Try to remember a day in September – heißt er so, der schöne Song? Den heutigen Tag werd ich eher nicht zum Erinnern auswählen: der Elektriker ist wegen des kaputten Kühlschranks gekommen, der Wein wurde geliefert, ein Termin mit dem Kaminfeger wurde abgemacht, ein Termin für die Graue-Star- Operation am anderen Auge wurde abgemacht, der Grün-Container wurde geleert, die Post wurde gebracht, nämlich ein Migros-Magazin, sonst nichts, der Himmel wurde grau, und dann ward Mittag. Hat nicht Christa Wolf über Jahrzehnte jedes Jahr den gleichen Tag im September beschrieben? Hab ich mal gelesen, weiß nicht mehr viel davon. Erschien mir ziemlich pflichtübungsmäßig. Ich will das Buch wieder mal aus dem Keller holen, wo meine ganze literarische Sammlung lagert und einen leichten Modergeruch ansetzt.

Die Katz sitzt neben dem Computer und beobachtet mich mit geschlossenen Augen. Wir sind beide still. Als meine Finger auf die Tasten klappern, fängt sie an zu schnurren. Irgendetwas hat ihr ein Behagen verschafft. Sie schnurrt nur kurz und ist gleich wieder still. Angenommen, mein Schnurren wäre hörbar, dann wäre es wohl auch so wie bei der Katz: kurz und aus heiterem Himmel. Bin eigentlich gern am Leben, würde mein Schnurren sagen, und dann wär‘s wieder still und würde Platz machen fürs Murren. Angenommen, mein Murren wäre hörbar, dann ging ich damit in den Wald und würde ihm lange zuhören und sagen, recht hast du.

Es ist so kalt, dass meine Fingerspitzen eisig sind. Zwar habe ich zum Schreiben die fingerfreien Handschuhe angezogen, aber das nützt wenig. Und ich bräuchte doch Fingerspitzengefühl beim Schreiben, damit ich nicht so grob daherkomm. Scheißkälte. Wetterkacke. Das Zeitunglesen vorhin hat mich aggressiv gemacht. Überall geben sie einander aufs Dach. Im Namen von Allah und Jesus und der heiligen Demokratie. Zum Schutz vor dem Bösen schießen sie einander tot. Sie erfinden Fesselungen, in denen man sich selber erdrosselt, wenn man sich daraus befreien will. Sie bewahren Föten vor Abtreibung, damit aus ihnen mutige Soldaten werden. Herr Gott noch mal. Deine Erfindung, dieser Mensch? Guten Sonntag noch.

Heute ist Verenatag. Meine Schwester war nie zufrieden mit diesem Namen. Sie sagte, Kühe heißen Vreni. Mir hat gefallen, dass sie so hieß, mir hat alles an ihr gefallen, ich wartete gierig auf jedes Kleid, das ich von ihr erben konnte. Mein Vater sagte mehr als einmal, er gehe jetzt auf das Grab seiner Mutter und erschieße sich, er hat es nicht getan, aber wir hatten trotzdem Angst. Seine Mutter hieß Verena. Sie soll so streng wie fromm gewesen sein, und mein Vater verehrte sie, sie starb, als er neun war. Niemand sonst denkt gern an diese Verena zurück, an strenge Fromme und fromme Strenge denkt man im Allgemeinen nicht gern, lieber an lustige Tunichtgute. Ich sollte wohl häufiger etwas nicht gut tun.

Die Katz hat etwas gesagt, zwei Mal, aber ich hab es nicht verstanden. Ich habe immer gemeint, ich verstehe Katzisch, zumindest ein bisschen. So wie ich ein bisschen Türkisch verstehe. Kedi bir şey söyledi ama anlamadım. Ich weiß nicht genau, was schlimmer ist, das Nichtverstehen oder das Nichtverstandenwerden. Die Katz hat sich abgedreht und davongemacht. Und lässt mich einfach hier sitzen. So ist das halt. Genau genommen verstehen sich nicht mal zwei, die die gleiche Sprache sprechen. Meiers Wörter sind nie ganz kongruent mit Müllers Wörtern. Und Meiers Satzbau hat nie exakt die gleiche Farbe wie Müllers Satzbau. Meier und Müller erraten einander. Und erstaunlicherweise klappt das Leben durch Erraten ziemlich gut.

Regen, Regen, laut und heftig, wäscht alles weg, schwemmt alles an, Probleme, Ängste, Hoffnungen, Illusionen, alles rauscht davon und kommt um die Hausecke zurück, und es ist, wie es war. Nur mehr Schnecken gibt‘s, sie sind aus den Verstecken gekommen, um zu feiern, und meine Haare kräuseln und gräuseln sich vor so viel Feuchtigkeit. Schon denkt man mit Wehmut an den Sommer, den heißen wilden Kerl, lange wird’s dauern, bis er wieder daherfaucht, dann sind wir ein Jahr älter und grauer und müder. Man müsste das kalte Halbjahr nutzen fürs kühle Denken, fürs Aufräumen im Kopf, fürs Platzmachen, aber Platz wofür? Den Herbst mag ich nicht sonderlich, zum Teufel mit den Farben, mit Bunt-sind-schon-die-Wälder. Heißt ja englisch auch Fall, der Herbst, das fallende Jahr.

Heute hat eine Frau Geburtstag, die eine Freundin ist aus Kinderzeiten, blond war sie und hübsch und lachte viel. Jetzt ist sie in einem Heim und sieht kaum noch was und geht an einem Rollator und hat allen Glamour ablegen müssen und mag nicht, wenn man sie anruft. Das Leben hat nicht gebracht, was es sollte. Trotzdem versteckt sie sich vor dem Tod. Sie hat immer betont, dass sie am gleichen Tag Geburtstag hat wie Johann Wolfgang von Goethe, sie hat von allen Seiten Glanz auf sich geladen, jetzt ist der Glanz weg, und sie mag wie gesagt nicht, wenn man sie anruft. Aber eigentlich wär ich doch eine Freundin, und an Geburtstagen rufen Freundinnen doch an und wünschen etwas Gutes, aber was Gutes wär für sie »Stirb schön«, und so was wünscht man sich nun mal nicht.

Es ist möglich, dass die Katz keine Zähne mehr hat, aber sie will sich nicht ins Maul schauen lassen. Die beiden großen Vampir-Zähne, die aus dem Maul herausragten, hat sie schon lange nicht mehr und sieht seitdem zahmer aus. Wenn sie nichts mehr beißen kann, muss man mit ihr nach Ungarn reisen und ihr dort ein Gebisslein machen lassen. Aber sie führe wohl ungern nach Ungarn. Mein neuer Text hat jetzt 50 Seiten, und ich hab mit den Suchen-Ersetzen-Programm ss durch ß ersetzt, wo nötig. Nötig nach Duden, nicht nach mir, ich finde es dumm zu schreiben: Er weiß, was er nicht wissen kann. Jetzt bin ich 72 und halte mich immer noch an Regeln. Selber schuld. Aber die Freiheit der Närrinnen macht mir vorläufig noch Angst. Hab Schiss beim Scheißen.

Heute wieder drei Rehe, eines schaut hoch, zwei grasen weiter, ich frage mich, was durch ein Rehhirn geht während des Grasrupfens. Durch mein Hirn geht, während ich laufe, eine Geschichte von Jeremias Gotthelf, eine von den »wilden, wüsten«. Keiner getraute sich heute, so was zu verfassen und einem Verleger vorzulegen. Zu langsam, zu plump, zu schwarzweiß, zu unglaubhaft, würde der sagen, wem soll ich so was verkaufen. Leicht, rasch, raffiniert soll eine Geschichte daherkommen, in  Andeutungen und Auslassungen und mit einem Feuerwerk zwischen den Zeilen. Recht haben Sie, Herr Verleger. Bloß, warum hab ich Gotthelfs Geschichte »Kurt von Koppigen« eigentlich gern gelesen?

Ich mag nicht aufschreiben, was ich gestern geträumt habe. Es war so brutal wie ungewöhnlich. Ich schreibe lieber von Herrn Breyvik, der etwas Brutales und Ungewöhnliches gemacht hat, er hat 77 Menschen umgebracht, in Norwegen, vor einem Jahr. Heute Morgen ist er verurteilt worden, so wie er es sich wünschte: Höchststrafe und dann verwahrt, weil zurechnungsfähig. Wäre er als unzurechnungsfähig erklärt worden, hätte man ihm die lange aufgebaute Show zerstört. Alles, was er gemacht hat, hat er eingeübt. Auch noch das Lächeln im Gerichtssaal. Jetzt ist er so weit: Er geht als Held des Bösen in die Annalen ein. Was sind eigentlich die Annalen. Eine Inselgruppe im Jenseits?

Eine elektrisierte Nacht, haufenweise Blitze und ein fetter Donner. Dann fiel Regen so heftig, als presste ihn jemand zu Boden. Ich lag im Bett und dachte an die Blümelchen, aus, Ende. Aber ha, sie stehen noch, haben nicht alle Blütenblätter verloren. Malven, Phlox, rot und blau und weiß, Herbstanemonen, Königskerzen … sollen bitte noch ein Weilchen bleiben. Vor zwei Monaten, in der Türkei, als wir im Euphrat und Tigris die Füße badeten, hat man von einem Konflikt in Syrien gesprochen. Inzwischen ist aus dem Konflikt ein Krieg geworden, und an der türkisch-syrischen Grenze – Oliven, Staub und brauner Horizont – leben 30‘000 Syrer in Flüchtlingslagern. Und der Kellner im Hotel in Mardin hat wohl keinen Kontakt mehr zu seiner syrischen Verlobten.

Eigentlich schade, dass meine Enkel inzwischen so korrekt bis gewählt reden. Umso mehr hat es mich gefreut, dass der kleine L. gestern sagte, im Schwimmbad-Wasser habe es eine Drüse. Wie munter so ein einziger Buchstabe wirken kann. Habe heute eine kleine Bougainvillea gekauft und will versuchen, sie durch den Winter zu bringen. Seltsam, an den Winter zu denken, wenn’s draußen 33 Grad heiß ist. Die Katz ist zu schlapp, um sich hinzulegen. Sie schläft im Sitzen ein. Manchmal öffnet sie die Augenschlitze, damit ich das Türkisgrün ihrer Augen nicht vergesse, und macht sie gleich wieder zu. Sogar die Kirchenglocken klingen schlapper.

Habe in der Hitze die Beerensträucher geschnitten, das Kraut dazwischen gesichelt, mich stechen lassen von den Mücken und brennen von den Nesseln, bei der Arbeit einen hochroten Kopf gekriegt, dabei habe ich mich überhaupt nicht aufgeregt, im Gegenteil, ich blieb ganz gelassen. Die Sträucher werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich sie falsch schneide, sie werden wieder wachsen und grünen und blühen und fruchten, und wenn sie nicht viel fruchten, macht mir das nichts aus, weil ich dann keine Konfitüren einkochen muss, Konfitüren, die eh niemand isst, nur O., der sich beim Konfitürenessen beklagt, dass er der einzige Konfitürenesser ist. Die Spinne sitzt nicht mehr vor meinem Fenster, dafür ist zwei Mal ein Milan zur Wiese abgetaucht, so nah, dass ich die ausgestreckten Füße gesehen habe. Huch, die hat meine nackten Füße gesehen, hat er sich gedacht und ist beschämt ins Versteckte geflogen. So macht man schlechte Geschichten, es ist leider sehr einfach. 

Erstmals geht das Schreiben im neuen Text etwas leichter, auf Seite 42 mittlerweile. Heißt das nun, dass er besser wird oder schlechter? Heute mein tägliches Pensum wieder getippt. Wenn ich den Laptop schließe, denke ich nicht mehr an den Text. Ist das nun ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Drei Freundinnen sind in die Altersdepression gestürzt, tief bis abgrundtief. Auch der Nachbar nimmt entsprechende Medikamente. Und die Nachbarin im Tessin, sagt O, bleibt unversehens im Hof stehen und starrt in ein Loch, sie spinnt. Vor meinem Fenster sitzt immer noch die Spinne, und ich kann gratis zusehen, was sie fängt und wie.

Eine Spinne hat mir ein Netz vors Fenster gehängt. Sie ist etwa zwei Zentimeter groß und hat gelbschwarz gestreifte Beine. Hätte ich eine Spinnenphobie, könnte ich wohl für Tage nicht mehr aus dem Fenster schauen, schade wär das, ich sähe die Birke nicht mehr, den Bambus, den Tulpenbaum, das Wiesenstück mit den Schattenbildern, die tausendgrüne Wand des Waldes und den blassblauen Himmel darüber, heute ohne einen einzigen Düsenkratzer. Hätte ich eine Schreibphobie, würde mir beim nächsten Buchstaben der Schweiß ausbrechen und ich müsste mich beim Anblick der Laptop-Tastatur übergeben, schade wär das, auch für den Laptop. Weil ich nicht weiß, an welchen Phobien ich leide, muss ich wohl ein glücklicher Mensch sein.

Heute früh im Wald ein Reh gesehen, ich war ihm egal. Der Gojibeeren-Strauch, als Pflänzchen im Mai von R. geschenkt bekommen, hat schon Beeren angesetzt, die werden in zwei Monaten reif sein, wer weiß, was dann noch alles ist. Israel droht Iran mit Angriff, und Syrien macht sich selbst kaputt. Jetzt denke ich wieder gerne an die vier van L.‘s, weil sie nämlich zurück sind aus den USA und meine Permaangst somit nur noch auf kleiner Flamme kocht. Der jüngste Enkel hat die erste Schulwoche hinter sich, seit Monaten hat er sich auf Hausaufgaben gefreut, jetzt hat er sie bekommen und wird sie über Jahre haben. Im Kiesplatz schießt wieder das Gras und das Kraut, dass es nur so knallt, aber einzig ich kann’s hören. Bin so spießig geblieben, dass ich einen Kiesplatz jäte. Andere Spießigkeiten hab ich auch noch, aber was soll ich mir den Kopf deswegen zerbrechen, er hat schon Sprünge genug.

Herrlich heiß. Schneide die verblühten weißen Nelken aus dem Nelkenbusch und schneide gleichzeitig im Kopf Sätze aus dem Text, an dem ich vorher gesessen habe, es sind bald dreissig Seiten, und ich weiß immer noch nicht, ob das was wird, was Taugliches, und wieder kommt die Katz und stößt mich und riecht heute mindestens so gut wie die Nelken, und ich höre den Nachbar niesen, er tut mir somit seine Existenz kund. Man müsste ihn endlich mal einladen, er wird an unserem Tisch gerne Probleme los. Ein Wölkchen wär ein Wölkchen, von mir aus kann’s ein Jahr lang so bleiben, hell und heiß, vielleicht mal drei Tage drei Meter Schnee und dann gleich wieder hell und heiß.

Die Katz sitzt neben mir, putzt sich, stemmt freundschaftlich den Kopf gegen meinen Arm, hat schlechten Atem. Was soll mir jetzt wichtiger sein, ihre Freundschaft oder ihr Atem. Fakt: Zuneigung hat auch ihr Unangenehmes, nicht nur die von der Katz.

Die Rebenblätter vor meinem Fenster glänzen, leuchten – ohne Sonne, denn heute ist grau – wie angeschlossen an ein Lichterkabel. Sehr schön ist das. Fakt: In vier Monaten werden sie als trockene Fetzen am Boden liegen und ich muss sie zusammenwischen, braunes Papier, das ein Wütender zerrissen und aus dem Fenster geworfen hat. Eine Grasmücke, ganz laut, grüßt etwas. Und oben Himmelsgrollen, Jet im Landeanflug. Ein paar dort drin werden beten, Gottseibeiuns.

Die Katz sitzt neben mir, putzt sich, stemmt freundschaftlich den Kopf gegen meinen Arm, hat schlechten Atem. Was soll mir jetzt wichtiger sein, ihre Freundschaft oder ihr Atem. Fakt: Zuneigung hat auch ihr Unangenehmes, nicht nur die von der Katz. Die Rebenblätter vor meinem Fenster glänzen, leuchten – ohne Sonne, denn heute ist grau – wie angeschlossen an ein Lichterkabel. Sehr schön ist das. Fakt: In vier Monaten werden sie als trockene Fetzen am Boden liegen und ich muss sie zusammenwischen, braunes Papier, das ein Wütender fauchend zerrissen und weggeworfen hat. Eine Grasmücke, ganz laut, grüßt etwas. Und oben Himmelsgrollen, Jet im Landeanflug. Ein paar dort drin werden beten, Gottseibeiuns.