1. Die Begegnung

Tita wischt sich die Spinnfäden vom Gesicht. In diesem Keller ist wohl lange niemand gewesen. Es riecht wie feuchte Ski-Socken, denkt Tita. Einen Lichtschalter findet sie nicht. Miez, komm! Miez, Miez! Vielleicht ist die kleine Katze schon längst wieder draußen. Langsam tastet sich Tita in die Dunkelheit vor. Der Boden unter ihren nackten Füßen ist eiskalt. Ein Stück Stoff streift ihren Arm. Starr vor Schreck bleibt Tita stehen. Aber das war nur eine alte Jacke, die an einem Nagel hängt. Miez?

Langsam finden sich Titas Augen in der Dunkelheit zurecht. Bis auf ein paar Kisten und ein kaputtes Fass scheint der Keller leer. Das verschrumpelte Zeug in den Kisten waren wohl mal Kartoffeln. Von der Katze keine Spur. In der Wand hinter den Kisten befindet sich eine kleine Brettertür. Tita rüttelt am Riegel, der klemmt. Was soll’s, wohl ein Vorratsschrank mit nichts drin.

Tita steigt wieder die Treppe hoch. Was für langweilige Ferien. Auf dem Rollbrett die langweilige Straße rauf- und runterfahren, dem langweiligen kleinen Peter die langweiligen Bilderbücher zeigen ... Die andern aus ihrer Klasse sind ans Meer gefahren oder in die Berge. Aber ihre Familie macht natürlich wieder mal etwas anderes, Ferien in diesem »netten kleinen Bauerndorf«. Nicht mal eine Stunde von zu Hause weg. Kaff, das. Tita kehrt um. Den kleinen Schrank wird sie doch wohl noch aufkriegen. Sie zerrt und rüttelt. Der Riegel rührt sich nicht. Tita bestreicht ihn mit Spucke. Auch das nützt nichts. Wenn ich in einem Gefängnis wär und müsste da raus, denkt Tita. Ich würde nicht aufgeben. Ich wäre stärker als dieser blöde Riegel ... Sie schließt die Augen und reißt mit aller Kraft – und plötzlich hat sie den Riegel in der Hand. Das Türchen hängt nur noch in einer Angel. Und dahinter ist nichts, ein Loch und ein mattes Licht.

Dann halt nicht, seufzt Tita. Kein geheimnisvoller Fund. Keine Schachtel mit alten Goldmünzen, die sie Fred hätte überreichen können. Und dann hätte er wieder einen Haufen Geld gehabt und seinen alten Beruf und hätte wieder gelacht wie früher. Dann halt nicht. Wahrscheinlich ist hinter dem Fensterloch bloß wieder ein Keller, der vom Nachbarhaus. Tita stemmt sich hoch und zwängt sich durch die Öffnung. Sie schiebt zuerst die eine, dann die andere Schulter durch und rutscht, Arme voran, auf der anderen Seite zu Boden.

Dieser Raum ist hell und blitzblank geputzt und hat ein Fenster und eine Tür zum Hof. Tita hört den Brunnen plätschern. In der Ecke steht ein riesiges rundes Ding aus Kupfer, ein Ofen oder so was Ähnliches, daneben ist ein Waschtrog aus Stein und so ein altmodisches Rubbelblech zum Wäscheschrubben. Dann steht da noch ein Tisch mit einem weißen Tuch drauf und einem seltsamen Bügeleisen ohne Kabel. Alles sieht ganz so aus wie in diesem öden Museum neulich auf der Schulreise. Sogar das, was im Wäschekorb liegt: eine knielange weiße Hose mit einer gehäkelten Spitze, ein doofes weißes Häubchen, ein blaues Kleid mit weißen Tupfen und einem weißen Kragen und vielen Nähten und Fältchen. Wer trägt denn heutzutage noch so was?

Tita zieht ihr T-Shirt über den Kopf und strampelt sich aus den Jeans. Sie lauscht. Außer dem Brunnengeplätscher ist nichts zu hören.

Dann mal los, denkt Tita und schlüpft in das Tüpfchenkleid. Was ist vorne, was hinten? Die vielen Knöpfe, die müssen wohl vorn sein. Das Kleid scheint wie gemacht für Tita, nur viel zu lang ist es. Es fällt weit über die Knie. Tita schaut auf ihre Füße, und die großen Zehennägel, die sie gestern feuerrot lackiert hat, schauen wie zwei Augen zurück. Schade, dass kein Spiegel da ist. Tita kämmt sich mit den Fingern ihre wilde Mähne und versucht, so etwas wie Zöpfe zu machen.

Als wenn ich auf einer Bühne wäre, denkt Tita, und die Sonne, die durchs Fenster fällt, ist ein Scheinwerfer ... Halt, die Armbanduhr muss sie noch ablegen. Und die Zahnspange! Und ich würde im Scheinwerferlicht tanzen, und die Leute würden klatschen ... Aber bloß der Brunnen mit seinem ewigen Geplätscher ist zu hören. Tita öffnet die Tür zum Hof und späht hinaus.

Seltsam. Der Topf mit den Geranien steht nicht mehr auf dem Brunnen. Der halbverrostete Lieferwagen ist auch nicht mehr da. Weggefahren? Aber da waren doch gar keine Räder mehr dran. Und wo ist ihr Rollbrett? Tita ist sicher, dass sie es beim Scheunentor abgestellt hat. Auch das noch. Wer in diesem lausigen Kaff klaut ihr einfach das Rollbrett? Empört rennt Tita los. Aber dann spürt sie, wie ihr das Kleid um die Beine schlabbert. Nein, so kann sie sich nicht zeigen. Sie weiß ja nicht mal, wem der alte Fetzen gehört.

Tita bleibt stehen und hat plötzlich ein ganz merkwürdiges Gefühl. Sie spürt Kies unter den Füßen. Seit wann ist das ein Kiesplatz? Der war doch eben noch asphaltiert. Was zum Teufel ist hier draußen los? Ich zieh mich besser wieder um, denkt Tita.

Sie will gerade die Tür hinter sich schließen, da sieht sie einen Jungen aus der Scheune kommen. Er schwingt einen Kessel, läuft damit zum Brunnen und lässt ihn vollaufen. Warum hab ich den noch nie gesehen, denkt Tita. Jetzt sind wir doch schon vier Tage da. Vier langweilige Tage. Der Junge läuft in die Scheune zurück. Tita späht aus dem Türspalt. Da kommt er wieder, ohne Kessel. Er setzt sich an die Hausmauer und zieht etwas aus der Hosentasche. Ein Stück Holz? Er beugt sich drüber und fummelt dran rum. Ob der mein Rollbrett genommen hat, denkt Tita. Aber warum ist er dann nicht damit abgehauen? Vielleicht ist er hier zu Besuch. Ich frag ihn einfach mal.

Langsam geht Tita über den Kiesplatz auf den Jungen zu. Er blickt erst auf, als Titas Schatten auf ihn fällt.

»Hallo«, sagt Tita.

»Grüß dich«, sagt der Junge. Er hat einen ganz hellen Schopf, und es sieht aus, als hätte man ihm einen Topf übergestülpt und rundum die Haare weggeschnitten.

»Was tust du da?«, fragt Tita.

»Siehst du doch. Ich schnitze. Einen Federhalter.«

»Und wozu soll der gut sein?«

»Frag doch nicht so dumm.«

»Selber dumm.«

Blödmann, denkt Tita. Und die komische Hose, die er anhat. Braun und aus dickem Stoff, weder kurz noch lang.

»Schnitz doch einen Kugelschreiber. Das wär ein Gag.«

Der Junge hebt den Kopf und schaut Tita misstrauisch an. »Wie du redest! Bist du nicht ganz richtig im Kopf? Und wie du daherkommst ... Das Kleid verkehrt rum.«

Das Kleid hat Tita ganz vergessen. Verlegen streicht sie es glatt.

»Du bist ja auch echt witzig angezogen«, sagt Tita. »In der Hose hätten glatt zwei Platz. Hast wohl etwas gegen enge Jeans, wie?«

Jetzt lacht der Junge übers ganze Gesicht. »Tschins-tschins-gägg-gägg!«

Nun lacht auch Tita. »Was soll das?«

»So redest du. Kauderwelsch. Woher kommst du überhaupt?«

»Von da drüben.«

»Im Gasthof abgestiegen?«

Tita kichert. Irgendwie gefällt ihr der Junge. Spricht wie ein Oberlehrer und sieht aus wie ein Lausbub.

»Ich weile hier in der Sommerfrische«, sagt Tita mit spitzem Mund und gezierter Stimme. »Mit meinem Herrn Vater.«

»Iiii«, sagt der Junge.

»Was ist?«

»Deine Zehen. Die bluten ja.«

Tita blickt auf ihre lackierten Zehennägel. »Hihi. Bin mit den Füßen in den elektrischen Teigmixer geraten.«

Wieder hat der Junge diesen misstrauischen Blick.

»Meine Freundin hat blauen Nagellack«, sagt Tita. »Und jetzt macht sie sich dann noch blaue Streifen ins Haar.«

»Hast du vielleicht Fieber?«

»Ja«, lacht Tita, »ich bin todkrank. Vor Langeweile.«

»Kannst ja einfach noch mehr solche Wörter erfinden.«

»Was für Wörter?«

»So wie vorhin. Teigfixer, Nagelhack!«

»Du bist komisch.«

»Nein, du.«

»Wie heißt du eigentlich?«

»Leo.«

»Ich heiße Tita.«

»Tita! Ist das dein Taufname?«

»Ich bin gar nicht getauft.«

»Was?« Der Junge lässt sein Messer sinken und blickt Tita entgeistert an.

Tita fühlt sich plötzlich unbehaglich. Seit sie sich durch das kleine Kellerfenster gezwängt hat, ist die Welt irgendwie seltsam. Warum starrt der Junge sie so an? Und warum riecht es hier eigentlich so nach Kuhstall? Das war heute Morgen nicht so.

Der Junge ist aufgestanden. Er stopft sich das blaue Leinenhemd in die Hose und zupft die Hosenträger zurecht. Tita reicht ihm grad bis zur Schulter.

»Wie alt bist du?« fragt Tita.

»Ich werd vierzehn. Und du?«

»Ich werd zwölf. Am zwölften zwölften. Dann krieg ich vielleicht einen PC.«

»Was für einen Zeh?« Leo blickt wieder auf Titas Füße.

»Einen PC, einen Computer! Du bist ja wohl nicht aus dem letzten Jahrhundert, oder?«

»Nein, ich habe mir lediglich erlaubt, eine Frage an dich zu richten.«

»Darf ich mir auch eine Frage erlauben?«, sagt Tita geschraubt und verdreht die Augen. »Was wünschen Sie sich denn zum Wiegenfeste, Herr Schnitzmeister?«

»Ich ... ist ja egal. Dein Vater ist wohl sehr reich?«

»Schön wär’s«, lacht Tita. »Er hat nicht mal eine Arbeit. Das Geld verdient meine Mutter. Hat einen Job im Spital.«

»Einen Dschopp?«

»Ja, als Physiotherapeutin.«

»Füsio? Und was tut sie da?«

»Ja, was wohl? Macht halt diese Übungen. Turnt mit den Alten ...«

»Sie turnt im Spital?« Jetzt bricht der Junge in ein lautes Gelächter aus. »Turnt mit den Alten, turnt mit den Alten!«, quietscht er.

Im Haus über der Waschküche öffnet sich ein Fenster. »Leo, sei bitte still!«, ruft eine Stimme.

»Was ist los?«, fragt Tita.

»Meine Mutter ist krank«, sagt Leo leise.

»Schlimm?«, flüstert Tita.

»Ja.«

Leo setzt sich wieder hin, fängt wieder an zu schnitzen. Tita setzt sich neben ihn.

»Wenn sie stirbt«, sagt Leo, »dann geh ich weg von hier. Weit weg.«

Für eine Weile ist es still.

»Ich möchte auch mal weit weg«, sagt Tita. »Von meiner Klasse ist in diesen Ferien einer nach Amerika geflogen, eine nach Ägypten, und einer fährt im Wohnmobil bis Sizilien.«

»Du flunkerst so viel, dass man’s gar nicht mehr versteht. Jemanden wie dich hab ich noch nie getroffen.«

»Ich flunker nicht«, sagt Tita böse.

Wieder ist es eine Weile still.

»Wenn ich hier weggehe«, sagt Leo, »dann werde ich Erfinder. Mein Onkel hat mir erzählt, dass jemand so ein Ding aus Metallzähnen erfunden hat, da machst du einmal ratsch!, und der Schuh ist zu. Oder das Kleid. Brauchst keine Knöpfe mehr. Und du ziehst dein Kleid wahrscheinlich nicht mehr verkehrt herum an.«

Tita stutzt. Ihr leises Unbehagen ist plötzlich riesig aufgebläht. Dann platzt es mit einem weißen Blitz.

»Einen Reißverschluss?«, flüstert Tita.

»Ja, kann sein, dass sich das so nennt.«

»Leo, was haben wir für ein Jahr?« Es kommt ganz heiser aus Titas engem Hals.

»Ein Maikäferjahr.«

»Die Zahl, bitte, Leo, sag die Zahl.«

»1899, was denn sonst?«

»Weißt du, warum du mich komisch findest?«, fragt Tita kaum hörbar. Ihr ist eiskalt. Leo hört auf zu schnitzen. »Ich hab 1999!«

Leo dreht den Kopf.

Sie sehen sich fassungslos an. Ihre Hände berühren sich. Aber sie sind hundert Jahre voneinander entfernt.

2. Sturz ins Unbekannte

Leo schließt die Augen und schüttelt den Kopf, dass die Haare fliegen. »Nein. Das kann nicht wahr sein. Ganz einfach nicht wahr.«

»Und ist es doch. Noch ein Jahr bis zum Jahr zweitausend. Ich schwör’s.«

»Schwör nicht. Wer falsch schwört, kommt in die Hölle!«

»Ich komm nicht in die Hölle«, ruft Tita und stampft auf den Boden. »Weil es keine Hölle gibt.«

Leo ist ganz bleich geworden.

»Sag mal«, fragt Tita und tut einen Schritt zurück, »du lebst doch, oder? Oder bist du vielleicht ein Gespenst? Bist du vielleicht tot und läufst als dein eigener Geist herum?«

Leo packt blitzschnell Titas Arm und beißt kräftig hinein.

»Lass los!« schreit Tita. »Ich glaub ja, dass du lebendig bist. Aber friss mich nicht auf, verdammt noch mal.«

»Du fluchst ja.«

»Ich rede, wie ich will. Dir kann das furzegal sein.«

»Aber du bist doch ein Mädchen …«

Tita will Leo böse die Zunge rausstrecken, da merkt sie, wie gern sie in sein Gesicht schaut. Er hat so helle Augen, denkt sie. Hellgrau, sandgrau. Verlegen will sie die Hände in die Taschen stecken, aber das Kleid hat keine.

»Es kann einfach nicht wahr sein«, sagt Leo erneut und zieht mit dem Fuß einen Kreis in den Kies, immer wieder.

»Komm mit«, sagt Tita. Sie läuft voraus, stößt die Tür auf.

»Das ist unsere Waschküche«, sagt Leo.

»Da hab ich das Kleid gefunden.«

»Das gehört dann wohl Paula.«

»Wer ist Paula?«

»Meine jüngere Schwester. Sie ist in der Stadt bei Verwandten. Muss die Kleinen hüten, weil die Tante im Kindbett liegt.«

»Du meinst, die Tante hat ein Kind bekommen? Warum legt sie sich dann in ein Kinderbett? Muss doch eng sein. Oder bringt das Glück?«

»Man sagt eben so. Und was hast du vorher angehabt? Vor Paulas Kleid?«

Tita zeigt auf ihr unordentliches Kleiderhäufchen.

»Und von da bin ich hereingestiegen.«

Leo schaut durch das kleine Türchen ins Dunkle. »Das ist der Keller vom Fennerhaus. Da spukt’s. Den Fenner hat man hingerichtet. Nachher hat’s geheißen, er sei gar nicht schuld gewesen. Und darum spukt’s. Und darum steht das Haus leer.«

»Hingerichtet? Aber die Todesstrafe ist doch schon lange abgeschafft ... Wie spukt’s denn?«

»Es rattert irgendwie. Dann stöhnt’s. Das ist der Fenner, der keine Ruhe findet.«

»Vielleicht ist es auch unsere Waschmaschine. Die donnert und ächzt. Und Trix dreht beinahe durch.«

»Was ist Trix? Auch eine Maschine?«

»Nein«, lacht Tita. »Trix ist meine Mutter. Los, geh schon!«

»Meinst du wirklich ...?«

»Klar, geh schon voraus. Ich zieh noch meine Klamotten an.«

Leo stemmt sich hoch und schiebt sich durch das Türchen.

»Halt«, ruft Tita, »komm wieder raus!«

»Was ist? Hast du das Stöhnen gehört?«

»Nein. Aber in diesen Kleidern kannst du nicht rüber.«

»Du hast ja eine Hose an«, staunt Leo.

»Ja, und ich geh jetzt und hol für dich auch so ein Paar. Warte!«

Und schon ist Tita durchs Türchen gerutscht, stolpert durch den dunklen Keller, flitzt die Treppen hoch in die Wohnung. Fred liegt auf dem Sofa zwischen zerknüllten Zeitungen und schläft. Wenn er nur wieder eine Arbeit hätte, denkt Tita. Ich kann seine Traurigkeit nicht mehr aushalten.

Sie reißt ihre neuen Jeans und das große T-Shirt aus dem Koffer und saust damit zurück in den Keller. Ob Leo noch da ist? Oder hat er sich aufgelöst in Millionen kleiner Punkte wie das Ende eines Films?

Nein, er ist noch da, und er zittert wie sie. Die Jeans passen; zum Glück hat Trix sie noch nicht gekürzt. Leo hat sie blitzschnell über sein weißes schmales Hinterteil gezogen.

»Und jetzt das T-Shirt!«

»Das Tiischört«, murmelt Leo. »Kommt der Negerhäuptling vorne auf die Brust?«

»Ja. Das ist kein Häuptling. Das ist mein Lieblingssänger.«

Langsam schiebt sich Leo durch das Türchen und hält dann plötzlich inne, als wäre er festgeleimt.

»Was ist? Hast du Schiss?«

Leo lacht. »Also wie du redest ...«

»Mach bloß nicht in die Hose!«

»Wär ja deine!« kichert Leo.

»Und wenn der Fenner kommt?«

Tita nimmt Leos Hand. Sie ist kühl und trocken. Eifrig zerrt sie ihn durch den dunklen Keller, führt ihn hinauf zum Hauseingang. »Da oben ist unsere Ferienwohnung«, sagt Tita, »und da geht’s auf die Straße.« Sie zieht die schwere Türe auf.

Leo späht hinaus. »Der Gemüsegarten ist weg«, sagt er. »Und die Nussbäume ... Und wo ist der Laden?«

»Meinst du den Quick-Shop?«

»Den Laden eben. Den Laden meines Vaters.«

»Leo«, sagt Tita leise. »Glaubst du’s jetzt?«

Leo nickt und fasst wieder Titas Hand. »Und das Tuch da auf der Straße?«

»Ist Asphalt.«

»Und die Bilder dort drüben?«

»Sind Plakate.«

»Und diese Wäscheleine dort in der Luft?«

»Ist die Hochspannungsleitung.«

»Ich weiß doch gar nicht, was das alles ist ...«

»Ich werd’s dir schon noch erklären.«

»Horch, da spielt jemand Flöte.«

»Das ist bloß Fred. Der lässt wieder seine Kassetten laufen.«

»Kassetten?«

»Ich werd sie dir zeigen, Leo.«

»Unser Haus steht noch!«

»Da wohnt aber niemand mehr drin. Entweder wird es abgerissen, hat Fred gesagt, oder es wird zu einem Dorfmuseum umgebaut.«

»Ob die Sachen noch drin sind? Mein Bett? Meine Schmetterlingssammlung?«

Tita schüttelt zweifelnd den Kopf.

Leo legt sich die Hand über die Augen. Zieht sie wieder weg. »Am Himmel ist ein Kreuz!«

»Das sind Kondensstreifen. Gehn wir ein Stück?«

Der Asphalt ist warm. Es riecht nach Sommer. Leo läuft ganz nah an der Hauswand. Ein paar Mopeds knattern vorbei. Leo schaut fragend zu Tita.

»Mach nicht in meine Hose«, sagt sie.

Da verzieht sich Leos Gesicht zu einem Lachen.

Miez taucht unter den Büschen auf. »Da bist du ja«, ruft Tita, beugt sich nieder und krault das sonnenwarme Fell. »Ich hätt zu gern eine Katze.«

»Kannst eine von uns haben. Wir haben Junge.«

»Kann ich sie sehen? Wo sind sie?«

»Bei uns in der Küche, in einem Korb.«

Tita und Leo schauen einander plötzlich ratlos an: Die Kätzchen sind ja in der anderen Zeit!

»Ach, weißt du«, sagt Tita, »da, wo ich wohne, sind Katzen ohnehin verboten. Alles ist verboten in diesem Haus. Wer laut singt, kommt ins Gefängnis.«

»Machst du Spaß?«

»Ja.«

»Hör auf damit. Ich muss sicher sein, dass ich dir glauben kann, was du sagst.«

Tita nickt. Es ist ja alles schon kompliziert genug.

»Weißt du was?« sagt Leo. »Ich bin tot! Ich kann ja mehr als hundert Jahre später gar nicht leben!«

»Und ich«, sagt Tita, »als ich bei dir vor der Scheune war, da war ich gar nicht da. Ich kann doch mehr als hundert Jahre früher gar nicht leben!«

»Das glaubt uns kein Mensch.«

»Wir sagen es besser niemandem. Sonst gelten wir als gaga.«

»Gaga?«

»Gaga.«

Leo lacht.

Tita ist froh, dass er lacht.

Plötzlich zeigt er auf die andere Straßenseite und rennt los. Im gleichen Moment biegt hupend ein Auto um die Kurve. Bremsen quietschen. Ein kreideweißer Fahrer steigt aus und knallt die Tür zu.

Leo liegt am Boden, rappelt sich hoch, rennt zurück zum Haus. Tita rennt ihm nach. Sie hört noch ein paar wüste Flüche, hört, wie die Tür wieder zuknallt, der Motor wieder aufheult. Sie findet Leo im Keller. Er sitzt im Dunkeln und keucht.

Tita tastet sich vor und setzt sich neben ihn.

»Das war ein Auto«, sagt sie.

»Ich will zurück«, sagt Leo, »nach Hause.«

»Hast du dir weh getan?«

Leo sagt nichts.

»Bleib noch ein bisschen«, sagt Tita. »Ich wollte dir meinen geheimen Himbeerenplatz zeigen ...«

Leo bleibt still. Wahrscheinlich hat er den Kopf geschüttelt, denkt Tita.

»Ich muss zurück«, sagt er endlich. »Ich muss um sechs im Laden sein. Säcke auffüllen.«

»Wann ist sechs?«

»Die Kirchturmuhr hat gerade fünf geschlagen, als ...«

Leo schluchzt.

»Ich hasse die Zeit«, sagt Tita. »Sie macht alles kaputt. Mistzeit! Wenn ich sie bloß zertrampeln könnte, die hundert Jahre.«

Leo steht auf, geht auf das Türchen zu.

»Leo«, ruft Tita, »nimmst du mich mit?«