hang der Schaum der Buschwindröschen und im Himmel der Schaum von Winzigwolken, alles flaumig, flockig, leicht, April, April. Und mittendrin fest verankert der uralte, graue Birnbaum, der jedes Jahr stur und stetig Hunderte von Birnen hervorbringt, Mostbirnen, die zum Schluss alle im Gras vergammeln, dieser uralte Kerl jagt noch ein weiteres Mal seine Säfte hoch und macht stur und stetig Hunderte von Blüten.

Am 17. Februar 2022 habe ich an dieser Stelle als großes Hurra geschrieben: Ab heute keine Corona-Maske mehr! Und jetzt ist bereits von anderen Masken die Rede, von Gasmasken. Sie sind in der Ukraine bei den einmarschierenden russischen Soldaten sichergestellt worden. Seit dem 24. Februar herrscht Krieg zwischen Russland und der Ukraine, und sechstausend Menschen oder mehr sind bereits tot, und drei Millionen Menschen sind auf der Flucht, und ganz  Europa ist  bedroht, und die Welt steht Kopf. Plant der Russe Putin einen Chemiewaffen-Angriff? Mit Atomwaffen hat er bereits gedroht. Zeitenwende – wie schnell das geht. Gegen Angst gibt es keine Masken.

Ich will gerade aus dem Haus gehen , da höre ich dieses hohe, spitze, feine »Zi-zi zi-zi zi-zi zi-zi«, so meldet sich der Backofen, wenn die Backzeit um ist. Aber ich habe doch den Kuchen schon vor einer Stunde herausgenommen. Ist es die Waschmaschine? Die zizt auch so, wenn den Waschgang zu Ende ist. Aber ich habe heute doch gar nicht gewaschen. Das »Zi-zi zi-zi zi-zi zi-zi« muss in meinem Kopf sein! Mit mir stimmt etwas nicht! Es hört einfach nicht auf. »Zi-zi zi-zi zi-zi zi-zi.« Oder kommt es von draußen? Vorsichtig  öffne ich die Haustür einen Spalt. »Zi-zi zi-zi zi-zi zi-zi.« Eine Meise istʼs, auf dem Haselstrauch.

Sind Sie demnächst bei jemandem um 19 Uhr zum Essen eingeladen? Nehmen Sie Blumenstrauß oder Torte mit und klingeln Sie punkt 19 Uhr, aber einen Tag zu früh. Sie werden mit einem einmaligen, wunderbar vielsagenden Gesichtsausdruck belohnt:

UmsHimmelswillenjetzthabichdochtatsächlichdenTerminfalscheingetragen undwieichausseheistjafurchtbardiefleckigeHoseunddasHaarnichtgewaschen unddanndasChaosimWohnzimmerundgelüftetistauchnicht habichnochPelatiundReibkäseumraschSpaghettizukochenachje.

So viel Gesichtsausdruck aufs Mal bekommen Sie selten wieder zu sehen. Entschuldigen Sie sich fürs Zufrühkommen. Lassen Sie Blumenstrauß oder Torte da. Bringen Sie am nächsten Tag erneut Blumenstrauß oder Torte mit.

Jetzt ist die »Wonder of the Seas« in See gestochen oder besser: in See gewalzt. Das Schiff ist fünfmal so groß wie die Titanic und hat 15 Decks, 52 Aufzüge, 19 Pools. Hat nebst manch anderem auch Kletterwand, Tennisplatz, Golf- sowie Surfsimulator, Diskothek, Theater, Kino, Casino, Eislaufbahn, Wasserrutsche, zehnstöckig. Hat einen Park mit 20ʼ000 Pflanzen und Bäumen. Hat 19 Restaurants zum Fooden und 1 Kapelle zum Beten, näher mein Gott zu dir. Ist ja alles schön, aber warum geht man dazu aufs Meer? Hat Platz für 6988 Gäste, dazu kommen 2300 Mann/Frau Besatzung. Für 9288 Menschen kann ich aber auch nach Rorschach am Bodensee gehen (Bevölkerungszahl vom 1.1.18). Oder nach Mittenberg in Bayern (Bevölkerungszahl vom 30.6.17). Fast hätt ichʼs vergessen: In jeder Kabine gibt es einen Haartrockner. Auch Duschhaube? 

Wartend saß ich da, und aufs Mal sah ich die Hände auf dem Schoss und dachte: Sind das meine? Sind das tatsächlich meine Hände, so alt, so bleich, mit blauen Adern wie Schnüre unter der Haut? Sie waren mir plötzlich fremd. Ich erinnerte mich von einem Mann gelesen zu haben, dem nach einem Säge-Unfall die Hand eines Toten transplantiert wurde. Es war die erste erfolgreiche Operation dieser Art. Er gewöhnte sich nicht an die Hand und sagte nach zwei Jahren »Nehmt sie mir wieder ab.« Nun, ich will meine Hände bestimmt nicht loswerden, sie waren ein Leben lang freundlich zu mir, konnten viel streicheln und viel arbeiten und hielten beim Schreiben den Stift, während der Kopf am Denken war.   

Ab heute keine Corona-Maske mehr! Nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Spitälern soll man sich das Ding überziehen.  Kurz weht der Hauch der Freiheit über die nackten Gesichter. Aber schon liegen andere Masken bereit, hier Fasnachtsmasken für demnächst, dort Gasmasken für hoffentlich nie. Und Rollen-Masken, vor allem die Ich-Maske, die jeder Mensch braucht, um so zu sein, wie er glaubt, dass die anderen ihn sehen. Der britische Dichter Philip Larkin, der ungern Lesungen gab, sagte: »I don’t want to go around pretending to be me.« So zu tun, als sei ich ich.

Wir sitzen auf einer Bank auf dem Rigi. Im Horizont ein weißer Spitzenkragen: Schneeberge. Unter uns ein dunkelseidenes Tuch: der See. Darin ein zum Schlaf hingelegter Riese: der Bürgenstock . Über uns eine hellblaue Kuppel mit Öffnung ins All: der Schönwetterhimmel. Und wir sind still. Und die Welt wär still. Wären da nicht drei auf der Nachbarbank: »Griti macht den Gratin ohne Zwiebeln.« »Meinetwegen, aber Vollrahm muss rein.« »Ein Gratin passt immer, auch ohne Fleisch.» »Also ich hab nichts gegen eine Wurst dazu.« »Aber wenn Wurst, dann Schweinswurst.« »Muss ja nicht immer Braten sein.« »Griti macht den Braten neuerdings mit Speck gespickt.« »So sieht sie auch aus.« Nun wächst hinter dem Pilatus  eine Wolke heran, sieht aus wie Eierschnee. Griti würde ihn vielleicht in den Gratin mischen.

Ein toter Tiger werde untersucht und dann verbrannt, und dann bleibe nur noch Asche übrig, sagte die Tierwärterin im Zoo. »Was ist Asche?«, fragte ein kleines Mädchen - ich schätze, es war so vier Jahre alt. Es fiel den Leuten rundum schwer, das bildhaft zu erklären. Und mir fiel es schwer zu glauben, dass ein kleines Mädchen nicht weiß, was Asche ist. Als Kind sah ich Asche an Vaters Zigarre und  im erkalteten Kachelofen und auf dem Sonntagsspaziergang beim Würstebraten.  Heute sind Zigarren, Kachelöfen und Würste out, und mir ist klar: Ich stamme aus einem anderen Zeitalter.

29. Januar 2022

Ich bin Comic-Analphabet, das heißt: Ich kann einen Comic nicht richtig aufnehmen. Ich lese und vergesse zu schauen, oder ich schaue und vergesse zu lesen. Eine der wenigen Graphic Novels, die ich mir ganz und gar einverleibt habe, heißt »Maus«. Der Autor Art Spiegelman schreibt und zeichnet die Geschichte seiner Familie im Horror des Holocaust. Die Juden sind Mäuse, die Nazis sind Katzen. Was für ein wunderbares, abgrundtief trauriges Buch. »Maus« erhielt 1992 den Pulitzer-Preis und wurde bald eine hilfreiche Lektüre, um Jugendliche über die Shoa aufzuklären. Nun hat die Schulbehörde von McMinn County in Tennessee USA das Buch aus dem Lehrplan für die achte Klasse entfernt. Es enthält acht Schimpfwörter – zum Beispiel »goddam« und »how the hell« - und einen nackten Busen. Und es zeige, so der Schulrat, unnötige Gewaltdarstellungen: »Es zeigt Leute am Galgen, es zeigt wie sie Kinder töten… « Ja was, bitte sehr, war denn der Holocaust, wenn nicht Gewalt?

Impfpflicht. Kampfpfau. Dumpfpfiff. Schrumpfpflaster. Knopfpfütze. Schimpfpfote. Sumpfpflaume. Rupfpfeffer. Krampfpfanne. Zopfpfad. Hüpfpflege. Schlupfpfeife. Strumpfpfusch. Schopfpfui. Schlupfpfuhl. Klopfpfingsten. Dampfpfeil. Rumpfpfand. Kopfpfund. Stumpfpfosten. Zapfpflock. Zupfpfirsich. Topfpflug. Kropfpfahl. Impfpflicht.

Bin heute einem alten Wort begegnet. Wer sind Sie? fragte ich. Gestatten, Glutäen mein Name, sagte es, nickte mir vornehm zu und verschwand alsbald edlen Schritts zwischen den Zeilen. Ich indes eilte zu Google: Glutäen ist eine wohlerzogene und längst vergessene Umschreibung für Hinterbacken, Gesäßbacken, Arschbacken. Für den Podex und den Hintern und den Allerwertesten. Der Brockhaus von 1911 gibt die Herkunft bekannt: Glutaei musculi, die drei paarigen Muskeln an der hinteren und äußeren Seite des Beckens. Vielleicht könnte man den alten Ausdruck wieder ans Licht holen? Statt von fettem Hintern von mächtigen Glutäen sprechen? Klingt geradezu göttlich.

Ich nehme das Telefon ab, Musik, eine Tonbandstimme sagt: »Hier spricht die Polizei, in Ihrem Quartier ist eingebrochen worden, lassen Sie niemanden ins Haus, der zuständige Beamte heißt Steiner, Sie werden so bald als möglich verbunden. Ihr Passwort lautet: Blume.« Musik. Wozu brauche ich ein Passwort, denke ich, was zum Teufel … Jetzt spricht jemand live, ein sehr hochdeutscher Herr sagt, er sei von Interpol, man habe die Einbrecher gefasst und bei ihnen ein Notizbuch mit meinem Namen gefunden, »Angelika Waldis«, sagt er, »stimmt, doch oder? Die Gefahr besteht leider, dass die Täterschaft auch Sie im Visier hat. Auf welche Gegenstände könnte sie es denn wohl abgesehen haben? « »Seltsame Geschichte«, sage ich, »ich glaube Ihnen kein Wort.« Da legt Interpol auf. Ich rufe die Kantonspolizei an, um den Anruf zu melden. Der Beamte am Telefon heißt Wasser. Passt schön zum Passwort Blume.

In Kambodscha ist Magawa gestorben. Sie hat in ihrem Leben 100 Landminen aufgespürt und dafür einen Orden erhalten. Sie war die berühmteste Minensuch-Ratte der Welt. Niedlich schaut sie aus, und darum hat man ihr wohl heute in der Zeitung eine halbe Seite eingeräumt. Ich möchte gerne in der Zeitung mal eine halbe Seite über einen Minenfabrikanten lesen. Wie heißt, lebt, wohnt, isst, reist, träumt er? Legt er sich abends auf eine Corbusier-Liege, schaut in den Sonnenuntergang und streichelt ein Kätzchen oder Rättchen? 1999 trat die Ottawa-Konvention in Kraft. Sie verbietet das Entwickeln / Fabrizieren / Erwerben/ Lagern / Einsetzen / Weitergeben von Antipersonen-Minen. 32 Staaten haben sie noch immer nicht unterzeichnet, darunter China, Indien, Russland und die USA. Jedes Jahr werden Tausende Menschen durch Landminen getötet oder verstümmelt. 2019 waren es 5554, davon 80 Prozent Zivilist/innen, davon 43 Prozent Kinder. Hat der Minenfabrikant ein Kindchen oder zwei?

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.