Angelika Waldis: »Die geheimen Leben der Schneiderin«

Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich 2008.

Ausschnitte aus der Mitte des Buchs: Jolie ist auf der Suche nach ihrem Bruder Franz, der mit siebzehn Jahren ertrunken sein soll und dessen Leiche man nie gefunden hat.

Manchmal malt sich Jolie aus, wie es wäre, einen Mann zu haben, einen richtigen Dauermann. Ihr Gefühl für Adrian, ihren freundlichen Ex, ist so taub wie ein erfrorener Zeh. Sie hat vergessen, an ihn zu denken. Aber so einen richtigen Dauermann, der schon in der Früh Sätze von sich gibt und sich spätabends noch in ihr Leben mischt, so einen stellt sie sich gerne vor. Sie würde sich mit ihm messen, ihm ein paar Püffe verpassen, wenn er zu wichtig würde, und sie würden einander mit Gescheitheiten zu überbieten versuchen. Sie hätten vielleicht drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, und Jolie hätte sich durchgesetzt, dass sie Raglan, Paspel und Öse hießen, wohlklingende Begriffe aus ihrem ehrenwerten Beruf.

Jolanda, genannt Jolie, werkelt als Schneiderin. Ihr Ex-Mann unterstützt sie großzügig und ihre erwachsene Tochter bereist die Welt. Aber Jolie lebt in keiner Idylle. Sie ist die Einzige in der großen Familie, die sich um die altersdemente Mutter kümmert. Und dann findet sie im Elternhaus auch noch ein rätselhaftes Paket, das auf Franz, ihren Lieblingsbruder, hinweist. Der soll mit siebzehn ertrunken sein, als Jolie gerade zehn Jahre alt war. Doch gewisse Umstände, etwa dass Franz unehelich zur Welt gekommen ist, lassen darauf schließen, dass er einfach abgehauen ist und vielleicht noch lebt.

Um es gleich vorneweg zu sagen: Dieser schmale Roman über eine Schweizer Familie ist so großartig, wie die beschriebene Familie kleinkariert ist. Hier gibt es keinen Helden. Und darin, in der Belanglosigkeit der beschriebenen Normalos, liegt eben nicht nur der höhere Schwierigkeitsgrad dieser Erzählung, sondern auch die besondere Meisterschaft der Autorin. Denn als Fazit kann man nur sagen: Gekonnt geschildert.

Jeder findet irgendwann seine eigene Strategie, mit den großen Ungerechtigkeiten des Lebens und den kleinen Banalitäten und Grausamkeiten des Alltags zurechtzukommen. Die Schneiderin Jolie zum Beispiel, nur auf den ersten Blick »adrett und einigermaßen langweilig«, baut im geheimen kuriose Luftschlösser. Tagtäglich über Hosensäume und Kostümjacken gebeugt, macht sie sich voller Lust die bösesten Gedanken: über den Baufachexperten Fischbacher mit den weinroten Unterhosen, der mit Schüttelbrot um sie wirbt, über den »ringkampfmäßigen Rücken von Frau Kuster« und die hässlichen Müller-Zwillinge in ihren lilafarbenen Hängerchen.

Es sieht so klein und unscheinbar aus, doch ist dies Buch ein echter, kleiner Schatz: Mit »Die geheimen Leben der Schneiderin« hat die Schweizer Autorin Angelika Waldis ein wunderbares »Romänchen« geschrieben, 150 Seiten kurz, doch viel mehr als eine Kurzgeschichte. Die Schneiderin ist die 47 Jahre alte, zurückhaltend-unauffällig wirkende Jolanda, ihre geheimen Leben ihre Gedanken: Sie erdenkt sich neue Lebensläufe für ihre Kunden, erfindet für sich ein Leben als Ehefrau eines »Knackis«, wegen dem sie die Selbsthilfe-Gruppe »Mitgefangen« aufsucht –  und wünscht verzweifelt, ihr 36 Jahren ertrunkener Bruder möge noch leben.

Vater und Mutter werden 80. Tochter Jolanda – kurz Jolie – bereitet aus diesem Anlass ein Fest vor und lädt Eltern und Geschwister ein. Die Vorbereitungen für das Fest bilden einen Handlungsstrang von »Die geheimen Leben der Schneiderin«. Parallel dazu erfährt man ihre Biographie und nun könnte man auch noch erzählen, was mit dem Vater und wie die Mutter ist und was die Geschwister alles nicht sind. Soll aber hier gar nicht sein.

Am Ende wird Jolie Hansen auf einem roten Koffer sitzen, das Nachthemd über die Knie gezerrt. Ihre Welt ist gerade in Trümmer gefallen. Und doch fühlt sich diese erschütterte Frau auf rührendeWeise glücklich.

Was für ein feiner, kleiner Roman! Wie hinreißend mischt sich Traum und Realität, Leben und Tod, Gleichgültigkeit und Liebe! Wie leicht wird das Schwere erzählt!
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