Altsein soll was Schönes sein? Das ist Zeitschriftengequatsche. Alt sein heißt: Irgend was tut weh, man schrumpft, die Haut lottert, die Augen sind wässerig, im Gesicht sind Fahrrinnen, das Gehirn ist verstopft  und dergleichen mehr. Aber etwas ist frischer denn je: das Gefühl der Freiheit, das Gefühl Ihrkönntmichmal. Gestern war ich zu einem kurzen Interview beim Radio und gab lauter glanzloses tantiges Zeug von mir, zwiebackige Statements, ich merkte es, während ich sprach, o je. Aber kaum war ich draußen auf der Straße und schob mein Busticket in den Automaten, war mir das alles ganz egal. Dann halt, dachte ich, dann war ich halt glanzlos, was soll’s. Eigentlich sind mir die Radiohörer egal, und die Hörerinnen auch. Und dann pfiff mitten im September und mitten im Stadtverkehr tatsächlich eine Amsel. 

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt gelogen habe. Doch, ich habe zuletzt im letzten Satz gelogen. Ich weiß nämlich, wann ich neulich gelogen habe: als ich der Bekannten S. sagte, sie sehe gut aus. Ich hatte sie ein Jahr lang nicht gesehen, und dann stand sie vor mir  und sah schlecht aus. »Hallo«, sagte ich, »gut siehst du aus.« Sie sah extrem schlecht aus, bleich, braun unter den Augen, der Mund ein Strich. Zudem wirkte sie kleiner und sie hatte die Schultern hochgezogen, als friere sie. Wie kam ich bloß dazu, so was Blödes zu sagen. Ich glaube, sie war beleidigt, dass ich ihr nicht die Wahrheit zugetraut hatte. Sie blieb nicht lange stehen, sondern machte sich mit hochgezogenen Schultern davon. Ich versuchte mich zu schämen, aber es gelang mir nur kurz.

Heute ist in Zürich Knabenschießen, damit könnte ich jetzt weiterfahren, will aber eigentlich nicht. Heute ist auch Montag, und man ist allgemein der Meinung, dass der Montag der erste Tag der Woche ist. Denn der siebte Tag ist der Sonntag, das ist der, an dem Gott ruhte. Er hat ja sechs Tage lang wie wahnsinnig gearbeitet. Man muss sich nur mal vorstellen, was eine einzige Ameise zu tun gibt. Bis die nur mal laufen und beißen und eine Königin füttern kann. Oder die ganzen Krankheiten, die er geschaffen hat, so eine Malaria zum Beispiel, die muss ganz schön durchstrukturiert sein, damit sie funktioniert. Am Montag hat er das ganze Licht gemacht, da bin ich ihm sehr dankbar, besonders für den Trick, es alle zwölf Stunden für zwölf Stunden auszuschalten. Das ist genial.

Gerade als ich ansetze, um hier zu schreiben, kommen der Mann und die Katz ins Zimmer und setzen sich zusammen hin. Stören wir dich, sagen sie. Nein, sie stören nicht, es ist schön, wenn sie da sind, alles schön rund. Ich kann später hier weiterschreiben, es wartet niemand auf das Geschriebene, ich muss mich nicht beeilen, außer, dass mir nicht mehr alle Zeit der Welt bleibt. So wie ein Arzt zum Tumorkranken sagt, Sie haben noch sechs Monate, allerlängstens zwei Jahre, so sagt mir mein Geburtsdatum, Sie haben statistisch noch vier Jahre, Madam, und nichtstatistisch schätzungsweise deren fünfzehn. Und das ist doch schon mal was. Ich kann darum ohne Ungeduld mich freuen, wenn Mann und Katz ins Zimmer kommen. Es ist schön, wenn ihr da seid!

Der englische Ministerpräsident Cameron will angreifen. Der amerikanische Präsident Obama will angreifen. Der französische Ministerpräsident Hollande will angreifen. Israel testet schon mal Raketen. Italien und die Türkei verschieben ihre Kriegsschiffe. Der russische Ministerpräsident Putin will nicht angreifen. Die deutsche Kanzlerin Merkel will sich raushalten. Hallo Freunde, wollt ihr nun in Syrien Krieg machen oder nicht? Wollt ihr killen oder nicht? Wollt ihr ballern oder nicht? Achtung, fertig, los, wer entscheidet, ob Halali oder nicht? Die Menschen in Syrien haben nichts zu sagen, die müssen nehmen, was kommt, sind bloß Statisten auf einer Bühne, wo’s Giftgasraketen gibt und einen Diktator und fanatische Rebellen mit Allah im Gewehrlauf. Sie werden bluten, die Statisten, und das Blut ist nicht Kunstblut vom Theaterlieferanten, sondern 37 Grad warmes Männer-, Frauen- und Kinderblut. 

Mehr als einmal lese ich bei Fontane von »Sommerfäden«. Er geht über Land und registriert sie wie das Wetter. Ich weiß nicht, ob er sie sieht, hört oder spürt, ich weiß gar nicht, was Sommerfäden sind. Sie kommen auch bei Lenau und Uhland vor, aber das Internet kann sie mir nicht schlüssig definieren. Sind es Spinnenfäden, die durch die Luft schweben? Oder ist es irgend was zartes Pflanzliches, das ein Sommerwindchen in die Lüfte hebt? Sommerfäden gelten wohl als schön, als poetisches Zeichen, aber wie kann ich etwas schön finden, von dem ich nicht weiß, was es ist? Also mache ich vorläufig einfach mal Bewunderungsverweigerung. Sommerfäden, ihr seid mir egal. Obwohl, grad heute, grad an diesem makellosen Septembersommertag, würde ich zu gerne von Sommerfäden sprechen…

»Weibeln« hat nichts mit Weib, »zügeln« nichts mit Zügel, »zeuseln« nichts mit Zeus, »koseln« nichts mit Kosewort zu tun. Es sind schweizerdeutsche Verben, und ich soll sie als deutschsprachige Autorin nicht verwenden. Wer die Verben hier liest und nicht versteht, muss sich nicht ärgern. Man verpasst nichts, wenn man sie nicht versteht. Drum will ich sie auch nicht übersetzen, sie sollen bleiben dürfen, wer sie sind, vier harmlose Schweizer Verben. Manchmal reut es mich ein bisschen, wenn ich Schweizer Begriffe nicht verwenden darf, obwohl sie scheinbar schön deutsch daherkommen: »Fingerbeere«, »harzig« und »es lupft mich«. Alles nicht richtiges Deutschdeutsch, schade. Kürzlich habe ich auch gelernt, dass man im deutschen Straßenverkehr korrekt deutsch nicht verunglückt, sondern verunfallt. Dabei ist Unfall doch eigentlich ein dummes Wort, ein Unfall ist ein Nichtfall – also was Positives. Da soll noch einer drauskommen. »Drauskommen« ist auch nicht deutsch.

Eine gescheite, junge, westlich erzogene Frau, die erfolgreich eine Lehre in einem Verlag in Zürich abgeschlossen hat, entschließt sich für ein Leben als verschleierte Muslimin. Sie legt sich einen Tschador um, heiratet einen Mann, »der sich auch für die islamischen Werte entschieden hat« und reist eine Woche später nach Istanbul, in eine Sufi-Koranschule für Frauen. Sie schreibt für das MAGAZIN (35/2013) einen Bericht über ihre Wandlung und ihr neues Glück. Sie habe sich die Freiheit genommen, anders zu leben, schreibt sie. Wenn sie die Koranschule beendet habe, werde sie in die Schweiz zurückkehren  zu ihrem Mann. Sie schreibt klug und klar und mutig, und ich versuche, ihren Schritt nachzuvollziehen. Sie schreibt: »Alles im Islam hat seinen Grund. Zum Beispiel aß unser Prophet Datteln nie in einer geraden Zahl – vor kurzem las ich von einer wissenschaftlichen Studie, dass eine ungerade Zahl von Datteln tatsächlich besser für den Blutzuckerspiegel ist.« Au weia.

Gestern war ich im Altersheim. Die Frau, die ich besuchte, will nicht mehr allein einen Bus besteigen oder einen Laden betreten. Sie ist bestens zu Fuß, und es tut ihr nichts weh, sie kommt aufrecht und mit freundlicher Miene daher. Aber sie getraut sich nicht mehr in die Welt hinaus. Aus einem unerfindlichen Grund getraut sie sich auch nicht ins dritte Stockwerk hochzugehen. Sie bräuchte nicht in den beängstigenden Lift zu steigen, sie könnte beschwerdefrei die Treppe nehmen. Es ist nicht so, dass im dritten Stock oben oder in der Welt draußen ihr jemand Böses antun wollte. Sie ist lediglich vom Leben geprügelt worden, jahrelang. Hat sich vom schwierigen Ehemann getrennt, drei Töchter großgezogen, in einem Büro das Geld fürs tägliche Dasein verdient, hat sich um einen schwer behinderten Enkel gekümmert und hat ihr schönes Gesicht immer auf Frohtemperatur eingestellt. Und irgendwann ist sie von der Furcht gepackt worden, und sie ist nach Hause gerannt und hat sich nicht mehr in die Welt getraut. Man gibt ihr Medikamente. Sie macht, was man ihr sagt. »Ich habe eine Ecke ab«, sagt sie. »Entschuldige.«

Wir sind ins Tessin gefahren und haben an der Raststätte Uri was gegessen. Es war ein schöner Tag.  Durchs Fenster haben wir gesehen, wie sich ein Car entleerte, es war eine muslimische Reisegruppe. Munter kamen die beschnauzten und kurzärmlig behemdeten Männer auf die Raststätte zu, die Frauen folgten, ob munter, weiß ich nicht. Es waren nur ihre Augen zusehen, der Rest war in schwarzes Textil verpackt. Ich habe mich geärgert, weil die Männer von ihren Frauen diese schwarze Vermummung verlangen und weil die Frauen nicht dagegen aufbegehren. Es war wie gesagt ein schöner Tag, und die Haut freute sich über die sanfte Sonne. Trotz meines Ärgers habe ich mir die Pommes Frites schmecken lassen. Beim Verlassen der Raststätte sah ich zwei der schwarzen Zelte zwischen einem Spielautomaten und einer Hintertür auf einer Windel auf dem Boden knien. Sie sprachen ihre Gebete. Sie hätten sie auch draußen unter den Bäumen oder in der Stille ihres Cars sprechen können. Aber es war wohl so, dass der Platz zwischen Spielautomat und Hintertür Gott wohlgefälliger war.

Als ich das las (DIE ZEIT, 22.8.2013), hat’s mich ein bisschen umgehauen: »…Gesetze, die in den USA Schwarze zu Bürgern zweiter Klasse stempelten. Die ihnen die Ehe mit Weißen untersagten. Die ihnen gesonderte Plätze im Bus zuwiesen. Die sie zwangen, im Kino auf verdreckten Rängen zu sitzen. Die ihnen verboten, ›weiße Toiletten‹ zu benutzen, mit Weißen am selben Tresen bedient zu werden, ja sogar vor Gericht auf dasselbe Exemplar der Bibel zu schwören.« Ich hab das alles gewusst, die ganze furchtbare Arroganz, die ganze abgrundtiefe Beleidigung. Aber das mit der Bibel, das hab ich nicht gewusst, das hat mich umgehauen. Tschiises, was für eine Religion! Hat zwei Bibeln, eine saubere und eine dreckige. Und wer auf die dreckige schwören muss, hat die schlechteren Chancen. 

Ich habe einen fremden Text überarbeitet, es ist das erste Kapitel eines ersten Buchs eines Freundes. Schau mal rein, hat er gesagt, und das hab ich gemacht. Ich kam mir vor, als sei ich allein in seiner Wohnung, nachdem er mir den Wohnungsschlüssel gegeben und gesagt hätte: Schau mal rein. Ich kam mir vor, als stehe ich in seiner Wohnung vor seinen Bildern und seinen Pantoffeln und seinen Kaffeetassen. Vor seinem Pyjama und seinem Testamentsentwurf und seinem Kopfabdruck auf dem Kissen. So stand ich seiner Wohnung beziehungsweise in seinem Buch und war gerührt und belustigt und beschämt und verlegen. Und plötzlich überfiel mich die Lust, aufzuräumen, umzustellen, Platz zu machen. Ich verschob Stöße von Wörtern, halbierte Sätze oder warf sie aus dem Fenster, sammelte überflüssige Zeilen ein und schüttelte Fehler aus den Vorhängen oder zerdrückte sie böse. Ich konnte nicht anders. Einfach mal reinschauen, das geht nicht.

Ich lade eine aktuelle Version des Virenschutzprogramms herunter, das braucht drei Minuten und 25 Hundertstelminuten. Ich kann der Uhr auf dem Bildschirm zusehen. Es lohnt sich nicht, aufzustehen und irgendetwas anderes anzufangen oder im oberen Stock das Buch vom Nachttisch zu holen. Doch, die Katz könnte ich streicheln, aber die ist nicht da. Manchmal ist sie viel zu sehr da, das heißt, sie läuft auf der Tastatur herum und steckt mir den spitzen Schwanz ins Nasenloch. Ich sitze also tatenlos vor dem Bildschirm und sehe zu, wie die Zeit vergeht, und denke, dass mein Leben jetzt dann um drei Minuten und 25 Hundertstelminuten kürzer ist, und ich habe die kostbaren Minuten einfach versickern lassen. Es ist, als würde ich mein einziges Trinkwasser aus der Flasche in den Sand der Sahara träufeln lassen. Es ist ein furchtbares Gefühl. Vielleicht wäre ich irgendwann noch grausam froh um drei Minuten und 25 Hundertstelminuten, aber die sind jetzt unwiederbringlich weg.

Heute ist Samstag, und am Samstag liegt dem Tages-Anzeiger das Magazin bei, und im Magazin schreibt Max Küng eine Kolumne, und die handelt diesmal von Löchern, und ich lese diese Kolumne und stoße fast zum Schluss auf einen Satz, den Max Küng nicht selber geschrieben, sondern zitiert hat, und der mir sehr gefällt, von dessen Autor ich jedoch noch nie gehört habe, obwohl er laut Küng ein griechischer Nobelpreisträger ist und Odysseas Elytis heißt, und ich denke, ach, wie wenig ich weiß, und ich bin ein bisschen neidisch auf Max Küng und seinen Vorsprung – jetzt mach aber mal einen Punkt.

Der Satz heißt: »Mein Gott, wie viel Blau verschwendest du, damit wir dich nicht sehen.«

Ich war auf tausendfünfhundert Meter und habe eine Höhle gesehen, wo mal Neandertaler hausten, und einen Felsvorsprung, wo mal Eremiten lebten, und eine Seilbahnstation, wo ein ausgestopfter Steinbock stand. Daneben gab es auch lebendige Sachen, wie etwa hüpfende Kinderwaden, geschwenkte Damenhintern und sonnverbrannte Männernacken. Die Berge waren größtenteils grün und der Himmel war größtenteils blau und der Wald größtenteils still. Die Kuhglocken waren auf Sendung und ebenso die Gleitschirmflieger, immer wieder streiften sie über den Bildschirm, zusammen mit zwei wahrscheinlich Adlern. Es war eine schöne Sendung, nur stand da einfach nie, wer sie gemacht hatte. Das ist doch irgendwie nicht ganz korrekt, oder. Auf der Heimfahrt lief uns der Muskelkater nach und machte sich am nächsten Tag wichtig.

Die Tomaten werden langsam rot. Es sieht aus, als strengten sie sich an beim Reifwerden, als pressten sie die Röte heraus. Sie haben noch zweieinhalb Monate Zeit, dann tschüss Sommer, tschüss Herbst, tschüss schöne Tage, tschüss unwiederbringliche Zeit. Wir wissen mit Bestimmtheit, dass Nässe und Gräue und Kälte und Schwärze auf uns zukommt, wie gut, dass wir nicht mehr wissen. Wie gut, dass wir keine Ahnung haben, ob die Beine noch laufen werden, das Hirn noch tut, das Herz noch schlägt. Ob das Glück noch hält, meins, deins, eures. Ob die Luft noch klar ist und das Wasser noch sauber und das Gewissen nicht schlechter als jetzt.

Sonntagnachmittag, es klingelt, er steht an der Tür, lächelt, zeigt mit dem Finger auf sich: Ich bbbin Hermann. Nett wirkt er, jung ist er, sportlich schaut er aus. Er war schon mal da. Oder so einer wie er, mit einer kleinen Umhängetasche und diesem Stottern. Nein, denke ich, diesmal will ich keine der scheußlichen Karten kaufen, will mich nicht wieder auf eine Diskussion einlassen, die lange lange dauert, weil er stottert und wütend wird, wenn ich ihn unterbreche. Das letzte Mal schien er böse auf mich, die geizige Frau, weil ich nur die Hälfte des Doppelpacks Karten gekauft habe. Ich schreibe selten Karten, und wenn, dann welche, die mir gefallen, nicht solche Pseudokunstdinger von Hermann, von denen ein einziges Stück drei Franken kostet. Ich wollte ihm ohne Karten Geld geben, aber er sagte beleidigt, das dürfe er nicht nehmen. Es tut mir leid, sage ich diesmal hastig, ich habe jetzt gerade keine Zeit. Entschuldigen Sie bitte, sage ich noch hastiger und schließe ganz schnell die Tür. Aber ich höre noch, wie er sagt: Wie kamma bloß so sei. Er hat es ohne zu stottern gesagt. Und ich komme mir ziemlich lange schlecht vor und denke, Hermann hhhat recht.

Schlechte Laune wegen meiner Ungeduld. Zapplig werden wegen meiner Ungeduld. Ungerecht werden wegen meiner Ungeduld. Das müsste nicht sein, das ließe sich wegtherapieren, nehme ich an. Meine Ungeduld kommt nur, wenn etwas nicht so wird, wie ich es mir ausgedacht habe, geplant habe, vorbereitet habe. Ich bin nämlich ziemlich gut im Ausdenken, Planen und Vorbereiten. Wenn‘s also nicht klappt, sind die anderen schuld. Das sagt dann meine Ungeduld. Willst du dir das gefallen lassen?, sagt sie. Willst du das dulden oder undulden? Sie sagt mir nie: Die anderen haben auch Gründe, haben auch Lösungen, haben auch Wege zum Ziel. Nie sagt sie so was, nein, sie heizt mir einfach ein. Sie ist ziemlich ekelhaft. Ich kann nämlich sehr wohl geduldig sein, aber – wenn ich’s richtig bedenke – nur in Situationen, zu denen ich nichts beigetragen habe. Wenn der Zug Verspätung hat, wenn ein Regenguss die Straße überflutet, dann bin ich very patient, bin einfach Patient, der sein Weh erduldet. Ich habe es ja nicht selber organisiert.

Wenn ich die Augen schließe und zurückhorche, kann ich es wiederfinden, das Geräusch am Meer, das ich vor einem Monat gehört habe: den Millionenchor der Zikaden. Es sind nur die Männchen, die so betäubend schnirren, die Zikadinnen sind stumm. Sucht er sie oder sie ihn? Fänden sie sich auch ohne Geräusch? Ich stelle mir die Stadt an einem Sommertag vor, Fenster und Türen sind offen, die Menschen sitzen in den Cafés und an ihren Arbeitspulten, sie stehen vor und hinter den Verkaufstischen, sie liegen in den Parkanlagen und in den Spitalbetten – und alle Männchen schnirren, pausenlos, bis Sonnenuntergang! Was für ein gigantischer, erotischer Lärm! Die Lärmwolken über den großen Städten würden wachsen und sich ineinander verweben, und der Älpler droben auf der Hubelweid würde besorgt mit Schnirren innehalten und ins laute Land hinunter horchen, und seine Frau würde denken, was ist los, warum schnirrt er nicht?

Ich sitze draußen, die bloßen Füße auf den sommerlich warmen Steinplatten und lass ein bisschen vor mich hindenken. Da landet genau vor mir eine Libelle, grasgrüner als Gras, und bleibt regungslos am Boden. Sie ist so schön, dass sie Labelle heißen müsste. Nein, ganz regungslos ist sie nicht, kaum wahrnehmbar für mich bewegt sie den Kopf mit den übergroßen Facettenaugen. Was tut sie da? Was will sie hier? Kommt sie auf den Boden, um zu sterben? Plötzlich erhebt sie sich, mit wunderbarer Leichtigkeit, fliegt weg und beendet die Fragerei. Wir können es einfach nicht lassen, das Fragen: Warum ist er so? Was hat sie gemeint? Wozu ist das gut? Wer steckt dahinter? Wie wahr ist das? Woher kommt das denn? Wann hört das auf? Worauf beruht so was? Mit solcher Fragerei heiligt die Wissenschaft ihr sämtliches Tun. Meinetwegen. Aber man könnte doch die Libelle auch einfach nur mal fliegen lassen.

Übrigens, ich weiß es: Sie hat sich auf der Steinplatte den Bauch gewärmt. 

Immer mehr Hemmung, etwas Kontemporäres zu lesen, immer größer die Befürchtung, ich könnte verunsichert werden: ach so machen der und die das, ach so muss es klingen, damit es einfährt, ach so muss die Wahrheit lauten, damit man sie glaubt. Ich vermute, dass ich nun mein Tempo gefunden habe und mich nicht aus dem Schritt bringen lassen will. Dass ich nun meine Palette bereinigt und die Farben gefunden habe, die mir gefallen. Und das will ich mir bewahren, so gut es geht. Also lese ich am liebsten Texte aus völlig anderen Federn. Fontane zum Beispiel: ein Mann, ein alter Mann, ein anderes Jahrhundert, ein anderer Zeitgeist, eine andere Sprache. Nein, die übernehme ich bestimmt nicht! In seinen Sätzen kann ich mich genussvoll lümmeln und tümmeln, kann ihn bewundern, den alten Mann, wie schön schildert er einen Sommerabend, wie wendig schlüpft er ins Wesen einer Frau, Mathilde Möhring etwa, wie hofft und schuftet und leidet er mit.

Bestimmt muss man außerordentlich alt werden, bis einen eine Kritik nicht mehr trifft. Ich bin noch nicht außerordentlich, sondern erst ordentlich alt. Das heißt, ich zucke immer noch zusammen, wenn man mich kritisiert. Würde ich nicht mehr zucken, wäre ich tot. Wie schön ist das, dass ich noch nicht tot bin, dass ich spüre, wie Sonne ins Zimmer fällt, wie Phlox riecht, wie die blöden Tauben gurren. Ja, und da hat nun jemand geschrieben, in meinem neuen Buch gebe es Klischees. Zuck! Klischees sind genau das, was ich nicht fabrizieren möchte. Aber wahrscheinlich würde ich genau so heftig zucken, wenn es in der Kritik hieße, ich schreibe umständlich oder romantisierend oder ungenau oder langatmig oder salopp oder barock oder sonstwie nicht rundum gut. Irgendwas muss eine Kritik ja kritisieren, sonst ist es keine. Also muss ich damit leben zu zucken, so lang ich noch zucken kann.

Seit Neustem sitzen zwei Tauben auf einem Vorsprung unterm Dach, neben einem Vogel-Unterschlupf, der für Rotschwänzchen gedacht war und noch nie bezogen worden ist. Die eine Taube steckt mit dem Oberkörper im Unterschlupf, nur der Schwanz ist zu sehen, und in dieser Stellung gurrt und gurrt und gurrt sie. Wuuª - Wuuª - Wuuª. So ungefähr geht das Gurren. Die zweite Taube sitzt aufrecht und sagt nichts. Vielleicht ist sie taub. So sitzen oft Männer neben quasselnden Frauen. Ob, was da schweigt, ein Mann ist, und was da gurrt, eine Frau, weiß ich nicht. Ich kann ihnen nicht unter die Federn schauen. Als Vorbild für Friedenstauben würden sie nicht taugen, sie sind fett und laut. Hatten nicht die Apostel mal eine Taube über den Köpfen? Haben wir jetzt auch, und es hört sich so lange gemütlich an, bis es nervt.

In der Hitze werden meine Gedanken immer dickbreiiger, wollen nicht mehr fließen, sie streiken, ich sitze vor dem Bildschirm und nichts tut sich. August, Aufrust. Nur gerade der Mann von der Wanneler Alp fällt mir ein. Der hat dort ein Beizli mit etwa drei Tischen, serviert einen Kaffee aus Fertigpulver, tut ungefragt so viel Milch von der Alp rein, dass der Kaffee nur noch lau ist, da, trink! Es ist egal, was man trinkt, man vergisst es, wenn man in die Weite schaut, vielleicht tränke man auch gesüßte Kuhpisse oder Schweinemilch, die Weite besteht aus lila Felsspitzen, Grashängen aus knallgrünen Samt, einem gelben Halbneunuhrmorgen-Himmelssaum und einem Firmament aus Glas. Menschen gibt es nicht, außer dem Mann, der so ausschaut, als ob er hören wolle, dass der Kaffee gut sei, und O., belustigt, weil er weiß, dass mir die Milch zuwider ist. Alles würde ich schlucken in dieser Rundumschönheit. Sogar die Holzscheite sind so wunderbar aufgeschichtet, dass ein Bild draus geworden ist. »Kunst«, sagt O. »Nein«, lacht der Mann, »Kunst ist, wenn man nicht weiß, was es ist.« Ein Fertigsatz, praktisch wie Fertigpulver.

Die Katz ist ein schlaffes Läppchen, liegt draußen im Schatten, die Welt ist gerade eben 32 Grad heiß, heute Abend werden die Feuer brennen, weil Heil dir Helvetia, und der Phlox blüht so blau blau blau wie der Enzian. Mein neues Buch hat nun 209 Seiten und fühlt sich gar nicht wohl, weil mein letztes Buch inzwischen erschienen ist und Lob erhält. Ich bin schlechter, sagt nun mein neues Buch, gib mich auf, wirf mich weg, sonst kotz ich dir noch über den Bildschirm. Was macht man da. Du und dein Buch, sagt die Katz, tut doch nicht so blöd, ist doch eh alles egal. Oder glaubt ihr etwa, ihr zwei, wegen euch finge ich an zu lesen? Was draußen knallt, ist eine Rakete, und noch eine. Andernorts knallt’s nicht aus Freudesgründen, in Syrien ist immer noch Krieg, nein, nein, die Schweiz schickt keine Waffen dorthin, sie schickt sie freundlich anderswohin, damit sie ein paar Umwege machen. Das ist etwa wie ein Paket, das man im Sommer losschickt mit dem Vermerk »Erst an Weihnachten öffnen«.

Im Brockenhaus stehen zwei Männer vor einem Sofa, kräftige, wuchtige Männer, Motorradtypen. Das Sofa ist rundum geschwollen und lila, und es glänzt ein bisschen, es passt in ein sehr geputztes Einfamilienhaus der achtziger Jahre oder in ein artiges Puff. Die Männer laufen drum rum, entfernen sich, schauen von weitem und wieder von nahe. Es ist ziemlich neu überzogen, sagt der eine, die Größe wär richtig, sagt der andere. Ob sie es gekauft haben oder nicht – sie werden noch stundenlang das lila Sofa unter der Stirn haben, bis es ins Unterbewusste abtaucht, in dieses Giga-Brockenhaus, das unsere Träume möbliert. Vielleicht taucht es in einem Traum der Männer wieder mal auf, ist dort die Unterlage für eine Orgie oder für eine gebärende Katze oder für einen verstorbenen Vater, der da einfach sitzt und nichts sagt.

»Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn« – gut gesagt, Jorge Luis Borges. Der Satz stimmt aber nur, wenn das  Geschriebene nicht hundert Prozent gut beziehungsweise voll gelungen ist. Wenn sich der Lesende in etwas Gelungenes hineinbegibt, vergisst er, dass hier ein fremdes Gehirn geschrieben hat. Der Lesende wird eins mit der fremden Geschichte. Er hat das Gefühl, dass sie aus ihm selber herauskommt.  Das ist ein schöner wie unheimlicher Vorgang. Jemand vereinnahmt jemanden. Ganz unmerklich und spinnenfadenfein. Und ganz klar mit Absicht.

Gebet an den Autor: Und führe uns in Versuchung, und erlöse uns nicht aus der Illusion. Amen

Schönes Bild für das »Leben«: Der Vogel, der aus dem Dunklen geflogen kommt und nach einer Weile wieder ins Dunkle hinausflattert. Das soll Beda Venerabilis gesagt haben, ein englischer Heiliger, so ums Jahr 600 herum. Es scheint, dass die Menschen immer ähnlich empfunden haben, egal wieviel Aufklärung oder Erfindungen oder Erkenntnisse ihnen von der jeweiligen Zeit verabreicht wurden. Und immer hat es ein paar Geister gegeben, die ihre Empfindungen geglückt formuliert haben. Das Bild vom Vogel passt mir sehr gut, obwohl ich weder heilig noch männlich noch englisch bin und schon gar nicht vor vierzehnhundert Jahren geboren. Vielleicht hätte auch der Homo erectus-Junge, gestorben vor eineinhalb Millionen Jahren am Turkana-See, ausgebuddelt 1984, etwas für mich Einleuchtendes aufgeschrieben, wenn er gewusst hätte, wie. 

Es ist so klirre kalt, dass man kaum bis zum Briefkasten laufen mag. Aber auch bei Eiseskälte geht sie nicht weg, diese kleine Aufregung, es könnte ja was Überraschendes im Kasten sein. Auch nicht die Neugier, ob jemand an mich gedacht hat und wenn ja, dann wie. Auch nicht die winzige Furcht, eine richtig schlechte Nachricht sei heute dabei zwischen dem ganzen Ramsch an Frohgemutreklame. Wie viel wohler wäre mir ohne Briefkasten und ohne die anderen Container für allfällige Neuigkeiten, die e-Mailbox, den Telefonbeantworter. Sehr viel wohler wäre mir, aber ich könnte es keine Minute aushalten. Ich laufe, wenn‘s sein muss, nackt durch die Kälte, wenn ich weiß, dass der Briefkasten voll ist.

Sie haben einen Bären erschossen, hinten unten im Bündnerland. Er ist mal illegal über die Grenze gekommen, hat sich einfach von Italien in die Schweiz geschlichen, ohne Papiere. Ist dann auch rasch kriminell geworden, hat einen Abfalleimer zertrümmert und sich aus Bienenhäuschen Honigwaben geangelt und brutal kaputt gemacht. Und dann ist er sogar noch eingebrochen in ein Ferienhaus und hat sich bedient, in der Zeitung hat nie gestanden, was er da gestohlen hat, ob elektronische Geräte oder eine Jasskasse. So ein Individuum sei ein Risiko für die Gesellschaft, hieß es bald, man taufte den Risikobär M13. Vielleicht soll das die allgemeine Meinung bestätigen, dass die 13 Unglück bringe, und dass etwas gegen die Übervölkerung in der Schweiz getan werden müsse, zuallererst gegen die illegale Masseneinwanderung von Bären.

Beim Micherinnern mach ich gerne Umwege, weiche aus, trete nicht auf Stellen, wo Kratziges liegt, gehe auf Zehenspitzen, um keine unangenehmen Geister aufzuwecken. Heute ist Luzern Fasnacht, da mach ich mich im Kopf lieber davon. Schon meine erster Versuch mit Maske ging schief, ich hatte eine Kartoffel als Nase auf einer Schuhschachtel befestigt, die riss mir – kaum hatte ich mich auf die Straße gewagt – ein anderes Kind ab. Ich warf die Schachtel weg, ging maskenlos und tieftraurig weiter, sah mit Neid zwei Buben nach, die als Deubelbeiß und Schürmann verkleidet waren, sie hatten sich so angeschrieben, das war nun allerdings was anderes als meine einfallslose Kartoffelmaske. Deubelbeiß und Schürmann waren das Gangsterpaar des Jahres, sie hatten einen Bankdirektor umgebracht und blieben dann über Jahrzehnte als Schweizer Verbrecher berühmt, weil‘s keine anderen Verbrecher gab. So lange ist es her, dass ich jung war: Als Verbrecher noch was Besonderes waren.

Was ist, sagt die Katz, was sitzt du einfach?

Ich wollte etwas schreiben, sage ich.

Ja und?

Eigentlich weiß ich gar nicht, was.

Dann hör einfach auf zu denken.

Geht das?

Ich tu‘s die ganze Zeit.

Was tust du?

Nicht denken. Versuch's mal.

Ich weiß nicht. Ich hab ein bisschen Angst, dass mein Kopf danach leer ist.

Ist doch gut, dann hast du nachher was zu schreiben. Über leere Köpfe.

Stimmt, Katz. Hast wieder mal recht.

Gestern an der Vernissage saß der Maler an einem Tischchen, und die Gäste zirkulierten durch den Raum und sahen sich die ausgestellten Bilder an: die Pfingstrosen in Vase und Zitronen auf Teller und Kirschen neben Tonkrug und Küsten in Spanien und Bäume am Rhein. Der Maler blickte vor sich hin und hielt die Hände aneinander und rührte sich nicht. Man hat ihm eine Ausstellung organisiert, hat die Bilder aus vergangenen Jahrzehnten für ihn ausgewählt. Der Maler kann mit dem Mund keinen Wörter mehr bilden und mit der Hand keinen Pinsel mehr halten, sein Gesicht ist rot und seine Hände sind blau, und erschreckt hofft man, dass er sein Leben, in dem es mal Kirschen und Pfingstrosen gab, noch irgendwie mag.

Frau Leibundgut ist böse auf mich. Ich kenne sie nicht, ich habe nur angerufen, um einen Termin beim Arzt abzumachen. So wie sie klingt, bin ich schuld, dass ich zum Arzt muss. Bin ich schuld, dass ich an einem Dienstag oder Mittwoch kommen möchte. Bin ich schuld, dass ich Unterlagen mitzubringen habe. Bin ich schuld, dass ich nüchtern vorbeikommen soll. Bin ich schuld, dass ich eine Telefonnummer habe, die ich hinterlege. An allem, was ich bin und mache, bin ich schuld. So klingt sie. Ich habe ihr nichts getan. Wenn ich ihr in der Praxis gegenüberstehen werde, werde ich schuld sein, dass ich aussehe. Ach Frau Leibundbös, lassen Sie mich doch in Frieden.

Bei Migros habe ich heute zwei Frauen zugehört, sie waren etwas jünger als ich, sehr nette Frauen. Beim Zuhören wurden sie mir immer fremder und irgendwann dachte ich, ich gehöre nicht zu denen, zu wem gehöre ich eigentlich. Sie haben nichts anderes gemacht als von Filet im Teig gesprochen, warum sind sie mir deswegen so fremd geworden. Ich verstehe mich nicht. Wahrscheinlich bin ich seltsam. »Sie kommen um acht, ja, auch Elsi, das Filet kann ich schön vorbereiten, es muss ein Nierstück sein, sonst wird nichts draus, und ja nicht Fertigteig, der ist nichts wert. Wir haben immer Filet im Teig gemacht, der Erwin mag‘s auch gern, und die Kinder damals auch, jetzt isst Max nichts Schweiniges mehr. Aber der Max kommt kaum mehr vorbei. Ich mache immer Bohnen zum Filet im Teig und ich mache ein paar Teigröschen oben drauf, das sieht nett aus. Der Metzger dort ist neu, den habe ich noch nie gesehen, hast du den schon gesehen?«

Ein Meteoritenregen verursacht Sachschäden in sechs Städten. Das Vogelhaus hat ein vierzig Zentimeter dickes Schneedach. Was kommt sonst noch grad so vom Himmel? Eine Eingebung nicht. Ein Engel auch nicht. »Engel« bedeutet im Türkischen: Hindernis. »Armut« bedeutet dort: Birne. »Tabak« bedeutet dort: Teller. Die Wörtererfinder in aller Welt haben sich nicht abgesprochen. Kinder sind gut im Wörter erfinden. Das wird ihnen dann ausgetrieben. Sie müssen so reden wie jedermann jedefrau jedeskind. Man muss gleich sein, dann fällt man nicht auf. Wenn man nicht auffällt, merkt niemand, dass man anders ist. Dass man anders ist, bleibt ein Geheimnis.

Endlich: Das Reh oder die Rehe waren da, um Heu aus dem Futterstand zu rupfen. Man sieht es an den Spuren im hohen Schnee und am weniger und unordentlich gewordenen Heu. Gesehen haben wir die schönen Wesen nicht, aber bestimmt kommen sie wieder, haben unseren Futterstand in ihrem Adressbuch eingetragen. Jetzt heißt es, warten wie im Märchen: der Wind hat schon mal drei goldene Haare der Prinzessin hergeweht – jetzt muss sie auch noch selber vorbeikommen. Ich habe im Herbst im Wald ab und zu mit zwei Rehen geredet und sie haben sich nicht gerührt und zu mir hergeschaut, was vielleicht hieß, dass sie zuhörten. Und ich habe mich beim Reden vorsichtig umgesehen, ob nicht ein Jogger oder ein Hundemensch daherkommt, der sich fragt, was die komische Alte im Wald da vor sich hin redet. Kommt doch zu uns in den Garten, ihr Schönen, habe ich zu den Rehen gesagt, die Lücke im Zaun ist immer offen für euch. Das haben sie wohl nicht kapiert, zumindest hat es sehr lange gedauert. Wie gescheit ist eigentlich ein Reh?

Der Papst ist zurückgetreten. Heißa! Was für eine Sensation. Und das alles nur, weil ein alter Mann sagt: ich mag nicht mehr und kann nicht mehr, ein alter Mann, der einen schlechten Job gemacht hat, das fanden zumindest 999 Promille der Menschen, die wussten, dass es diesen alten Mann gibt. Heißa! Im dreizehnten Jahrhundert ist mal ein Papst zurückgetreten, dann nie wieder. Zitternd, hinkend, gebückt haben sie bis zum Ende ihre Unfehlbarkeit durchgestanden. Heißa! Der Blitz soll in die Peterskuppel eingeschlagen haben, ein Bild von Blitz und Kuppel ist heute in der Zeitung, als Beweis dafür, dass sogar der HERR himself vom Rücktritt überrascht wurde. Jetzt müssen sich die Erzkatholischen mit der erzphilosophischen Frage auseinandersetzen, ob der Nichtmehrpapst unfehlbar bleibt, auch wenn der Neupapst die Unfehlbarkeit übernommen hat. Und wenn der Nichtmehrpapst seine Unfehlbarkeit verliert, werden dann damit auch seine dazumaligen Entscheidungen als Papst fehlbar? So was gibt noch lange zu denken, amen.

Während 24 Stunden trage ich ein Gerät, das meinen Blutdruck misst, jede Viertelstunde umklammert es meinen Oberarm und surrt, und ich stelle mir vor, ich sei ferngesteuert, sei ein Roboter, gleich fahren Impulse in die Oberschenkel und machen, dass ich aufstehe und abwechselnd die Beine hebe, die Treppe abwärts stampfe und mich durch die offene Terrassentüre Richtung Wald bewege, es surrt in mir, obwohl ich nichts dafür tu, und die Kälte spüre ich nicht und die dicken Flocken, die auf meine Metallschultern fallen, spüre ich nicht, und die wunderbar verschneite Landschaft rührt mich nicht, ich reagiere nur auf das Surren und das Piepsen in meinen Bestandteilen, und würde ich ein Gedicht machen über den Winterwald, hieße es gnr zszs gnr zszs. Ohne Titel.

Im Jahr 2017 wird ein Gerät erfunden, das misst, wie oft man angeschaut wird, es misst die Ablagerungen der Blicke. Sehr hohe Werte erreichen Kleinkinder-Mütter und Lehrpersonen. Stars erreichen nicht Spitzenwerte, wie man meinen könnte, denn für das Gerät sind Zeitungspapier oder Bildschirme totale Blocker, es misst nur ganz direkt von Mensch zu Mensch oder allenfalls von Tier zu Mensch. Es misst auch nicht die Qualität der Blicke, macht also keinen Unterschied zwischen wuterfüllt und schmachtend. Ob die Blickablagerungen als Materie gesammelt und allenfalls verwertet werden können, ist noch unklar. Man arbeitet aber bereits an den Möglichkeiten eines Reinigungsverfahrens. Es soll bei älteren Leuten entlastend und befreiend wirken, so dass sie unter Umständen sogar ihre alte Körpergröße zurückgewinnen.

Dicke Türme von Schnee, sonnenbeleuchtet, knallblauer Himmel, Zeit, die Stubenluft hinter sich zu lassen, in die Stadt hinunter zu wandern zum Bespiel. Dort unten am See wird mir wieder mal klar, wie verschieden uns die gleiche Welt auf die Augen knallt. O. zeigt mir Tafelenten und Kolbenenten und Reiherenten und welche Schwäne und welche Möwen jung sind und dass die Schwäne beim wütenden Aufplustern ihr Volumen vergrößern und welches der Unterschied ist zwischen männlichen und weiblichen Haubentauchern und dass es im Gebüsch doch noch Spatzen hat, zuhause haben wir keine mehr. Währenddessen sehe ich eine Mutter mit zwei Kindern, die für die Wasservögel hartes Brot zerstampfen, und ich sehe, dass sich der ältere Bub zu kurz gekommen fühlt, und ich frage mich, ob die Mütze der Mutter selbstgestrickt ist, und ich sehe, dass die Mutter versucht, den Passanten anzusehen, ob diese ihre Kinder nett finden oder nicht, und ich sehe eine weggeworfenen Schokoladenpackung, die ausschaut, als wär noch ein Drittel drin. Später auf dem Weg, nach zweihundert Metern vielleicht, weiß ich nicht mehr, welches die Tafelenten und welches die Kolbenenten sind und welche an den Füßen Lappen haben und welche stattdessen Schwimmhäute. Ich würde mir das gern alles merken, aber es zieht leise davon wie das Ausflugsboot auf der anderen Seeseite.

Mit Medikamenten wird der Blutdruck wieder eingefangen, aber haut nochmal ab, als E. anruft und sich für unsere Briefe bedankt und sich für immer verabschiedet. Isst nichts mehr, schläft nicht mehr wegen der Schmerzen, stirbt davon. Was sagt man? Also dann. Oder: Mach‘s gut. Oder: War schön, dich zu hören. Oder: Scheiße, diese Sterberei. Warum hat der Herr im Himmel für seine Lebewesen nicht ein besseres Verschwinden erfunden?

Gestern im Güterbahnhof die Werke der Zürcher Künstler Otto Müller und Trudi Demut gesehen. Besonders die Demut hat wunderschöne Bilder und Plastiken hinterlassen. An den Bildern fängt die Farbe schon an abzublättern, im alten Bahnhof ist wohl die Luft nicht das Richtige für sie, und wenn man in drei Monaten den Bahnhof abreißt, weil dort eine Polizeizentrale entstehen soll, dann landen die Kunstwerke vielleicht in einer noch feuchteren Unterkunft oder aber in der Verbrennungsanstalt Hagenholz. Dann war alles, was sich Trudi dachte, für die Katz. Aus.

War beim Arzt, weil der Blutdruck ausgerissen und über 200 weit davongerannt ist. Und ich fange an, ein bisschen zu zittern, weil die Angst mir etwas flüstert, was sie vielleicht gar nicht müsste, aber manchmal bin ich wie die Katz: Sie liegt auf meinem Tisch und fängt an zu schnurren, weil ich mit ihr flüstere, dabei hab ich sie nicht mal berührt.

Eine andere Katz, der Raubkönig des Quartiers, lauert am Boden vor dem Vogelhaus, sie hat gemerkt, dass sich unterm tiefen Schnee etwas tut, eine Wühlmaus holt sich heruntergefallenes Futter, und die Katz holt sich die Wühlmaus, indem sie sich kopfvoran in den Schnee stürzt. Dann trägt sie die Maus davon, es sieht aus, als hätte sie ein Junges im Maul.

Heute steht ein Gedicht von  Benn in der Zeitung. Es steht jeden Tag ein Gedicht drin. Und ich fange es jeden Tag zu lesen an und höre oft in der Mitte auf, mit einem kurzen Bedauern zwar, aber auch mit der Gewissheit des Alters, dass ich nichts Gedichtetes zu lesen brauche, das mir nicht gefällt. Aber manchmal gibt es Zeilen, die leuchten richtig auf und leuchten richtig ein, und man liest sie nochmal von vorn bis zum Schluss und danach blinken sie im Kopf noch eine ganze Weile weiter. So was nennt man wohl ein Kleinod, wobei ich nicht recht weiß, was ein Od ist, gibt es auch Großode? So fängt Benns Gedicht an: »Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du …«

Gestern am Gesangskonzert gab‘s Schönes, aber auch gellende Sopranistinnen und einen quetschenden Tenor, nicht so erfreulich, und man fragte sich, ob wohl dem Menschen, aus dem die Stimme kam, sein Tonprodukt gefiel. Dann war da noch einer, erst achtzehn, der sang ganz wunderbar und ganz selbstverständlich, ein tiefer weicher Bariton, er sang etwas von Händel, und sein Gesicht sah ein bisschen aus, als sei er selber verwundert, dass er die Ursache sei von so viel schönem Klang. Er war ein langer Mensch und hatte lange Haare wie ein Mädchen. Aus dem wird was. Was für ein dummer Satz. Aus jedem wird was. Mehrheitlich nichts Bemerkenswertes.

Beim Schreiben einer Geschichte ist das Namengeben nicht ganz einfach. Man will keine Namen verwenden von Leuten, die es tatsächlich gibt und auf keinen Fall von Leuten, die man kennt und mag. Man will auch keine Namen verwenden von Gestalten, die in früheren Büchern vorgekommen sind. Die Namen sollen sich zum Vorlesen eignen. Die Autorin muss die Namen bis zum Schluss der Geschichte aushalten. Sie müssen zum Protagonisten passen. Sie sollen einigermaßen hundsnormal sein, der Leser soll nicht über Namen stolpern, er sollte, wenn‘s geht, überhaupt nicht stolpern. Ich habe im ersten Kapitel meines neuen Buchs ohne viel nachzudenken eine Nebenfigur namens Annakatharina ins Leben gerufen, von Beruf Lehrmädchen. Jetzt, im elften Kapitel, wird die Annakatharina Hauptperson. Eltern,Bruder, Liebhaber kommen ins Spiel. Wie wird sie von denen gerufen? Annekäthi: zu schweizerisch. Annakathi: immer noch lang. Anka: erinnert an Butter. Ich könnte die Annakatharina im Computer-Programm »Suchen-Ersetzen« mit einem Klick überall aufspüren und umtaufen. Tu's aber nicht, irgendwie mag ich sie schon zu sehr.

Warmer Regenschauer, erste Schneeglöckchen, Tümpel, wo eben noch Schnee lag. Jetzt dauert es nicht mehr lange … Ach wo, wir werden noch ein paarmal unterm Schnee begraben und von der Kälte beschossen. Man macht sich die Hoffnungen immer zu früh. Bei Kindern, bei Krankheiten, bei Arbeiten. Zurückblickend denkt man dann: ich hab‘s doch immer gewusst, geahnt, prophezeit.

Lieber Rumpelstilz, was wird aus meinen Enkeln, wie lange tut‘s mein Körper noch, mein Kopf, und das, was man Seele nennt. Lieber Rumpelstilz, was wird aus meinem neuen Buch. Wird‘s gut? Oder mittelmäßig oder schlecht und somit für die Katz? Die zeigt schon jetzt kein Interesse, schaut aus dem Fenster in den Regen, und das reicht ihr.

Irgendwelche Idioten haben zehn Zwergelefanten vergiftet. Stand heute in der Zeitung, dazu ein Bild. Ein Elefantenkind haben sie nicht erwischt, ein sehr kleines noch. Das steht nun neben dem Kopf seiner toten Mutter und berührt mit dem Rüssel deren Auge, versucht wohl, das Auge wieder aufzumachen. In der gleichen Zeitung stand, dass im syrischen Krieg wieder siebzig Menschen umgekommen sind, durch Kopfschuss. Sie lagen mit zusammengebundenen Händen in einem Flussbett. Ein Bild zeigt ein paar der weiß verhüllten Leichen. Das Elefantenkind hat mich mehr erschüttert als die syrischen Toten. Was bin ich bloß für ein Mitmensch.

E. schreibt, dass er das Todesurteil erhalten hat, Krebs in der Bauchspeichdrüse, Metastasen in der Leber. Nichts mehr hilft. Er nimmt's, wie es kommt. Ausgerechnet E. Warum kommen nicht zuerst die Ekligen dran? Wäre E. ein Monat, dann wär er ein schöner Juni oder ein schöner September. Wenn er auftaucht, ist es, als ob er einen freundlich umarme, auch wenn er einen gar nicht anfasst. Und jetzt ist er sogar noch freundlich zum Tod, der ihn so tückisch anspringt, er schreit ihn nicht an, er wehrt ihn nicht ab. Er nimmt's, wie es kommt. Das ist einfach furchtbar.

Die Katz beobachtet mich, sie hat‘s nicht gerne, wenn ich durchs Haus flitze, sie will, das ich mich endlich niederlasse, am besten am Computer, denn da ist gleich auch noch die Heizung, die ihren neunjährigen Knochen wohltut. Kürzlich wurde sie von der Nachbarskatze gefragt »Was macht eigentlich deine Alte so?«, und da hat sie geantwortet, sie wisse es nicht so genau, sie sitze vor einem schwarzen Kasten und bewege die Finger, vor allem die beiden Zeigefinger, das mache dann so ein Geräusch wie Kiesel im Bach oder sehr große Regentropfen auf Asphalt, man könne dazu ausgezeichnet schlafen.

Ich sitze schon auf der Kante des Sofas, weil ich eigentlich aufstehen und in mein Zimmer zu meinen Büchern gehen will, aber da bleibe ich fernsehend sitzen, weil gerade Juden aus einem Haus geprügelt werden und eine Mutter mit Kind sich retten kann, und ich denke, na ja, ein Holocaust-Drama mehr, die Film- und Fernsehindustrie lebt schon bald von diesem Thema, man schaut sich das eben gerne an und sagt sich, zum Glück war ich nicht der Böse, ich wäre bestimmt der Gute gewesen, oder vielleicht doch nicht? Und dann der nostalgische Blick auf die Damenmode, die Hüte, die schlabbrigen eleganten Kleider, die schicken Schuhe, in denen sie durch die Trümmer stolpern. Ich sitze also auf der Sofakante und schaue bis zum Schluss, immer auf der Kante, weil es so dramatisch und so abgrundtief traurig ist und weil man die ganze Zeit weiß, das alles ist nicht erfunden, ist millionenfacher wahrer Horror. Jo Baier: »Nicht alle waren Mörder«.

Schon so lange lerne ich jetzt Türkisch, und so wenig bleibt hängen. Es ist, als ob ich eine Wand wieder und wieder neu übermale, und wieder und wieder blättert die Farbe ab. Die Wörter tauchen auf im Nebel, tanzende Schemen, ich weiß, ich hab sie schon mal gesehen, aber ich erinnere mich nur noch unscharf, zum Beispiel an die ersten zwei Buchstaben. Das hängt wohl mit vielem zusammen: dass es mir zu wenig wichtig ist, dass ich zu alt bin, dass ich zu wenig dafür tue, dass ich mich jahrzehntelang nur in europäischen Sprachen ausgiebig getummelt habe. Was für eine fremde Sprache würde ich lernen wollen, wenn ich noch mal auf die Welt käme? Ist mir eigentlich egal welche, nur richtig möchte ich sie können, so richtig präzise, hoch überm schwafelnden Nebelmeer. Und als Sprache, die man mir gratis in die Wiege legt, wähle ich: Deutsch bitte sehr, grad noch mal. Davon bedanke ich mir bei sie von Herz.

Der Gärtner und sein Lehrling schneiden Sträucher und Bäume, ein mit Ästen hochbeladener Wagen steht schon vor dem Haus, das hat alles mal gegrünt und geblüht und könnte immer noch ausschlagen, wenn man‘s an die Wärme und ins Wasser stellte, jetzt wird es dann irgendwo verhäckselt und kommt in die Erde. Ich möchte nicht verhäckselt werden, bevor ich in die Erde komme. Noch liegt Schnee, aber darunter klopft man schon und bittet um Einlass ins Licht, es klopfen die Schneeglöckchen und Krokusse und Tulpen und Primeln und die, die so wunderbar blau werden wollen unter der Eiche und nicht wissen, dass sie Scilla heißen, und vielleicht klopft auch ein Maulwurf, dem es in der nassen kalten Dunkelheit dort unten endgültig verleidet ist, obwohl er als Maulwurf programmiert ist.

Der neue Text hat inzwischen 136 Seiten und einige neue Figuren, die ich mehr oder weniger mag. Ich möchte sie nicht alle zum Essen einladen. Eigentlich möchte ich keine einzige einladen, ich befürchte Vorwürfe. Ich sei schnodderig gewesen, ungenau, lieblos, schadenfreudig. Ich sei eine Voyeuristin, zerre Intimes ans Licht. Und überhaupt, was geht dich das an, was wir denken? Du sagst doch immer, dein Lieblingslied sei »Die Gedanken sind frei«, das sagst du, Angelika Waldis, alte Schachtel, und kommst dir gut vor, also hör auf, uns ins Hirn zu leuchten. Wenn du so weitermachst, werden wir dich eines Tages mal grausam erschrecken, wir, deine Figuren aus deinem Fleisch und Blut. Das hast du dann von deiner Schamlosigkeit.

Heute steht in der Zeitung, dass Herr Ernst vom Hauseigentümerverband in seiner Rede sagte, ein Hausbesitzer könne sein Haus entweder so belassen oder renovieren oder abreißen. Das bringt einen auf die Idee, man könne Herrn Ernst entweder so belassen oder anders einkleiden oder an Ort und Stelle erschießen. Ich bin Herrn Ernst dankbar, denn ich weiß nun: ich kann mich so belassen oder mit einer Volltätowierung verändern oder in einem Säurebad auflösen. Ich blicke aus dem Fenster und sehe einen Vorhang aus rieselndem Schnee und denke, wie schön ist das – und wie unschön das, was mir durch den Kopf geht.

Ich trage heute fünf Bücher in die Bibliothek zurück, es ist keines dabei, das ich gerne behalten möchte, das ich nicht vergessen möchte, es sind gut gemachte Sachen, aber man sieht ihnen das Machen an, und ich möchte beim Lesen das Gemachtwordensein so gut es geht vergessen. Wenn ich das kann, erhält das Buch meinen Segen: Geh hinaus in die Welt und verbreite dich und erschüttere die Leute mit deinem erfrischenden Geist und deiner uralten Seele, auf dass diese lachen und weinen, was sie aber nicht können, weil sie keine Zeit dazu haben, denn sie müssen weiterlesen, weiterlesen, weil du so spannend bist, du wunderbares Buch, geh von dannen und verbreite dich fortan.

Ich warte geduldig, bis wieder einmal auf so ein Buch treffe.

Zehn Schwanzmeisen! Warum schreibe ich das auf? Tut das irgendwie zur Sache? Was ist Sache? Zwanzig Giftmörderinnen! Klingt schon eher nach Wichtigkeit. Aber wichtig für wen? Zwanzig freilaufende Giftmörderinnen, da hingegen wird man hellhörig. Und vor allem bei zwanzig freilaufenden Giftmörderinnen in der Küche der McDonald’s Filiale am Stauffacher. Vielleicht spritzt eine von ihnen Arsen ausgerechnet in meinen Burger. Auch wenn ich selten dort einen Burger esse, geht’s mich eigentlich doch mehr an als zehn Schwanzmeisen an meiner Futterstelle. Trotzdem schreib ich es auf: Zehn Schwanzmeisen am zwanzigsten Januar! Ha!

Gestern habe ich im Kino geweint über eine Mutter und ihren Sohn. Seltsam, dass solches Weinen geht, denn die Mutter war nicht meine Mutter und der Sohn nicht mein Sohn, und dann waren sie erst noch nicht echt, sondern gespielt und trotzdem fingen meine Tränendrüsen wie wild zu arbeiten an und mir wurde ganz eng im Hals. Man kann also erfindend Tränen fabrizieren bei irgendjemandem, und diese Einsicht gibt mir als Autorin ein ziemliches Machtgefühl, ich weiß nicht, ob das ein gutes Gefühl ist. Seltsamerweise ist es sehr viel schwieriger, erfindend bei irgendjemandem ein Gelächter auszulösen. Der Film, in dem ich weinend saß, heißt übrigens »Quelques heures en Printemps«, und der Tränenfabrikant heißt Stephane Brizé.

Gestern hätte meine Mutter Geburtstag gehabt, wäre hundertundfünf Jahre alt geworden, und im Pflegeheim hätte sie vom Gemeindepräsidenten einen Blumenstrauß bekommen, und der Heimleiter hätte ihr eine Gabel voll Geburtstagtorte in den Mund geschoben, und die Urenkel wären an ihrem Bett gestanden, und der eine hätte sich gefragt, was denn hier so rieche, und der andere hätte auf ihre langen Ohren gestarrt, und sie hätte gemeint, ich sei ihre Mutter, und gesagt, ob sie jetzt das Hühnerhäuschen bekomme, das sie sich wünsche, und der Heimleiter hätte ihr freundlich über die pergamentene Hand gestrichen und gesagt, es sei zum Wünschen nie zu spät, mögen Sie noch ein bisschen Torte?

Alles weiß und gefroren, es schneit. Hochbetrieb beim Vogelhaus, sechs Amseln – ich stell mir vor, wie sie in einem Monat zu singen anfangen, wenn‘s noch dunkel ist – dazu ein Specht, ein Eichelhäher, eine Rotbrust, Haubenmeisen, Blaumeisen, Kleiber. Die Kohlmeisen zähl ich gar nicht auf, weil ich sie gar nicht mehr beachte, so viele sind es. Das Wenige ist immer interessanter als das Viele, jawohl Frau Phrasendrescher. Die Katz sitzt bei mir am Fenster und gibt manchmal einen leisen Ton von sich, wenn ihr die Vögel zu viel werden. Aber meist ist sie ruhig, hat die Lust auf die Vogelhatz in die Schwanzspitze verdrängt. Stille Welt hier – und anderswo schießen sie einander gerade tot. Nie verkriecht sich das Böse frierend in ein Loch, es ist immer munter unterwegs und schaut sich am nächsten Tag in der Zeitung an, was es alles geleistet hat.