Mein großer Enkel schreibt eine große Arbeit über Intelligenz, und ich darf sie lesen, während sie im Entstehen ist. Es ist eine anspruchsvolle Lektüre: Fluide und Kristalline Intelligenz, Allgemeiner Intelligenzfaktor, Kulturelle Unterschiede, Areale der Gehirnrinde, Suche nach dem Intelligenz-Gen, Beschreibungskatalog künstlicher Intelligenz …Ich bin sehr beeindruckt – und plötzlich sehr berührt, als da steht »Bei meinem Workshop in der Neuropathologie am Universitätsspital Zürich hatte ich die Möglichkeit, ein echtes menschliches Gehirn in den Händen zu halten. Es war ein seltsames Gefühl.« Mir fällt ein, wie vor vielen Jahren der damals kleine Enkel mit einem seltsamen Gefühl in unserem Garten stand und in seinen Händchen ein Amsel-Ei hielt.

Der Autorenverband hat dazu aufgerufen, den vielen in der Türkei inhaftierten Journalisten Postkarten zu schreiben. Deren Namen und Gefängnisadressen lagen dem Aufruf bei. Gute Idee. Ich zeige meine Postkarte dem Kurden, dem ich wöchentlich eine Deutschstunde gebe, und er schreibt noch einen Gruß auf Kurdisch auf die Karte. Auch gute Idee. Bevor ich die Karte wegschicke, fällt mir plötzlich ein, dass ich eigentlich wissen sollte, was darauf geschrieben steht. Ich google. »Slau« ist das erste Wort des Kurden. »Schlachten / schinden / morden« übersetzt Google aus arabisch geschriebenem Südkurdisch. Ich bin entsetzt. Wenn auf meiner Karte nun so etwas steht wie »Schlachtet den Präsidenten«? Hastig suchte ich weiter und finde nichts Besseres. Bis mir einfällt, dass mein freundlicher Kurde vielleicht nicht so schön geschrieben hat. Statt nach »slau« suche ich also nach »slav«. Und siehe da: »Gott zum Gruße!« heißt das, und der Rest des kurdischen Satzes handelt von Respekt.

Kürzlich war wieder mal die alte Schulfreundin am Telefon, die vor fünfzig Jahren nach Indien zu ihrem frisch Angetrauten auswanderte. Also, sie wanderte nicht, so lange wollte der Angetraute – ein Maharadscha – kaum warten, wahrscheinlich flog sie. »Weißt du noch?«, sagte sie am Telefon, »wie wir den Lateinlehrer fertig machten?« Ja, ganz verschwommen wusste ich das noch, und es nagte noch leicht. Lachend zählte sie auf, was wir ihm alles angetan hatten. »Dass du dich noch daran erinnerst«, sagte ich betreten, »du hast ein besseres Gedächtnis als ich,« »Den dummen Spruch, den du ans öffentliche Schwarze Brett gehängt hast, den hast du aber nicht vergessen, oder?« Doch, den hatte ich vergessen, genauso wie meine anderen boshaften Unternehmungen, die sie erwähnte. Ich habe sie alle längst unter den Teppich der Verdrängung gekehrt.

Eins: US Präsident Obama hat die Einfuhr von Elefantentrophäen verboten. Zwei: US Präsident Trump hebt das Einführverbot wieder auf. Drei: Tierschützer protestieren. Vier: US Präsident Trump legt das Verbot mal auf Eis. Fünf: Eis hat die Eigenschaft zu schmelzen. Ich ertappe mich, wie ich beim Lesen solcher Zeitungsmeldungen mehr und mehr resigniere. Diesmal ist mir aber wieder mal so richtig schlecht geworden, denn der Meldung war ein Bild beigefügt. Es zeigt den 37jährigen Sohn Trump erfreut vor einem erlegten Elefanten, in der einen Hand hält er ein Messer, in der anderen den abgeschnittenen Elefantenschwanz. Das Bild ist aus dem Jahr 2011, da gab es in der Familie noch keinen US Präsidenten, aber Arroganz und Dummheit waren wohl schon vorhanden. Mehrere Millionen Afrikanische Elefanten gab es zu Anfang des 20. Jahrhundert, 1981 waren es noch 1.5 Millionen, und maximal 689ʼ000 sind es heute. Wow, Leute, noch 689ʼ000 Elefantenschwänze!

Ich war fünfundzwanzig Minuten an einer Vernissage. In dieser Zeit habe ich Folgendes erfahren: Erstens, ein Mann hat gerade eben eine Einzimmerwohnung gemietet, zwei Kilometer entfernt von seinem Haus, um endlich seiner Frau zu entfliehen. Zweitens, zwei ergraute Freundinnen haben sich nach fünfzig Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Drittens, eine weitere Frau ist so dünn geworden, weil sie seit zwei Jahren nur noch das isst, was sie gern hat, unter anderem eineinhalb Kilo Schokolade pro Woche. Als ich wieder draußen war, wunderte ich mich, dass mir die Leute so viel und die Kunstwerke so wenig gesagt hatten.

Was haben die Leute früher im Bus gemacht, als es noch keine Gratiszeitungen und keine Handys gab? Ich kann mich nicht erinnern. Vermutlich hat man nicht viel mehr geredet als jetzt. Man hat sich angestrengt, die Gegenübersitzenden nicht direkt anzustarren, hat für die Augen Schleichwege gesucht. Und die Möglichkeit, aus dem Fenster zu schauen, gab es ja auch schon. Früher, früher, früher. Möchte ich zurück, wenn ich könnte, und wenn ja, dann wie weit? Nein, hier und jetzt will ich sein, in unserer vernutzten, vernetzten, eilenden, heulenden Welt. Ein Kinderhändchen mit einem Plastiksaurier taucht über der vorderen Rückenlehne auf und fuchtelt ein bisschen hin und her. Dann sagt das Kind – laut und erfreut über die Eingebung – zu seiner Begleitperson: »Gehen wir einmal in die Steinzeit in die Ferien, bitteeee?«

Der türkische Kurde, dem ich Deutschstunden geben werde, zieht als erstes sein Handy hervor und tippt ein Foto an: »War meine Schwester.« Das Foto zeigt eine junge Frau im Militärlook, die ein Gewehr hochstreckt. »Das war deine Schwester oder ist deine Schwester?« »War meine Schwester. Tot ist.« Sie sei im Krieg gegen den IS gefallen, als Kämpferin bei den Peschmerga. Der Kurde ist etwa vierzig, und Menschen in seinem Alter zeigen auf ihren Handys meist Bildchen von ihren Kindern. Auch er hat einen kleinen Sohn, aber er zeigt ihn mir nicht. Er will, dass die tote Schwester mir sagt, wer er ist.

Diese Lust. Dieser Übermut. Diese Tollheit. Dieser Leichtsinn. Diese Leidenschaft. Diese Unbekümmertheit. Dieses Selbstvertrauen. Dieses fast berauschte schnelle Dahingleiten des Skateboardfahrers heute früh durch den dichten Morgenverkehr. Und dieser Neid, diese Bewunderung, dieses Verlangen meinerseits, die ich längst zu alt, zu vorsichtig, zu vernünftig geworden bin für jedwede rasanten Versuche. Wie schön sie sein muss, die Unvernunft. Ich hab es mal gewusst.

Der Begriff Anstand kommt aus der Mode, weil er nicht mehr klar definiert ist. Früher wusste man: Sauce auftunken oder das Wort Scheiße sagen, war unanständig. Heute darf man sowohl lustvoll auftunken sowie preisgekrönte Literatur voller Scheiße-Wörter lesen. Früher ging man nicht in verlöcherten Hosen ins Büro. Heute deckt man sich in teuren Läden mit Hosenlöchern ein. Was ist denn nun Anstand? Anstand heißt ja wohl: man steht an, weil da eine Grenze ist. Bis hierher und nicht weiter, sonst bist du unanständig und verdienst Verachtung oder gar eine Strafe. Bist ein Prolo oder ein Sauhund oder ein Halsabschneider. Setz dich endlich anständig hin, sagte eine Frau im Bus zu ihrem kleinen Jungen. Er wusste nicht, was sie eigentlich wollte. Ich auch nicht. Ich würde das altmodische Wort lieber aufsparen für Wesentliches. Zum Beispiel für Konzerne, die sich via Tochterfirmen in armen Ländern unanständig bereichern. Oder nennt man das kriminell? Und: Darf man eigentlich Sauhund sagen?

Zwölf Mäuse und eine Meise. Was klingt wie der Titel eines Bilderbuchs, ist tatsächlich das Ergebnis unserer Mäusefangaktion der letzten Tage. Die Meise, ein Versehen, flog unversehrt aus der Falle, sie schimpfte uns auf dem Baum noch kurz aus. Die Mäuse ließen wir jeweils im Wald frei, mit der strengen Auflage, nicht zurückzukehren. Nun, es trippelt und trappelt nachts weiterhin hinter den Wänden, munter bis wild. Kotkügelchen liegen wie exotische Streuwürze auf dem Gästebett, Kissen sind angenagt für den Nestbau, ein Vorrat aus geraubtem Katzenfutter ist zwischen den Geschirrtüchern versteckt. Wir hängen feinste Leckerbissen in die Mausefallen, Baumnüsse, Speck, Schokoriegel … vergeblich. Die Mäuse fallen nicht mehr auf die Fallen rein. Sie lachen uns aus. Manchmal ist so etwas wie Mäusekichern zu hören. Auch die Katz lacht. Sie ist alt und hat kaum mehr Zähne.

Schreckschraube ist ein schönes Wort. Das macht unter anderem die Alliteration aus: schr-schr. Man spürt das schr-schr im Rücken, wenn man der Schreckschraube begegnet. Wir haben in der Nachbarschaft eine. Taucht sie auf, dann – schr-schr – nichts wie weg! Sie ist so verschlagen wie verlogen und man möchte sich nie mehr mit ihr streiten. Bewaffnet ist sie auch, trägt über dem Speck einen spitzen Büstenhalter und einen engen Hosenpanzer im Leopardenlook, spritzt die Haare mit viel Spray zu einem blonden Stachelhelm, hat das Handtäschchen an einer Goldkette stets wurfbereit und geht nie an die Front, nicht mal bis zum Gartenzaun, ohne eine dicke Schutzschicht Schminke. In ihrer Jugend war sie vermutlich nett und hübsch, dann wurde sie vom Leben eingezogen und in die Schlacht geschickt. Auch jetzt, mit bald siebzig und zittrigem Lidstrich, hat sie noch immer nur den Feind vor Augen.

Mein Vater war katholisch. Meine Mutter war erst protestantisch, dann katholisch. Irgend was mit -isch musste man damals wohl sein. Auf jeden Fall gläubisch. Zur Auswahl stand auch altkatholisch, jüdisch, muslimisch, hinduistisch, buddhistisch, aber davon wurde in meiner Umgebung kaum Gebrauch gemacht. Heidnisch kam nicht in Frage. Neuerdings gibt es auch evangelikalisch. Ich bin nicht gern -isch. Wennʼs denn sein muss, dann agnostisch oder atheistisch. Am liebsten und einigermaßen überzeugt bin ich angelikaisch oder waldisisch.

777, schöne Zahl. 777ʼ000, beeindruckende Zahl. 777ʼ000 Menschen, erschreckende Zahl – so viele haben 2015 gehungert. 2016 waren es 815ʼ000. Das heißt, in einem Jahr sind weitere 38 Millionen dazugekommen. So weit die neuen Zahlen der Welternährungsorganisation FAO. Für das kommende Jahr sagt die FAO Rekordernten und volle Silos voraus. Genug Nahrung, dass niemand hungern müsste, würde sie nachhaltig produziert und richtig verteilt. Und würden die Nichthungernden nicht ein Drittel aller Lebensmittel wegwerfen. Jetzt gehe ich einkaufen. Das ist gerade Aktion: Datteltomaten, Pinienkerne, Lammnierstück, Vermicelles, Bio-Oliven, Baumnüsse, Parmigiano Reggiano, geräucherte Forellen, Vollrahm aus der Region.

Vom Glück, etwas zu finden: Die Augen suchen den Waldboden ab, das Straßenbord, den Strand, den Wegesrand. Will haben, haben, haben – ein vierblättriges Kleeblatt, eine alte Münze, eine perfekte Nuss, einen Fingerring, eine Muschel, eine Feder. Entweder schön oder selten muss es sein, das Fundstück, und so klein, dass ich es aufheben und mitnehmen kann. Ja, eine Leiche wär zwar selten, aber zu groß, eine Kuhglocke wär zwar schön, aber zu schwer. Das kleine Fundstück hingegen kommt mit nach Hause, vergammelt dann in meiner Tasche oder verstaubt auf meinem Tisch und landet irgendwann im Müll, wo es nie mehr gefunden wird.

Ein Fischer liebkost seine sterbende Beute, drückt den Fisch an seine nackte Brust, stupft ihn sanft mit dem Gesicht, streichelt ihm so lange über den Rücken, bis er sich nicht mehr bewegt, durchtränkt dessen Sterben mit Liebe. Erst glaubt man dem Fischer das zärtliche Spiel, bewundert ihn gar, dann sieht man an seinen Händen, wie viel Kraft, ja Gewalt er braucht, um den zuckenden Fisch festzuhalten, wie viel Qual er ihm bereitet, bevor er ihn endlich ersticken lässt. Das Ganze ist eine Inszenierung. Der Künstler Jonathas de Andrade hat den verstörenden Film gedreht: »O Peixe«/»Der Fisch«. In den Gewässern um Recife/Brasilien hat er verschiedene Fischer in dieser Pose porträtiert, als Liebende des Todes. Sie streicheln ihren erregten Fisch mit Inbrunst ins Jenseits. 28 Minuten dauert der Film, a Piece of Art im Museum of Contemporary Art Chicago, und er hinterlässt einen schalen Geschmack. Kitsch schmeckt so.

»Wie war dein Erlebnis mit Desirée?«, so lautet der neueste Eingang in unserem Mail-Briefkasten. Desirée? Kenn ich nicht. Die Mail muss sich wohl an meinen Mann richten. Er hat mir nicht gesagt, dass er eine Desirée kennt. Dass er mit ihr ein Erlebnis hatte. Nach so vielen Ehejahren – und er sagt mir einfach nichts. Nun gut, ich kann ja die Mail lesen. »Gib Desirée Feedback«, steht da, »je konkreter, desto besser.« Ich werde fast ein bisschen rot. Ziemlich peinlich ist das. Es gibt fünf Stufen, Desirée zu bewerten, von 1=schlecht bis 5=super. Ich frage mich: Warum hat mein Mann Desirée besucht, und angenommen, sie ist 5=super – worauf versteht sich diese Desirée so umwerfend gut? Da heißt es weiter: »Wärst du einverstanden, dein Erlebnis mit einem Apple Store Manager per Telefon zu besprechen?« Ach so, mein Mann hat kürzlich Probleme gehabt mit seinem neuen iPad. Danke, Desirée, und sorry.

Die 1997 gestartete Raumsonde Cassini zum Saturn und seinen Monden hatte heute ihr »Grand Finale«. Sie wurde nach beendeter Mission zum Verglühen in Saturns Atmosphäre gesteuert. Man wollte sie nicht einfach treibstofflos weitertrudeln lassen. Vielleicht wäre sie sonst mal mit Enceladus kollidiert. Enceladus ist ein winziges Saturnmöndchen von 500 km Durchmesser, mit aktiven Geysiren, einer Eiskruste und darunter einem Ozean aus Wasser mit gelösten Salzen. So gute Bedingungen, heißt es, gebe es jenseits der Erde nirgendwo im Sonnensystem. Bei einer Kollision mit Cassini hätten womöglich irdische Mikroben auf den unberührten kostbaren Mondwinzling gelangen können. Mit unabsehbaren Folgen – so die Warnung der Wissenschaftler. Von der Erde infiziert zu werden, scheint verheerend zu sein. Kein Wunder eigentlich, leidet sie doch immer heftiger an akutem homo sapiens.

Garrett Popcorn in Chicago, heißt es, sei das beste der Welt. Also rein in den Laden. Er befindet sich grad neben der Magnificent Mile, der teuren Flanierstrasse. Mit Garrett Popcorn Fingern sollte man in den Luxustempeln von Armani bis Tiffany nichts mehr anfassen, denn das Popcorn hat »deep butter notes«: Kaum hat man es angefasst, triefen die Finger von Fett. Der beliebteste Mix ist CaramelCrisp plus CheeseCorn. Auch die Kundin vor mir möchte den haben. Sie sagt es nicht, sie zeigt darauf. Sprechen kann sie nicht. Eine große rote Geschwulst hängt ihr wie eine zweite Nase über den Mund. Garrett Popcorn gibt es seit 1949. Mich gibt es schon länger. Und mein Gesicht weiß noch immer nicht, wie es sich in solchen Momenten benehmen soll.

The Metropolitan Federal Prison und das Swissotel in Chicago wurden vom gleichen Architekten gebaut, von Harry Weese. The Prison 1975, das Hotel 1989. The Prison ist 88 Meter hoch, das Hotel 139 Meter. The Prison ist dreieckig, das Hotel auch. The Prison hat zuoberst einen Exercise Yard, das Hotel ein Fitness Center mit Pool. The Prison hat 257 Zellen für 600 Insassen, das Hotel hat 661 Zimmer für die Gäste. The Prison hat 12,7 cm breite und 213 cm hohe Fensterschlitze, das Hotel hat zimmerbreite Panoramafenster. The Prison hat keine Fenstergitter, das Hotel auch nicht. The Prison hat keine Sterne, das Hotel deren vier. The Prison ist für Kriminelle, das Hotel ist auch für Nichtkriminelle. Welches Gebäude Harry Weese lieber gebaut hat, kann man ihn nicht mehr fragen. Er hat sich in den achtziger Jahren zu Tode getrunken. Dies ein paar Fakten.

»Asshole«, sagt der Mann. Damit bin ich gemeint. Der Mann ist Bettler, man sieht es ihm an, ich bin Touristin, man sieht es mir an, der Ort ist Chicago. Er hat die Hand ausgestreckt, und ich hab den Kopf weggedreht. Gerade erst bin ich angekommen und blicke hoch zu den schimmernden, leuchtenden, blendenden Steilwänden des Wolkenkratzermassivs. Hätte ich für den Mann eine Zwanzigdollarnote aus der Tasche klauben sollen? Kleiner hab ich’s nicht, das weiß ich, ging alles weg für das Trinkgeld des Taxifahrers. Die Bauten sind beeindruckend. Morgen werde ich mich kundig machen, von wem und für wen sie gebaut worden sind. Einer der Gigatürme ist angeschrieben: TRUMP. Aufs Mal kann ich den Bettler begreifen, dass er eine Wut hat auf das gesamte reiche Pack, das nicht mal einen halben Dollar für ihn übrig hat.

Farmersmarket in Olympia, USA. Es gibt Tomaten, Grünzeug, Blaubeeren. Es gibt Eier, Honig, Brot. Es gibt Biowurst, Muscheln, Fisch. Es gibt Gedrechseltes und Gehäkeltes. Und es gibt eine Tarotkartenleserin. Vor ihrem Tischchen sitzt ein Junge, etwa zwölf Jahre alt, Football-Logo auf dem T-Shirt. Ich versuche zu lesen, was auf seiner Stirn steht. »Soll ich das glauben?«, heißt es in der ersten Zeile. Und darunter: »Ja, ich glaube das.« Der Mund lacht ein bisschen. Die Kartenleserin redet und redet, der Junge schaut und schaut, mal auf ihr Gesicht, mal auf die Karten. Daneben steht die Mutter und nickt. Mir ist ein bisschen bang. Was für eine esoterische Falle schnappt da zu? Kommt der Junge danach unbeschwert raus? Im Einkaufskorb der nickenden Mutter sind Eier und Blaubeeren. Vielleicht macht sie dem Jungen heute Blueberry Muffins.

Ingibjörg Jónsdóttir, geboren 1875, kommt mit fünf Jahren in die Familie des Reverend Valdimar Briem in Stóri Núpur, Island, und hat eine glückliche Kindheit. Sie heiratet den Schreiner Guðmundsson, sie sind arm und emigrieren nach Kanada und Kalifornien. Ingibjörg hat drei Kinder und kümmert sich um straffällige Burschen. Zeitlebens hat sie Heimweh. Reverend Briem schickt ihr aus Island getrocknete Blumen. Die bewahrt sie fünfzig Jahre lang auf und näht sie dann in ihr gesticktes Sargtuch. Sie stirbt 1964. Ein Leben. Eins von schätzungsweise 108 Milliarden Menschenleben. Das Sargtuch findet den Weg zurück in die Heimat und liegt im kleinen Museum in Eyrarbakki.

Im Walmuseum in Reykjavík hängen 23 lebensgroße Modelle der Wal-Typen, die in den Gewässern um Island gesichtet werden oder worden sind, zum Beispiel ein 25 Meter langer Blauwal. Da wird man rasch klein. Und rasch müde, bei so viel Information zur fremden Welt des Ozeans. Der weiße Beluga etwa, so lese ich, kann 1-2 Tonnen schwer, 3-6 Meter lang und 25-30 Jahre alt werden. Per Knopfdruck ist seine Stimme zu hören, und aufs Mal bin ich hellwach! Der Beluga klingt exakt so wie zuhause »mein« Bussard in »meinem« Wald: Dieses hohe Iiiä! Iiiä! Plötzlich habe ich Lust auf ein Stück simple Gewohnheit. Morgens in die ausgelatschten Turnschuhe zu steigen, mit Schlaf im Gesicht in den Wald hinein zu laufen, zu erkunden, ob der Bussard noch da ist, ob die Eiche noch steht, ob die Welt noch vorhanden ist.

Da sind wir also in Island und schauen uns weder den gigantischen Wasserfall noch die berühmten Geysire an. Auf dem Weg dorthin – durch den Þingvellir Nationalpark – nehmen wir Reißaus. Zu viele Besucher, Autos, Parkplätze, Schilder, Hinweise auf Erlaubtes und Unerlaubtes. Þingvellir ist durchaus interessant, tektonisch: hier sind die amerikanische und die eurasischen Platte auseinandergedriftet, und historisch: hier wurde 1944 die Republik Island ausgerufen. Die Erklärung zum Unesco Weltkulturerbe ist durchaus nachvollziehbar, die Touristen sind durchaus wohlerzogen, das Wetter ist durchaus angenehm. Aber wir hauen ab. Sind wir Snobs? Banausen? Eigenbrötler? Müssen wir uns schämen? Allfällige Scham waschen wir weg in einem herrlich heißen Topf – heitur pottur –, in der öffentlichen Badeanstalt der Stadt Selfoss.

Blaubeerenplatz nicht gefunden, auf einem abgelegen Hof gelandet. Kein Mensch da, um zu fragen, Auto wenden. Da kommt zögerlich doch noch eine Gestalt hinter dem Haus hervor, ein altersloser, magerer, bärtiger Bauer. Blueberries?, sagen wir, das isländische Wort dafür kennen wir nicht. Der Bauer nickt, Blueberries versteht er. Wir sind wohl nicht die einzigen, die der Beeren wegen in diese einsame Gegend fahren. Hilfsbereit klaubt er die wenigen englischen Wörter hervor, die er besitzt, und schenkt sie uns. Mit road, right, turn, ten und minute schickt er uns auf den richtigen Weg. Als wir mit vollen, blauen Blaubeerenmägen im Blaubeerenfeld liegen, schicken wir kurz vorm Einschlafen dem Bauern die kostbaren englischen Wörter durch den blauen Himmel zurück.

Halb elf Uhr nachts, wie stehen auf Islands Zauberberg und schauen, wie die Sonne untergeht. Snäfelsjökull heißt der vergletscherte Berg, ein eingeschlafener Vulkan, der letztmals 250 nach Christus ausgebrochen sein soll. Jules Verne hat hier oben den Einstieg der »Reise zum Mittelpunkt der Erde« angesiedelt. Esoteriker schwärmen von Kraftfeldern. Und manch eine der linsenförmigen Lenticulariswolken über der weißen Kuppe wurde als UFO missinterpretiert. In einem Raupenfahrzeug sind wir den Gletscher hochgekrochen, ein Dutzend Leute, und jetzt wird gefroren und fotografiert. Der Sonnenuntergang sieht aus wie Sonnenuntergänge und eine kalte Nase wie kalte Nasen. Ich weiß nicht so recht, was für Gedanken ich mobilisieren soll für den magischen Moment. Mein Leben abspulen lassen? Meinen Tod ins Auge fassen? Mich für unseren blauen Planeten bedanken? Ich entschließe mich, Wünsche ins All zu schicken, wie bei Sternschnuppen. Bis die Sonne verschwindet, werde ich alle Wünsche los.

Fahrt durch den Nordwesten Islands, leere Straßen, leere Landschaft, selten ein Haus, manchmal drei Schafe. »Immer drei«, sage ich. »Das meinst du bloß«, sagt O. am Steuer. Ist aber so: immer drei. Drei-Knäuel-Wolle. Können Schafe bis drei zählen? Oder kennen sie links und rechts und dazwischen? Bin ich mit selektiver Wahrnehmung blockiert? Oder spinn ich gar? »Immer drei«, sage ich wieder. »Wenn du das nicht bloß meinst«, sagt O., »dann sind es wohl Mutter und Kinder.« Das leuchtet ein, nur: Warum sind es immer zwei Kinder? Hat die Mutter zum ersten ein zweites adoptiert? Oder hat sie von dreien eines verstoßen? Offene Fragen, leere Straßen, kahle Berge, Lavafelder, Heideflächen. Und manchmal drei Schafe. Jetzt weiß ich auch endlich warum, hab‘s nachgelesen: Beim Islandschaf sind Zwillingsgeburten die Regel. Wie gut, dass ich meinen Augen noch trauen kann.

Von vielem gibt es viel mehr als früher. Von einigem gibt es weniger, etwa Schmetterlingsarten, Klosterfrauen, Lyrik in Reimen oder Suppenhühner … Es gibt auch weniger Tuberkulöse, Skrofulöse oder Skrupulöse. Woher das dermatologisch klingende Wort Skrupel kommt? Von lat. scrupulus = kleiner spitzer Stein, sagt das etymologische Lexikon. Skrupel seien ein stechendes Gefühl der Angst, der Unruhe. Nun ja, es ist nicht unbedingt angenehm, Skrupel zu haben. Aber keine Skrupel zu haben, scheint mir wesentlich schlimmer. Leider verschwinden sie mehr und mehr und immer schneller. Filme, Internet und Werbung machen uns vor, wie es ohne geht. Wie man herrlich skrupelfrei verschwenden, verführen, betrügen, lügen, verraten, quälen oder killen kann. 

Die Bischöfe habe im Auftrag des Papstes einen Brief erhalten, »um sie daran zu erinnern, dass es vor allem ihnen zukommt, würdig für das zu sorgen, was für die Feier des Herrenmahls benötigt wird.« Es geht um die Kommunion. »Hostien, die überhaupt kein Gluten erhalten, sind für die Eucharistie ungültige Materie«, heißt es im Brief, und weiter: Hostien mit wenig Gluten könnten erlaubt werden, ebenso solche aus genetisch veränderten Pflanzen. Ich denke: Sorgen haben die! Vor meiner ersten Kommunion ging ich im weißen Festkleid aufgeregt durch den Garten, sah ein Erdbeerchen und aß es. Dann fiel mir ein, dass ich nun nicht mehr nüchtern sei und das Empfangen der Hostie somit eine große Sünde. Ich getraute mich nicht, jemandem mein Vergehen zu gestehen, empfing die Hostie dann trotzdem, mit schlechtem Gewissen, und sorgte mich noch lange, lange.

Gewitter kommt näher, Himmel legt Stirn in Falten, Dunkelheit sammelt sich. Donner knallt. Ich sitze draußen unterm Dach, in eine Decke gewickelt, und höre dem Regenrauschen zu, das rasch näherkommt, ein Rauschzug auf blitzenden Schienen, vor mir bleibt er stehen. Laut und stetig ist nun das Rauschen. Nimmt man eine Viertelsekunde davon ans Ohr, klingt es wie Stoff, der reißt. Erst faucht mir der Regen fein über Gesicht und Füße, dann klatscht er mich nass und packt mich mit wilden Fingern. Wir überfluten die Treppe und torkeln hinaus auf die Straße und verschlunden zusammen singend im Abflussrohr. Wie ich morgen in der Zeitung lesen werde, pumpt man in Zofingen, Oftringen, Schöftland derweil die Keller leer. 

Als ich zur Welt kam, war mein Vater 56. Er lebte noch 20 Jahre, nicht lange genug, um ihm nahe zu kommen. Seit 57 Jahren ist er tot. Sein Gesicht ist mir längst entschwunden. Seine Stimme auch. Weiß auch nicht mehr, wie sich seine Hand anfühlte. Weiß noch, wie er seine Schritte setzte, wie er das Glas hob, wie er sich über den Kopf strich. Die Entfernung nimmt zu, und die Verbundenheit nimmt ab. Ich staune, dass ich mal sein Kind war. Und da schaue ich heute in mein Handy und klicke die letzten Fotos an und halte erschrocken inne: mein Vater schaut mich an! Sein Gesicht ist wieder da, der ernste Ausdruck, der schöne Mund, nur für den Hundertstel eines Augenblicks. Dann verwandelt sich sein Gesicht zurück in das Gesicht meines Sohns, der da unter der Linde steht und über etwas nachdenkt.

»Gehorsam, was ist das eigentlich?«, fragt mein vierzehnjähriger Enkel. Erst stutze ich, dann freu ich mich. In seinem bisherigen Leben – seinem Zuhause, seiner Schule – hat es dieses Wort nicht gebraucht. Auch so ist er ein freundlicher Mensch geworden: empfindsam, regsam, sorgsam, achtsam und keineswegs mühsam, grausam, gewaltsam oder sonstwie seltsam. Aufmerksam ist er auch: er hinterfragt, was er tun soll. Blindlings Gehorsame machen das nicht. Blindlings Gehorsame sind uninteressant bis gefährlich. Uninteressant als Einzelwesen und gefährlich als jubelnde Masse. Ich behaupte mal: Positive Erfrischungen erfährt die Welt eher durch Ungehorsam. Eins musst du wissen, mein lieber Enkel: Autoritäten können auch Autoritäter werden. Und jetzt sei gehorsam und komm her, aber sofort! Damit ich dich umarmen kann.

2000 frische Salatköpfe hat Bauer O. im Seeland an die Annahmestelle geliefert. Sie sind allesamt zurückgeschickt worden. Grund: »Auf einem der Köpfe wurde eine Raupe gefunden«, sagt Bauer O. Also weg mit den 2000 Köpfen, auf den Kompost damit. Und weiterhin tüchtig Pestizide einsetzen. Denn wehe, Frau Hinzli oder Herr Künzli finden eines Tages eine Raupe am Salat. Dann rasten sie aus oder gehen in Deckung. Sie verklagen den Bauernverband und die Ladenkette und Gott den Allmächtigen, der so etwas Widerliches erfunden hat. Frau Hinzli und Herr Künzli sind Ästheten. Sie hat ihre weißen Vorhänge mit türkisen Schmetterlingen bedruckt, und er trägt eine nachtblaue Krawatte mit Zitronenfaltermuster. Übrigens werden laut WWF Schweiz jährlich rund 91'000 Tonnen Frischgemüse weggeworfen, von denen, die es produzieren – und denen, die es nicht konsumieren.

Sitze frühmorgens am Busbahnhof Zürich und schaue mich um. Nehme an, die Busse, die wegfahren, sind nicht alle voll. Könnte also im letzten Moment einsteigen und mich gepäcklos ins Ungewisse chauffieren lassen. Weiß nicht, was mich in Odessa erwarten würde. Puschkin war da mal im Exil, weil er gegen die Leibeigenschaft anschrieb. Es gibt ein Schwarzes Meer und eine Promenade. Die knapp 48 Stunden Fahrt kosten rund 130 Franken, so viel wie hier ein Paar Turnschuhe. Könnte auch eine Haltestelle vor Odessa aussteigen, in Galati, Rumänien. Könnte da einen Straßenhund adoptieren und mit ihm in elf Stunden nach Moldawien wandern. Könnte mir dort ein Paar Turnschuhe für 20 Franken kaufen. Könnte so vieles. Muss und will aber nicht. Andere müssen und wollen. Stelle mir vor, die traurige Frau fahre zu einem Begräbnis, der hustende Rentner besuche zu spät seine Enkel, die junge Hübsche mache unbezahlte Ferienpause im Sexsalon. Einsteigen bitte, das Leben fährt ab.

Sorry, ging nicht anders, hab einer Spinne das Netz zerrissen, sie hatte es so gespannt, dass ich nicht ans Gartenwerkzeug rankam. Das Fadengespinst klebte mir, also der Bösewichtin, noch eine Weile strafend an der Hand. Spinnennetze lass ich sonst meistens in Ruhe, die perfekten wie die unordentlichen, da steckt so viel Arbeit, Ausdauer und Raffinesse drin. Zur Zeit ist im Haus Konstruktiv in Zürich eine Installation des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno zu sehen: »Arachno-Konzert«. In einem offenen kubischen Rahmen befinden sich eine Spinne und ihr Netz. Dieses ist mit einem Mikrophon verbunden, das jede Vibration simultan akustisch umsetzt. Der Spinne macht es nichts aus, hoff ich doch. Mir wär es gar nicht angenehm, wenn man mir ein Mikrophon ins Gehirn implantierte, das jeden meiner Gedanken simultan akustisch umsetzt. Könnte ja nie mehr in Ruhe spinnen.

Zentralbibliothek Zürich. Ich fahre mit dem Lift vier Stockwerke tief in die Unterwelt, um nach einem alten Merian-Heft zu suchen. Auf den Regalen lagern tonnenweise niedergeschriebene Gedanken. Wahrscheinlich leben sie noch. Ist ja kein Grab hier, auch wenn das Handy tot ist. Vergeblich suche ich nach UR22558(2005):2, kein Heft da mit dieser Signatur, dafür ein Gespräch, gut hörbar hinter zwei Regalen: »Er findet mich total gut.« »Echt?« »Ja, Figur und alles. Hat er gesagt.« »Süß.« »Aber meine Mutter mag ihn gar nicht.« »Warum?« »Er sei laut.« » Und jetzt?« » Gehen wir zu ihm statt zu mir.«»Habt ihr schon?« »Ja. Und danach hat er Frühstück gemacht, amerikanisch.« Plötzlich scheint es nach gebratenem Speck zu riechen da unten in der Buchgruft.

Heute sitzt ein kleiner brauner Heuschreck auf meiner Tastatur, auf der Taste »8«. Als sich meine Finger nähern, springt er. Mit einem einzigen Satz ist er verschwunden. Ich nehme an, er wusste nicht, dass ich auch Sätze machen kann. Die 8 eignet sich bestimmt als Sprungbrett: Ob8! Was m8e der Schl8er in der Hochzeitsn8? Er betr8ete lange die Farbenpr8 seiner Schl8ertr8. Erst l8e die schm8ende Braut nur s8, dann lauter, und als sie wiehernd in Ohnm8 fiel, fand das der aufgebr8e Schl8er wenig angebr8. Alte Sch8el, schrie er unbed8, da war sie bereits wieder aufgew8.

Na ja, der Satz des Heuschrecks war eindeutig besser …

Katze Uma ist tot. Der Tierarzt hat sie in den Großen Schlaf befördert. Wir haben sie in eine Schachtel gelegt, mit ein paar Rosenblüten. Ach, die Blüten sind ihr so egal. Nun ist sie weg, die Sanfte, die Scheue, die uns mal zugelaufen ist und beschlossen hat, hier zu bleiben. Rund fünfzehn Jahre war sie da. Umati-Pumati, wärst du doch noch ein Weilchen geblieben … Vor ein paar Wochen hat sie mit dem Sterben angefangen, hat sich hingelegt und mochte nicht mehr essen, nicht mehr durch den Garten streifen, wurde schwach, wurde leicht, bis sie nur noch so viel wie eine Seele wog. Hob den Kopf, wenn man sich zu ihr setzte, freundlich, schnurrlich bis zuletzt. Jetzt ist sie nur noch zur Erinnerung statt zur Umarmung da – ein Wesen mehr.

In der Gärtnerei sucht ein Paar nach Pflanzen für den Balkon, höchste Zeit, Ende Mai. Es hört sich an wie eine ernste Sache. Es hört sich an, als hätten sie entschieden, sich doch noch ein Kind anzuschaffen. Er: Also das ist mir zu rot. Das schreit ja richtig. Sie: Dann halt dieses Rosa. Er: Meinst du das ernst? Sie: Ja, ist doch niedlich. Er: Aber ist dir bewusst, dass wir dann die ganze Zeit auf etwas Rosarotes starren? Sie: Da steht, es sei einjährig, Wir nehmen besser etwas Perennierendes? Er: Was heißt denn das? Sie: Das hast du für immer, blüht Jahr für Jahr. Er: Langweilig. Sie: Da schau, das wär hübsch. Er: Vergiss es. Wird zwei Meter, wächst uns über den Kopf. Sie: Wir dürfen dann nicht vergessen, noch Rankhilfen, Dünger und Blattlauskonzentrat zu kaufen. Und eine Gießkanne. Er: Macht diese ganze Pflanzerei überhaupt Sinn? Ein leerer Balkon ist irgendwie angenehmer. Sie: Jetzt nerv nicht.

Für den Duft, wenn nach einem heißen Tag Regen auf Erde oder Asphalt fällt, gibt es ein englisches Wort: Petrichor, aus griechisch »petros« (Stein) und »ichor« (Flüssigkeit in den Adern der Götter). Erfunden wurde es vor fünfzig Jahren von zwei australischen Forschern, die untersuchten, wie Petrichor chemisch zustande kommt. Die Aussprache von »Petrichor« ist nicht ganz klar, auf jeden Fall muss sie englisch sein, schade. Auf Deutsch denkt man sich bei einem Petrichor den Regenmacher Petrus, umkränzt von singenden Engeln – ein schönes Bild für einen himmlischen Duft. Übrigens gibt es Petrichor auch als Parfum zu kaufen, mit »aquatischen und erdigen Noten«. Echter und billiger ist ein Platzregen, wie er an diesem sommerheissen Maitag auf den Abend hin angesagt ist. 

Da erhält der Publizist Rüdiger Safranski den Börne-Preis, und da erfahre ich aus seiner Preis-Rede einiges über den vergessenen Publizisten Ludwig Börne (1786-1837), und da ploppen aus dem literarphilosophischen Denkteich wieder mal die alten Frage an die Oberfläche: Darf sich denn Poesie in Unglückszeiten überhaupt zeigen? Darf Kunst mit den Gräueln der Welt koexistieren? Darf man statt über Krieg über Nachtigallen schreiben? Gibt es – laut Brecht – Zeiten, »in denen ein Gespräch über Bäume schon fast ein Verbrechen ist«? Die Fragen sind eigentlich müßig. Auch oder gerade in Epochen von Sturm und Drang und Aufruhr gelingen poetische Kleinode. Wie war das, als W.C. Williams The Red Wheelbarrow veröffentlichte? Da fand gerade das Massaker von Rosewood statt: Ein Mob von Weißen zündete in Florida ein Dorf von Schwarzen an.

so much depends

upon

a red wheel

barrow

glazed with rain

water

beside the white

chickens.

Ein Freund ist gestorben, kein guter Freund, nur ein guter Mensch, aber das reicht, um traurig zu sein. An der Trauerfeier spricht ein guter Freund des guten Menschen. Er war bei ihm zwei Tage vor dessen Tod. Jetzt ziehen sie mir dann den Stecker raus, habe der gute Mensch gesagt. Also wusste er, dass der Tod nahe war. Nun ist der Stecker gezogen. Der Strom ist aus, das Leben weg, der Geist gelöscht. Betroffen sitzen die Trauernden da und denken beim Orgelspiel an ihren eigenen Stecker und an die Steckdose und an das geheimnisvolle Kraftwerk, das den Strom ungefragt liefert und ungefragt stoppt.

Katze Uma ist sechzehn Jahre alt, sie hustet, und neuerdings hinkt sie. Nun liegt sie schlaff beim Tierarzt auf dem Untersuchungstisch, ein schwarzes Häufchen. Die Hände des Arztes wühlen sich durch das Häufchen und verschieben Haut, Knochen, Knubbel und Wammen. Manchmal streicheln sie das Häufchen, daran merkt man, dass es lebendig sein muss. Leben, was ist das? Wer hat es und warum und wie lange? Im Labor herstellen lässt es sich nicht, und wenn es mal da ist, ist es unfassbar, und wenn es abhaut, lässt es sich nicht mehr einfangen. Sie brauche keine Behandlung, sagt der Arzt, solange es nicht schlimmer werde. Also fahren wir die alte Uma nach Hause, wo sie gleich zu schnurren anfängt. Das klingt bei ihr, wie wenn man mit dem Teigroller trockenes Brot zerdrückt.

Dem einen muss man die Fäden aus der Nase ziehen, dem andern hängen sie meterweit heraus. So wie heute, als wir mit der Fähre von Gross- nach Kleinbasel fuhren. »De Fährimaa« sah so gar nicht aus wie ein Fährmann. Ja, sagte er auf unsere Frage, er sei nicht immer Fährmann gewesen… Ja, er habe vorher anderswo gearbeitet… Ja, das sei ein paar Jahre her… Ja, auch in Basel, im Spital… Ja, er sei Arzt gewesen… Ja, er könnte uns medizinisch versorgen, wenn wir ins Wasser fielen… Weiter heraus konnten wir die Fäden nicht ziehen, denn die Fahrt war zu Ende. Herr Doktor Fährmann zeigte beim Abschied auf einen Mann auf dem Uferweg, dem hingen die Fäden bis zu den Füssen. Kaum hatten wir ihn begrüßt, zückte er sein Handy mit Bildern von den Riesenhechten, Riesenschleien, Riesenforellen, die er hier im Rhein gefangen hatte, und antwortete munter und wortreich auf alle Fragen, die wir gar nicht erst stellten.

Ein paar Tage weg – und wie stets beim Nachhausekommen die kleine Bange: alles ok? Diesmal war die Bange berechtigt. Die alte Katze, genannt Uma, hinkt und wankt. Die jüngere Katze, genannt Katz, schaut verstört und vorwurfsvoll: »Wo zum Teufel wart ihr? Einfach abzuhauen, das ist unerhört.« Als wir gingen, blühte die Wiese. Jetzt liegt dicker Schnee darauf. Der greise Rosenstrauch liegt am Boden, die Himbeeren sind abgeknickt. Erfroren sind Zucchetti, Peperoncini und Gurken, egal. Erfroren ist auch der Kiwi, der sich seit Jahren ums Terrassengeländer rankte, schade. Halb erfroren sind Hortensien, Strauchpäonie und Tulpenbaum. Alles halb so schlimm. Es sind keine Fenster eingeschlagen, kein Toter liegt in der Badewanne und kein Kadaver im Keller. Gebrannt hat es auch nicht. Und die alte Uma schnurrt noch.

Am Wochenmarkt in Luino rauscht ein heftiger Regen, prasselt auf die Stoffdächer der Stände. Manchmal rutscht eine Wasserlache vom Dach, dann stürzen die Passanten kreischend auseinander. Kalt ist es auch. Mit klammen Händen halte ich meinen Schirm, hätte ich mich doch wärmer angezogen. »Du zitterst ja«, sagt mein kleiner Enkel, der so groß ist wie ich, legt seinen Arm um mich und hält mich fest im Griff. So warten wir dicht aneinander, ein alter Baum und seine starke junge Stütze, bis S. und O. den Kauf einer Tasche abgeschlossen haben. Er hat mich nicht im Regen stehen lassen, mein großer kleiner Enkel. Wie schön das ist, wenn jemand da ist, der einen hält.

Selten gehe ich ins Konzert, aber für »Ein Deutsches Requiem« von Brahms am heutigen Karfreitag habe ich mir ein Ticket gekauft, Empore, erste Reihe Mitte, im Großmünster. Ich blicke hinunter auf 137 Singende und 46 Spielende und 1 Dirigierenden. »Selig sind, die da Leid tragen« – so fängt das Requiem an. Der Mann an der Pauke ist noch nicht dran. Von oben sieht es aus, als habe er sich in tiefer Trauer über einen seiner drei Kessel geworfen, aber er klopft nur mit sanften Fingerspitzen aufs Fell und hält prüfend sein Ohr darauf. Immer wieder tut er das, durchs ganze Konzert hindurch, wirkt wie ein Vater, der ans Kinderbettchen rennt, um nachzusehen, ob darin noch geatmet wird. Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn sich alle Musiker in ihren Pausen auf die Instrumente würfen und in sie hineinhorchten. Wenn die Sänger sich gegenseitig die Rücken abklopften. Wenn die Konzertmeisterin dem Dirigenten zwischen den Sätzen an den Kopf griffe, um dessen Verankerung zu prüfen …

Mein Reiseführer durch Syrien stammt aus dem Jahr 1913. Der ihn seinerzeit gebraucht hat, hieß Joseph Waldis, war Priester und Lateinlehrer (und mein als eitel beschriebener Onkel, der starb, lange bevor ich zur Welt kam). Er hat mit Bleistift manches unterstrichen: »Wollene Unterbeinkleider und Unterjacken vermindern die Gefahr der Erkältung. Auch seidene Unterwäsche wird sehr empfohlen.« »Sich mit Waffen zu versehen, halten wir nicht für unbedingt nötig, aber immerhin für erwägenswert, wenn auch für die persönliche Sicherheit auf viel begangenen Wegen kaum etwas zu befürchten ist.« »Allen Gebäuden gemeinsam ist eine gewisse Vernachlässigung … Trümmerhaftigkeit ist eben der Charakter des Orients, die gemeinsame Grundfarbe ist Schmutz, der allgemeine Überzug ist Staub.« Von Trümmerhaftigkeit in Syrien ist heute nicht mehr die Rede, nur noch von Trümmern. Von vierhundertsiebzigtausend Toten und fünf Millionen Geflüchteten und sechs Jahren Krieg. 

Die zauberhafte Fritillaria ist wieder da, bleibt vielleicht zwei Wochen und verzieht sich wieder für ein Jahr. Das ist wie Besuch aus Australien: »Wie schön, dass du da bist«, sage ich. »Siehst wunderbar aus wie immer!« Die Fritillaria senkt verlegen das glockige Haupt und dann schau ich ihr unter den Rock, seh die gelben Staubbeutel und den dreispaltigen Griffel, alles da, wie immer. Die Fritillaria meleagris heißt auf Deutsch Schachblume, weil die Blütenblätter hell-dunkel gemustert sind wie ein Schachbrett. Sie hat dieses Jahr ein paar neue Kinder hervorgezwiebelt. »Und du«, sagt die Fritillaria, »wie geht’s, hast du alles im Griffel? Muss ziemlich mühsam sein, so das ganze Jahr permanent aufrecht im Licht. Ich freu mich schon wieder aufs Nachher. Aber erst will ich mal deinen Garten verschönern.«

Die dunkle Stimme kam und ging. Sie flatterte im Kehlkopf herum und flog wieder weg. Sie krächzte den Hals rauf und runter und machte sich wieder davon. Aber jetzt hat sie sich niedergelassen und wird wohl für immer in meinem Enkel bleiben: Er hat den Stimmbruch. Er wird erwachsen. Irgendwie passt die dunkle Stimme noch nicht ganz zu seinen vierzehn Jahren. Er scheint dafür noch nicht ganz lang genug. Da ist immer noch viel Knabe und noch nicht so viel Mann. Aber mein Enkel mag seine neue Stimme. Ich merke, dass er ihr gerne zuhört. Er ist stolz darauf, und weil er stolz ist, bin ich es auch.

Ich hab mir ein neues Handy gekauft, denn das alte ist vor einem Jahr in die Toilette gefallen und wollte danach nie mehr so recht, verweigerte dies und das und kämpfte mit einem Toilettentrauma. Lange habe ich mit dem Kauf zugewartet, ich dachte, ich sei zu dumm für die Übertragung der Daten. Und dann war es so herrlich einfach. Der Verkäufer tat’s für mich. Er war freundlich, schwarz und baumlang. Wenn ich ihn etwas fragte, musste ich aufschauen wie eine Fromme zur Jungfrau Maria. Entsprechend lang waren seine Finger. Sie tanzten mit traumhafter Sicherheit, fünf schwarze Spitzentänzer auf achtundsiebzig Quadratzentimetern Parkett. Der Mann hieß James. Er hat einen Heiligenschein verdient. Nur kann er ihn nicht tragen, sonst kommt er oben an der Ladendecke an.

Das Fräulein stand am Meere  /  Und seufzte lang und bang,  /  Es rührte sie so sehre  /  Der Sonnenuntergang.  /  Mein Fräulein! Sein Sie munter,  /  Das ist ein altes Stück,  /  Hier vorne geht sie unter  /  Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heines Gedicht ist einfach perfekt, in Form, Klang, Gefühl und Witz. Es zu sezieren, müsste verboten sein. Da schreibt etwa ein Interpret:»Die Bewegung des Gestirns wird anhand der Präposition ›Hier‹ im siebten Vers und dem Adverb ›von hinten‹ im letzten Vers verortet, die Dekonstruktion der vorherigen Wahrnehmung wird eingeleitet.« Herr Heine, bitte entschuldigen Sie, dass jemand Ihr Fräulein mit so unschönen Sätzen verunstaltet hat. Und empfangen Sie als Zeichen meiner Verehrung das Männlein:

Das Männlein steht am Strande  /  und denket sehr an nichts  /  da wird ihm bang im Sande  /  denn aus dem Sande spricht‘s!  /  Ach Männlein, nimm’s gelassen  /  wer spricht, ist nur das Meer  /  denn Sprechen hilft im nassen  /  Gemütszustande sehr.

Hollywood-Drehbuch in Kürze: Orson, der göttliche Kerl, wird allseits verehrt, aber von seinem Bruder Sam gehasst. Sam killt Orson, teilt ihn in vierzehn Stücke und kippt diese in den Mississippi. Der gemeinsamen Schwester Isabel gelingt es, die Stücke zu retten, sie werden im Paradise Robot Hospital in Houston wieder aneinandergenäht. Isabel beatmet den Bruder so erfolgreich, dass sie sich noch im Spitalbett sexuell vergnügen. Aus der geschwisterlichen Liebe entsteht der kleine Horace, der sich später am mörderischen Sam rächt und Präsident der Vereinigten Staaten wird. Orson hingegen taucht ab ins Jenseitige. Die vier Protagonisten Orson, Isabel, Sam und Horace taufen wir um in Osiris, Isis, Seth und Horus und sind damit mitten in den altägyptischen Götterlegenden. Das Rietbergmuseum Zürich zeigt zur Zeit eine großartige Rückschau auf den Osiriskult, dazu aus dem ägyptischen Küstenmeer neu gehobene archäologische Schätze. 

Freu mich auf die Aufführung heute Abend. Dass Brecht gespielt wird – Kaukasischer Kreidekreis – ist Nebensache. Wichtig ist mein Enkel. Er spielt den Lavrenti, den Bruder der tapferen armen Magd. Weil er nicht in Turnschuhen auftreten darf, hat er sich vom Großvater Lederschuhe ausgeliehen. Er kann seinen Text. Er ist aufgeregt. Er mag das Stück. Ich mag es auch, weil mein Enkel drin vorkommt. Ja, ich mag auch Brecht. Es war klug von ihm, die Wanderlegende über die streitenden Mütter aufzugreifen. Sie ist von Indien über China in den Vorderen Orient und ins Alte Testament gewandert. Hat es bis in Brechts Kopf und auf die Bühnen der großen Theater und bis ins Bett meines Enkels geschafft, wo er las und lernte und etwas erfuhr über die Heimtücken der Gerechtigkeit

Kann mich nicht entscheiden, worüber ich schreiben soll. Den Wind, der den Bambus fiebrig macht. Den Himmel, der ausschaut wie zu meiner Kindheit, weil er grau ist und man keine Jetstreifen sieht. Den türkischen Präsidenten, der die Todesstrafe wieder einführen will. Die Kontaktliste auf meinem Handy, in der ich manche streichen müsste, weil sie gestorben sind. Die blauen Adern auf meinen Handrücken, die befremdlich dick geworden sind. Das Rufen der beiden Milane, die vielleicht auch dieses Jahr wieder in Sichtweite nisten. Die traurigen Briefe meiner Großmutter, die ein uneheliches Kind gebar und es nicht behalten durfte. Ja, worüber soll ich schreiben. Ich glaube, ich frag die Katz. Sie hat schon immer gewusst, was für die Katz ist und was eben nicht. 

Zum ersten Mal habe ich eine Meeresschildkröte von unten gesehen, im Aquarium in Konstanz. Sie war wohl etwas kleiner als ich, von heller Farbe, schwebte sachte schaukelnd über meinem Kopf. Der Panzer saß wie angegossen und sah überhaupt nicht hart aus, sondern wirkte eher verletzlich. Aber das lag wohl daran, dass ich die Bauchseite der Schildkröte überhaupt zu Gesicht bekam. Es war, als zeige sie mir ein Geheimnis, ihren Bauch im Korsett. Ich war ein bisschen gerührt, und ich dachte, dass man des Öftern die Dinge drehen müsste, um sie von unten zu sehen. Ein anderes Bild als das übliche, das bringt was. Vielleicht Gutes.

Drei von fünf Damen der Gesprächsrunde zerren beim Adieusagen an meinem Schal. Von wem der sei, wollen sie wissen. Vom Brockenhaus, sage ich. Sie fingern sich zur Etikette durch. »Wetten, das ist Fabric Frontline«, sagen sie. »Kann nichts anderes sein.« »Typisch, die abstrahierten Blüten auf Schwarz.« »Ein frühes Stück, gibt’s heute nicht mehr.« »Diese raffinierte Verblassung, die fehlt in den späteren Sachen.« Ich sage noch einmal, der Schal sei vom Brockenhaus. Sage, er sei wohl mehrfach gewaschen. »Ach so«, sagen sie. »Brockenhaus. Aber hübsch!« Dann bin ich aus der Begutachtung entlassen. Wovon in der Gesprächsrunde die Rede war, habe ich nach hundert Metern Heimweg vergessen

Die Niederlande haben den Auftritt türkischer Wahlkampfredner untersagt, darob ist der türkische Präsident Erdoğan erbost. Der türkische Verband der Viehproduzenten unterstützt seinen Protest, indem er vierzig niederländische Kühe des Landes verweist. Die erste Gruppe der schwarzweißen Holsteiner ist bereits verladen worden. Nimmt die Niederlande die Kühe nicht zurück, werden sie geschlachtet und das Fleisch wird verteilt. Auch ein Importstopp auf Bullensamen wird erwogen. Das erinnert an die Tierprozesse im Mittelalter. So empfahl das bedeutendste Rechtsbuch um 1230, der »Sachsenspiegel«, nach der Vergewaltigung einer vergeblich um Hilfe rufenden Frau seien alle am Tatort gewesenen Tiere zu töten. Verurteilte Tiere konnten gehenkt, verbrannt, ertränkt, erwürgt werden. Eine Verweisung des Landes ist nirgendwo erwähnt.

Ich habe ein Inserat gelesen »Frauenschweißkurse«. Untertitel: »Für die, die es schon immer tun wollten.« Sofort machte ich mir ein Bild. Ein Kurslokal voller Männer, die an Frauen riechen und gewissenhaft ihre Fragebögen ausfüllen. Bitte kreuzen Sie an: Zwiebel/Kamille/Kreuzkümmel. Überlagert von: Rose/Zitrone/Tabak. Bitte erstellen Sie Ihr eigenes Geruchsprofil und suchen Sie das Frauenschweißprofil, das am stärksten davon abweicht – so eruieren Sie eine für genetische Vielfalt garantierende Partnerin. Während die Männer arbeiten, flimmern auf einer Leinwand Großaufnahmen von Achselhöhlen und anderen Körperzonen. Dann bricht das Bild entzwei. Denn so geht das Inserat weiter: Alles, was zur Metallbearbeitung gehört, schweißen, biegen, löten, schneiden, schleifen. Erfüllen Sie Ihren Traum von selbst hergestellten Kerzenständern, Lampen, Stühlen. Auch für gemischte Gruppen. 

Sonntagmorgenwanderung, Sonnentag. Ich komme am Zoo vorbei, was für eine Menschenmenge. Gespielt wird das Allegro der Kinderwagensymphonie für gemischten Chor, ziemlich laut. Gestern ist ein Elefant zur Welt gekommen. Alle wollen es sehen, das herzige Kind. Hundert Meter weiter ist der Eingang zum Friedhof, ich schlüpfe durchs Tor, und mit einem Schlag ist es still. Die großen Bäume fangen die Klänge auf, leiten alles Lachen und Rufen durch den Stamm in den Boden, wo die liegen, die mal am Leben waren. Hat jemand von euch mal einen neugeborenen Elefanten gesehen?, frage ich. Woran würdet ihr euch gerne erinnern, wenn ihr könntet? Ich warte nicht, bis sie antworten, sondern mache mich durch ein Seitentürchen davon in den angrenzenden Wald. Specht klopft, Kräh kräht, Sonne blitzt.

Im Jahr 2016 sind auf der zentralen Mittelmeerroute, also Libyen-Italien, 4579 Menschen ertrunken. Um mir diese Menschenzahl vorzustellen, gebe ich bei Google »Einwohnerzahl 4579« ein und bekomme umgehend das Bild eines schönen, stattlichen Dorfs: Wettswil am Albis. So viele Menschen leben da (Zählung von 2014). Es gibt 2 Schulhäuser, 6 Kindergärten, 4 Kirchen, 1 Bibliothek, 1 Feldschützenverein, 1 Chor, 1 Fußball-Club, 1 Turnverein, 1 Schachclub, 4 Restaurants, 5 Ärzte, 2 Zahnärzte, 1 Dorfzeitung … Jetzt muss ich mir vorstellen, die 4579 Wettswiler Männer, Frauen, Kinder, lägen tot in der Tiefe des Mittelmeers. Muss ich das? 

Meine Bösdrüse produziert wieder mal zu viel Ungeduld, und die pulsiert bis in die Fingerspitzen. Wegen nichts, wegen fast gar nichts. Heute wegen fünf Tortenstücken, die ich Freunden zum Kaffee mitbringen will. Erst nimmt die junge Verkäuferin einen zu kleinen Karton, platziert ein Stück Sachertorte, sucht vergeblich einen größeren Karton, holt die alte Verkäuferin zu Hilfe. Puls. Nun platziert sie ein Stück Orangentorte, das kippt auf die Seite, platziert ein Stück Kirschtorte, die rutscht auf die Sachertorte, platziert ein Stück Johannisbeertorte, das bleibt am Tortenheber kleben, platziert ein Stück Falschtorte, nämlich Apfel statt Quark wie verlangt. Puls, Puls. Nun schlägt sie alles so umständlich in Papier ein, dass die Tortenstücke beim Zerdrücktwerden aufschreien, aber das höre nur ich. Die junge Verkäuferin lächelt. Leider weiß sie nicht, was die Tortenstücke kosten. Puls, Puls, Puls. Die alte Verkäuferin muss wieder her. Puls, Puls, Puls, Puls. Freunde, ich komme! Es wird nur ein bisschen später. 

Der Mensch wünscht sich Vögel, wenn er aus dem Fenster schaut, also geht er Futter kaufen und streut es ins Vogelhaus. Der Vogel wünscht sich Nahrung, am besten Fastfood, also bedient er sich an der Futterstelle. Die Maus wünscht sich was zu knabbern, also holt sie sich die Körner, welche der Vogel vom Vogelhaus schubst. Die Katz wünscht sich Mäuse, also lauert sie da, wo die Maus die Körner des Vogels holt. Der Mensch schaut aus dem Fenster, sieht Vogel, dann Maus, dann Katz und ist zufrieden mit seinem dreifachen Profit. Das Anlegen einer Futter-Aktie hat sich gelohnt. Das Leben beruht auf Angebot und Nachfrage. Morgen gehe ich neues Futter kaufen. Vielleicht lässt sich an die Verbraucherkette Vogel-Maus-Katz noch Nachbars Hund anhängen. Dann wird es echt dramatisch, und ich kann für den Ausblick aus meinem Fenster Eintrittsgebühr verlangen.

Ich lese in der Zeitung, dass im Militärgefängnis Saydnaya in Syrien zwischen 2011 und 2015 bis zu 13‘000 Häftlinge hingerichtet und in Massengräbern verscharrt worden sind. Ich lese, dass die Häftlinge – Augen verbunden – in einem ein- bis dreiminütigen Verfahren zum Tode verurteilt werden. Ich lese, dass sie das Urteil erst erfahren, wenn ihnen im Hinrichtungsraum – Augen verbunden – die Schlinge um den Hals gelegt wird. Ich lese, dass in syrischen Gefängnissen bis zu 15‘000 Menschen verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind. Die Angaben sind von Amnesty International. Ich lese in der Zeitung, dass das passende Dessert für den heutigen Tag »Brischtner Nytlä« heißt und dass es dazu 100 g gedörrte Birnen, 80 g Zucker, 2 dl Rotwein und 5 dl Rahm braucht. Die Angaben sind von Uri Tourismus AG.

»Ach, ich werde mir wohl mächtig fehlen, wenn ich mal gestorben bin«, schrieb Tucholsky alias Theobald Tiger.« Sarkasmus geht Hand in Hand mit der Wahrheit, und darum lässt sich aus dieser Aussage schließen, dass sich Tucholsky – lebend – irgendwie mochte. Heikle Frage: Mag ich mich? Ich kann mich selber ja nicht belügen, zumindest nicht für lange. Die Frage, ob ich andere mag, ist unproblematischer. Ich brauche sie entweder nicht zu stellen oder nicht zu beantworten. Aber was mich angeht, da kann ich schlecht kneifen. Mag ich mich? Wenn ich so wäre, wie ich bin, würde ich mich dann mögen? Nun ja, so einiges an mir mag ich schon, etwa eine gewisse Eignung als Freudenfinderin. 

Ich erinnere mich an den Geruch, wenn Mutter Vaters Hose aufbügelte. Ich erinnere mich an den Pausenbrotbeutel meiner Lehrerin. Ich erinnere mich an die gestaute Sommerwärme im Versteck unterm Buchsbaum. Ich erinnere mich an Mutters klopfenden Fuß, wenn sie meine geigenspielende Schwester auf dem Klavier begleitete. Ich erinnere mich an das gerahmte Foto von Mussolini im Zimmer unserer Haushalthilfe Evi. Ich erinnere mich an Fieber und an eine hohe Stimme, die dann oben an der Zimmerdecke Unverständliches sprach. Ich erinnere mich, wie die große Blutbuche lautlos umfiel. Siebzig Jahre her, das alles. Ist es nun Ballast oder bereicherndes Zubehör? Müßige Frage. Ich habe in meinem Speicher ja ohnehin nichts zu sagen. Da wird verschoben, gestapelt, entsorgt, ohne mich zu fragen. Ich füge mich ja. Nur die Erinnerung an den warmen Bauch meines kleines Hundes, der nachts zu mir ins Bett kam, wenn niemand es sah, die hätte ich bitte gern noch ein Weilchen.

Am Nebentisch in der Pizzeria unterhalten sich zwei Frauen, unauffällige einheimische Frauen, halt irgendwie angezogen, halt irgendwie frisiert, wie man eben so aussieht, wenn man sich in Zürich über Mittag in einer normalteuren Pizzeria verpflegt. Eine rund, eine hager. Die Runde erzählt von einer Fernsehsendung, die sie interessant fand. »Hättest du sehen müssen«, sagt sie, »also krass.« »Echt?«, sagt die Hagere. »Ja, in Basel, in so einem Institut. Ich habe Wurstscheiben in der Pizza« »Echt?« »Ich finde, Wurstscheiben gehören nicht in eine Pizza.« »Und dann?« »Und dann haben sie gezeigt, wie sie die Toten zubereiten.« »Echt?« »Ja, krass. Hättest du sehen müssen.«

Jetzt ist er, vor dem wir uns fürchten, also vereidigt. Herr Trump. Ist lobgehuldigt, gesegnet, gefeiert worden. Gestern war Inauguration. In diesem Wort stecken etymologisch noch die Auguren, die altrömischen Priester, die vor wichtigen Staatshandlungen zum Beispiel aus dem Vogelflug Vorzeichen des göttlichen Willens lasen. Was sie bei Trump wohl vorausgesagt hätten? Hätten sie ihr Augurenlächeln aufgesetzt, nämlich das Lächeln Eingeweihter über die Leichtgläubigkeit der Menge? Fast tat es weh zu sehen, wie die Menschen applaudierten, als Trump in seiner Rede einmal mehr Drohungen, Beleidigungen und patriotische Heißluft von sich gab. Ich war froh, als ich auf dem Bildschirm inmitten der Heuchelei etwas wunderbar Wahres entdeckte: der zehnjährige Trump-Sohn Barron gähnte.

Das Personalpronomen deklinieren? Ben macht ein Gesicht wie »Wozubrauchichsowaszuwissen«, hört aber höflich zu und sagt plötzlich »Schau mal hinaus!« Vor dem Fenster wird pausenlos und von Geisterhand eine weiß getupfte Tapete nach unten gezogen: Schneeflocken dick und dicht und stetig. Ein alter Zauber, frisch vorgeführt. Wir staunen. »Stell dir vor«, sagt Ben, »jede Flocke würde einen Ton von sich geben.« Ich weiß nicht, wie ich mir das vorstellen soll, als orchestriertes Gedudel, als sanfte Perlenklänge, als bedrohliches Gedröhn? Ich weiß nur, dass solche Vorstellungen sehr viel bereichernder sind als das Deklinierenkönnen von Pronomina.

Es hat geschneit, zum ersten Mal in diesem Winter, und ich will die erste sein auf dem verschneiten Waldweg. Hastig zieh ich mich an, es ist noch nicht mal ganz hell. Der Weg ist unberührt! Schritt um Schritt drücke ich meine Spur in die makellos weiße, weiche Decke. Ich weiß, es ist kindisch: Die erste sein wollen und eine Spur hinterlassen. Ich muss mich fragen, ob ich solch lächerlichen Ehrgeiz auch in anderen Situationen zeige, oder ob ich mich wohlerzogen zurückhalte. Der Weg steigt an, und jetzt kommt es noch kindischer: Ich klaube das Handy hervor und mache zwei Bilder: einmal der blanke Schnee vor mir, einmal meine Spur hinter mir. I was here! Auch noch einige Rehe, ein Fuchs und – vielleicht – ein Marder müssen da irgendwo sein. Und oben in den Bäumen vermutlich ein paar kleine Geister.