Angelika Waldis

Angelika Waldis ist am 3. März 1940 geboren, wohl nicht so erwünscht, Kriegszeit, der Vater als Oberstbrigadier dauernd abwesend. Immerhin Sonntagskind. Die Schwester ist sechs Jahre älter, wird ihr immer voraus sein und darum bewundert. Jahrelang wartet Angelika, bis sie das Komma-Kleid von Verena endlich erben kann, ein hellblaues Kleid, bedruckt mit farbigen Kommas. Es ist ein grosses, eher düsteres Haus, in dem sie wohnen, und eine unstimmige, eher unheitere Familie, in der sie leben.  Vater ist vierundzwanzig Jahre älter als die Mutter, ein stolzer und verletzlicher Mann. Die Mutter bemüht sich um Frohheit und Normalität. Angelika, genannt das Meiteli, flieht bald mal in eine eigene Welt, unter Tischen, unter Büschen. Die Schule macht ihr weder Mühe noch Freude, ist eine graue Suppe. 45 Kinder in einer Klasse, Ruhe ist die Hauptsache. Einmal schreibt sie ein weihnächtliches Theaterstück in Reimen. Fräulein Hugenschmidt lässt es ausführen, und Angelika schämt sich erbärmlich. Sie ist ein schüchternes Kind. Wenn sie ihrer Mutter sagen kann, dass sie auf  der  Strasse jemanden gegrüsst hat, zum Beispiel Frau Zach, bekommt sie etwas Süsses. Sie bekommt es selten. Angelika geht erst ins Gymnasium, dann ins Lehrerseminar, weil die Eltern das wollen, weil man danach einen Beruf hat und somit Geld. Denn solches ist zu Hause immer rarer. Warum der Vater, mal bekannter Rechtsanwalt, alles verloren hat, weiss niemand, vielleicht ist er erpresst worden. Die Betreibungsbeamten gehen ein und aus. Die Mutter sucht Arbeit in einem Büro. Im Seminar ist Angelika nicht besonders glücklich und nicht besonders fleissig. Sie haut ab, nicht mehr unter Tische und Büsche, sondern in die Bücher. Sprache macht sie munter. Einmal liest sie ihrer Mutter aus einem Gedichtband von Max Bolliger das Inhaltsverzeichnis vor, tut so, als sei’s ein Gedicht – die Mutter glaubt’s, und Angelika lacht sich krank. Sie bleibt schüchtern, aber jetzt in der Mittelschule wirkt das oft hochnäsig. Immer hat die Familie Waldis an angeeigneter Vornehmheit gelitten, die wird beibehalten, auch im tiefsten Schuldenloch. Als der Vater stirbt, ist Angelika zwanzig, die Schule ist fertig, eine Seite im Lebensbuch wird umgelegt.  Sie wird umgelegt von einem Mann, der ihre große Liebe wird und es für immer bleibt. Er ist äußerlich wie innerlich ein schöner Mensch, und er erlaubt sich, stets unkonventionell zu denken, das gefällt ihr, auch dass er witzig ist, das vor allem. Studieren an der Universität Zürich gibt sie nach fünf Semestern auf. Der Titel ihrer ersten und letzten Seminararbeit heißt »Poetic diction in the eighteenth century«, sie denkt, eigentlich geht mich das gar nichts an, ich schreibe lieber was übers Hier und Jetzt und versucht sich als Journalistin. Der Mann und sie heiraten und bekommen auch gleich ein Kind, der Mann erschrickt ein bisschen, man braucht dich ja bloss anzufassen, und schon bekommst du ein Kind, sagt er. Der Mann heißt Otmar Bucher, mit ihm zusammen macht sie einen Sohn und eine Tochter und weitere wunderbare Erfahrungen, auch allerlei Reisen sowie eine Jugendzeitschrift namens Spick, zwanzig Jahre lang. Sie schreibt. Schreibt für die Jugend und, wenn sie noch Zeit hat, für die Schublade. Als sie sechzig wird, hört sie mit der Zeitschrift auf und fängt mit dem Altern an. Sie bekommt Schlabberhaut und drei Enkelkinder und mit letzteren ungeahnt grosse Freuden. Sie macht, was ihr ihre Mutter vor Jahrzehnten gesagt hat: Schreib endlich ein Buch. Sie schreibt eins und dann gleich noch ein paar.

Ja, so etwa ist es gewesen. Es ist einfacher, über Angelika zu schreiben als über mich.