Ausschnitte aus der Mitte des Buchs: Jolie ist auf der Suche nach ihrem Bruder Franz, der mit siebzehn Jahren ertrunken sein soll und dessen Leiche man nie gefunden hat.

Manchmal malt sich Jolie aus, wie es wäre, einen Mann zu haben, einen richtigen Dauermann. Ihr Gefühl für Adrian, ihren freundlichen Ex, ist so taub wie ein erfrorener Zeh. Sie hat vergessen, an ihn zu denken. Aber so einen richtigen Dauermann, der schon in der Früh Sätze von sich gibt und sich spätabends noch in ihr Leben mischt, so einen stellt sie sich gerne vor. Sie würde sich mit ihm messen, ihm ein paar Püffe verpassen, wenn er zu wichtig würde, und sie würden einander mit Gescheitheiten zu überbieten versuchen. Sie hätten vielleicht drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, und Jolie hätte sich durchgesetzt, dass sie Raglan, Paspel und Öse hießen, wohlklingende Begriffe aus ihrem ehrenwerten Beruf.

Ihr Mann wäre keine Sternschnuppe wie seinerzeit Adrian, sondern ein stetiger Komet mit einem berechenbaren Ziel und mit einer leuchtenden Jolie an seiner Seite. Er wäre zärtlich, wenn sie das möchte, und still, wenn sie das bräuchte, und er würde ihre Zärtlichkeitsgewitter jederzeit mit Lust über sich ergehen lassen. Wenn sie uralt würden, könnten sie sich die Hand geben und nebeneinander durch die Stadt schlurfen, hinaus ins Graue, könnten zusammen zerfallen wie zwei Stück Zucker.

Nachts schreckt Jolie aus einem Traum hoch, sie setzt sich auf, und sofort schnurrt der Traum zu einem Punkt zusammen und rollt weg. Nassgeschwitzt tritt sie auf die Terrasse hinaus, in die warme Nacht. Vier Uhr, noch keine Morgendämmerung zu erahnen. Jolie blickt in den Himmel, wie sie das immer tut, um rasch an Maxi zu denken. Und da fällt eine Sternschnuppe, und gleich noch eine. Jolie zählt fünf Schnuppen kurz hintereinander. Das müssen ein paar Nachläufer des Perseidenschwarms sein. Den großen Schnuppenregen um den zwölften August hat Jolie dieses Jahr verschlafen. Der Himmel ist bleiblau wie die Seide, mit der sie Herrn Bouviers Lederjacke gefüttert hat. Dass sie ihr Atelier auflösen wird, hat sie noch niemandem gesagt. Mit leichter Bestürzung realisiert Jolie, dass sie es niemandem gesagt hat, weil es niemanden gibt, dem sie es hätte sagen können. Statt wieder ins Bett zu gehen, stellt sie den Computer an.

An Jolie Hansen: Ich habe mal einen Franz Hansen gekannt, er war Vertreter in unserer Firma in Gelterkinden, allerdings nur kurze Zeit, das muss so vor fünf Jahren gewesen sein. Es hieß dann, er sei zurück nach Leipzig gezogen, aus Heimweh nach der ehemaligen DDR. Vielleicht hieß er auch Hansener.

Hoffe, Ihnen gedient zu haben. Rosy

Erschreckt kriecht Jolie in ihr noch warmes Bett zurück und fängt an zu frieren. Sie hat Angst. Es ist, aus habe sie zum Spaß den Teufel gerufen, und nun sei er tatsächlich durch ihre Wohnung gehinkt. Franz ist 1970 ertrunken. Dass er in die DDR ging, ist unwahrscheinlich. Wer ging damals freiwillig dorthin? Ein beinharter Sozialist vielleicht. Aber doch nicht Franz. Franz, der Träumer. Oder doch? Jolie steht wieder auf und schreibt:

Liebe Rosy, hatte der Franz Hansen, den Sie kannten, vielleicht einen Schweizer Akzent? Und hatte er eine deutliche Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen? Mein Bruder ist jetzt 53 Jahre alt. Ich danke Ihnen vielmals. Jolie

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, hat die Dächer rouge gepudert. Es wird wieder ein heißer Tag werden. Jolie friert immer noch. Sie sitzt mit angezogenen Beinen auf der Terrasse und wickelt das Nachthemd um die Füße. Es ist ein altes Seidenhemd, am Saum ausgefranst. Adrian hat sie noch darin gesehen, seither niemand mehr. Wenn sie einen neuen Liebhaber hätte, müsste sie sich ein neues kaufen. Wenn sie einen neuen Liebhaber hätte, müsste sie sich neue Wörter zulegen. Und eine neue Haut. Vielleicht eine, die nachts leuchtet. 

(…)

Schon wieder hat sie eine Reklamation erhalten. Frau Lohmann hat das Kleid zurückgebracht. Sie hat es gewaschen und nun ist es eingelaufen und sieht aus wie zerknülltes Seidenpapier. Jolie solle das gefälligst wieder in Ordnung bringen. Sie habe ihr nicht gesagt, das Kleid dürfe nicht gewaschen werden. Von der Hochzeit ihrer Tochter sagt Frau Lohmann nichts. Sie rauscht aus dem Zimmer, als trage sie eine edle Robe, weiß nicht, dass sie auf ihrem weißen Hosenhintern einen braunen Fleck hat. Seufzend macht sich Jolie daran, das Kleid zu bügeln. Blöde Schachtel. Wie kann man Seidentaft in die Waschmaschine tun. An den Seiten lässt sich das Kleid allenfalls etwas auslassen und im Rücken der Reißverschluss neu einziehen. Blöde Schachtel. Gerade heute, wo Jolie früher nach Hause will. Vielleicht ist eine Antwort von Rosy da.

An Jolie Hansen: Franz Hansen sprach sächsisch, und zwar so, dass man schon fast Gänsehaut kriegte, wenn Sie wissen, was ich meine. Gelernt ist eben gelernt. Das Alter könnte hinhauen. An die Zähne kann ich mich nicht erinnern. Haben Sie Interesse an Kriegsmedaillen? Mein Mann hat ein schönes Angebot. Rosy

Jolie ist enttäuscht und erleichtert. Nein, das ist nicht Franz. Sie starrt mit gefalteten Händen auf den Bildschirm. Es wäre besser, sie würde die Anzeige löschen, der Aufruhr in ihrem Kopf ist zu groß. Seit Tagen denkt sie an nichts anderes mehr, das erste, was sie beim Aufstehen, beim Nachhausekommen tut: Sie stellt den Computer an und öffnet zitternd die Mails mit unbekanntem Absender, und dann ist da nichts als Werbung. Tresore, Viagra, Türkeireisen. Gerade als sie beschlossen hat, die Anzeige zu löschen, erklingt das leise Pling. Neue Mail! Jolie reißt die gefalteten Hände auseinander.

Hallo Frau Hansen, ich habe im Internationalen Suchdienst Ihre Anzeige gelesen. 1998 habe ich in Quito mit meinem Mietauto einen Mann auf einer Vespa angefahren. Zum Glück war er nicht verletzt. Die Polizei hat ein Protokoll gemacht. Im Ausweis des Mannes stand Franz Hansen. Ich habe danach Franz Hansen ein Geschenk gebracht, ins Hotel, wo er arbeitete. Dort nannten sie ihn Paco. Schätze, er war zwischen 40 und 50. Das Hotel hieß Sierra.

Leider suche ich seit Jahren vergeblich meine verschollene Tochter Maya. Ich wünsche Ihnen mehr Erfolg. Ihr Dirk Rebener.

Jolie streicht sich ein ums andere Mal das Wasser aus dem Gesicht. Sie ist nass durch und durch, hat nicht zum Himmel hochgeschaut, als sie von zu Hause losgelaufen ist, hat einfach die Tür hinter sich zugezogen und ist gerannt. Schon nach ein paar Minuten sind erste große Tropfen gefallen, und jetzt schießt das Wasser wie aus Schläuchen. Jolie ist es egal. Quito! Das ist irgendwo in Südamerika, grad mal so viel weiß sie, und Franz ist am Leben, davon ist sie überzeugt. Franz war das, dort im Hotel. Er ist aus der Tiefe des Sees aufgetaucht, und es ist, als liefen sie aufeinander zu, triefend beide. Es ist dunkel geworden, Jolie stolpert über den Rand des Gehsteigs, sie zieht die Schuhe aus, die teuren Sommersandaletten, barfuß rennt sie weiter, bis sie außer Atem ist. Sie hat vergessen, wie man Luft holt, wie damals, bei Maxis Geburt, als Maxi einfach nicht zum Vorschein kommen wollte. Ein Mann mit Regenschirm überholt sie, dreht sich nach ihr um, als wollte er sagen: Ist was? »Nein«, sagt Jolie laut, und er dreht sich nochmals um. Nein, nichts ist, außer dass ich morgen nach Quito fliege, nur das. Hotel Sierra. Darum sind die beiden Füße da unten auf dem Asphalt so bleich, vor Aufregung.

Das Hotel Sierra ist ein altes Herrenhaus, es hat drei Sterne, Parkplätze, ein mexikanisches Restaurant, 24 Stunden Zimmerservice und einen Fitness Room. Es befindet sich in der Altstadt von Quito, unweit der Plaza San Francisco. Und Quito ist, wie Jolie inzwischen weiß, die Hauptstadt von Ecuador. Da wird spanisch gesprochen, katholisch gebetet, und nachts ist es kalt, und die Indianer sind arm. Die Vorwahl ist 00593. Jolie hat kaum geschlafen und ist in der Morgendämmerung ins Internet getaucht. Sie hat einen Stadtplan gefunden und darauf die Plaza San Francisco, und da in der Nähe muss Franz sein und weiß nicht, dass sie zu ihm hinüberschaut. Sie wählt die Nummer und hört, wie es läutet, und erschrocken legt sie wieder auf, als ihr einfällt, dass dort drüben eine andere Zeit ist. Vielleicht ist es Mitternacht, und San Francisco liegt im Bett, mit angezogenen Beinen, wie früher.

Quito liegt 2850 m hoch und genau auf dem Äquator, Pizarro taufte den Inka-Herrscher Atahualpa auf den Namen Francisco, bevor er ihn mit dem Halseisen erdrosselte, und auf den farbigen Märkten soll man sich vor Taschendieben in Acht nehmen, und die Zeitdifferenz zu Mitteleuropa beträgt im Sommer minus sieben Stunden. Jolie beschließt, am Abend anzurufen. Wenn sie noch vor dem Fest nach Quito fliegen will, muss sie heute Frau Lohmanns Kleid fertigmachen, auch die Vorhänge für Hubachers und die zusätzlichen Knopflöcher im Gilet von Herrn Gauss. Vielleicht schafft sie nicht alles, sie muss auch noch ins Heim, heute ist Heimtag, sie verschiebt ihn auf morgen, Mutter erwartet sie nicht. Im Atelier merkt sie, dass sie zittert. Es ist das erste Mal, dass sie den Einfädler benutzen muss, um den Faden durchs Öhr zu bringen.

Die Linde hat bereits braune Blattränder.

Jolie sucht etwas zum Mutantrinken. Im Küchenschrank steht eine angebrochene Flasche Wein, aber der ist sauer. Und der Cognac, den Maxi mal mitgebracht hat, riecht wie ein Desinfektionsmittel. Trotzdem trinkt sie drei Schlucke, direkt aus der Flasche. Jetzt ist es Mittag in Quito. Keine gute Zeit, falls Franz in der Hotelküche arbeitet. Aber vielleicht ist er ja Portier. Oder Direktor. 00593. Was, wenn niemand englisch spricht? Was, wenn Franz gleich selbst abnimmt? Nein, es ist eine helle Mädchenstimme. »Can you please connect me to Mister Hansen? To Paco? Paco Hansen?« Es bleibt eine Weile still, dann sagt die Mädchenstimme, sie hätten keinen Gast dieses Namens. »No«, sagt Jolie, »Paco Hansen not a guest. He work in your house.« Sie hätte works sagen müssen. Jolie möchte noch einen Schluck vom Cognac nehmen, aber der steht in der Küche. Im Hintergrund auf der anderen Seite des Ozeans und zweitausend Meter weiter oben wird gemurmelt. Dann sagt die helle Stimme, Mister Paco sei schon lange nicht mehr hier, und dann versteht Jolie nicht mehr, was sie sagt, doch die Stimme wiederholt es freundlich: Dorado, in Ayacil. »In Ecuador?«, fragt Jolie. – »Yes, Ecuador, on the Pacific.«

Um Mitternacht hat sie mit Hilfe des Atlas endlich herausgefunden, dass Ayacil möglicherweise Guayaquil sein könnte. Im Internet ist Guayaquil »die pazifische Perle« mit einer wunderbaren Flaniermeile am Wasser, und ein Hotel Dorado gibt es tatsächlich. Vier Sterne. Aber Señor Hansen ist erst in vier Tagen von den Inseln zurück. Ob Jolie eine Mitteilung hinterlegen möchte. Jolie möchte nicht. Jolie möchte weinen.

Señor Hansen ist erst in vier Tagen von den Inseln zurück. Welche Inseln? Um zwei Uhr nachts findet Jolie auf der Website des Dorado einen Hinweis: We organize Tours to the Galapagos Islands. Sie findet die Inseln, weit draußen im Pazifik, im Atlas sind sie so groß wie Radiergummikrümel, dann liest sie alles über die Inseln, über Darwin und die Finken und die Schnäbel der Finken und die Evolution und den Anfang des Lebens. Dort also ist Franz. Erschöpft kriecht sie unter die Decke, den Kopf voller Bilder von Vögeln und Seelöwen und dunklem Gestein, und in diese Bilder schiebt sich das Bild des Grabsteins mit den drei Rosen, Franz, 1953-1970. Jolie drückt die Fäuste auf die Augen, doch die Bilder verschwinden nicht, sie jagen einander, eine rasende Dia-Show, und immer wieder taucht der Grabstein auf. Jolie, hör auf zu spinnen, sagt Jolie, schlaf und vergiss die Inseln und den Señor. Denk an Frau Lohmann und an die Hubachers und an Herrn Gauss. Morgen ist ein anstrengender Tag, jetzt schlaf. Morgen wird der Flug gebucht.

Es ist Sonntag, Jolie merkt es erst, als sie im Briefkasten keine Zeitung findet. Trotzdem, heute wird der Flug gebucht. So hat sie das entschieden, und so wird es gemacht. Einmal ist sie wegen eines Stücks nachtblauem Samt bis nach Stuttgart gereist. Jetzt wird sie wegen eines nachtblauen Tagtraums bis nach Ecuador reisen. Das Reisebüro am Hauptbahnhof ist auch sonntags geöffnet. Die junge Angestellte weiß nicht auf Anhieb, wo Guayaquil liegt. Jolie lächelt milde. Franz hat sich gut versteckt. Die Finger der Angestellten bewegen sich auf den Computertasten wie aufgeschreckte Tierchen. Einen Flug gibt es erst übermorgen. Umsteigen in Madrid. Zwischenhalt in Quito. Reisezeit achtzehn Stunden. Jolie rechnet. Eine Woche kann sie höchstens wegbleiben, damit danach noch genug Zeit bleibt für die Festvorbereitungen. »Wenn sie jetzt buchen, ist das definitiv«, sagt die Angestellte. »Ich buche«, sagt Jolie.»Jetzt sofort.« Ob sie fragen dürfe, warum sie dorthin fliege, sagt die Angestellte. Weil Guayaquil die pazifische Perle ist, mit einer wunderbaren Flaniermeile am Wasser, darum.

So hat sie das entschieden, und so wird es gemacht.

Sie kauft einen roten Koffer. Auch das muss sein. Jetzt sofort. Mit dem Koffer und einem Strauß bunter Löwenmäulchen fährt sie ins Heim.

Mutter ist nicht im Zimmer. Jolie stellt die Blumen ins Wasser und den Koffer in eine Ecke und sucht die Korridore ab. Mutter ist auch nicht in der Cafeteria. Vielleicht hat man sie in eine Sonntagsandacht gesteckt, weil sie vergessen hat, was der Himmel ist. Oder sie liegt in einem Krankenzimmer und man hat ihr, Jolie, nichts davon gesagt. Wütend entwirft Jolie die Sätze, die sie der verantwortlichen Pflegerin an den Kopf schleudern will. Was erlauben Sie sich. So geht das nicht. Es besteht Informationspflicht. Ein plötzlicher Regen fällt über den Garten her, fauchend und aufs Vordach klöppelnd, Jolie tritt vor die Tür und lässt sich die Arme besprühen und läuft dann ganz hinaus. Wenn Mutter jetzt stirbt in diesem Krankenzimmer, dann ist nichts mit der Reise. Dann ist der rote Koffer gut genug für Mutters Sachen, mit denen Jolie manchmal eine Spur Mitleid hatte, wenn Mutter sie in die Hand nahm, ohne zu wissen wozu. Hinter den zittrigen Tropfenschnüren nimmt Jolie im Gartenpavillon jemanden wahr, eine sitzende Gestalt. Zuerst erkennt sie die speckweiße Tasche, dann Mutters Gesicht. »Was tust du denn da?«, ruft Jolie, und sieht, dass bei Mutter ein Lächeln aufflackert. Sie zieht einen zweiten Stuhl heran und setzt sich neben Mutter, und dann schauen sie miteinander hinaus ins Regenglitzrige und sagen nichts.

Es ist schön, wenn die Zeit und der Regen gleich schnell laufen.

Oben im Zimmer zeigt Mutter auf den roten Koffer. Vielleicht möchte sie von hier fort.

Einmal war Mutter verschwunden, und Jolie hatte sie mit Franz gesucht. Erst dachten sie, Mutter sei im Dorf unterwegs, aber als sie zur Abendessenszeit noch nicht da war, suchten sie rufend das Haus ab, den Schuppen, den Gemüsegarten. Das Rufen muss so angstvoll geklungen haben, dass Vinz auf den Küchenboden pinkelte und zu weinen anfing. Er blieb in seiner Lache stehen und weinte pausenlos weiter. »Du passt auf die Kleinen auf«, sagte Franz zu Frido, holte das Fahrrad aus dem Schuppen und ließ Jolie aufsitzen. Wie alt war sie da, neun, zehn? Franz fuhr die Dorfstraße runter und um die Kirche herum und zum Haus der Äschlimanns. Frau Äschlimann wischte die Treppe und winkte, also war Mutter nicht bei ihr. Metzgerei und Laden waren geschlossen, vor dem Kiosk standen Frau Kuhn und Frau Bader, also konnte Mutter nicht bei ihnen zuhause sein. An Zellers Haus fuhr Franz einfach vorbei, er mochte da wohl nicht klingeln, weil dann vielleicht der debile Sohn an die Tür kam. Er nahm die Abkürzung zwischen den Feldern hindurch zum Kanalweg – Jolie glaubt sich an ein Sonnenblumenfeld zu erinnern – dann bremste er so abrupt, dass sie ins Schlittern kamen. Mutter saß am Kanal und drehte sich nach ihnen um. »Ich komme«, sagte sie, und strich mit beiden Händen kräftig über das verweinte Gesicht.

(…)

Frau Lohmann passt trotz allem nicht mehr in ihr Brautmutterkleid. Sie will ihr Geld zurück. »Lassen Sie mir das Kleid nochmals da«, sagt Jolie, und kaum ist Frau Lohmann gegangen, schneidet und reißt Jolie das Kleid in Stücke und wirft sie zum Fenster hinaus. Sie bleiben wie große Blüten auf den dichten Ästen der Linde liegen.

Jetzt ist sie mit allen Aufträgen fertig.

Herr Gauss, der sein Gilet abholt, sagt »Aha, Ecuador. Da isst man Meerschweinchen«. Und Frau Hubacher, bereits beladen mit ihren goldfarbenen Vorhängen, sagt »Ecuador soll sehr schön sein«, worauf Jolie sagt »Da isst man Meerschweinchen«. Sie hätte noch sagen können:

Mein Bruder kocht sie am besten.

Er serviert sie in seinem Hotel.

Er lebt in der Perle des Pazifik.

Er hat ein eigenes Flugzeug.

Er fliegt zu den Galapagos Inseln.

Er ist der Präsident von Ecuador.

Jolie lacht in sich hinein. Zum Teufel mit der Wahrheit. Mit ihr kommt man nicht vom Fleck. Sie hat viel zu schwere Schuhe an.

Sie schreibt ins Arbeitsjournal:

»Ich falte die gewartete Zeit zusammen und gehe.«

Da war noch was, was sie sich für diese Seiten vorgemerkt hat. Aber es fällt ihr nicht mehr ein. Sie malt ein Schild: Wegen Ferien geschlossen. Sie kurbelt die Rollläden zu. Sie stellt sich vor den Ankleidespiegel und gefällt sich im Halbdunkeln. Morgen fliegt sie in die Vergangenheit, sechsunddreißig Jahre weit.

Zuhause beim Packen, als sie mit einem Paar Schuhe vom Schrank zum Koffer geht, überfällt sie plötzlich die Gewissheit: Das kannst du nicht machen. Du kannst Franz nicht einfach überraschen. Sie bleibt stehen, schaut auf die Schuhe in ihren Händen, ratlos. Das Ticket ist bezahlt, das Heim informiert. Das kannst du Franz nicht antun. Es wird ein furchtbares Fiasko werden. Der Kühlschrank ist geleert. Die Post ist abbestellt. Sie wird von hier aus die Schuhe in den Koffer werfen. Trifft sie, geht sie. Trifft sie nicht, geht sie nicht. Der erste Schuh landet im Koffer. Der zweite auch.

Franz ist schuld, dass nichts Gescheites aus ihr geworden ist. Gerade so hat Vater das nicht gesagt, er hat bloß gesagt »Sie denkt an ihn statt an die Schule«. Er wollte sie auch aufs Gymnasium schicken, wie Frido, aber der Lehrer meldete sie gar nicht erst zur Prüfung an. Franz ist schuld. Man geht doch nicht einfach und ertrinkt. Sie wird ihm das sagen müssen, drüben, in Guayaquil.

Um 7 Uhr 50 ist Abflugzeit. Zwei Stunden bis Madrid, Frühstück an Bord. Jolie ist viel zu früh am Flughafen, der rote Koffer rollt fügsam hinter ihr her, sie braucht ihn kaum zu ziehen. »Schöne Reise«, sagt die Frau am Check-in und lächelt an Jolie vorbei. Jolie schaut dem Koffer auf dem Gepäckband nach, als wäre er ein Wesen, das sich noch einmal umdreht. Sie fühlt sich plötzlich sehr allein gelassen. Es ist nicht so, dass ihr das Reisen Angst macht. Sie ist in den letzten Jahren immer mal wieder geflogen, hat Maxi besucht oder Wanderferien gemacht, im Atlasgebirge, auf dem Peloponnes, in den Pyrenäen. Aber diesmal fliegt sie nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Die Jolie von damals, die mit Franz den Kanalweg entlangradelte, hatte einen wild geringelten schwarzen Schopf und dünne braune aufgeschürfte Beine und Zähne, die für ihren Mund noch zu groß waren. Die Jolie jetzt, die auf den Flug Iberia 3475 wartet, hat nichts Auffälliges, sie ist nett frisiert und graumeliert und von Kopf bis Fuß angenehm adrett. Franz wird sie nicht erkennen.

Jolie setzt sich ins Café vor der Passkontrolle und beobachtet Abschiede. Eine zurückgelassene junge Frau weint fassungslos, Köpfe drehen sich nach ihr um. Jolie hat nie so geweint. Ein älterer Mann winkt einem Jüngeren, der mit seinem Pass zurückwinkt, dann dreht sich der ältere Mann entschlossen um. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen, und winkt zögerlich noch ein paarmal Richtung Wand, hinter welcher der junge Mann schon längst entschwunden ist. Jolie hat nie einer Wand gewinkt. Ein Mann schiebt eine Frau zur Passkontrolle, redet auf sie ein, beim Eingang lässt sie die Tasche fallen und umarmt ihn, Jolie sieht ihre Arme an seinem Rücken und wie er nach hinten greift und die Arme löst. Es ist lange her, dass Jolie einen Mann umarmt hat. Herr Fischbacher zählt nicht. Jolie packt ihre Tasche und geht durch die Passkontrolle. Name Hansen, Vorname Jolanda, Nationalität Schweiz, Geschlecht F, Größe 160 cm. Sie schlendert durch die Läden. Dass sie Franz etwas mitbringen könnte, fällt ihr erst jetzt ein. Schokolade mochte er nie. Lieber drückte er sich Senf aus der Tube in den Mund. Vielleicht ist das schwarze Seidentuch mit kleinen Edelweißen etwas. Das Poster mit Schneeberg und Arve. Das Taschenmesser mit Leuchtdiode. Das gabs noch nicht, als Franz ertrank. Jolie findet einen Reiseführer über Ecuador. Dann eilt sie ans Gate und fängt an zu lesen. Sie ist noch immer viel zu früh.

Guayaquil ist eine Tropenstadt, die vor Lebensfreude dampft. Sie hat schon vieles überstanden – Feuersbrünste, Piratenüberfälle, Gelbfieberepidemien. Lange war sie als gefährliche und laute Hafenstadt verschrien. Heute verhilft eine massive Polizeipräsenz Einwohnern wie Touristen zu unbeschwertem Flanieren. Trotzdem sollte man einige Viertel der drei-Millionen-Stadt nicht allein besuchen. Für größere Strecken zwischen den Sehenswürdigkeiten empfiehlt sich ein Taxi. Auf den Märkten wird vielfach Schmuggelware angeboten. Vorsicht vor Taschendieben.

Die Perle des Pazifiks scheint nicht rundum zu glänzen. Jolie weiß, dass sie sich viel zu rasch für diese Reise entschlossen hat. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sollte Franz ein Schmuggelkönig sein, ist das auch egal. Sie hat sich damit abzufinden. Wie mit dem Ertrinken von Franz, dem Versinken von Mutter, dem Versteinern von Vater, dem Brautmutterkleid von Frau Lohmann und der weinroten Unterhose von Herrn Fischbacher.

Die Legende erzählt, dass sich der Name Guayaquil aus dem Namen des Indianerhäuptlings Guayas und dem seiner Geliebten Kill zusammensetzt. Als die Spanier Guayas’ Dorf an der Flussmündung zerstört hatten, beschlossen die beiden Liebenden, sich nicht der spanischen Knechtschaft auszuliefern. Guayas erstach Kill und ertränkte sich im Fluss.

Jolie wird Franz an seinem Muttermal unter dem rechten Ohr erkennen. Auch wenn er nur noch spanisch spricht, keine Haare mehr hat und ein künstliches Gebiss – sie wird ihn an der Ameise erkennen. So hat er das kleine Muttermal getauft. Einmal hat er unters Ohr gegriffen und ihr dann eine Ameise auf den Teller gelegt.

Probieren Sie einen Jipijapa – den berühmten Cocktail aus Orangenschnaps, Grenadine und Zitronensaft, garniert mit einer Ananasscheibe. Besuchen Sie den schönsten Platz der Stadt, den Parque Bolivar, wo sich wie Hunde die Leguane tummeln. Besichtigen Sie den Cementerio General, die eindrückliche weiße Totenstadt.