Alle zugeschnitten auf fünfhundert Anschläge, so sollen die Kurznews jetzt daherkommen, dann werden sie wie Memory-Kärtchen neben- und übereinander angeordnet. Das neue Layout ist zwei Monate alt und gefällt immer noch niemandem. Luca ist ein Meister im Kürzen, es fällt ihm nicht schwer, er nagt die Texte ab bis auf das Knöchelchen. Manchmal kürzt er zum Spass das Editorial des Chefs. Dann bleibt nur noch die Hälfte davon übrig. Und der Text wirkt keineswegs, als ob er friere.

Postino bringt die abonnierten Zeitungen, Süddeutsche, FAZ, klaubt sie aus der Folie, bevor er sie auf den Sitzungstisch legt. Man sagt, Postino sei ein Suizidler, habe es schon ein paarmal versucht, einmal auf dem Uetliberg, in einer Winternacht. Aber wer weiß, ob das stimmt. Man sagt vieles hier im Newsroom. Sicher ist, dass Postino ungewöhnliche Augen hat, zwei Augenlöcher voll Angst. Die Iris ist dunkelbraun, sag’s genauer, Luca, also gut, sie hat die Farbe von Tannenhonig und rundum ein schwarzes Rändchen wie geschminkt. Die Postinoaugen gäben was her für ein Haiku, aber hier drin ist nicht dran zu denken. Hier drin gilt einer als krank, wenn er nach Lyrik riecht. Hier drin sind fünfhundert Anschläge gefragt.

Luca hackt die Texte in die Tasten. Der Inhalt beschäftigt ihn wenig, nur der Umfang ist wichtig. Was er gar nicht mag: Eine Mitteilung verlängern.

Hundertzweiundsechzig Anschläge. Was macht man damit. Das Auffangzentrum anrufen? Die Polizei? Der Textchef wird abwinken, wird sagen: Setz einfach ein bisschen Speck an. Speck. Google-Speck. Angenommen Rotmoos ist im Berner Oberland und das Auffangzentrum ist kantonal und der Sudan ist eine Republik, dann bringt das höchstens rund fünfzig Anschläge mehr. Besser wär’s, die Mitteilung im Papierkorb verschwinden zu lassen. Aber dann wird eine besorgte Migrationstante umgehend nachfragen, warum die NSZ solche Meldungen unterschlägt, und das ist dann an der Redaktionssitzung ein Thema mit Grundsatzdiskussion. Luca hasst Grundsatzdiskussionen. Die sind wie Wassergießen auf den Stein in der Gletschermühle. Der dreht sich und dreht sich und immer in der gleichen Richtung.

Es wäre ja so einfach, etwas zu erfinden:

Luca erschrickt, schon Viertel nach zehn. Um elf muss er im Seefeld sein und die alte Frau interviewen. Hastig löscht er die Asylbewerber-Variationen und schickt die restlichen Kurznews ins Korrektorat, sieben Stück, das sollte reichen, im Layout haben sie noch welche im Vorrat. Er hört seinen Magen. Schon wieder ist er ohne Frühstück aus dem Haus gegangen, Sandra macht ihm immer was zurecht, und er setzt sich auch hin und trinkt ein paar Schlucke Kaffee, sieht, wie Sandras beängstigend großer Bauch an der Tischplatte anstößt, sieht, wie sie mit Daumen und Zeigefinger Milchfetzen aus der Tasse fischt, und dann bringt er einfach nichts runter. Aber das war schon immer so, schon seine Mutter hat vergeblich versucht, ihm am Morgen etwas zu verabreichen.

Das Kind kommt in acht Wochen. Seit acht Monaten ist er angestellter Redaktor. Für acht Tausender netto. Acht, acht, acht. Will er das eigentlich? Wollen ist ein großes Wort. Soll, muss, darf, mag er das eigentlich? Wollen, sollen, müssen, dürfen, mögen sind als Modalverben zu bewerten, wenn sie in Verbindung zu einem Infinitiv ohne zu stehen. Wozu hat er bloß so was Unnützes gelernt. Er wollte doch nur in den Sprachgarten eingelassen werden und ungestört mit den Wörtern spielen. Nun, statt mit den Wörtern wird er mit dem Kind spielen, auf dem Vierquadratmeterbalkon mit Seesicht. Was für ein Glück du hast, Luca, hat seine Mutter gesagt.

Was für ein Glück.

Immer, wenn der Kleeberger im Seefeld wieder ein Haus kauft, macht die NSZ einen Beitrag zur »Seefeldisierung«. Das Quartier geht kaputt, alte Mieter werden rausgeworfen, Schickimickiläden und Luxuswohnungen nehmen überhand, der Kleeberger ist rücksichtslos. Luca überlegt sich im Tram, was er die alte Frau fragen wird. Mach’s persönlich, hat der Textchef gesagt, so wie das KIS – Klaus Ivo Saner – so schön macht. KIS, die Edelfeder, liegt zur Zeit mit einer Schädelfraktur im Universitätsspital. Luca soll, muss, darf im Ressort Stadt für ihn einspringen. Mach’s persönlich.

Wie lange, Frau Manz, leben Sie denn nun im Seefeld. Wie lange gedachten Sie noch zu bleiben. Wann beabsichtigten Sie zu sterben.

Hatten Sie mal einen Mann, Frau Manz. Hatten Sie mal einen Liebhaber, Frau Manz. Beabsichtigen Sie, sich nochmals einen Liebhaber zuzulegen, Frau Manz.

Sind Sie in dieser Wohnung zur Welt gekommen. Können Sie sich an Ihre Geburt erinnern. Gibt es überhaupt etwas, woran sie sich erinnern.

Wie viel Stufen hat Ihre Treppe. Wie viel Miete zahlen Sie. Wie viel Sternlein stehen noch.

Die Mietervereinigung hat Frau Manz als Interviewpartnerin vorgeschlagen, hat gemailt, Frau Manz sei eine ältere Dame und im Seefeld tief verwurzelt. Seltsam, dass eine ältere Dame jünger ist als eine alte Dame, aber Luca weiß, dass älter ein absoluter Komparativ ist, das heißt, ein Komparativ, der implizit mit dem Gegenpol vergleicht. Wozu hat er bloß so was Unnützes gelernt. Was bringt man einer älteren Dame mit. Was einer alten Dame. Bringt ein Journalist überhaupt etwas mit. Wird ein Stück Johannisbeertorte schon als Bezahlung von Informationen angesehen.

Frau Manz wohnt im dritten Stock und hat vor der Tür einen Regenschirmständer, ein Schuhschränkchen und darauf eine Topfpflanze mit grün-weiß gemaserten Blättern sowie ein Paar Gesundheitssandaletten. Herrn Kleeberger würde das nicht gefallen. Luca klingelt, und noch während des Klingeltons macht sie schon die Tür auf. Bestimmt hat sie dahinter gewartet. Luca stellt sich vor, und Frau Manz sagt »Hä?«, von einem Gespräch um elf Uhr weiß sie nichts. Aber dann winkt sie ihn doch herein, weil in der Küche der Wasserkessel pfeift, und Luca folgt dem Geräusch ihrer Schlappen durch den dunklen Korridor. Er ist wütend auf die Neue im Sekretariat, wie heißt sie schon wieder, sie kann nicht sagen, »Frau Manz erwartet Sie«, und die sagt dann »Hä?«

Im Wohnzimmer gibt es wieder diese grünweißen Pflanzen auf braunen Möbeln und eine Sitzgruppe mit Salontisch, darauf zwei Gläser und eine Flasche Orangina und Kekse in einer Schale. Das sieht nun so aus, als habe Frau Manz doch jemanden erwartet. Luca lässt sich auf dem Sofa nieder und Frau Manz auf einem Lehnstuhl, wo sie höher sitzt und somit auf ihn herabschaut. »Bitte nehmen Sie«, sagt sie und greift zu einem Keks, und auf Lucas Frage, seit wann sie denn schon in dieser schönen Wohnung lebe, sagt sie »fünfunfünzg« und speit Kekskrümel über den Tisch. Zwei bleiben auf Lucas Aufnahmegerät liegen, und er weiß nicht, ob der sie gleich wegwischen oder damit warten soll.

Frau Manz ist klein, weißhaarig und dünn, nur der Bauch ist dick, so als hätte sie einen Ball unter die Bluse geschoben. Sie war gelernte Fleischverkäuferin, der Mann Versicherungsfilialleiter, seit fünfzehn Jahren ist er tot, eines Morgens tot im Bett, da drüben, der Sohn lebt in Münsingen, geschieden, die war nichts wert, die Frau, früher hatten sie einen Opel Kadett, und der Mann hatte ein Terrarium mit Echsen. Luca sieht die Zehen von Frau Manz, gelb, krumm und rissig schauen sie vorne aus den Schlappen. Sie hat immer Ordnung gehabt in der Wohnung und das Treppenhaus geputzt, wenn sie an der Reihe war, jetzt zahlt sie dreißig Franken für die Reinigung, ein Portugiese macht das. Frau Manz steckt, während sie redet, immer wieder den Mittelfinger ins Ohr, schüttelt ihn und schaut ihn danach an. Sie schiebt die Schale mit den Keksen näher an Luca heran. »Wollen wir das Fenster ein bisschen öffnen«, sagt Luca und atmet gierig die Stadtluft ein, den Duft nach Kerosin und warmem Asphalt, hier drin riecht’s nach faulem Leben, und Frau Manz riecht nach Frau Manz. Plötzlich graust ihn alles so, dass er sich hastig verabschiedet und blindlings das vom Portugiesen geputzte Treppenhaus hinabstolpert.

Was ist das Leben für eine traurige Sache, alle diese Leben. Lohnt sich das Leben als Frau Manz? Lohnt sich das Leben als Echse von Herrn Manz?

»Wie war’s?«, fragt der Textchef. »Geht so«, sagt Luca und macht sich ans Schreiben. Er hat in seinem Heißhunger viel zu hastig zu Mittag gegessen, dann noch der Weißwein, nun stößt ihm alles auf, er muss sich angewöhnen, maßvolle Mahlzeiten langsam einzunehmen. Einspeicheln, hat seine Mutter immer gesagt, der Mund von Frau Manz fällt ihm ein, die nassen Lippen voller Krümel.

Was für ein braves Gelaber. Mach’s persönlich, hat der Textchef gesagt.
Das Telefon klingelt, Margret ist dran, sie mache heute Nachmittag Fotos vom Haus Maigasse, ob er nochmals mitkomme. Nein, er hat genug gesehen. Ob sie, sagt Margret, auf irgend etwas Spezielles achten solle. Nein, ihm ist nichts aufgefallen. »Bis nachher«, sagt er, »und nimm eine Nagelschere mit.«

Das Telefon klingelt erneut, Raimund vom Layout ist dran, er habe zwei Texte vom Suizid eines Asylanten erhalten, er habe jetzt nur den mit den Geranien verwendet, oder hätte er den mit dem Gebet nehmen sollen? »Keinen!«, schreit Luca. »Bitte, wirf sie weg! Die stimmen beide nicht.« Warum er sie dann erhalten habe, fragt Raimund unfreundlich. Luca entschuldigt sich, »mein Fehler«, sagt er, und ob er sich drauf verlassen könne, dass der Asylant nicht erscheine. »Ich sag’s dem Kuno, der hat die Seite gemacht«, sagt Raimund noch unfreundlicher.

Luca ist über sich selber entsetzt. Statt alle drei Texte zu löschen, hat er in der Eile nur einen gelöscht. Hoffentlich macht dieser Kuno, was Raimond ihm sagt, Luca kennt den Kuno nicht. Er legt die Hände vors Gesicht und seufzt tief. »Luca, ist was?«, ruft eine Frauenstimme, Kristin von der Kultur. Luca versucht zu lachen und erzählt von den drei Texten über einen einzigen Asylanten. »Schreib noch einen vierten«, sagt Kristin, »zum Abgewöhnen. Zum Beispiel auf Lyrisch.«

Luca mailt den Text an Kristin, die sich umgehend bedankt und schreibt, sie gehe jetzt Kaffee trinken im Canto. Ist das eine Einladung? Soll er die Frau-Manz-Geschichte liegen lassen und der schönen Kristin nachrennen? Die Manz hat Zeit bis morgen Mittag, die Kristin nicht.

Sie sitzt bereits an einem Zweiertisch und lacht ihn an. »Ist hier noch frei«, sagt Luca. »Schön, dein Suizid«, sagt sie, »man möchte grad sterben.« So sieht sie allerdings nicht aus. Alles an ihr glänzt, die Augen, Lippen, Zähne und Hunderte von kleinen, hellen Locken. »Wie macht man solche Haare?«, fragt Luca. »Man hat sie halt«, sagt sie und schiebt Kuchen zwischen die Glanzzähne, und Luca schaut gebannt, ob sie beim Weiterreden Krümel speit. Aber nein. Sogar ihre Stimme hat einen Glanz, kommt ganz leicht und glatt daher. »Du könntest mich auch fragen, wie macht man solche Beine, solche dicken Waden, solche Fleischsäulen. Man hat sie halt.« Sie lacht, als Luca unter den Tisch schaut. »Nichts zu sehen«, sagt sie, »nur Hosen«, und dann will sie wissen, wie das ist im Newsroom, und wie Luca da hingeraten ist, wo er doch eigentlich ein Künstler sein möchte, oder sieht sie das falsch. Er hat doch Ambitionen, oder etwa nicht. »Hast du denn welche?«, fragt Luca und möchte gerne mit allen Fingern in das helle Haargewuschel greifen. »Stimmt’s, dass du verheiratet bist«, fragt Kristin. Luca nickt, und Kristin sagt »schade«. Aber Kaffee trinken dürfe er trotzdem, sagt Luca. »Und das«, fragt Kristin, »darfst du das auch« und nimmt seine Hand, legt sie auf den Rücken und streicht langsam über die Innenfläche, vom Handgelenk bis zu den Fingerspitzen. »Noch mal«, sagt Luca, und Kristin tut’s noch mal, und Luca wundert sich, dass die Decke nicht einstürzt. Dann streckt sie die Hand aus, und er streicht drüber, einmal, zweimal. Die Decke stürzt noch immer nicht ein. »Spring, dann darfst du bleiben«, sagt Kristin.

Wieder vor dem Bildschirm, als Luca zum Schreiben ansetzt, merkt er, dass ihm Flügel gewachsen sind, alles fällt leichter, Frau Manz eilt in Schlurfschlappen über die Zeilen, und ein Abschnitt saugt den nächsten an.

Wenn Luca nach Hause kommt, wird Sandra ihn ins Kinderzimmer führen, weil sie die Vorhänge fertig genäht hat, blaue mit gelben Pferdchen, passend zur Bettdecke und zum Kissen und zum Wärmeflaschenüberzug, sie wird sagen, was findest du, und dann wird sie ihm neue Vornamen vorlegen und wird sagen, was findest du. Vanessa, Filippa, Tess. Lars, Jens, Lionel. Was findest du. Aylin, Janna, Salome. Balz, Nils, Luzius. Was findest du.

Luca ist es leid, diese Namensucherei. Seit Monaten geht das so, und er ist so mürbe, dass er keinen Einwand mehr hätte gegen Brunhilde oder Exuperantius. Sie werden sich bei Gemüseeintopf gegenübersitzen und Sandras Hände werden auf ihrem Bauch liegen wie Galileos Hände auf dem Erdball, und Luca wird von Frau Manz erzählen, von ihren Fußnägeln und dem nassen Fleck hinten auf ihrem Kleid und dem toten Ohrwurm zwischen den Keksen, wird aber nichts davon sagen, dass er dem Layouter aus Versehen erfundene Texte gemailt hat, und dass er mit allen Kräften hofft, dass sie nun endgültig gelöscht sind und dass nicht morgen doch noch einer davon auf der Seite 6 der NSZ erscheinen wird, und er wird sich mit dem Gemüseeintopf beeilen, damit er den Fernseher einschalten kann, weil er dann nicht mehr reden muss, sondern nur noch an Kristin denken darf.