Angelika Waldis: »Ich komme mit«, Verlag Wunderraum/Random House  München 2018, ISBN 97978-3-336-54797-5

Elsie lacht, wenn ich sie aufs Ohr küsse. Bei anderen Küssen bleibt sie ernst. Fußsohle, Bauch, Nippel: ernst.

Wenn wir uns lieben, notiert sie das nachher in ihrem Moleskine-Buch: elsielazy mit einem Kreis drum.

»Elsie, ich liebe dich.«

»Ich auch«, sagt sie. »Ich meine, ich liebe dich auch.« Sie ist genau.

Wir haben in der ersten Vorlesung nebeneinander gesessen, Zufall. Ein Bleistift fiel ihr runter und rollte in meine Richtung. Wir bückten uns gleichzeitig. Unsere Köpfe berührten sich.

Erstes Mal berühren: Montag. Erstes Mal Arm um ihre Schulter legen: Dienstag. Erstes Mal küssen: Mittwoch. Erstes Mal das Ganze: Donnerstag.

So schnell ging das alles. Sie hatte schon mal, ich noch nie. Am liebsten denke ich an den Montag zurück, an das Berühren der Köpfe, Haar an Haar, geduckt unter der Tischplatte. Eine Ladung lautlose Erotik. Rotbraunes Elsie-Haar, buschig wie ein Eichhörnchenschwanz.

Der Titel der Vorlesung war »Die Schatten der Sklaverei im kolonialistischen Denken der Gründerzeit«. Gehört zum Basismodul 1. Wissenschaftliche Beschäftigung mit Quellen. Zu schreiben ist ein kurzes Referat. Zu schreiben ist eine Schilderung von Elsies Haut, die ist fein, kühl und fest. Herr Professor, stellen Sie sich vor, Sie fahren mit der Fingerspitze über einen frischen Champignon. So fühlt sich die Haut Ihrer Studentin Elsie Lichtenhahn an. Der Duft? Kein Duft. Außer ganz leicht nach Minze. Und übrigens ist sie zart hellbraun.

Wenn wir gehen, hüpft sie. Wenn wir laufen, springt sie. Wenn wir reden, saust sie. Sie sagt »Es ist zwölf, ich habe Hunger, gehen wir essen« in drei Sekunden. Ich brauche dafür fünf. Ich hab es gemessen. Was ich da mache, wollte sie wissen. »Ich messe deine Redegeschwindigkeit.« »Lazy, du bist crazy.« Dafür brauchte sie eineinhalb Sekunden. Sie hat eine Sprungfeder. Sie ist ein Eichhörnchen. Sie ist mein rotbraunes Glück.

Seit sie bei mir ist, bin ich nicht mehr bei mir, ich bin außer mir.

Ich kann es nicht fassen, dass es wahr sein soll.

Liebe.

Der 21-jährige Student Lazar, genannt Lazy, ist über beide Ohren verliebt: «Der Sommer ein warmer Wirbel und ich ein Taumeltier.» Doch jäh ist diese Euphorie beendet. Diagnose: Leukämie. Und auch die Liebe zerfällt. In diesem elenden Zustand trifft die Witwe Vita
Maier ihren Nachbarn auf der Treppe an. «Den muss man füttern», denkt sie sich und lädt ihn in ihre Wohnung ein.
Es ist der Beginn einer ¬un¬gewöhnlichen Freundschaft: Denn für Lazy war sie bisher nur «die Alte von oben», und Vita konnte mit der «Genera¬tion Jungmensch» nichts mehr anfangen. Doch nun werden die «alte Maier» und ihre witzig-philosophischen Gespräche über Leben und Sterben zu Lazys Stütze. Als er erfährt, dass eine Infektion die geplan¬te Stammzelltransplanta¬tion gefährdet, wird ihm klar: «Ich hab genug versucht. Das war’s.» Er will «abhauen» – und Vita mit ihm. Denn sie hängt nicht mehr am Leben, oft stellt sie sich vor «wie die Tage in einem Zeitloch verschwinden, sie falten sich lautlos zusammen und schlüpfen ins Nichts». Doch vorher gehen die beiden noch auf eine gemeinsame Reise …
Die 78-jährige Luzernerin Angelika Waldis beschönigt nicht in ihrem sorgfältig recherchierten, aus zwei Perspektiven erzählten Roman – weder die Auswirkungen einer Leukämie-Behandlung noch den Lebensüberdruss der alten Vita. Und dennoch gelingt ihr eine lebensbejahende Geschichte mit feinen Zwischentönen – und viel schwarzem Humor. Wie schon in früheren Romanen lässt Waldis durch ihren verspielten Umgang mit der Sprache aufhorchen: Immer wieder findet sie für das Unfassbare Sprachbilder voller Fantasie und Witz.

Die schweizerische Autorin Angelika Waldis, die uns mit ihrem Roman „Aufräumen“ schon so verblüffend vergnügt hat, erzählt nun die Geschichte der Bekanntschaft von „Maier, die das Leben satt hat und Lazy, den das Leben satt hat“ in zugleich bezauberndem wie nichts beschönigendem Ton. Diese Mischung von Kummer und Heiterkeit, gespickt mit lauter vergnüglich-nachdenklichen Überlegungen darüber, was das Leben ausmacht, macht süchtig.
Meinetwegen hätte das Buch noch 200 Seiten mehr haben dürfen. Ein erstaunenswertes Buch für Jedermann und Jederfrau.

Man könnte gegen das Buch einwenden, dass die Entwicklung der Freundschaft von Vita und Lazy vorhersehbar ist. Doch vor allem berührt sie. Wohl auch, weil sie fernab von Kriterien wie äußerliche Kraft und Schönheit geschieht. Angelika Waldis wechselt die Erzählperspektiven von Vita und Lazy ab, erstere wirkt sehr authentisch, letztere eine Spur literarischer, womit die Autorin klugerweise die eigene Nähe zur jungen Figur nicht überstrapaziert.
Wunderbar ist auch der Humor, der die beiden verbindet. Sowie der Reichtum an Gedanken und schönen Formulierungen im Buch, die in einer Dichte kommen, dass kaum ein Satz sich nicht zu lesen lohnt. So etwa die «Leben ist... »-Definitionen, mit denen Lazy und Vita wetteifern. «Leben ist, wenn man Sterben das Letzte findet», sinniert Vita zum Beispiel. Die Liebe zum Spiel mit Worten und sinnreichen Gedanken teilt sie mit Lazy. Und natürlich auch mit der Autorin.

Angelika Waldis, Ihre Protagonistin und Sie sind ja in etwa in der gleichen Altersgruppe. Hat der Roman also autobiografische Bezüge?

Nein, zwar sind wir beide alt, aber ich lebe immer noch gern, hab’s gut mit Ehemann, gut mit Kindern und Enkelkindern sowie ziemlich gut mit mir selber.

Wie gingen Sie es an, auch aus der Sicht eines jungen Mannes zu schreiben?

Ich kann mich allgemein gut in andere Menschen versetzen. Zumindest meine ich das. Ich glaube, ein bisschen zu spüren, was in meinen Enkeln vorgeht. Die sind 18, 15 und 13. Zudem war ich auch mal in diesem Alter, wenn auch nicht als Mann und nicht in diesem Jahrhundert. Aber Grundgefühle wie Liebe, Scham, Schuld oder Angst waren und sind wohl allen Jugendlichen gemeinsam. Etwas schwierig war es, den richtigen Tonfall zu treffen. Ich habe bewusst eine anbiedernde Jugendsprache vermieden.

Die ungleichen Protagonisten haben ja gemeinsam, dass sie nicht mehr lange leben bzw. genug von ihrem Leben haben. Was noch?

Ziemlich viel: zum Beispiel Erfahrung im Alleinsein, gegenseitiges Misstrauen am Anfang, dann Neugier an der Frage, was Leben ausmacht, Neugier aneinander, später Zuneigung und immer wieder Galgenhumor. (are)

Es irrt der Mensch, solang er strebt“, heißt es in Goethes „Faust“. Das kommt einem in den Sinn im Blick auf die 72 Jahre alte Protagonistin Vita Maier im neuen Roman der Schweizer Autorin Angelika Waldis.

Er trägt den Titel „Ich komme mit“. Und genau dieses Versprechen gibt Vita ihrem an Leukämie erkrankten 21 Jahre alten Bekannten Lazar Laval, genannt Lazy. Es beinhaltet die Planung des gemeinsamen Suizids: Vita, die Lebensmüde, ist seit langem Witwe und hat den Kontakt zu ihrem in Australien lebenden Sohn verloren. Student Lazy hat keine Angehörigen mehr. Sein Vater hat ihm eine Eigentumswohnung und ein stattliches Schweizer Bankkonto vermacht. Im selben Haus wie Lazy lebt Vita seit mehr als 40 Jahren. Nach Ausbruch der Leukämie wird Lazy von seiner großen Liebe Elsie verlassen. Vita liest den erschöpften jungen Mann im Treppenhaus auf, nimmt ihn mit in ihre Wohnung und versorgt ihn mit Wurstbroten. Das ist der Beginn einer ungleichen Freundschaft – und auch dessen, was die Natur als Symbiose zwischen Jung und Alt vorgesehen hat: Vita umsorgt Lazy, der bald in das einstige Zimmer ihres Sohnes einzieht. Beide entkommen der Einsamkeit in lesenswerten tiefgründigen und ironisch-witzigen Gesprächen über Gott und die Welt. Auch in den Selbstreflexionen der Protagonisten geht es um existenzielle Themen wie die erste Liebe, Krankheit, Alter und Alleinsein. Der Roman erzählt die Geschichte von Vita und Lazy aus wechselnden Perspektiven – einmal aus ihrer und dann wieder aus seiner Sicht.

Die 78 Jahre alte Autorin Angelika Waldis offenbart erstaunliches Einfühlungsvermögen in die Seelenlage junger Menschen, sprachliche Virtuosität und Freude an Wortspielen.

Die Geschichte wirft Fragen ethisch-moralischer Natur auf. Denn die Symbiose zwischen Vita und Lazy wird hinsichtlich der Pflichten, die ein Mensch sich selbst und anderen gegenüber hat, zweifelhaft: Als Lazy signalisiert, sich keiner weiteren Therapie mehr unterziehen zu wollen, nimmt Vita die Planung des gemeinsamen Endes, das durch die Einnahme eines Medikamentencocktails erfolgen soll, in die Hand. „Wir dürfen das“, sagt Maier, „weil niemand um uns weint“, lässt die Autorin Lazy formulieren. Wie sehr Vita Maier irrt, wird der weitere Verlauf der Handlung zeigen, in dem sie eine letzte gemeinsame Reise in die Türkei organisiert. Zur wichtigen Begegnung für Lazy wird dabei das Mädchen Aydan. Schließlich äußert der Kranke den Satz, der eine Wende im Geschehen einleitet: „Hilf mir, Vita“.

Der Roman ist keine leichte Lektüre für zwischendurch. Wer sich auf ihn einlässt, muss das in dem Wissen tun, dass die Hauptfiguren aus dem Leben scheiden wollen. Darauf mag er mit Traurigkeit, Entrüstung, Nachdenklichkeit oder alledem reagieren. Hilfreich ist weder die Widmung der Autorin „Für das Leben“ noch der Prolog, in dem Lazy mit seinem Namenspatron Lazarus verglichen wird, den Jesus von den Toten auferweckt hat. Auch nicht die Tatsache, dass Vita im Lateinischen Leben bedeutet. Es sind Fingerzeige auf einen möglichen positiven Ausgang der Geschichte, die dieser aber nichts von ihrer Schwere nehmen. Trost erwächst aus dem Romanende, das Raum für Hoffnung lässt, philosophischen Betrachtungen, Wortwitz und der Erkenntnis, dass auch das Alter offenbar noch aus schwierigen Lebenserfahrungen eine Lehre ziehen kann.

 
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