1

Vielleicht liegt’s an den Schuhen, den neuen, dass er so leicht läuft. Er federt über die Lichtung, läuft durch die Schattenwand der Stämme hinein ins Halbdunkel. Die Bäume weichen zur Seite. Er schiebt sie mit langen Sprüngen auseinander, leicht, leicht, leicht. Der trockene Laubboden schleudert ihn hoch, als wäre Schaumstoff darunter. Er überspringt eine Reihe von frisch geschlagenen Stämmen, rauscht durch dürren Farn und nimmt dann einen gewaltigen Satz über einen unerwarteten Haufen: ein dunkles Bündel Holz.

Im Sprung spürt er angenehm seinen straffen, flachen Bauch, erfasst im Augenwinkel ein kleines Stück Lila, besonnt. Eine Frau, denkt er. Liladress, Fliederdress, Fliederike.

Im Mooshof wieder dieses Lila. Sie sitzt am Tisch, an dem er sonst sitzt, den Kopf in den Händen. Mattblonde Haare, irgendwie zusammengesteckt über einem weißen Nacken. Sie stört.

Es ist seine Idee, sonntags früh durch dieses Waldstück zu laufen und dann in diesem reizlosen Gasthof ein Bier zu kippen, das ihm lärmend durch den nüchternen Magen rollt. Mief vom Vorabend hängt von der Decke, das Gesicht der Bedienung ist aufgeschwemmt von Schlaf, müde scheucht sie die Fliegen vom Brot. Dieses stille Bild gehört ihm, und er mag es nicht, dass sich die Lilafrau da hineinschiebt.

Ihr Gesicht sieht er erst, als er geht, und dass es ihm gefällt, merkt er erst, als er die Tür hinter sich schließt.

2

Wieder das Lila, wie letzten Sonntag, er hat es schon von weitem gesehen, hoppelndes Lila.

Dass er seine Sprünge zu Schritten verkürzt, bringt nichts. Er kommt ihr schneller näher, als er möchte. Ihr Hinterteil zittert, wenn sie den Fuß aufsetzt. Er holt sie ein, sie streicht Haar hinter die Ohren, und er sieht sie von der Seite, das ernste Gesicht, das vergnügte Profil.

»Nass heute«, sagt er, was genügt, um nebeneinanderzulaufen. Er hofft, dass sie ihm seine ungewohnt kurzen Schritte nicht anmerkt.

Es ist nicht klar, wer die Richtung angibt.

Als er im Mooshof die Jacke auszieht, riecht er seinen Schweiß. Er klemmt die Arme an den Oberkörper. Sie scheint nichts zu merken. »Es riecht nach Spiegelei«, sagt sie.

Jele. Als sie gesagt hat, wie sie heißt, hat er es nicht verstanden. Jele. Sie hat es zweimal wiederholt.

Während des Laufens war es leicht, ihr einen Satz zuzuwerfen. War der Satz in der Luft, waren sie schon ein paar Meter weiter, und das Gewicht der Wörter fiel nicht auf ihn zurück. Hier am Tisch, im Gaststubendunst, durch den sich die Wirtin bewegt wie in Zeitlupe, fühlt er sich plump, tut er sich schwer. Er versucht, das Bier möglichst geräuschlos zu schlucken, sieht zu, wie sie in der Tasse rührt, und ihre Hände kommen ihm nackt vor, das Auf und Ab des Löffels wie eine intime Handlung.

Ihre Haare sind nass, als käme sie aus der Dusche.

Sie hat ein schönes, klimpriges Lachen.

3

Beim Hinausgehen berührt er sie: Er hält ihr die schwere Gasthaustüre auf und legt die flache Hand auf ihren Rücken. Sie dreht sich ab, seine Hand fällt nach unten.

Den Kaffee wollte sie selber bezahlen.

Hier draußen ist ihre Stimme kleiner und höher. Luftstöße lodern über den Boden und lecken die Nässe weg. Sonne fällt, dann Schatten, in raschem Wechsel. Kommt so ein Schub plötzlicher Helle, kneift sie die Augen zu und hat eine senkrechte Falte über der Nase. Was andere für eine Augenfarbe haben, weiß er nie. Dafür merkt er sich Hände, kann sie abrufen wie fünfstellige Zahlen.

Menschen mit Hunden sind unterwegs, stramme Gänger mit strammen Leinen. Sie grüßt, er tut es ihr nach.

Ihre Haare sind wieder trocken.

Eigentlich möchte er rennen.

Einmal rutscht sie, er fängt sie am Ellbogen, zieht sie hoch, und sie lässt ihren Arm in seinem eingehängt. Das ergibt, da sie kürzere Schritte macht als er, beim Gehen verlegene Synkopen.

4

Ob sie schläft? Sie rührt sich nicht unter seinem Arm. Jele.

Mit Jele vom blauen Gipfel gestürzt.

Herzhämmernd.

Und jetzt die volle Blase. Wenn er den Arm hebt und sie loslässt und sich wegstiehlt, ist die Zaubernuss entzwei. Sie wird etwas Fragendes murmeln, und er muss seine Hose suchen und Worte suchen und die falschen finden.

Der Augenblick kommt so oder so.

Bald fällt Morgenlicht in das Durcheinander. Er will nicht, dass sie etwas vom Boden aufhebt. Will nicht, dass ihm jemand eine Ordnung andreht. Schlaf, tauch mich nochmal in Tinte ein.

Ihr Haar riecht gut nach Tee. Wie still sie liegt.

Vögeln ist ein seltsames Wort.

5

Dass sie kaum Möbel hat, das hat sie ihm gesagt. Aber so leer hat er sich die Wohnung nicht vorgestellt. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Teppich und wundert sich über seine Schuhe. Sie kommen ihm vor wie zwei ratlose braune Tiere, die sich verirrt haben. Kaum hat er seinen Satz zu Ende, fragt sie. »Warum?«, ruft sie aus der Küche. Warum. Sein Leben ist nun mal so gelaufen. Ist auf dieses weiße Stück Teppich zugelaufen. In diesen lachsroten Wohnblock. Zu Jele. Jele, die lila durch den Wald joggt. Sich schüchtern ins Bett legt. Kaum Brüste hat.

Warum Warum.

In diesem Raum steht nichts falsch, sogar der Holzstoß neben dem Kamin ist bündig mit dem Bild darüber. Das hat ein Freund gemalt, hat sie gesagt. Er weiß nicht, ob ihm dieses Bild gefällt. Er weiß nicht, ob er diesen Freund mag.

Warum er Lehrer geworden sei.

Warum, warum.

»Ich wäre gerne Erforscher geworden.«

Sie lacht.

Er hätte das nicht sagen sollen. Es geht sie eigentlich nichts an. Noch nicht.

6

Er hofft, dass sie nicht auf die Idee kommt, ihn abzuholen, dass sie nicht um fünf am Portal steht. Wenn doch, wie stellt er sie Flavia vor, die auch um fünf aushat?

Das ist Jele, die ich im Wald gefunden habe.

Das ist Jele, mit der ich geschlafen habe.

Das ist Jele, die meine neue Liebe ist.

Jele, bist du meine neue Liebe?

Vielleicht.

Er denkt mehr an sie, als er eigentlich möchte. Während sich die Klasse über die Hefte beugt, steht er am Fenster und geht die Gespräche von gestern Abend durch. Er merkt, dass es ihm nicht – wie sonst oft – egal ist, was er gesagt hat, er möchte das Richtige gesagt haben. Er möchte von Jele richtig verstanden sein.

Jemand stöhnt hörbar, die Prüfung heute ist nicht einfach. Er mag sich nicht nach den Schülern umdrehen. Er schaut nicht gerne zu, wie sie sich quälen, wie sich der kleine Fähmann den Hinterkopf reibt, wenn er nicht weiterweiß.

Der Ahorn wird immer größer. Der Hauswart müsste mal die Äste schneiden. Sie kratzen bereits an der Scheibe. Wie eine arme Seele, oder so was Ähnliches würde Jele sagen. Schon wieder Jele.

7

Es war ein perfekter Spaziergang. Er hat ihn nun so oft gemacht, zu jeder Jahreszeit, und immer war’s neu. Der Anstieg zum Eichberg – Jele nahm ihn sozusagen hüpfend –ist gegen Abend besonders schön, unten schimmert der See, oben schweben die letzten Deltasegler in der Bläue. Langsam wird der ganze Hang lebendig. Das Wie-Wie im Eichener Ried muss ein Kiebitz gewesen sein, und was oben  in der Dämmerung schwirrte, war wohl eine frühe Fledermaus. Bevor sie im Dunkeln bergab stolperten, hat er Jele geküsst. Sie weiß nicht, dass es genau die Stelle war, an der sein Vater versucht hatte, ihn aufzuklären.

Das hatte sich sein Vater wohl vor dem Ausflug vorgenommen, denn rückblickend scheint es ihm seltsam, dass sie nur zu zweit waren. Seine Mutter kann er auf jeden Fall nirgendwo ins Bild bringen.

Da stand er also an derselben Stelle und fühlte die warme Jele, roch ihr Tee-Haar, und sie ließ seine Hand in ihre Hose klettern und in ihr Feuchtgebiet eintreten, und sie lachte, als er ihr das sagte, und nachher noch während des Küssens. Nur schade, dass aus der alten Wirtschaft nun ein Feinschmeckerlokal geworden ist, da will er nicht mehr hin.

8

Überraschungsausflug, hat sie gesagt. Um ein Uhr an der Endstation vom Zwölfer. Was für Schuhe?, wollte er wissen. Einen linken und einen rechten, hat sie gesagt. Und in den Hörer gekichert. Wenn er versucht, sich Jeles Gesicht vorzustellen, kommt zuerst Jele, die fragende. Dann Jele, die zu einem Spaß ansetzt. Dann Jele, die reservierte.

Wahrscheinlich will sie seeaufwärts... Er wird ihr die Brutplätze der Haubentaucher zeigen. Es ist schon zehn nach, als er aus dem Bus steigt. Aber noch keine Jele da, niemand.

Dieser grelle Tag. In der Eile hat er seine Schirmmütze vergessen. Idiotenmütze, findet Jele. Wenigstens hat er die Zeitung dabei. Er hat sich vorgenommen, die Artikelserie über Russland zu sammeln. Teil eins wird er noch suchen müssen in seinen diversen Zeitungshaufen. Odessa, Tiflis, Samarkand... Da hat er sich immer hingewünscht, damals, als er noch Tschechow und all die Russen las und etwas Besonderes werden wollte. Nun sind das verschandelte Städte – und er ist Rocco-der-Lehrer.

Zwanzig nach. Dann eben nicht. Er ist keiner, den man warten lässt.

9

Er hat nicht damit gerechnet, dass sie einfach vor seiner Tür steht. Er geht ihr voraus ins Wohnzimmer. Sie steigt im Korridor etwas umständlich über die aussortierten Zeitungsstöße. Es fällt ihm ein, dass er schon lange nicht mehr gelüftet hat, aber jetzt, wo sie da ist, alle Fenster aufzureißen, würde wohl seltsam wirken. »Bitte, setz dich«, sagt er, dabei sitzt sie bereits.

Das war’s also: falsche Endstation. Dass die andere gemeint war, konnte doch keine Sau erraten, da fährt doch niemand zum Spazierengehen hin. Sie hat sich entschuldigt, aber trotzdem. Wenn er etwas hasst, dann ist es Warten.

Streiten mag er jetzt nicht.

Er wird mal Musik machen. Und Tee.

Warum sagt sie nichts? Gerade einmal für »danke«, »sicher«, »gern« macht sie den Mundauf. Reden wäre jetzt das Beste. Aber über etwas anderes als über diese verdammte Endstation. Reden, reden, plätschern. Über die Parlamentswahlen. Über die prämierten Werbespots. Oder über eine Russlandreise.

Aber wenn sie nicht will, bitte sehr.

Es rührt ihn, wenn sie beide Arme hebt, um ihr Haar besser festzustecken. Es sieht aus, als möchte sie wachsen.

10

Im Bett kommt sie ihm kleiner vor, und still ist sie. Und wenn sie manchmal einen Seufzer tut, dann weiß er nicht so recht, warum, aus Weh, aus Wohl... Geschmeidig spielt sie mit, und miteinander vertikal im Tandem geht es los, sehr rasch, sehr still.

Und kurz bevor er einschläft, merkt er noch, wie sie ihn hält. Sie hält ihn fest am Arm, als dürfe sie ihn nicht verlieren in der Dunkelheit und im Gedränge eines Traums.

Am Morgen liegt sie seitwärts, von ihm abgewandt, ein kleiner Wall aus Fersen, Waden, Hinterbacken, Schulterblatt. Den schaut er gerne an und schiebt den Augenblick hinaus, wo er mit flacher Hand darüberstreift. Und so die Zeit erneut zum Laufen bringt.

»Jele, wenn du ein Testament machst, krieg ich dann was?«

»Lass mich nachdenken. Eine Wimper.«

»Warum?«

»Braucht nicht viel Platz. Und alles, was ich durch sie hindurch gesehen habe, hängt noch dran.«

»Etwas unheimlich, diese Wimper.«

»Sie wird nicht zucken, das versprech ich dir.«

»Versprich mir lieber, dass du nicht stirbst.«

»Also gut. Nie. Und was kriege ich, in deinem Testament?«

»Besuchserlaubnis.«

»Im Spital?«

»Nein, im Jenseits. Immer am ersten Montag im Monat. Zwischen ewig Uhr dreißig und ewig Uhr dreißig.«

»Und die lassen mich einfach rein?«

»Ja. Und raus.«

»Und was zieh ich dazu an? Muss das feuerfest sein?«

»Geh einfach zuerst die aktuellen Listen durch, auf www.hell.web.«

»Ich möchte noch was haben. Was zum Anfassen. Socken oder so was.«

»Socken nicht. Die kommen in eine Stiftung. Aber meinen Schatten kannst du haben. Leg ihn einfach unter deinen.«

»Rocco, ich liebe dich, sehr.«

11

Gesagt ist gesagt. Jetzt, wo sie sich so freut, kann er seinen Vorschlag nicht mehr zurücksaugen. »Jele, kommst du mit?«, hat er gefragt, und sie hat einfach ja gesagt. Ohne zu fragen, wohin.

Seine schöne Reise, an der er so lange herumgedacht hat, wird er also teilen. Aus der Traum von der stillen Fahrt mit dem Schiff nach Tilsit. Immer wird Jele dabei sein, wird sagen, schau! Schau, wie schön, schau, wie traurig. Warum hat er nur davon erzählt, sie hat ja gar nicht von Ferien geredet. Sie hat nur still auf dem Bett gelegen. Was tust du, Jele, hat er gerufen. Ich nehme ein Glücksbad, hat sie gesagt. Und da hat er angefangen mit der Kurischen Nehrung. Und sie hat gelacht: Kurische Nehrung? Das klingt wie etwas, woran man leidet. Etwas Orthopädisches.

Dann wird er also Doppelzimmer buchen.

12

Mit Jeles Mutter hat er sich schon beim Händeschütteln angefreundet, was sich in ihm gesträubt hat, war plötzlich weg. Seltsam, dass sie so ganz anders aussieht als Jele. Da ist nichts von Jeles Ebenmaß und Helle, irgendwie windschief, zerzaust und schwarzfiedrig stand sie in der offenen Tür. Jetzt hört man sie in der Küche hantieren, während Jele das Fensterbrett freiräumt und sich draufsetzt. »Das war mein Lieblingsplatz«, sagt sie. Er kann sich nicht erinnern, dass er einen Lieblingsplatz gehabt hat. Er kann sich überhaupt schlecht erinnern. Er weiß nie so recht, wieviel er andern glauben soll, wenn sie von ihrer Kindheit reden. Zurechtgemachte Geschichten, denkt er. Und wundert sich, dass Nabokov noch weiß, wie er als Fünfjähriger mit dem Zeigefinger auf ein Kopfkissen gezeichnet hat.

Ob er das Gesicht sieht im Dach gegenüber, will Jele jetzt wissen. »Wo? Ach ja, jetzt seh ich’s.«

Er sieht es nicht.

Wenn Jeles Mutter Tee trinkt, nimmt sie mit einer Hand die Tasse und mit der anderen die Untertasse vom Sofatisch. Sie war nicht immer eine Kioskfrau. Beim Schlucken schließt sie die Augen.

An seiner Tasse klebt Eigelb.

Es ist ihm wohl in Jeles altem Nest.

13

Im Fünfeck hat sich nichts verändert, Franz ist da und Charlie, die ganze Clique. Er weiß nicht, ob er noch hierhergehört, jetzt mit Jele.

Gleiche Gesichter, gleiche Geräusche, und auch diesmal ist Franz der Unterhalter, schildert seine Computerabstürze. Jele zieht nach, sie hat die gleiche Software, den gleichen Ärger. Sie fangen an zu fachsimpeln. Jele macht auf dem Tischtuch eine Skizze. Die andern wenden sich ab, reden von einem gebrochenen Fuß.

Er sitzt allein zwischen den Stimmen, horcht in den Sprudel aus Lauten. Manchmal zischt die Kaffeemaschine dazwischen.

Dann steht plötzlich Manuel am Tisch und wirft ihm eine Stille zu, eine Lautlosigkeit, wie fallender Schnee, darin nur sie zwei.

Sie setzen zu einem Lächeln an, da heißt es schon rundum Hallo, und Franz zieht Manuel zu sich heran und streckt ihm sein Glas hin, damit er den Drink probiert, den Franz heute erfunden hat.

14

In diesem Waldstück hat er sie zum ersten Mal gesehen, da war sie nicht mehr als ein Lila, jetzt ist sie eine Jele.

Sie trägt auch heute die lila Jogginghose. Darüber irgendwas Flatterndes, Dunkelblaues, er versucht sich vorzustellen, wie sie aussieht, jetzt hinter ihm, leicht keuchend. Die Haare im Nacken zusammengebunden, auf der Stirne schweißnasse Strähnchen, Mund wahrscheinlich offen, ums Handgelenk wahrscheinlich der blaue Reif, den er ihr auf dem Flohmarkt gekauft hat. Jele, lass dich ansehen.

»Borke«, sagt sie, »klingt wie ein norddeutscher Vorname.« Er küsst sie, und der Jelemund lässt sich zerdrücken wie reife Beeren, und die Jelefrau drängt aus dem Stamm, an den er sie presst. Sie lacht, und dann zerspringt der Wald in grüne Sprenkel.

15

Sie lässt sich wunderbar reinlegen, macht ein Gesicht wie ein Kind, das nicht sicher ist, ob es geneckt wird. Er hat ihr gesagt, dass sich Spiralnudeln strecken, wenn man sie zuckert. Er hat ihr gesagt, in einem Kino sei die Luftfeuchtigkeit je nach Film verschieden. Jele, du glaubst zu schnell!

Sie hat immer einen Kamm dabei. Sie steckt sich die Haare neu hoch. Sie fährt mit den Ringfingern über die Brauen. Sie legt ein Lächeln auf und legt es wieder ab. Sie weitet die Nasenlöcher und prüft, ob sie sauber sind. Jele, du bist schön!

Sie sitzen in der Foto-Kabine. Das Licht wird gleich aufblitzen und ihre Gesichter vereisen. Er gibt sich gar nicht erst Mühe, so auszusehen, wie er möchte. Diese Bilder kann man gleich zerreißen. Aber Jeles Gesicht vorhin, das bestürzte, das möchte er behalten, um daran zu lachen.

16

 Rebgelände hat immer etwas Wohlgefälliges, die sanften Hänge, gleichmäßig gestrichelt, nach jeder Straßenkurve vom Licht ein bisschen anders getönt, ein Stoffmusterbuch. Jele summt. Im Kofferraum vibriert etwas, wenn er bergab fährt. Überhaupt wird der Wagen mit dem Alter immer lauter, auf der Autobahn dröhnt er. Eigentlich müsste er ihn loswerden. Aber wie kann er das, wo er doch immer noch nach Glück riecht, nach Portugal, nach Manuel. Und jetzt hat er wieder neue Bremsbeläge.

Warum gehen diese Typen nicht zur Seite? Sie grinsen. Sind die Fenster zu?

Die wollen uns irgendwas andrehen.

Wir brauchen nichts.

Der dumpfe Schlag auf die Tür war wahrscheinlich eine Faust. Ihr könnt mich mal. Jetzt geb ich Gas, ich schieb sie zur Seite. Na, also. Was war das nun Dumpfes?

Im Rückspiegel sieht er, dass einer am Boden liegt, sich aufrichtet.

Nein, er wird nicht anhalten, diese Freude macht er ihnen nicht.

Nein, Jele.

In die Kurve jetzt, danach sind sie außer Sicht.

17

Anhalten, nein, dann wär’s gefährlich geworden. Diese jungen Sans-Papiers, so hat er gelesen, können aggressiv sein. Sie haben nichts. Sie haben nichts zu verlieren.

Jele schweigt.

Dreingeschlagen hätten die, wäre er ausgestiegen. Hätten ihm das Geld abgenommen, ihn erpresst, weil einer von ihnen am Boden liegt. Dabei ist der längst wieder aufgestanden, da ist er sicher. Er hat sich ja bereits ein Stück weit aufgerichtet, das hat er im Rückspiegel noch gesehen. Der war überrascht und hat das Gleichgewicht verloren, mehr nicht. Hätte er angehalten, wär das Theater losgegangen. Stöhnen, Drohen. Il est gravement blessé, Monsieur. So schnell lässt er sich nicht mehr reinlegen. Dass sie sich die Autonummer gemerkt haben, ist unwahrscheinlich. Das ging viel zu schnell, und die Kurve hat sie ja dann gleich verschluckt. Die ist er los.

Jele, weinst du?

Sei froh, dass nichts passiert ist. Wenn ihm diese grinsenden Gesichter einfallen, drückt er gleich wieder aufs Gas. Klar, arme Teufel, und all das. Aber was kann er dafür?

»Jele, die Sonne!«

Im Rückspiegel sieht er sie untergehen. In zwei Stunden sind sie zu Hause.

18

Er hat es versucht, aber sie nimmt nicht ab. Er hat sich sogar notiert, was zu sagen ist: Vergiss den Typen. Glaub mir, er ist schon wieder aufgestanden, als wir in die Kurve bogen. Ich hab’s im Rückspiegel gesehen.

Sie hat geweint auf der Heimfahrt, das hat er schon gemerkt, sie hat so getan, als schaue sie aus dem Fenster, leicht von ihm abgewandt, hat sich mit dem Handrücken so beiläufig ans Gesicht gelangt, immer wieder.

Und sie hat so laut geschwiegen, dass er es jetzt noch hört.

Sieben Hefte hat er jetzt korrigiert, aber er muss nochmals drüber. Wenn der Gedanke an gestern wieder anfängt zu plärren, dann bleibt er mitten im Lesen stehen und weiß nachher nicht mehr, was er bereits gelesen hat.

Eigenartig, dass sie nicht zu Hause ist.

Er steht auf, um das Automatenfoto zu suchen, schaut nach in allen Jackentaschen, irgendwo muss es doch noch sein. Er hat es eingesteckt, als es noch feucht war, hoffentlich nicht ins Hemd, das ist bereits in der Wäsche. Er will Jeles Gesicht sehen, jetzt.

19

Diese Höflichkeit ist nicht auszuhalten. Diese Hartgummiwörter: dankegut, gerneja. Sonst sagt sie nichts. Wenn er nichts sagt, dröhnt eine Pause. Statt aufzulegen, ist sie höflich. Ins Kino, Jele? Wenndumeinst. Der schottische Film, Jele? Warumnicht. Magst du wirklich, Jele? Ichdenkeschon.

Also, dann.

Er hat sich vorgestellt, wie er sie beim Eingang umarmen wird, aber sie ist bereits im Foyer und redet auf eine braungebrannte Frau ein. Sie sagt: »Luise, das ist Rocco. Luise war gerade in Kuba.«

Dass man auf Kuba Reis mit schwarzen Bohnen Moros y Christianos nennt, ist ihm egal. Er möchte Jele endlich ins Gesicht schauen. Er schafft es nicht, die ledrige Luise ist dauernd im Weg. Und schon fängt der Film an, sie sitzen im Dunkeln, Jele schaut beharrlich geradeaus, ihr Profil ist ein dunkler Scherenschnitt.

Dass im Film gerade sanft ein Falter landet, als er seine Hand auf Jeles niederlässt, ist leider ein etwas kitschiger Zufall. Aber Jele hat ohnehin, wie er nun sieht, die Augen zu.

Es war wohl der falsche Film für Jele. Aber der richtige für seine Hand.