In der Geschichte, an der ich gerade arbeite, verfasst ein junger Mann während eines Gleitschirmflugs die Inschrift für seinen Grabstein: Hier ruht L. L., der an dieser Stelle vom Himmel fiel. Sein Sturz dauerte 20 Jahre und 279 Tage. Ich habe mir heute Nacht überlegt, was ich auf meinen Grabstein schriebe, den ich nicht haben werde, weil ich – schönes Beispiel für Futur II – keinen gewollt haben werde:

Vorbei

der Ausflug in die Existenz.

Das Ich wird Es

und löst sich auf ins Ungesagte.

 

Der Stein rosa, leicht marmoriert, im Schatten eines Baums, Ulme oder so. Ein gut gestylter Abgang? Oder Schwulst?

Die Kassierin sagt seit Tagen »Schöne Festtage«. So etwa hundert Mal pro Stunde. Im Januar muss sie sich das wieder abgewöhnen, muss die eingefressene Formel abspecken. Sonst würde sie der Kunde fassungslos anschauen. In Somalia sind Weihnachtsfeiern verboten. Vor zwei Tagen hat der Generaldirektor des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten das Verbot ausgesprochen. Sicherheitskräfte sind angewiesen, alle Feiern aufzulösen. Diese widersprächen der islamischen Kultur und könnten zu islamistischen Anschlägen provozieren. Ich würde die Kassierin und den somalischen Herrn Generaldirektor gern miteinander zum Weihnachtsessen einladen. Die Kassierin bräuchte kein einziges Mal »Schöne Festtage« zu sagen, und der Generaldirektor bräuchte keinen einzigen Schluck Wein zu trinken. Und sie bräuchten nicht mal zu reden, weil sie sich nicht verstünden. Es wäre so richtig stille Nacht.

Die Katz sagt, was soll das. Wozu aufstehen, jetzt, wo wir beide so schwer und warm sind. Ist ja noch nicht mal hell. Hör endlich auf mit dem Gestrampel und lieg ruhig. Hör, wie ich schnurre. Kannst du nicht, was? Wenn ich schnurre, ziehe ich meine Seele auf, und danach läuft sie wieder wie geschmiert. Bleib. Sei doch nicht so ungemütlich. Immer diese Angst, Zeit zu verlieren. Ich sag dir was: ganz ohne Zeit lebt es sich besser. Brauchst auch die Zeitung nicht, die du jetzt dann gleich aus dem Briefkasten holst. Kannst nicht anders, ich weiß es ja. Kein Morgen ohne dieses Papier auf dem Tisch und ohne diese Tasse mit brauner Brühe. Ach Mensch.

Ich habe mich darauf gefreut, den hochgelobten neuen Ralf Rothmann zu lesen: Im Frühling sterben. Schon einige Male hat er mich beeindruckt, der Könner. Ich lese, und ich wundere mich: Es kommt mir vor, als könne ich ihm diesmal nicht alles glauben. Da späht Walter nachts in eine Kammer, hat nur eine schwache Lampe mit blakender Flamme – und das sichtbare Pochen ihrer Halsader und das tiefe Schwarz der Achselhaare nahmen ihm momentlang den Atem. Hat Walter das Pochen wirklich gesehen? Oder da steht Walter des Morgens neben seinen von einem Jagdbomber zerfetzten Kameraden und blickt in die Ebene hinunter, wo Rauch aus den Schornsteinen der Bauernkaten stieg und Fische aus den Teichen ins Frührot sprangen. Sah Walter die Fische wirklich springen? Zu stark geschminkt kommt mir das Buch plötzlich vor. Aber ich werde es zu Ende lesen. Jetzt erst recht. 

Ein Freund hat uns eine Broschüre zugeschickt, in der er das Leben seiner Ururgroßmutter beschreibt, samt angefügter Ahnentafel. Erst denke ich, was geht mich das an. Dann lese ich mich mit wachsender Neugier in das fremde Schicksal hinein. Faszinierend ist es allemal, was jemand aus der Tatsache seiner Existenz gemacht hat. Manche Romanautoren wären arbeitslos, wenn ihnen solche Stoffe fehlten. Und doch, eigentlich nervt mich die Vorzeigerei der Vorfahren. Hier ein Missionar, da ein Hugenotte, dort ein Gouvernante … Was soll ich mit Stammbäumen? Lieber schaue ich mir lebendige Gesichter an, hier und jetzt. Ein Windchen hat uns hergeweht – da sind wir nun –, und ein Windchen wird uns wegwehen, auch wenn wir uns an eine Ahnentafel klammern. 

Ich habe den großen Kohlkopf im Garten fotografiert. Weiß auch, warum. Weil er so schön ist, der kräftige Kerl, der letzte Zeuge der Sommers. Aber weiß nicht, wozu. Kann ihn zu nichts verwenden, nicht als Neujahrskarte, nicht als Desktophintergrund, will ihn weder aufhängen noch in ein Album kleben, will auch nicht den ganzen Winter an ihn denken. Warum zum Teufel wollte ich den Kohlkerl dann festhalten? Habe ich einmal mehr Vergänglichkeit gewittert, bin dem Oh-wie-schön-und-das-geht-vorbei-wie-alles-irgendwann-Gefühl erlegen? Es hat eine Prise Kitsch in diesem Gefühl und zwei Handvoll Wahrheit. Und seinetwegen hab ich jetzt die Kamera voller Kohl. 

Zahlen geben zu denken, das merkte ich schon in der fünften Klasse. Da mussten beim Kopfrechnen alle aufstehen, Fräulein Brun gab die Rechnung bekannt, und wer zuerst die Lösung wusste, durfte sich setzen. Zum Schluss standen noch drei oder vier Schülerinnen da, sie rechneten falsch und falsch und nochmals falsch und mussten ewig stehen bleiben. Ich hasste diese Rechenstunden, ich dachte: Die Welt oder das Leben oder was auch immer ist ungerecht, da geht etwas nicht auf. Ach Fräulein Brun, es ist immer noch so. 1 Milliarde Menschen hungern. 1.5 Milliarden Menschen sind übergewichtig. Rechne. Wer zuerst die Lösung weiß, darf sich setzen.

Kürzlich war für vier Tage die alte Emma bei uns zu Besuch. Die Nächte verbrachte sie zuhause. Wir holten sie morgens ab, was sie freute, und wir begleiteten sie abends bis zu ihrer Haustür, was sie ebenso freute. Emma erwies sich als ausgesprochen netter Gast, aß mit Vergnügen, war nicht laut, sprach nicht schlecht über andere und akzeptierte gerne unser Sofa für ein Schläfchen. Täglich machten wir zusammen ein zwei Spaziergänge, Emma ist gut zu Fuß, und sie liebt den Wald wie wir. Ob wohl wir unser Bestes gaben, Emma den Aufenthalt in unserem Haus so angenehm wie möglich zu machen, verschwand sie jeweils am Nachmittag in den Garten und wollte nichts mehr von uns wissen. Sie lag eng zusammengerollt ganz dicht am Gartentörchen, da wo man durchs Gitter hindurch den Weg zu ihrem Haus sehen kann. So furchtbares Heimweh hatte sie, die arme Hundefrau.

Zum dritten Mal ist in Israel die Miss Holocaust gewählt worden: die 83jährige Rita B. Sie ist von den Holocaust-Überlebenden die Bestaussehende. Für eine Mister-Wahl World War I ist es zu spät. Wer 1918 aus der Kriegshölle heimgekehrt ist, hat sich längst in den Himmel aufgemacht. Für eine Miss Fukushima ist es hingegen noch zu früh; ob sie wirklich überlebt, muss noch abgewartet werden. Schlechte Späße. Man kann sich fragen, ob eine Wahl zur Miss Holocaust ein Missgriff ist. Es gibt Leute, die finden das geschmacklos. Aber was, bitte sehr, kann denn in diesem Zusammenhang geschmackvoll sein? Wichtig ist doch einzig, dass der Geschmack jener unsäglichen Grausamkeiten in unseren Gaumen nicht vergessen geht, dass er uns wieder und wieder aufstößt. Damit uns bewusst bleibt, wozu wir fähig sind.

Leuchtende Seniorenaugen. Das steht so im Quartierblatt. Es geht um kleine Weihnachtsgeschenke, die alte Augen zum Leuchten bringen sollen. Ich hab ein bisschen was gegen die Behauptung, Augen würden bei Freuden irgendwelcher Art leuchten oder strahlen. Jemand, der sich freut, zeigt es, wenn schon, mit dem ganzen Gesicht. Ich kann mir das gerade bei einem alten Menschen sehr schön vorstellen: unzählige kleine Fältchen geraten in Bewegung. Aber dass die leicht gelblichen oder rot entzündeten Seniorenaugen nun plötzlich anders werden, glaube ich nicht. Auch die vielzitierten vor Freude glänzenden Kinderaugen stören mich ein bisschen. Kinderaugen, diese wunderbar frischen Sehfensterchen, glänzen nämlich immer. Wenn’s ums Beschreiben von Emotion und Auge geht, muss man wohl besser aufs Klischee verzichten und somit auch auf glühende Augen von Wölfen in sibirischen Wäldern.

Heute Morgen lese ich in der Zeitung vom Büpf. Ein hübsches Wort, macht mich grad ein bisschen fröhlich. Ich weiß bloß nicht, was es ist. Ich fange nochmals von vorne an mit dem Lesen des Artikels, und da kommt es zum Vorschein, das Büpf: das Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs. Das Büpf soll so revidiert werden, dass den Behörden der Zugriff auf Server erlaubt wird, um beispielsweise die SMS-Kommunikation der IS-Terroristen abfangen. Hinter dem harmlosen kleinen Büpf tut sich also eine grausame Szene auf – Irrsinn, Blut und Horror. Gerne schweife ich ab: Meine Freundin Monika und ich haben seinerzeit im Kinderheim eine Abkürzung erfunden für den Gestank, der aus dem Abflussloch des Lavabos kam: Zwipf. Zwiebel war dabei, den Rest habe ich vergessen. Harmloses aus Kinderzeiten. War die Welt damals besser? 

Kürzlich sagte Tomi Ungerer einer Veranstaltung zu seinen Ehren so ungefähr: Hoffnungslosigkeit sei für die Schaffenskraft des Künstlers wichtig, und es wäre furchtbar, wenn ein Psychiater dem Künstler die Hoffnungslosigkeit wegtherapierte. Wenn ich mich in der Welt umsehe und umhöre und vor allem umlese, wird mir eine perfekte Hoffnungslosigkeit angeboten, jedoch kann ich sie mir nicht leisten, jetzt nicht und in Zukunft nicht. Das liegt daran, dass ich zwei Kinder und drei Enkel habe, die auf eine Zukunft voller Hoffnung angewiesen sind. Zudem war ich im letzten Jahrhundert Hoffnungsmacherin in einer Jugendzeitschrift, achtzehn Jahre lang. Das möchte ich nicht verleugnen. Darum muss ich auf den Luxus der Hoffnungslosigkeit verzichten, verstehst du, Tomi Ungerer?

Die Erkenntnis Ursache-Wirkung kommt oft umgehend, zum Beispiel bei einer Ohrfeige, und oft braucht sie etwas länger. Etwa beim Geruch von Frittenbuden - wer denkt da gleich an Kolumbus mit Kartoffel. Oder beim Betrachten des Sternenhimmels - wer denkt da gleich an den Urknall. Als der chinesische Staatschef Deng Xiaping 1979 die Ein-Kind-Politik durchsetzte, dachte er wohl kaum, dass seinetwegen irgendwann die Aktien des Kondomfabrikanten Okamoto um zehn Prozent fallen würden. Seit Oktober 2015 ist die Ein-Kind-Politik offiziell aufgehoben, und der Kondom-Boom ist darum vorbei, und Fazit ist: Von einer Wirkung führt immer irgend ein Trampelpfad zu einer Ursache.

Zwei Japanerinnen heulen beim Selfie-Machen auf, ihr Handy ist ins Wasser gefallen, es ist Freitag der Dreizehnte. So fängt meine Notiz an über den gestrigen Ausflug nach Luzern, aber weiterschreiben geht nicht, weil ich im Internet gerade gesehen habe, was gestern in Paris geschah, Bilder des Horrors. Angenommen, ich wäre nicht einfach sprachlos, sondern es kämen Sätze aus mir heraus: Sie wären alle falsch. Weil unpassend. Weil überflüssig. Weil anmaßend. Weil unbedacht. Zuerst gilt es, die Gedanken zu ordnen und sich langsam an die längst fällige Frage heranzutasten: Wie haben wir den Hass ausgelöst, der uns nun schlägt?

Mein Enkel schreibt eine Schularbeit über Luxus und will wissen, was für mich als Kind ein Luxus war. Ich hätte ihm gerne eine eindeutige Antwort gegeben, wie etwa Vanille-Eis mit heißer Schokoladensauce und Papierschirmchen, aber ich fand nichts, was mich damals vor Glück umgehauen hätte. Luxus war für mich eher, was andere hatten und wir nicht, zum Beispiel ein Auto. Herr Schmid, weiter oben an der Straße, hatte eins. So richtig nahm ich es zur Kenntnis, als ich es langsam die Straße herabrollen sah, wie es auf meinen kleinen Hund zu fuhr und ihn überrollte. Der Hund war gleich tot. Er war das Liebste gewesen, was ich hatte, und ich weinte nächte- und wochenlang.

Laub rechen ist eine höchst befriedigende Beschäftigung. Auch wenn zum Schluss ein paar Windchen den Laubhaufen wieder auseinanderzupfen und die Blätter erneut wirbeln und fallen, hat sich das Rechen gelohnt. Denn mit dem regelmäßigen Ausstrecken und Einholen des Rechens sammelt man nicht bloß Blätter, sondern ebenso Gedanken, und aufgetürmte Gedanken führen meist irgendwo hin: zu einem Entschluss oder einer Erkenntnis oder einer Idee. Am besten beeilt man sich mit dem Umsetzen dieses Laubrechengeschenks, denn in den kahlen Bäumen lauern und kauern bereits allerlei Knospen und inszenieren den nächsten Laubüberfall.

Nachrichten: Krieg, Terror, Korruption, Mafia, Rechtsrutsch … Schlacht- und Schlagzeilen. Warum berührt mich ausgerechnet der kleine Bericht mit der Überschrift »Polizei sucht nach vermisstem Bub«? 13 Jahre alt ist er und lebt in einem Heim in Meiringen: Matteo. Fragend schaut er aus einem Foto, wohl aufgenommen auf einer Wanderung, verschwitztes blondes Haar, rundum Bergwiese. Hat weiche, pummelige Hände. Und nun ist er plötzlich verschwunden, vielleicht sei er auf dem Weg zu seinen Eltern, heißt es, durch gefährliches Karstgebirge, Hundeführer und Helikopter seien im Einsatz. Bluejeans, schwarzes Shirt, hellblaue Crocs. Was machst du bloß, Matteo. Warum bist du abgehauen. Eine Woche später erneute Meldung: Matteo leblos aufgefunden in der Umgebung von Meiringen. Er ist nicht weit gekommen, auf seiner Flucht nicht und in seinem Leben nicht.

Völkerwanderungen lassen sich nicht aufhalten, auch nicht die jetzige. Darum macht es keinen Sinn, den Wandernden unfreundlich zu begegnen. Lieber bitte recht freundlich, aber wie und wo? Mein Angebot, Asylsuchenden Deutsch beizubringen, wird umgehend angenommen, und so stehe ich nun vor elf Somaliern, jungen Männern, die vor ein paar Wochen in die Schweiz gekommen sind, auf abenteuerlichen Wegen. Erwartungsvoll schauen sie mich an. Ich zeige auf mich, sage »Angelika« und schreibe meinen Namen auf den Flipchart. Dann bitte ich den ersten in der Tischrunde nach vorne, und er kapiert sofort, dass er seinen Namen hinschreiben soll. »Maxamed«. Bald stehen alle Namen untereinander auf dem Flipchart: Maxamed, Nureddin, Mahamoud, Hassan…, nummeriert von 1 bis 11. Als ich die Zahlen auf Somalisch aus dem Wörterbuch vorlese, klatschen die jungen Männer. Weil ich annehme, dass Klatschen in Somalia dasselbe bedeutet wie in der Schweiz, freue ich mich. Danke! Mahadsanid!

Da wurde also erst meine linke Brust in die Maschine gelegt und festgequetscht, dann die rechte. Das war ungefähr so, wie wenn man zu dicke Stücke Brot in den Toaster zwängt, ins linke und ins rechte Fach. Stillhalten. Fertig. Das war die Mammographie. Danach wurde erst meine rechte Brust mit einem Klarschleim gründlich eingestrichen, dann die linke. Das war ungefähr so, wie wenn man zwei Bratenstücke mit einer fetten Marinade bepinselt. Stillhalten. Fertig. Das war der Ultraschall. Der Chefkoch und seine Assistentin zeigten sich zufrieden, und ich wurde aus der peinlich sauberen keimfreien Cuisine de Santé wieder in die lotterige Außenwelt entlassen.

In der Pause bin ich gegangen. Das macht man nicht, ich weiß. Ich hätte mitklatschen müssen zum Schluss, hätte beitragen müssen zum bestimmt großen verdienten Applaus. Aber das Stück war eine Oper. Und die Oper war eine moderne Oper. Und ich war eine Banausin. Und die Banausin war eine alte Banausin. Sie fragte sich: Muss ich mir anhören, was mir nicht gefällt? Und sie antwortete: Nein, geh nur. Du hast in deinen alten Tagen die volle Entscheidungsfreiheit. Geh nur heim und hör dir den Musikantenstadl an. Also ging ich schlechten Gewissens nach Hause. Ich mag weder die moderne Oper noch den Musikantenstadl. Weder rohe Austern noch eine Schweinsbratwurst – um einen kulinarischen Vergleich zu ziehen. Müsste ich unbedingt wählen, dann halt eine Auster, die rutscht etwas schneller.

Ich habe die Briefe an A gelöscht, obwohl sie gar nicht brannten. Sie glühten nur leicht, und ich hielt die Glut in Gang, indem ich seit rund einem halben Jahr jede Woche einen neuen Brief dazulegte. Dass das stete Glühen erhalten blieb, war mir wichtig. Und jetzt ist alles aus, total gelöscht. Ich habe lange versucht, den Text wieder zu entfachen, zwei Stunden oder so habe ich mich abgemüht, vergeblich, der Computer stand nach meiner Löscherei sozusagen unter Wasser. Wie konnte ich nur so blöd sein. Es wäre schön gewesen, A die gesammelten Briefe irgendwann zu übergeben, als Erinnerung an die Zeit und die Welt, wie er und ich sie erfuhren. Inzwischen habe ich mich entärgert. Es ist ja so, dass ohnehin alle Erinnerung schwindet, wenn das zu Erinnernde mal nicht mehr da ist. Gelöscht wird irgendwann so oder so. Also, was soll’s.

Von meinem Tisch aus sehe ich durchs Fenster, wie der Herbst daherkommt. Ich würde seinen Auftritt gerne beschreiben, seine sanft schwingenden Gewänder in Gold und Rosa, aber es gelingt mir nicht, weil mir Formulierungen durch den Kopf wirbeln, die nicht meine sind. Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah. Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen. Verflossen ist das Gold der Tage. Hebbel. Rilke. Hölderlin. Trakl. Ja, was soll ich da noch. Der Herbst ist prominent belegt. Früher gab es das Schulaufsatz-Thema: Der Maler Herbst steht vor der Tür. Das geht auch nicht mehr. Denn den Maler Herbst hat es tatsächlich gegeben, Vorname Adolf, 1909-1983. Und einem Gespenst will man ja nicht die Tür aufmachen.

Hast du was Gutes gelesen«, werde ich oft gefragt. Ja, hab ich. In dem großen Textschwall, den ich regelmäßig durchs Gehirn spüle, muss ja wohl was Gutes dabei sein. Aber wenn ein netter Mensch von mir einen Buchtipp will, bin ich meist hilflos. Ich denke: Das ist zu traurig für seine wacklige Seele. Oder: So viel Schmalz kann er nicht verdauen. Oder: Solche Stille erträgt er nicht. Oder: Ihm fehlt die Lust an der Bosheit. Es reut mich, Wallace Stegner oder Julian Barnes oder Gerbrand Bakker oder Per Petterson zu empfehlen, denn ich möchte nicht, dass jemand deren Bücher enttäuscht aus der Hand legt. Soll der nette Mensch doch selber sehen, wie er sich lesend befriedigt. Ist nicht meine Sache. Na ja, es gibt schon Namen, die ich unbeschwert weitergebe: Tschechow, Maupassant, Mansfield, Maugham – die alten Könner, ganz einfach gut wie Brot. 

In Milano fuhren wir im Touristenbus, saßen oben, an der Frischluft, und via Kopfhörer hörten wir uns an, was anzusehen sich lohnen würde. Etwa die Kapelle von San Bernardino alle Ossa, wo die ganze Wände mit Schädeln und Knochen tapeziert sind, von Hingerichteten, Pestopfern und sonstwie Toten. Oder den Mega Store des Modezars San Giorgio Armani. Zwischen den Ansagen schepperten Musikstücke aus dem Lautsprecher, immer die drei gleichen; eines der Stücke holt prompt traurige Erinnerungen in mir hoch, also schossen mir jeweils die Tränen in die Augen, aber bevor sie flossen, hörte die schepprige Musik auf und eine neue Ansage lief, zum Beispiel zur Stazione Centrale, 1912 projektiert und unter Mussolini monumental vollendet. Im Nachhinein habe ich gelesen, dass von Gleis 21 die Juden in die Konzentrationslager transportiert wurden. Schön waren die Fluchten hoher dunkler Alleebäume, graustämmig mit kleinen grünen Früchten. Hätte gern gewusst, wie sie heißen. 

Glück – gibt es das? Falsch gefragt. Nochmals: Gibt es Glück, das länger dauert als einen einzigen Moment? Und: Gibt es Glück, das nicht nur ich-bezogen ist? Wohl kaum. Ich kann ja nicht glücklich sein, wenn ich gleichzeitig an andere denken muss, die unglücklich sind. Und die fallen mir im zweiten und dritten und vierten Moment ein. Ich meine nicht die Kinder, die in Goldminen schuften. Nicht die Flüchtlinge, die sich verstecken müssen. Nicht die Häftlinge in Todeszellen… Nein, nein, die verdränge ich, bevor sie mir einfallen. Ich denke an die allernächsten, an solche, die ich kenne und liebe. Wenn es ihnen schlecht geht, kann mein Glück nur eine Sekunde dauern. Am glückverhinderndsten ist das Gefühl, jemand Unglücklichen auf die Welt gestellt zu haben.

Heute Morgen zwischen vier und fünf Uhr färbte der Erdschatten den Mond dunkelrot ein. Schön sah er aus, groß und seltsam nah trotz seiner Ferne. Vom »Blutmond« schreiben die Zeitungen. Was für ein Wort. Zu den expressionistischen Dichtern hätte es gepasst, zu Trakl, zu Loerke. Ei, wie haben sie mir gefallen, als ich zwanzig war, ihre Altäre aus Worten, auf denen sie Lust und Furcht zelebrieren. Schwere Sprachkelche, gefüllt mit Weh. Ulmen heißen nicht Ulmen, sondern Rüster, und wenn es für ein gewöhnliches Wort keinen geeigneten Ersatz gibt, wird es in blaue Schleier gewickelt oder in Scharlachglanz getunkt. Blutmond, was für ein wunderbares Wort. Zum Reimen allerdings schlecht geeignet.

Der junge rote Holunder durfte an seinem Geburtsort nicht bleiben, er war der Gartengestaltung im Weg und sollte umgepflanzt werden. Seinen alten Platz verdankte er wohl einem Vogel, der da ein bisschen Holunderbeerenkacke hatte fallen lassen. Ungestört wuchs er auf, wurde zwei Meter hoch. Dann kam ein Spaten, stach rund um die Holunderfüße tief in die Erde, Menschenhände rissen am Stamm und holten die Füße ans Licht. Von der großen Pfahlwurzel fehlte ein Stück. Jetzt steht das Bäumchen an anderer Stelle und soll sich akklimatisieren, integrieren, mit der neuen Erde vertraut machen und die Sprache der benachbarten Sträucher verstehen lernen – soll all das tun, was man von Fremdlingen in neuem Territorium erwartet. Und bitte subito. Wasser ist zwar zugesichert. Wenn das Holunderchen aber die Blätter hängen oder gar fallen lässt, hat es bei der Umsiedlungsbehörde schlechte Chancen. Dann heißt es definitiv: raus.

Drei neue Raumfahrer sind auf der Internationalen Raumstation ISS angekommen. Der Flug dauerte 48 Stunden, länger als früher, denn die Station musste sich vor kurzem wegen Weltraummülls auf eine höhere Umlaufbahn verschieben. Knapp 700‘000 Tonnen Müll kreisen um die Erde, verteilt auf 16‘674 Objekte – die unter zehn Zentimeter großen Stücke nicht mitgezählt. Wir Menschen sind Maulwürfe. Wir werfen Dreck auf, bis hoch in den Orbit. Vor tausend Jahren hieß der Maulwurf noch mulwerf und mülwurf. Mit mul und mül war Staub/Erde/Zerriebenes gemeint, sagt das etymologische Wörterbuch. Zerriebenes düst durchs All. Zerriebenes düst durchs Hirn. Gedankensplitter von Orbit bis Maulwurf, zu nichts nütze. Ich bräuchte eine höhere Umlaufbahn. 

Ich lege der Katz von hinten meine gewölbte Hand über den Kopf. Der kleine Pelzschädel passt genau in die Wölbung. Links und rechts schauen die Katzenohren hervor, zittern ein bisschen. Die Katz ist warm vom Leben und von der Sonne. Sie liegt und atmet und rührt sich kaum. Und dann fängt ganz sachte dieses kleine Geräusch an, ein ganzes Schnurren ist es noch nicht, nur kleine Krümel davon. Ich mag dieses kleine Geräusch. Und die Katz mag meine Hand. Ich lasse sie auf ihrem Kopf, bis das Schnurren so richtig groß und fett ist. Es ist so laut, dass ich es via Telefon weiterleiten könnte. Ihr Kopf, meine Hand – ein schönes Zusammentreffen. Zwei Leben, ein Moment. Irgendwann ist die Katz nicht mehr da, die Hand nicht mehr da.

Vancouver Island. Wir wanderten. Es war still. Es war schön. Der Pfad im Pacific Rim National Park war gut angelegt und markiert. Links und rechts wuchsen verschiedene Nadelbäume, zum Teil alte Riesen mit Flechtenbärten. Selten eine Eiche, ein Ahorn. Einmal ein Manzanita, die rote Rinde schälte sich vom Holz, die nackten Äste sahen aus wie  Kinderarme. Manchmal war der Ozean so nah, dass man ihn rauschen hörte. »Habt ihr einen Bären gesehen?«, fragte die Frau, die uns entgegenkam. Sie wirkt ziemlich verängstigt. Wir lachten sie aus. Bär? Hier doch nicht. Auf so einem Touristenpfad doch nicht. Wie kann man nur so dumm fragen. Beschwingt wanderten wir weiter. Ich dachte an den Manzanita, Gattung der Bärentrauben. An seine weißen Beeren, Bärenbeeren. Und wenn jetzt doch ein Bär… Später sahen wir zweimal Bärendung, große, fladige Haufen, fast schwarz, noch leicht feucht, grad richtig appetitlich für die Maden.

Staunen beim Zeitunglesen. Die Rektorin einer katholischen theologischen Hochschule äußert sich über Homosexuelle. Sie sagt: »Sieht sie – die Kirche – ein, dass Menschen so veranlagt sind, muss sie sich fragen: Hat Gott sich da verschöpft?« Ups. Dass Gott sich verschöpft haben könnte, das habe ich von Gläubigen noch nie gehört. Ich war immer der Annahme, dass sich die Menschen einen allwissenden, allmächtigen, unfehlbaren Gott geschaffen haben. Mit einem Gott, der sich verschöpft haben könnte, wären nun plötzlich alle Kriege, Grausamkeiten, Qualen und Leiden erklärt, vom Atompilz über Hiroshima bis zum Fortpflanzungskreislauf des parasitären Leberegels und seinen gequälten Wirtstieren. Aber mögen dann die Gläubigen einen Gott, der so ins Wanken kommt, weiterhin verehren? Zu einem sich verschöpft habenden Gott passt das alte Allmachtsparadoxon: Kann ein allmächtiges Wesen so einen schweren Stein erschaffen, dass es ihn nicht selbst hochheben kann? 

Heute war so ein Tag, an dem ich permanent auf etwas gewartet habe. Weiss nicht worauf. Vielleicht auf eine irgendeine gute Nachricht von Sohn, Tochter, Enkeln, vielleicht auf irgendeine positive Äusserung zu meinem Buch, vielleicht auf irgendeine wohltuende Aufregung von irgendwoher aus der Welt. Ich war ein Wartling. Der Morgen kroch mitttagwärts, nichts begab sich, ich wartete auf ein Glas Wein, und nach dem Glas war ich weinmüde und wartete auf das Verschwinden der Müdigkeit, nichts begab sich, ich war ein Wartling. Ich tat nicht nichts, ich tat, was ich musste, immer wartend, sozusagen im Stehen. Der Tag kroch abendwärts, ich wartete, dass die Katz auf meinen Tisch sprang, ich wartete, dass sie wieder runtersprang, dann wartete ich wieder auf alles und nichts und zum Schluss auf den Schlaf, der kam angesaust wie im Sturm.

Als uns Elena mit ihrer kleinen Tochter Anna besuchte und sich Anna übergeben musste, putzte Elena auf, schäumte den Teppich ein, bis nichts mehr zu sehen und zu riechen war. Die Mutter ist für die Tochter verantwortlich. Genau so müsste die Muttergesellschaft für die Tochtergesellschaft verantwortlich sein: Kinder schuften unter miesen Bedingungen, Frauen werden in 60- bis 80-Stundenwochen verbraucht, Männer erkranken wegen Pestiziden oder Schwefeldioxid-Ausstößen, nicht bei uns, nein. Das ist weit weg. Daran sind die dortigen Tochtergesellschaften schuld. Die Muttergesellschaften hierzulande verdienen bloß daran. Sie brauchen nicht aufzuwischen, was ihre Töchter kotzen. Eine Initiative will das nun ändern. Hoffentlich hat sie Erfolg. Ein blasser Fleck auf unserem Teppich erinnert an die kleine Anna, der so erbärmlich übel war.

Ob man draußen Feuer machen könne, fragen die Freunde, die wir eingeladen haben. Kein Problem, keine Waldbrandgefahr. Sie bringen ein junges Wildschwein mit, tot, gehäutet, leergeräumt. Zwei der Freunde sind inzwischen Jäger geworden, haben ein Revier, es gibt zu viele Wildschweine, sagen sie, sie machen zu viel kaputt. Sie haben sicher recht. Die Wildschweine würden wohl sagen, es gibt zu viele Menschen, sie machen zu viel kaputt. Das Schwein liegt in einer Styropor-Box auf Trockeneis, die Augen sind offen und auch das Maul voller Zähne. Sieht aus, als wolle das Schwein etwas sagen. Fünf Stunden hängt die Sau dann überm Feuer, gekreuzigt an einem Gestänge, ich schau nicht gern hin, nur durch die Kamera, bin eine feige Sau. Und ich esse auch vom gebratenen Fleisch, bin eine verlogene Sau. Dazu Bohnensalat und Bratkartoffeln und gedünstete Scham.

Dreimal schönes Unerwartetes an ein und demselben Tag: Ich gehe durchs kurzgemähte Gras vor dem Tessiner Ferienhaus. Seltsam, da liegt ein Streifchen schwarzer Pneu. Das Streifchen erhebt sich, hat einen Kopf, ist eine Schlange, verschwindet in vollendeter Bewegung. Eine Zornnatter war’s. Ein paar Schritte weiter sehe ich im Strauch, an ich dem schon dutzendmal vorbeigegangen bin, ein kleines, kompaktes Vogelnest, es würde perfekt in meine Handschale passen, könnte von einem Buchfink sein, sagt O. Ein paar Stunden später drüben in Italien, wartend vor einer Autowerkstatt, erblicke ich unerwartet altes Gemäuer. Es ist ein Kirchlein mit Turm aus dem 11. Jahrhundert, San Pietro in Grantola, hat sich gehalten in einer Hölle aus Tankstellen, Fabriken, Supermercatos, Outletstores. Verblasste Fresken aus einer Zeit, als Kolumbus noch nicht in Amerika war. 

Das Richtige machen, das geht nicht. Das Richtige gibt es nicht, es gibt nur Richtiges. Da und dort und dann und wann und hin und wieder gelingt oder geschieht Richtiges. Das zu erfahren, ist ein kleiner Glücksmoment. Es gibt Leute, die stets wissen, wie man das Richtige macht. Sie haben sich alle möglichen Meinungen und Theorien angeeignet, berufen sich auf den Papst, den Psychiater, den gesunden Menschenverstand oder das Bauchgefühl. Ich bin, so glaube ich, ein umgänglicher Mensch, meistens begreife, mag oder liebe ich die anderen. Nur die Leute, die stets wissen, wie man das Richtige macht, die geben mir, höflich gesagt, gottsträflich auf die Nerven, ich möchte sie anschreien. Anschreien! Diese wandelnden Sprichwörter! Dieses nach allen Richtungen sprungbereite Selbstbewusstsein… Leer Schlucken macht mir den Hals wund, und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Richtiges gibt es da nicht. 

Um drei Uhr nachts legte ich mich mit einer Decke auf die Wiese und starrte in den Himmel. Bislang hatte ich den Perseidenschwarm immer verpasst, dieses jährliche Sternschnuppenspektakel im August. Es hieß, diesmal sei es bei mond- und wolkenfreiem Himmel besonders vielversprechend: pro Minute eine Schnuppe im Schnitt. Ich stellte mir das vor wie ein ellenlanges Blitzgewitter, sah aber nichts außer ein paar Flugzeugen, die sich hoch oben bewegten, winzig, stetig. Ab und zu flatterte dunkel ein Falter durchs Dunkle. Ich legte mir die Reihenfolge der Personen zurecht, die von meinen Wünschen profitieren sollten, und war bereit, als die erste Schnuppe flog. Sie war wie heller schneller Nadelstich, und ich wünschte zackig. Dann ging das große Warten an. Für zwanzig Wünsche brauchte ich zwei Stunden, dann gab ich auf. Ich kroch ins Bett und schloss dankbar die Augen.

Der Vertreter eines exotischen Staates wurde an der Uno-Generalversammlung gefragt, ob es in seinem Land tatsächlich noch Kannibalen gebe. Nein, sagte er, sie hätten vor Kurzem den letzten gefressen. Das ist ein Witz, politisch unkorrekt, mag sein. Kein Witz ist, was wir heute aus unserem Gratis-Blatt erfahren: Die Historiker Simon Mays und Owen Beattie haben den Fall »Franklin-Expedition 1845« neu aufgerollt. Ihre Analysen bestätigen die Vermutung, dass die im Polar-Eis gefangene Besatzung in ihrer Verzweiflung Fleisch von toten Kameraden verzehrte. Das Gratisblatt schreibt: »So haben die letzten Überlebenden sich schließlich gegenseitig verspeist – und zwar komplett.« Weiß jemand, wie das geht?

Es ist zu befürchten, dass ich kindisch bleibe, bis ich sterbe. Bin alt und muss immer noch lachen, wenn da steht: »Hopsital«. Zwei Buchstaben vertauscht, und schon lach ich, es ist bedenklich. Hopsital – ein Wort mit acht Buchstaben und zwei davon vertauscht, ja und. Man weiß doch, was gemeint ist. Ein Hospital steht im Duden und in jeder größeren Stadt, eine gute Sache. Kann es sein, dass man in einem Hopsital eher hops geht, als in einem Hospital? Aber Hopsgehen ist gar nicht lustig, warum macht mich dann das verflixte Wort ganz lächerig? Ich muss mich vor Buchstaben besser in Acht nehmen. Sie können meine schwache Vernunft recht hinterhältig attackieren.

Habe einen Fuchs gesehen: er stand stramm auf zwanzig Zehen.

Habe einen Fuchs gesichtet: war rundum mit Pelz beschichtet.

Habe einen Fuchs entdeckt: schien mir jung und aufgeweckt.

Habe einen Fuchs getroffen: Schwanz gestreckt und Ohren offen.

Habe einen Fuchs erspäht: kleine Waldesmajestät.

Habe einen Fuchs erblickt: hab ihm lautlos zugenickt.

Habe einen Fuchs gefunden: doch er war kurz angebunden.

Reimeke Fuchs hieß der schöne Rote, und als er weiterlief, durfte ich mit der blöden Reimerei endlich aufhören.

Angenommen, ich würde in meinem Garten säen, jäten, gießen, düngen, warten, ernten. Und was ich ernte, würde ich jeweils mit dem Schubkarren in den hinteren Teil des Gartens bringen und im extra dafür angeschafften Ofen verbrennen. Absurd? Angenommen, ein paar Nachbarn würden sich über meine Tomaten, Bohnen und Birnen freuen, und ein paar Tiere des benachbarten Waldes würden sich meine Beeren und Salate gerne schmecken lassen. Ich aber würde alles im eigens dafür angeschafften Ofen verbrennen. Absurd? Heute steht in der Zeitung, dass der russische Präsident befohlen hat, folgende Lebensmittel aus dem Westen seien an der Grenze sofort zu zerstören: Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Früchte, Gemüse. Zur Fleischvernichtung werden mobile Verbrennungsanlagen angeschafft, Stückpreis 100‘000 Franken. Absurd? Es ist die Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens vor einem Jahr. In Russland soll es Menschen geben, die solche Lebensmittel als Überlebensmittel bräuchten.

Die Nasa hat einen Planeten gefunden, der unserer Erde mehr gleicht als alle bisherigen Funde: Kepler-452b. Er kreist, sagt die Nasa, im richtigen Abstand und seit ausreichender Zeit um seine sechs Milliarden alte Sonne. Er liegt, sagt die Nasa, in einer habitablen Zone. Leben wäre vorstellbar! Leider ist er ein bisschen weit weg, nämlich 1400 Lichtjahre. Für den Astronauten in einem Raumschiff, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt – noch nicht erfunden! – dauert die Reise nur acht Jahre. Seine Alterung wird nämlich durch die Lichtgeschwindigkeit derart verlangsamt. Dafür verpasst er aber 1400 Jahre auf der Erde. Und während 1400 Jahren ist doch einiges los, rückblickend zum Beispiel: Kreuzzüge und Pest, Dschingis Khan und Kolumbus, eine Reformation, eine Revolution, zwei Weltkriege, zwei Atombomben …Vielleicht wär’s doch schön, mal auf den Kepler-452b zu fliegen.

Ich fuhr talwärts, sah das kleine Lämpchen aufleuchten und war sofort nervös. Hilfe, das Auto brauchte umgehend eine Benzintransfusion! Ich hielt an der nächsten Tankstelle, setzte den Stutzen an, und hörte zufrieden zu, wie der wiederbelebende Treibstoff einströmte. Dann sah ich auf und erschrak. Auf einem Kirchendach in einiger Entfernung stand in riesigen Lettern: »Gott sucht dich«. Es war wie ein gigantischer Vorwurf: Wo zum Teufel steckst du, kleine Menschin? Wo treibst du dich herum? Was fällt dir ein, dich vor mir zu verbergen! Was sollte ich da erwidern? Herr, ich bin hier! Siehst du mich? Ich stehe an der Migroltankstelle in Dübendorf und halte einen Einfüllstutzen in der Hand! Ich bin die mit dem blauen Sonnenhut an der Säule 3. Ich habe nicht die Absicht, mich zu verbergen, Herr. Ich gehe jetzt hinein, um zu zahlen. Exakt 91 Franken.

Ein Paar neulich beim Arzt im Wartezimmer. Der Mann blickt von der Zeitschrift hoch und sagt: »Was ist?« Die Frau blickt auf den Einkaufskorb und sagt: »Ich habe Angst, dass das Hackfleisch nicht reicht.« Sie hat nicht Angst vor Geschwüren, Krampfadern, geschwollenen Mandeln. Nicht vor Ausschlägen, Herzflimmern, Nierensteinen. Sie hat Angst, dass das Hackfleisch nicht reicht. Sie könnte auch Angst haben vor Klimaveränderung, Bevölkerungsexplosion, Terrorismus. Vor atomaren, digitalen, globalen Katastrophen. Sie hat Angst, dass das Hackfleisch nicht reicht. Wer lebt, hat Angst. Wer stirbt, hat Angst. Und wer zu wenig Hackfleisch hat.

Neulich fuhr ich mit dem Zug von Zürich nach Frankfurt. Auf der anderen Seite des Gangs saßen ein Vater und sein Sohn. Der Sohn war noch kurz: unter einem Meter, der Name auch: Karl. Der Vater hatte Essen, Trinken, Spielzeug, Bilderbücher dabei. Karl nahm einen Schluck und greinte. Ass einen Bissen und greinte. Sah sich zwei Buchseiten an und greinte. Das Spielzeug warf er unter den Sitz. Karl hatte diesen hohen weinerlichen Ton und sein Vater diesen hastigen beschwichtigenden Sound. Kurz vor Basel flippte der Vater aus und schrie : »Gopfertoori, was willst du dann.« Karl war todmüde und hätte Schlaf gewollt. Nun krochen Vater und Sohn durch den Gang und spielten »Böses Krokodil fängt Kind.« Die Passagiere schauten in ihre Zeitungen und Laptops. Karl schrie. Er war total erschöpft. Ich hätte ihn gern ein bisschen rumgetragen, stellte mir vor, wie seine Augendeckelchen schlapp würden. Der Vater wär zum Rumtragen zu schwer gewesen. Nach Karlsruhe gab Karl Ruhe.

Eine lange Reihe von heißen Tagen. Die Erde so trocken und brüchig wie Knäckebrot. Die Schnecken scheinen ausgestorben. Doch nach dem ersten Regen knirscht es unter meinem Stiefel, ich habe einen Unfall verursacht: Schneckenhaus zerbrochen, Schnecke verletzt. Sie oder er bewegt sich noch. Schreit nicht, stöhnt nicht, wimmert nicht, aber krümmt sich, als ob’s weh tät. Spüren Schnecken so etwas wie Schmerzen? Fische – das ist von der Forschung endlich beglaubigt – haben Sinneszellen, die den Schmerzrezeptoren höherer Säugetiere entsprechen. Aber wer weiß, was der Regenwurm an der Angel empfindet. Ich hätte es nicht gern, wenn man mich aufspießte. Ich würd mich auch nicht gern stundenlang auf meinem Gartenweg winden. Also hole ich den Totschlagstein und schlage das schleimige Schneckenhäufchen tot, so wie ich schon dreivierteltote Mäuse oder Vögel erledigt habe – die Opfer der Katz. Der Garten ist gefährliches Gelände und das Leben ist tödlich.

»Betrachtest du deine Bücher als moralisierend?«, fragt mich ein Freund. »Nein«, sage ich. »Auch nicht im Versteckten?«, fragt der Freund. »Nein«, sage ich. »Ich halte anderen nur den Spiegel vor, mehr nicht.« Später denke ich: Anderen den Spiegel vorhalten ist durchaus ein moralischer Akt. Die Figuren in meinen Büchern sind Spiegel, die Lesenden können sich drin sehen. Können sehen, wie blöd, hässlich, verbohrt sie sind und handeln – ein unangenehmes Bild. Oder wie klug, schön, liebevoll sie sind und handeln – ein angenehmes Bild. Die Bilder implizieren: Sei so! oder Sei anders! Und somit bin ich im Grunde genommen eine Moraltante.

Interview mit mir selbst: »Es heißt doch, das Schöne am Alter sei, dass man gelassener werde. Stimmt das? « »Ach wo. Ich werde überhaupt nicht gelassener, ich werde wütender.« »Warum?« »Weil es noch so viel zu tun und zu lesen und zu denken gäbe und ich das nicht mehr alles hinkriege.« »Sonst noch was?« »Ja. Wütend macht mich auch, dass die Vorstellung meiner Jugend, die Gesellschaft könnte verändert werden, sich klammheimlich in eine Illusion verwandelt hat.« »Bist du da nicht ein bisschen zu pessimistisch?« »Leider nein. Die Gesellschaft sitzt mal auf der linken, mal auf der rechten Pobacke, aber bewegen tut sie sich nicht.« »Wenn du weißt, warum du wütend bist, weißt du dann auch, auf wen?« »Nein. Und jetzt hör auf, mich auszufragen.«

Eine Wanderung in der Türkei und wie ich mich narren lasse: Ich gehe eine schnurgerade Straße lang und meine beim Gehen, nicht vorwärtszukommen, weil der Bewuchs am Straßenrand immer der gleiche ist – Wegwarte, Distel. Ginster, Zistrosen. Ich glaube zweimal feine Radioklänge zu hören, es ist aber nur der Wind zwischen den vielen Stützstangen einer verlassenen Hausbaustelle. Ich erschrecke wegen eines kalbgroßen Hunds, doch dann sehe ich, dass er mich wedelnd fragt, ob ich freundlich bin. Mein Herz geht auf wegen eines biblischen Idylls: lauschender Schäfer im Olivenhain, und es geht wieder ein bisschen zu, als ich merke, dass er Musik auf seinem Handy hört.

Mit neuen Erfahrungen gut gefüllter Tag: 1. Ich nehme mit Staunen zur Kenntnis, dass die amerikanische wunderbare Dichterin Emily Dickinson (1830 - 1886) eintausendachthundert Gedichte geschrieben hat, von denen nur gerade sieben zu ihren Lebzeiten veröffentlicht worden sind. 2. Ich sehe während einer Koloskopie auf dem Bildschirm das Innere meines gut geputzten Dickdarms, einen wunderbar rosa und perlmutt schimmernden Höhlengang mit zarten blauen Blutbahnzeichnungen an den Höhlenwänden. 3. Ich merke mir mit Vergnügen einen mir bislang unbekannten Spruch von Tucholski: Je lauter er schrie, desto niemander kam.

Heute ist der Garst wieder mal da. Er meldet sich nie an, kommt einfach und setzt sich und schaut zu, wie man ihn hasst. Erst schlurft er durch den Garten, bis der kalt und triefnass und so richtig garstig ist. Die Setzlinge ducken sich schlotternd und die Vögel sind aufs Mal still. Dann macht er sich im Haus breit und gibt keine Ruh, bis die Stimmung durchgehend klamm und grau ist. Hau ab, sagt man, aber das nützt gar nichts, im Gegenteil, jetzt streckt er noch seinen bleichen fleischigen Finger aus und zeigt auf alles, was nicht gut ist, da schau. Dem Garst entgeht nichts, er sieht auch, was nur ein klein bisschen gärstlich ist. Am schlimmsten ist es, wenn er in der Zeitung blättert und den furchtbaren Finger auf furchtbare Dinge legt, da schau. Zum Beispiel ist heute zu lesen, dass die Saudis acht neue Henker suchen, zur Vollstreckung von Todesurteilen und für Amputationen und andere Körperstrafen. Besondere Kenntnisse werden nicht verlangt.

Kürzlich fuhr ich im Tram stadteinwärts und hörte einer Frau und einem Mann zu, ich nehme an, es waren eine Frau und ein Mann, des Lippenstifts und der Krawatte wegen. Es war ein Ehepaar, ich nehme an, es war ein Ehepaar, sie sprachen weder freundlich noch unfreundlich miteinander. Ihr Thema war eine Badewanne, ich nehme an, es war eine Badewanne, es war etwas, in dem man ausrutscht, außer man tut eine Gummimatte rein, die aber regelmäßig zu reinigen ist, weil sich dort gerne Pilz ansiedelt. »Wenn du ausrutschst, dann hast du das Geschenk«, sagte die Frau, ich nehme an, sie meinte nicht ein Geschenkpaket mit einer bunten Schleife, sondern ein gebrochenes Hüftgelenk oder so. Die beiden waren alt, ich nehme an, sie waren alt, er hatte erstaunlich große Ohren, und sie reckte den Kopf hoch, damit ihr Hals nicht schwabbelte. Sie waren gut gekleidet und waren sauber, ich nehme an, sie waren sauber, wozu hat man denn eine Badewanne. 

Die Menschen einer Gruppe, die sich bildet wozu auch immer, sind zuerst alle aus demselben Teig: Ob eine Handvoll Bergwanderer oder Bahnreisende, Apérogäste oder Wartezimmerwesen, Gratulanten oder Kondulanten, alle sind sie aus Menschenteig, sind wie ich, du, er, wir, ihr, sie. Aber kaum werden sie in den Konversationsofen geschoben, verwandeln sie sich in völlig verschiedenen Gebäcke. Werden blasse Fladen, groteske Kringel, gigantische Wülstlinge, krümelige Schnecken. Und je länger sie konversieren, desto blasser, grotesker, gigantischer oder krümeliger werden sie. Da sitzt oder steht man dann dazwischen und wundert sich und möchte nichts wie weg aus diesem Ofen. Wenn bloß endlich die Ofentür wieder aufginge …

»Manchmal lag ich auf dem Bett und dachte: Es ist mir gleich, wenn mein Herz jetzt dann gleich zu schlagen aufhört«, sagte die Frau mit einem freundlichen Lächeln. Dann waren wir beide still. Die Sonne schien auf die Terrasse, der Fluss rauschte knapp hörbar, die Kuppeln der Kirchtürme glänzten. Die Kellnerin brachte unser Essen. »Danke«, sagte die Frau, wieder mit einem freundlichen Lächeln. Rundum alles friedlich. Von den anderen Tischen hörte man Pling-Pling, da wurde auf etwas angestoßen. Man sah der Frau die Krankheit nicht an. Sie kann tödlich sein, diese Krankheit, bringt den ganzen Körper und das ganze Leben durcheinander. Inmitten der fröhlichen Geräusche saßen die Frau und ich wie unter einer Luftglocke. Wir dachten an ihre Krankheit. Die Frau hofft. 

Jemand reißt die Tür auf und kommt herausgestürzt, rennt wortlos an mir vorbei, die Treppe hoch. Dann Türenknallen von oben. Ja, was nun. Mit hängenden Armen stehe ich da und überlege. Nur weil der Mensch an mir vorbeigerannt ist, heißt das noch nicht, dass ich an dem soeben stattgefundenen leidenschaftlichen Akt beteiligt bin. Oder doch. Vielleicht sollte ich durch die halboffene Tür einen erkundigenden bis teilnahmsvollen Blick werfen. Oder mich in den oberen Stock begeben, feuerlöschend, trostspendend … Nein, nicht alles, was läuft, und nicht jeder, der rennt, geht mich was an. Und überhaupt, der Mensch hat ein Recht auf Wut. Auch der zwölfjährige Enkel im oberen Stock, dem der Familienrat gerade eben einen großen Wunsch verweigert hat.

Ein Doktorand der University of Stanford – so stand in der ZEIT – untersuchte für seine Dissertation den Unterschied zwischen den Emoticons :) und :-). Danach sollen Nutzer des Smileys mit Nase mehr Wert auf korrekte Rechtschreibung legen, während Nutzer des Smileys ohne Nase gerne Ausrufe wie »heyyyy!« oder »yayyy!« von sich geben. Die Untersuchung macht eines klar: Es gibt noch so viel Unerforschtes auf der Welt. So suche ich zum Beispiel ganz dringlich Antwort auf die Frage: Isst ein Mann, dessen linker Ringfinger länger ist als der Mittelfinger, bei Liebeskummer eher Banane oder eher Leberwurst? Und wo isst er das, eher unter der Dusche oder in einer Telefonkabine? Und was macht Letzterer, wenn es mal keine Telefonkabinen mehr gibt?

Kurz nach der Schweizer Grenze fließt die Tresa durch ein gewundenes, einsames italienisches Tal, eng, düster, waldbewachsen. Keine Häuser links und rechts des Flusses, nur mal ein zerfallendes Wehr, eine verlassene Bude oder Plastikblumensträuße zum Gedenken an Fahrer, die hier zu Tode gekommen sind. »Das ist das Todestälchen«, sagen wir zu unserem Freund auf dem Rücksitz. »Hier begann Spielberg den Film Borderline zu drehen.« »Aha«, sagt der Freund auf dem Rücksitz, der professionelle Filmexperte. »Mit Jack Nicholson und Helen Hunt.« »Aha«, sagt der Freund. »Aber dann ertrank der Kameramann, hier, in dieser Kurve.« »Hmm.« »Und der Produzent machte einen Rückzieher, er litt an Wahnvorstellungen.« »Hmm.« »Spielberg musste aufgeben. Aus Borderline wurde nie etwas.« »Aha.« »Hast du nicht gewusst, wie?« »Möglich, dass ich mal so was Ähnliches gehört hab«, sagt der Filmexperte auf dem Rücksitz. »Wir haben aber alles erfunden.« »Aha. Hmm.«

Leiden Sie unter einer körperlichen oder geistigen Krankheit? Konsumieren Sie Drogen oder sind Sie drogenabhängig? Oder leiden Sie derzeit unter einer der folgenden Krankheiten: Weicher Schanker; Gonorrhoe; inguinales Granulom; Lepra ansteckend; Lymphogranulom venereum; Syphilis ansteckend; aktive Tuberkulose? Wurden Sie jemals auf Grund eines Verbrechens verhaftet oder verurteilt? Haben Sie jemals gegen Gesetze im Zusammenhang mit der Verteilung illegaler Drogen verstoßen? Haben Sie geplant, sich an terroristischen Aktivitäten, Spionage, Sabotage oder Völkermord zu beteiligen? Bei obigen und weiteren Fragen muss ich »Ja« oder »Nein« ankreuzen, wenn ich ein Touristenvisum für die USA beantrage. Angenommen, ich müsste einmal oder mehrmals »Ja« ankreuzen, wäre ich dann: A) ein anderer Mensch? B) ein schlechter Mensch? C) ein verzweifelter Mensch? D) ein betrogener Mensch? Oder ABCD) einfach der Mensch, der ich ohnehin bin? Und was ist der Mensch? Ein Wort, auf das sich nichts reimt.

Seit Jahrzehnten stand er da, der große Feigenbaum beim Ferienhaus, trug immer Frucht, grün und süß. Vor zwei Sommern begann er zu sterben, die Blätter wurden spärlich, die Äste trocken, und im letzten Frühjahr blieb er kahl. Nun haben wir ihn umgesägt, zerlegt und als Holzstoß wieder aufgebaut. Während der Arbeit dachte ich ein bisschen ans Leben und Sterben, aber hauptsächlich an sehr prosaisches Kleinzeug wie zerrissene Gartenhandschuhe, einen schmerzenden Daumen oder Geschirr von gestern, das noch abzuwaschen war. Der Feigenbaum hätte tiefgründigere Gedanken verdient. Seine Befruchtungsstrategie via Feigengallwespe ist eine Erfindung, die so herrlich kompliziert ist, dass ich sie auch nach mehrfachem Nachlesen nie ganz richtig verstanden habe. Abends gab es dann ein Kaminfeuer mit Feigenreisig, und dessen Duft war wie eine letzte Gabe.

Aus Deutschland mailt mir die 10jährige Ella, dass ihr mein Buch »Tita und Leo« gefallen hat, dass sie in der Schule darüber einen Vortrag halten wird. Ich soll ihr doch bitte ein Autogramm schicken. Ach, denkt da die 75jährige Angelika, was mach ich jetzt. Es wird wohl eilen, bei Schulkindern eilt so was immer. Und ich weiß nicht mal, wo Ella wohnt. Wie schick ich denn ein Autogramm durchs Netz … Dann fällt es ihr endlich ein. Und während sie einen Bogen Papier zurechtlegt, den Füller aufschraubt, ihren Namen leserlich hinschreibt, den PC hochfährt, das Scan-Programm öffnet, klickt und klickt und tippt und sendet, denkt sie: Ach, du Alte. Jetzt hast du wieder mal erfahren, dass du aus der Zeit des Tintenfässchens stammst. Schummelst dich digital zwar einigermaßen durch. Aber eigentlich würdest du deinen Namen am liebsten mit dem Zeigefinger in den Himmel schreiben.

Wir sitzen um den Kamin. Drinnen prasselt das Feuer, draußen prasselt der Regen. Zeit für eine gemeinsame Geschichte. Jeder soll einen Satz beitragen. Das größere Kind fängt an, es fängt überaus poetisch an: »Fridolin singt immer im Schlaf.« Aber – so geht die Geschichte weiter – der singende Fridolin stört, wird beschimpft, ausgelacht, zum Arzt geschickt und zum Apotheker. Und jetzt wird’s dramatisch: Der aufgewühlte Fridolin erschlägt den Apotheker. Was nun? Die Leiche ist zu entsorgen. Das kleinere Kind ist mit einem Satz an der Reihe, und es ist keineswegs verlegen: »Fridolin holt eine Häckselmaschine und stopft den Apotheker hinein.« Schluss. So hört oft brutal auf, was ganz sanft angefangen hat.

Die Katz im Schlaf. Katz? Sie rührt sich nicht. Katz, schläfst du? Blöde Frage. Soll sie jetzt ja sagen? Aber wenn sie das tut, schläft sie gar nicht. Wenn sie das täte, schliefe sie gar nicht. Sie sagt ja ohnehin nichts, die Katz. Völlig reglos liegt sie da, den Kopf zwischen den Armen. Stünde sie auf, hießen die Arme plötzlich Vorderbeine. Doch sie liegt, wie tot. Vorsichtig fasse ich sie an. Sie rührt sich noch immer nicht. Aber tot ist sie nicht, sie ist warm. Ist wie ein warmes Gebäck mit Fell. Dummer Vergleich, das. Habe ich je ein Gebäck mit Fell gesehen? Neuer Vergleich: Ist wie eine dick eingemummte Seele. Ist das besser? Nein. Stirb noch nicht, Katz.

Durch den Mittwochsmarkt in Luino flanieren Deutsche und Schweizerdeutsche, und manche reden so ungehemmt, als stünden sie zu Hause in der Küche. Vermutlich glauben sie, in einem italienisch sprechenden Land sei ihr Deutsch gar nicht hörbar. Vor einem Stand mit Haushaltwaren steht ein Ehepaar, sie vielleicht Pia, er vielleicht Peter. »Peter, schau mal, das Ding hier, steckst es in eine Zitrone und versprayst den Saft.« »Solche Dinger liegen dann doch bloß in der Küche rum.« »Zitronenspray ist wunderbar an Salaten.« »Ohne mich.« »Gut zum Abnehmen.« »Pia, du nervst.« »Dein Bauch hängt schon fast, der schwappt.« »Also gut, ich schwappe. Ich schwappe vorne, du schwappst hinten.« »Danke, sehr freundlich.« »Schau mal die Tassen … Willst du eine Tasse, wo Pia draufsteht?« »Warum, meinst du, ich vergesse beim Trinken, wie ich heiße?« »Ich weiß ja nicht, wie blöd du noch wirst.« »Dann kauf eins von den Messern da und bring mich um.« »Erst gehen wir essen.«

War ein paar Tage weg, und währenddessen hat der Garten gemacht, was er wollte. Hat ohne mich zu fragen die Wiese verändert, hat sich neue Farben zugelegt, hahnenfußgelb und günselblau und wiesenschaumkrautlila, eine gewagte Kombination, aber durchaus reizvoll, das muss ich zugeben. Den Salat hat er nicht wachsen lassen, der eigenwillige alte Faun, hat ihn den Schnecken übergeben, dafür hat er aus allen Ritzen Pfefferminze gezaubert, simsalaminz! Hat auch, wie ein grüner Schimmer zeigt, über die Töpfe mit Angesätem gehaucht. Hat dafür dem weißen Flieder verboten, wieder auszuschlagen. Das ärgert mich sehr, aber wie zahlt man einem Garten etwas heim? Er ist es, der befiehlt. Zieh dich um, hat er zur Birke gesagt. Und so hat sie den zauberhaften Brautschleier abgelegt und trägt jetzt so was Vollgrünes, Tüchtiges für jeden Tag. Nur ein paar Tage war ich weg …

 

Hat ein Hirnchen, hat ein Herzchen, das Eichhörnchen. Hat alles, was es zum Angstverspüren braucht. Wie groß muss die Angst des braunen Fellbündels gewesen sein, das sich heute fast in Zeitlupe über unsere Wiese bewegte. Was macht es da Seltsames, dachten wir. Sah aus, als wär es am Schnuppern. Doch – das wussten wir noch nicht – es war am Sterben, Hörnchenangst 1. Was macht es da, dachte die Katz, schlich sich bis auf einen Meter heran, Hörnchenangst 2, drehte wieder um. Zwei Hände in dicken Handschuhen hoben das Bündel hoch, Hörnchenangst 3, und senkten es ins Weiche einer Decke und ins Dunkle eines Kübels, Hörnchenangst 4. Die Autotür schlug zu, Hörnchenangst 5. Der Motor heulte auf, Hörnchenangst 6. Der Kübel wurde geschüttelt, Hörnchenangst 7. Im Tierspital gab’s fremde Gerüche, Stimmen, Lichter, Hörnchenangst 8,  9, 10. Dann wurde das Fellbündel schlaff. Die große Angst war weg. Und das kleine Leben.

Ich surfe im Internet, und bei jedem zweiten Klick habe ich den Bildschirm voll mit etwas Unerwünschtem: einem nackten Po, einem wirren Spiel, einer Werbung für Wasserbetten … Als ich Fontanes Lebenslauf google und ein maskiertes Weltraummonster auf mich zudröhnt, beschließe ich zu handeln und lade ein Killerprogramm herunter, das alle Störenfriede auslöschen soll. SpyHunter heißt das Programm. Fast eine Stunde lang sammelt es ein, was sich ungefragt bei mir eingenistet hat und listet unter dem Bildchen eines erschreckenden Käfers alles auf. Rund dreißig Bösewichte sind es, und sie haben mich insgesamt vierhundertfünfundvierzigmal infiziert Mich friert, wenn ich an all die Viren und Würmer in meinem kleinen PC denke. Ich fasse ihn nur noch mit spitzen Fingern an. Ich glaube, ich werde krank!  

»Woran glauben wir morgen?« war der Titel einer Vorlesung letzten Sonntag an der ETH. Man erfuhr, wie die Wissenschaft über die Jahrhunderte Vorurteile wegräumt wie Schutt, der die Sicht versperrt. Die Erde ist flach, war so ein Vorurteil. Jetzt ist es weg. Die Zeit ist überall gleich, war ein weiteres Vorurteil. Jetzt ist es weg. Neue Sichten von Welt und Weltall sind dadurch entstanden. Ähnlich wie die Astrophysiker könnte auch ich mich anstrengen, Schutt wegzuräumen, Vorurteile abzubauen. Neue Sichten auf Mitmenschen und Gegenmenschen würden frei werden. Oder will ich auf den Schutz des Schutts gar nicht verzichten? Auf jeden Fall waren die astrophysischen Häppchen am Sonntag recht lecker. Zum Beispiel fiel der denkwürdige Satz: »Vergangene Ereignisse hören auf zu existieren, sobald alle Erinnerung daran ausgelöscht ist.«

Frühling eingetroffen, schön, durch den Wald zu streifen. Wäre der Wald ein Bild, dann mit weichem Bleistift leichte Schraffuren mit viel Durchsicht. Wäre er ein Musikstück, dann auf Geigensaiten Gezupftes und schwach Gestrichenes, Vögel beim Üben. Wäre er ein Stück Text, dann vielleicht ein knittriger Einkaufszettel mit einer langen Liste von unnötigen Heiterkeiten. Oder ein krumm liniertes Blatt von einem, der grad schreiben lernt: schlüslblüm! knosben! Aber der Wald ist ein Wald. In wenigen Monaten wird er eine tiefgrüne Halle voller dunkelschattiger Nischen sein. Durchblitzt von ein paar dramatischen Sonnenstrahlen. Und bewohnt von Wesen, die sich nicht zeigen, nur knapp hörbar rascheln, so dass man ein bisschen erschrickt.

Pflanzen, die regelmäßig berührt werden, bleiben kleiner und kräftiger. Japanische Bauern schickten schon vor dreihundert Jahren ganze Kinderscharen auf die Äcker zum Getreidesprossentreten. Vor dreißig Jahren strichen Heidelberger Wissenschaftler mit einem Straßenbesen über Petersilienpflänzchen. In freier Natur ist der Wind ein gekonnter Streichler. Bewindete Pflanzen werden weniger hoch, dafür kräftiger. Auch eine deutsche Gärtnerei streichelt mit Luft, durchpustet die Pflanzen achtzigmal pro Tag, um die Blätter zu bewegen. Und mittlerweile hat man für den geglückten Empfang solch kräftigen Streichelns das verantwortliche Gen gefunden: AtGA2ox7. Besonders erfolgreich sind streichelnde Eltern. Ihre Kinder werden kräftig, und sie wachsen den Alten nicht über den Kopf. Streicheleien von anderen menschlichen Wesen nehmen Kinder etwas weniger gerne entgegen. Kluge Großeltern wissen das und streicheln vor allem mit den Augen.

Heute habe ich Geburtstag. Ich öffne meine Mails und da steht: Wir wollen Ihnen offiziell verkünden und gratuliere Ihnen für Schwellen als einer unserer glücklichen Gewinner auf unserer los Förderung Instagram Mega Millionen von New York Lottery Abteilung 2015. Das ist unser 5. Jahr der Betrieb, und wir haben mehr als 400 MillionenBenutzer wir Ihnen für den Gewinn der Summe von $ 1.000.000 usd gratulieren und sagen, ich danke Ihnen für die Verwendung Instagram möchten. gekrönten Details im Handumdrehen. In anderen, Ihre Groß behaupten gekrönten bitte kindly Kontakt unsere Agenten für mehr Briefing und Transaktionsprozess mit Instagram-ID und das Land, Details im Handumdrehen. Was für ein unfassbares Geschenk. Wie schön, dass ich geboren bin.

Man sieht tagtäglich Schreckensbilder von Kampf und Krieg. Man sieht camouflierte Kämpfer, lebendig und tot, und fragt sich: Wer hat eigentlich diese Unmengen von Tarnstoff fabriziert? Die Schweiz hat neueste Zahlen zu den Exportbewilligungen für militärische Güter bekanntgegeben. Das sind – salopp definiert– Güter, mit denen man niemanden totmachen kann. Zum Beispiel »bedrucktes Gewebe.« 2014 ist »bedrucktes Gewebe« im Wert von 90 Millionen Franken nach Russland geliefert worden. Beste Schweizer Qualität und so ausgerüstet, dass die Kämpfer auch mit Infrarot-Nachtsichtgeräten schlecht aufzuspüren sind. Schön wär's, wenn sie  überhaupt nicht aufzuspüren wären! Nachts nicht und tags nicht und auf beiden Seiten nicht. In Totaltarnanzügen würde man mit Kämpfen gar nicht anfangen. Schon eine Tarnkappe würde genügen. Muss leider noch erfunden werden.

Heute im Tram. Hinter mir eine aufgeregte Kinderstimme: »Del Hund hat ein Kleid an!« Und nochmals: »Del Hund hat ein Kleid an! Papa schau!« Der Papa murmelt. Ich schätze, das Kind ist noch klein, statt R sagt es so was Ähnliches wie L. Vielleicht ist es so klein wie der Hund. Das Tram fährt um eine Kurve, der Hund ist nicht mehr sichtbar. »So dumm, del Hund!«, ruft das Kind. Der Papa murmelt. »El hat doch ein Fell, del flielt doch nicht!«, ruft das Kind. »Sag mal frieren«, sagt der Papa, nun etwas lauter. »Flielen«, sagt das Kind. »Walum?« Der Papa murmelt. »Kann del Hund das Kleid selbel anziehen?«, fragt das Kind. Der Papa murmelt. »Blödel Hund«, sagt das Kind. 

Angenommen, der Herr im Himmel hat gesagt: Ratte, hiermit erschaffe ich dich, sei fortan dem Menschen untertan. Diene ihm als Haus-, Wander- und Laborratte. Trag ihm den Rattenfloh ins Haus und bring ihm die Pest. Warne ihn, wenn das Schiff am Sinken ist. Tu im Labor, was er von dir verlangt. Denn siehe, der Mensch ist die Krone der Schöpfung. So sprach der Herr, und die Ratten folgten seinem Wort. Sie taten auch, was man  neulich in den Labors der Universität Michigan von Michigan von ihnen erwartete: Sie zeigten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand auffällige Muster von Hirnwellen. Daraus schlossen die Neurochirurgen, dass das Gehirn im frühen Stadium des klinischen Todes zu gut organisierter elektrischer Aktivität fähig sei. Diese Hyperaktivität, sagten sie, könnte die Ursache für sogenannte Nahtoderfahrungen sein. Nahtoderfahrungen galten bislang als Beweis für ein Leben nach dem Tod. An diesem Beweis haben die gehorsamen Ratten ganz unfreiwillig gerüttelt.

Laserin und Epilaserin sind die zwei kleinsten griechischen Inseln. Könnte die Antwort auf eine Quizfrage sein. Wäre aber falsch. Laserin und Epilaserin sind zwei Substanzen, die bewirken, dass Karotten bitter schmecken. Sie entstehen, wenn Karotten geschüttelt werden, in Lastwägen und auf Förderbändern. Lebensmittelchemiker haben das im Labor bewiesen. Auch Schädlinge oder Bodenfrost können Karotten verbittern, das hat man gewusst. Dass sie zudem ein Schütteltrauma erleiden können, ist eine neue Erkenntnis. Es gibt wohl noch mehr gestresstes Gemüse. Man vermutet, dass beim Spargel vermehrt Bitterstoffe entstehen, wenn er gestochen wird. Wie der Spargel wird auch der Mensch nicht gern gestochen. Wird auch nicht gern geschüttelt, reagiert auf Schütteln aber eher sauer als bitter.

Statt den Kopf abzuhacken wie bis anhin hat die Terrormiliz IS eine Geisel lebendigen Leibes verbrannt und die Überreste mit einem Bulldozer plattgefahren. Das Video wurde in Rakka, der IS-Hochburg, auf Großleinwänden ausgestrahlt und wurde bejubelt, auch von Kindern. Die Azhar-Universität in Kairo hat den Gewaltakt scharf verurteilt. Die Verbrennung verstoße gegen die im Islam verbotene Verstümmelung von Leichen. Ahmed al-Tajib, Imam an der Al-Azhar-Moschee, sagte, der IS sei eine teuflische Organisation, und die Extremisten hätten es verdient, dass sie getötet, gekreuzigt oder ihnen die Gliedmaßen abgehackt würden. Ach so ist das. Da bleibt einem nur das Kopfschütteln. So man noch einen Kopf hat.

Eiszapfen am Haus! Es gibt sie also noch. Ich dachte schon, Eiszapfen seien vom Aussterben bedroht wie etwa Feldlerchen oder Kornblumen. Eiszapfen erinnern an Winter in der Kindheit oder an rührselige Märchen von Christian Andersen. Sie haben etwas Zauberhaftes. Aufs Mal sind sie da, aufs Mal sind sie weg. Heutzutage, wo alles berechnet, ergründet, prognostiziert, definiert und strukturiert ist, haben sie einen besonderen Wert, weil sie nichts wert sind. Man legt sie nicht mal zur Aufbewahrung in den Tiefkühler. Sie sind nur schön, sonst nichts, und sie heißen auch schön: Eiszapfen, icicle, glaçon, ghiacciolo – man möchte sie in allen Sprachen lutschen.

1 Prozent der Weltbevölkerung wird nächstes Jahr über 50 Prozent der weltweiten Vermögen verfügen. Das stand heute in der Zeitung. Herr im Himmel, was habt ihr denn da oben für Rechner? Das ist ja mathematisch etwa so, wie wenn 1 Prozent der Weltbevölkerung über 50 Prozent sämtlicher Krankheitsfälle weltweit auf sich laden würde. Oder einfacher gesagt: Das ist ziemlich übel. Vor zweihundert Jahren wurde mit Parolen wie Gleichheit und Brüderlichkeit ein etwas anderer Prozentsatz angestrebt. Aber daraus ist nichts geworden. Gestern lag in der Tramhaltestelle Hauptbahnhof jemand auf der Bank, ich sah ein schwarzes Gesicht, ein Blinzeln, dann ein Lächeln. Der Mann besaß einen Schlafsack und zwei Einkaufstüten. 

Es gibt – so habe ich gelesen – das Bergman-Syndrom als Reflex: »Ich kapier es nicht, ergo ist es bedeutend.« Da wird angespielt auf die bedeutungsträchtigen und tiefsinnbefrachteten Bergman-Filme. Man könnte sich mit Leichtigkeit noch viele weitere Syndrome ausdenken, zum Beispiel ein Musil-Syndrom oder ein Habermas-Syndrom, und dann tüchtig darunter leiden. Mein Glück ist, dass ich dafür viel zu ungeduldig bin. Denn wenn ich etwas nicht kapiere, dann höre ich mit Lesen/Zuschauen/Zuhören rechtzeitig auf, noch bevor ich Opfer eines Syndroms bin. Ich will mir meine Lust auf Einfachheit ganz einfach nicht verleiden lassen.

Unter der Dusche ist mir der Satz eingefallen: Nun hat mich mein Leben verlassen. Und da hab ich im Wasserdampf auf der Basis dieses Satzes so ein bisschen vor mich hingedichtet. Es ist eine lange Dusche und ein kurzes Gedicht geworden. Beides recht schön. Ich hab das Gedicht gleich aufgeschrieben, noch bevor ich ganz trocken war. Jetzt könnte ich also einen Text liefern, wenn die anderen meine Todesanzeige formulieren müssen und nicht wissen, wie. Nehmt doch einfach diese Zeilen, könnte ich sagen. Nein, könnte ich nicht. Ich könnte ja gar nichts mehr sagen. Ich könnte ja auch nichts mehr lesen, und somit kann mir das Ganze egal sein. Ich will ohnehin lieber leben als tot sein. Vielleicht fällt mir das nächste Mal unter der Dusche etwas Brauchbareres ein.

Ich schlendere im Laden die Kleiderständer entlang. Vor mir zwei Mädchen, etwa sechzehnjährig. Sie blättern durch die Kleider wie durch Buchseiten. Bei den Jacken, leichten Daunen-Dingern, rot, blau, weiß, sagt das eine Mädchen: Spastijacken. Das andere sagt: Ja, voll. Sprache verändert sich. Mode auch. Ich weiß jetzt, wie eine volle Spastijacke aussieht, und weiß auch, dass man Spastijacke nicht sagen sollte. Ich schreib das Wort nicht noch mal. Die beiden Mädchen werden’s wohl auch nicht mehr brauchen, wenn sie doppelt so alt sind. Oder wenn sie wissen werden, was ein Spastiker ist. Vielleicht denken sie jetzt noch, Spastiker habe mit Spaß zu tun. Vielleichter denken sie gar nichts. Am vielleichtesten sind sie einfach voll dumm. 

Ein Buch ist mir in die Hände geraten, das ich vor dreißig Jahren gelesen habe – Peter Noll: »Diktate über Sterben und Tod.« Noll, 56, hatte nach einer Krebsdiagnose beschlossen, auf Therapien zu verzichten. Er nutzte die zehn Monate, die ihm blieben, zum Nachdenken. Was war? Was kommt? Klar und gescheit sind die Gedanken, immer noch gültig. Breschnew und Thatcher muss ich ersetzen durch Putin und Cameron. Irak durch Syrien, die Zürcher Unruhen vielleicht durch Occupy Wall Street. Aber an den Zitaten von Rilke, Seneca oder Montaigne ist nichts zu ändern, und Buchfink, Kuckuck und Singdrossel hören sich noch gleich an. Für mich ist das Buch aktueller denn je, weil ich dem Tod so viel näher bin als vor dreißig Jahren. Aber das Lesen einer wundersamen Liebesgeschichte macht mir immer noch deutlich mehr Herzklopfen …

Empau ei empau. Was könnte das heißen. In was für einer Sprache. Wo sagt man so was. Vielleicht auf den Fidschi-Inseln. Vielleicht in Nordgrönland. Könnte sein, dass es heißt: Ich bin Mensch, gewiss, ich bin Mensch. Oder: Schnee, nichts als Schnee. Oder: Gnade, Gott, Gnade. Oder: Schieß doch, los, schieß doch. Oder: Gesagt ist gesagt. Oder: Hör auf, bitte, hör auf. Ja, jetzt höre ich auf mit der Blödelei. Denn ich weiß, was die drei Wörter bedeuten. Sie bilden einen Satz, einen rätoromanischen Satz. Und der passt genau ans Ende dieser Zeilen. Empau ei empau heißt nämlich: Genug ist genug.

Eine Freundin aus Kindertagen hat einen indischen Maharadscha geheiratet. Eine Märchenprinzessin ist sie deswegen nicht geworden. Zu vieles lief anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Immer noch hat sie das schöne, freundliche Gesicht, nur runder. Die glatten, hellen Haare, nur grauer. Die schmalen, langen Finger, nur steifer. Sie hat sich eine andere Weltanschauung zugelegt, einen anderen Erdteil zur Heimat genommen, eine andere Sprache angeeignet. Wir haben uns unmessbare Weiten voneinander entfernt. Aber wenn ich sie, ganz selten, wieder mal treffe, schaut mich nach kurzem Befremden ihr früheres Mädchengesicht an. Und es ist, als gingen wir zusammen von der Badeanstalt – so hieß das damals – nach Hause, mit feuchtem Haar und einem Vanille-Eis in den kühlen Händen. Ich weiß wieder, wie sie mich bis vor die Gartentür begleitete, und wie es mich störte, dass sie immer noch an ihrem Eis schleckte, während ich meins schon längst gierig vertilgt hatte.

Die Raumstation ISS kreist in 400 Kilometern Höhe um die Erde. Kürzlich brauchten die Astronauten dringend einen speziellen Schraubenzieher. Die Nasa lieferte schnellstmöglich via E-Mail eine Bauanleitung ins All. Damit konnten die Astronauten in ihrem 3D-Drucker den Schraubenzieher ausdrucken. Das Ausdrucken dauerte vier Stunden und klappte perfekt. Das ist schon sehr beeindruckend. Leider meine ich seither im Nachthimmel etwas zu sehen, das dem ausgedruckten Schraubenzieher gleicht. Es stört mich ein bisschen. Mit Eichendorfs Mondnacht – es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst – ist es jetzt vorbei. Ich blicke hinauf in die blaue Schwärze und stelle mir vor, wie man auf Missionen zu fernen Planeten frische Herzen oder Lungen oder Kleinhirne ausdruckt – oder was es sonst so zu ersetzen gibt.

»Alles, was ich sage, ist wahr, aber ich sage nicht alles, was wahr ist.« Das ist eine alte Advokatenweisheit. Oder besser: Advokatenschlauheit. Würde man sie vom Advokaten auf den Schriftsteller übertragen, könnte sie heißen: »Alles, was ich schreibe, muss nicht wahr sein, aber alles, was ich nicht schreibe, muss wahr sein.« Alles, was ich nicht schreibe, ist meine geheime Höhle, und darin darf ich nicht schummeln und flunkern und Geschichten erfinden, sondern muss meine eigene Wahrheit aushalten. Muss meine eigenen Fehler und Traurigkeiten und Missgeschicke vor mir offenlegen - und ebenso die meiner Liebsten und Nächsten. Alles, was ich nicht schreibe, muss wahr sein, ich darf mich nicht selbst betrügen. Denn wäre ich eine Selbstbetrügerin, würden meine erfundenen Geschichten unglaubhaft.

Und wieder mal ist es peinlich, über Harmloses zu schreiben, über den Schnee, die Katz, den Müllsack. Wieder einmal stellt sich Brecht abwehrend vor meine Tastatur, weil ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, wie er im Gedicht »An die Nachgeborenen« gesagt hat, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Die Untat heute ist ein Anschlag auf die Redaktion von »Charlie Hebdo« in Paris, auf die Satirezeitschrift, die es gewagt hat, Mohammed-Karikaturen zu publizieren. Mit Kalaschnikows und dem Ruf »Allahu Akbar« griffen die beiden Attentäter an. Ergebnis: Zwölf Menschen sind tot, und die Meinungsfreiheit ist lebensgefährlich verletzt. Und also schreibe ich nichts von unseren Bäumen, auf denen dekorativ die Eichelhäher sitzen.

Vor Jahren habe ich mal ein Brot gebacken – es schmeckte nicht besonders gut. Heute hab ich es wieder versucht, mit Mehl, Hefe, Wasser, Salz und viel Geduld. Ich mixte und rührte und knetete und knetete. Es heißt immer, man könne beim Teigkneten allerlei loswerden: Enttäuschungen, Aggressionen und Wüte. (Ist Wüte der Plural von Wut? Oder gibt es gar keinen? Müsste es aber, bei so vielen Ursachen zum Wütendwerden.) Leider hatte ich beim Kneten gerade nichts, was ich loswerden wollte. Ich dachte ein bisschen dies, ein bisschen das. Zum Beispiel dachte ich: Es gibt Menschen, die sind wie Teig, der nie aufgeht, sie lassen sich zu Tode kneten. Mein Teig ging dann ganz schön auf. Aber das Brot, das schmeckte nicht besonders gut.