Es war nicht einfach, die zehn Stück Lavendel zu pflanzen, die Ina im Supermercato gekauft hatte. Für zwei fand Matti Platz direkt an der Hausmauer, aber wohin mit den andern? Überall war der Boden durchwachsen und voller Steine und Ziegelscherben. Matti schärfte den Spaten so gut es ging mit dem Wetzstein und fing auf Inas Wunsch beim Steintisch an umzustechen. Judith machte sich neben ihm mit ihrem roten Schäufelchen zu schaffen. Matti musste sie jedes Mal wegscheuchen, bevor er mit Wucht den Spaten in den Boden stieß. Er wurde immer ungehaltener, Judith fing an zu weinen, Ina rannte herbei und nahm sie auf den Arm.

Den ganzen Samstag und Sonntag hatte Matti seine Unruhe vor Ina zu verstecken versucht. Er hatte sich verboten, an Riccarda zu denken, aber das brachte er nicht zustande. Castagneto war gesperrt, weil Mauro bei Riccarda war, ein unendliches Wochenende lang. Die Zeit war bloß noch gekrochen. Aber nun war wieder Montag und der Weg frei in Riccardas Umarmung und in die strahlende Dunkelheit.

Verbissen grub und hackte Matti weiter, schärfte den Spaten neu und füllte die Schubkarre mit den ausgebuddelten Steinen. Langsam nahm das halbrunde Beet Gestalt an. Dann rammte sich Matti den Spaten in den Fuß, und das tat so weh, dass er nicht mal schreien konnte. Ihm war schlecht, als er den Schuh auszog. Er setzte sich und legte den Kopf auf den Steintisch. Der Spaten hatte den Nagel des großen Zehs getroffen. Ich Idiot, dachte Matti. Ina schlug vor, ihn für eine Tetanusspritze zum Arzt fahren, aber Matti schüttelte den Kopf – wenn der ihm womöglich den Fuß verband, würde Ina nicht verstehen, dass er trotzdem nach Castagneto laufen wollte. Und das wollte er, musste er, gleich nach dem Mittagessen. Das ganze Wochenende über hatte er zitternd auf diesen Montag gewartet, an dem Mauro wieder außer Haus sein würde. »Es wird schön sein, mitten im Lavendel zu sitzen«, sagte Ina. »Das dauert ein paar Jahre«, sagte Matti. Die Pflänzchen waren erst handhoch. Er verscheuchte die Gedanken an kommende Jahre. Jetzt zählte das Jetzt, der Schmerz und die Lust.

Wenn Matti jeweils sagte »Meine Beine hauen ab«, bevor er alleine ausging, dann musste Ina lachen. Diesmal sah sie ihn nur fragend an. Er nahm Hut und Skizzenblock und ging. Er versuchte, nicht zu hinken, ziemlich sicher sah ihm Ina aus dem Kinderzimmerfenster nach. Hinter der ersten Wegkehre blieb er stehen, der Schmerz im Fuß war stechend, der Zeh schon dick angeschwollen. Matti fand einen Stock. Damit ging es besser. Wahrscheinlich würde er für den Weg doppelt so lange brauchen, und für den Rückweg auch. Das raubte ihm vierzig Minuten vom Zusammensein mit Riccarda. Er konnte diese Zeit nicht beliebig ausdehnen, einerseits verfolgte ihn Inas fragendes Gesicht, anderseits war zu befürchten, dass Mauro auch mal früher nach Hause kam. Aber eigentlich war alles Überlegen und Rechnen unwichtig geworden. Matti hatte die Vernunft bereits vom Kopf gestreift, sie hing an ihm wie eine schlaffe Kapuze. Matti wollte Riccarda. Nur das. Für das nahm er alles in Kauf, auch dass das Theater der heilen Tage womöglich in Flammen aufging. Matti hatte ein solches Wollen noch nie erlebt. Bislang hatte er in seinem Leben alles abgewogen, das Dafür und das Dagegen, die Mühe und den Lohn, die Last und die Lust, das Sollen und das Wollen. Aber was er jetzt wollte, war zu schwer, um auf eine Waage gelegt zu werden, es war zu groß, wie ließ sich Unendlichkeit messen. Vier Knöpfe hatte Riccardas Bluse, er hatte sie ohne Hast aufgemacht, Riccarda hatte sich nicht gerührt.