Das schrieb der Drittklässler Josef Meier im Jahr 1959: »Am Donnerstag, den 22. Oktober, habe ich einen sehr traurigen Tag gehabt. Der Vater musste die schönste und beste Kuh schlachten lassen. Sie war plötzlich krank geworden. Wenn ich ihr etwas gesagt habe, hat sie mit dem Kopf genickt, dass sie es verstanden hat. Und sie hat viel Milch gegeben.« Der Drittklässler Josef Fellmann schrieb: »Die Schwester Berta ist gestorben. Drei Wochen alt ist es gewesen. Wir haben den Doktor gehabt. Es hat Schmerzen gehabt und Fieber und rote Hübel. Es hat den Rotlauf gehabt. Es ist am Sonntag gestorben.« Das schrieben die beiden Josef zum Aufsatzthema »Ein trauriges Erlebnis«. Ich war ihre Lehrerin, neunzehn Jahre alt, und absolvierte ein Praktikum in einem kleinen Dorf. Ich habe ihre Aufsätze aufbewahrt und finde sie, Jahrzehnte später, immer noch beeindruckend. So eindringlich müsste Literatur sein.

»Niemand darf ungerechtfertigt einem Menschen Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, ihn in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten. Das Misshandeln, Vernachlässigen oder unnötige Überanstrengen von Menschen ist verboten.« Dieses Zitat habe ich verfälscht. Im Original steht nicht »Mensch«, sondern »Tier«. Es handelt sich um Artikel 4/Absatz 2 im Schweizerischen Tierschutzgesetz. Aber was er fordert, passt sehr gut auch auf das Säugetier Mensch, zum Beispiel auf Menschenkinder. Nur schade, dass der Ausdruck »ungerechtfertigt« der gut gemeinten Forderung ihren Wert nimmt. Denn Rechtfertigungen werden leider dauernd neu erfunden. 

Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass mein wichtiges Leben nichts ist. Dass das, was ich erkämpft, erdacht, erfühlt habe, schwindet wie der Hauch auf einer Fensterscheibe. Dass mein Dasein, dass mich seit Jahren mit Eifer und  Freude und Lust und Angst erfüllt, nicht mehr ist als irgend eine Welle im Weltmeer, die kommt und bricht und kommt und  bricht. Dass ich meine, etwas loslassen zu müssen, obwohl ich es nie gehalten habe. Irgendwann kommt die Erkenntnis, und ich werde sie höflich begrüßen.

Unsere Wiese sieht aus wie die Titelseite eines Blumenversandkatalogs, grelle Farben, nämlich schrillviolett, quietschgelb, knallorange und  scharflila. Krokusse sind es, und ich müsste verzaubert sein, weil es so viele sind, sie haben sich wieder und wieder vermehrt und schreien jetzt miteinander aus dem Grasgrün heraus. Jeweils im Spätherbst vergangener Jahre  habe ich mit klammen Händen Löcher in die lehmige Erde gebohrt und die Zwiebelchen darin versenkt.  Na, dann blüht dann mal schön, habe ich gedacht. Jetzt tun sie’s. Au weia. Ach je.

»Aus guten Gedichten kann man heraushören, wie die Schädelnähte gesteppt werden«, hat der russische Dichter Osip Mandelstam geschrieben. Das hat mir immer gefallen, obwohl ich es gar nicht verstehe. Ach, und jetzt habe ich gelesen, dass die sowjetischen Literaturgeneräle blind waren für Mandelstams feine lyrische Bilder. Als er beim Schriftstellerverband eine Eingabe für eine Hose und einen Pullover machte, sprach sich Maxim Gorki dagegen aus: »Braucht er nicht.« Er hätte so dringend so manches  gebraucht, um Schädelnähte zu steppen. Aber man ihm nichts gegeben, nur genommen, unter anderem seine Freiheit. 1938 ist er halbverhungert und herzkrank und von Halluzinationen gepeinigt in der Krankenbaracke eines Straflagers gestorben.

20. Februar 2021

Als ich mit der Ambulanz und Blaulicht ins Spital fuhr, dachte ich: Und wennʼs das jetzt gewesen wär? Wenn da jetzt der Sensenmann hinter der Trage stünde? Oder die Sensenfrau? Immer schön gendersprachkonform, bitte sehr. Jetzt, wo im Duden demnächst der Mieter sowie die Mieterin vorkommen werden, muss doch auch Platz sein für eine Sensenfrau. Andernorts – la morte – ist der Tod auch weiblich. Allerdings passt Sense als Schneideinstrument nicht so richtig zu Frau, kulturhistorisch gesehen, ein Kartoffelschäler wäre vielleicht passender …. So flogen die Gedanken im Blaulicht. Und nein: es warʼs nicht gewesen.

18. Februar 2021

Ein junges Wollnashorn ist ertrunken. Hat nicht gut aufgepasst. Drei bis vier Jahre alt war es. Danach lag es mindestens 20ʼ000 Jahre im gefrorenen Boden Sibiriens. Jetzt, im Klimawandel, hat der Permafrost es freigeben, nun ist es wieder am Tageslicht, zur Freude der Paläontologen. Das Horn ist ab, aber auch das hat man gefunden. Ein Foto zeigt das junge uralte Leichlein auf einer hellblauen Plastik-Plache, es liegt auf der Seite, das Vorderbein angewinkelt, und der lange Schädel mutet an, als sei darin vor kurzem noch etwas vorgegangen. So etwas Rätselhaftes wie Leben. Kleines Wollnashorn, hättest dreieinhalb Meter lang werden können! Plus fünfzig Zentimeter Schwanz!

Als ich mit der Ambulanz und Blaulicht ins Spital fuhr, dachte ich: Und wennʼs das jetzt gewesen wär? Wenn da jetzt der Sensenmann hinter der Trage stünde? Oder die Sensenfrau? Immer schön gendersprachkonform, bitte sehr. Jetzt, wo im Duden demnächst der Mieter sowie die Mieterin vorkommen werden, muss doch auch Platz sein für eine Sensenfrau. Andernorts – la morte – ist der Tod auch weiblich. Allerdings passt Sense als Schneideinstrument nicht so richtig zu Frau, kulturhistorisch gesehen, ein Kartoffelschäler wäre vielleicht passender …. So flogen die Gedanken im Blaulicht. Und nein: es warʼs nicht gewesen.

Ein junges Wollnashorn ist ertrunken. Hat nicht gut aufgepasst. Drei bis vier Jahre alt war es. Danach lag es mindestens 20ʼ000 Jahre im gefrorenen Boden Sibiriens. Jetzt, im Klimawandel, hat der Permafrost es freigeben, nun ist es wieder am Tageslicht, zur Freude der Paläontologen. Das Horn ist ab, aber auch das hat man gefunden. Ein Foto zeigt das junge uralte Leichlein auf einer hellblauen Plastik-Plache, es liegt auf der Seite, das Vorderbein angewinkelt, und der lange Schädel mutet an, als sei darin vor kurzem noch etwas vorgegangen. So etwas Rätselhaftes wie Leben. Kleines Wollnashorn, hättest dreieinhalb Meter lang werden können! Plus fünfzig Zentimeter Schwanz!

Gestern haben wir ein Paket mit Schokolade erhalten. Es ist das Paket, das wir im letzten August in die USA geschickt haben, an Lilli, zum Neunzigsten. Es flog über den Atlantik und über den amerikanischen Kontinent bis in den Nordwesten. Dort blieb es irgendwo stecken und liegen. Lilli wurde neunzig, der Herbst kam, Lilli starb, der Winter kam, Mister Trump verlor, Mister Biden kam. A gust of wind or a postal clerk kickte das Paket mit der Schokolade wieder in Umlauf, und es reiste zurück um die halbe Welt bis vor unsere Haustür. Die Schokolade hat nicht gelitten. Aber sie schmeckt ein bisschen bitter, weil wir Lilli die kleine Geschichte nicht mehr erzählen können.

Beim Räumen alter Papiere habe ich allerlei gefunden, was die kleine Angelika mal geschrieben und meine Mutter aufbewahrt hat. Da steht auf einem präzise illustrierten Einkaufszettel: »Einkaufen! 1 Schöner Salat. 1 Pfund Schöne Tohmaten. 1 Kilo Italiener Reis. 2 Kämme. 2 Tauben Zampasta.« Ich habe dann gelernt, dass Tauben in Deutschland Vögel sind. Und dass Finken dort Pantoffeln heißen. Inzwischen weiß ich auch, dass ein Passevite eine Flotte Lotte und ein Pedalo ein Tretboot ist. Aber so richtig werde ich es wohl nie lernen, das perfekte Hochdeutsch. Macht nichts – ich mag es meiner Lektorin gönnen, wenn sie sich krummlachen kann. Schade nur, dass ich so manchen treffenden Ausdruck nicht verwenden darf, etwa: es harzt, es lupft mich, die Agglo oder die Fingerbeere.

Auf dem Riemer Friedhof in München gibt es ein Gräberfeld nur für Frauen. In Berlin gibt es einen Lesben-Friedhof mit achtzig Grabstätten. Im »Garten der Frauen« auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg werden ausschließlich Frauen beigesetzt. In der Schweiz ist das vielleicht auch mal möglich. Ich will aber bitte nicht in einen Frauenfriedhof, wenn meine Zeit gekommen ist. Es ist nämlich so, dass mein Vater ein Mann war. Und mein Mann ist auch ein Mann. Und mein Sohn ist auch ein Mann. Und die Enkel sind männlich. Und ich mag Männer gerne, so wie ich Frauen gerne mag. Und die Vorstellung, als Tote garantiert männerfreie Erde zu beanspruchen, ist mir nicht angenehm. Das einfach mal so dahergesagt …

Heute ist Berchtoldstag. Der heißt in Zürich Bechtelistag und ist ein Feiertag und niemand weiß recht, warum. Einen heiligen Berchtold hat es nie gegeben. Zur Erklärung gäbe es allenfalls das mittelhochdeutsche Wort »berchttac«, was leuchtend bedeutet und zum Stern von Bethlehem passt. Immer am Bechtelistag, so hat mir meine Mutter erzählt, lud der Herr Lehrer des Dorfes den Herrn Posthalter des Dorfes, der mein Grossvater war, zu einem festlichen Trunk. Das war eine Ehre. Das Kind Lydia – meine Mutter – und ihr kleiner Bruder mussten mit und sich schön artig benehmen. Einmal wurde ihr vom Artigsein so schlecht, dass sie ihr Glas heimlich in den Topf der Zimmerlinde leerte. Dafür hat ihr Bruder sie noch lange bewundert. Eine Artige wurde Lydia nie.

 

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