Noch kein Frühling auf der Alpensüdseite. Das Gras noch kurzgeschoren, das Vogelgezwitscher dünn, die Bäume kahl, und die Sonne wärmt nur geizig. Wenig tut sich ringsum, das Dröhnen der Motorsensen kommt erst später im Jahr. Nur unter dem großen Kastanienbaum ist ganz schön was los: primavera!, primavera!, propagieren tausend Primeln, tausend gelbe Tupfen hupfen, und plötzlich hebt einer ab und flattert davon. Eine fliegende Primel! Nein, ein Zitronenfalter. Also doch Frühling auf der Alpensüdseite.

»Wer hat Gott gemacht?«, habe ich mich als Kind gefragt. Mit anderen Worten: Was war vor dem Urknall? Heute gibt es erstens die Theorie der sogenannten Schleifenquantengravitation, nach der der Urknall so etwas wie ein Nadelöhr war, durch das sich ein älteres Universum hindurchgezwängt hat. Zweitens gibt es die Theorie, der Urknall sei der Zusammenprall zweier Universen in einer elfdimensionalen Raumzeit. Drittens gibt es die Theorie vom Multiversum, bestehend aus unendlich vielen Paralleluniversen – mit je einem eigenen Urknall. Fazit: Nichts ist verstörender als Unendlichkeit, und je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man.

Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft. Sowohl O. wie ich haben frühe Erinnerungen an Mirabellen – wir werden also ein Stück Vergangenheit in unseren Garten pflanzen. Ich weiß noch gut, wie meine Mutter jeweils nach der Mirabellenernte in die Äste hochschaute und sagte: Ich danke dir, o Baum. Das fand ich ein bisschen peinlich – einerseits wegen des »o« und anderseits wegen meiner Zweifel, ob der Baum meine Mutter hörte. Als sie gestorben war, vor zwanzig Jahren, griff ich noch ab und zu zum Telefonhörer, um ihr etwas zu erzählen, und dann fiel mir erst ein, dass sie tot war und ich den Hörer wieder hinlegen musste. Jetzt grad würd ich sie zu gern wieder anrufen: Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft! Weißt du noch? Ich würde vielleicht noch sagen, dass mir der Name Mirabelle gefällt, und dass ich ein Mädchen eher Mirabelle als Zwetschge taufen würde, und meine Mutter würde lachen.

Das Wahlplakat am Straßenrand ist umgestürzt, jetzt blicken der Kandidat und die Kandidatin der Grünliberalen zum Himmel. Ein Mädchen und ein Junge knien davor, das Mädchen schmiert der Kandidatin feuchte Erde ins Gesicht. Die sieht nun aus, als sei sie kopfvoran in einen Kuhfladen gefallen, und die Kinder lachen sich quietschend halbtot. Nun setzt das Mädchen an, auch noch den Kandidaten kackebraun einzuschmieren, da wehrt sich der Junge. »Den nicht!«, sagt er. »Doch!«, sagt das Mädchen. »Nein!«, sagt der Junge. »Warum?«, sagt das Mädchen. »Einfach!«, sagt der Junge. Ich muss leider weiter und erfahre nicht, warum der Junge den Kandidaten schonen will. Kaum aus politischen Gründen, die Kinder sind zu klein, sie können noch nicht mal lesen. Der Kandidat hat eine Teilglatze. Vielleicht hat der Vater des Jungen auch so eine? Au weia, immer diese offenen Fragen ...

Kaufsucht, Internetsucht, Koffeinsucht, Putzsucht, Streitsucht, Sammelsucht, Trunksucht, Eifersucht, Spielsucht, Tobsucht, Mondsucht, Tätowiersucht, Zuckersucht … Ich leide an keiner dieser Süchte, zwei davon kämen unter Umständen eventuell mal in Frage, und ich müsste sie dann bekämpfen. Würd ich halt machen. So gut es eben ginge. Nicht kämpfen möchte ich gegen die Sehnsucht, nie. Sie will ich behalten, auch wenn sie wehtun kann. Und ungefragt kommt. Und in alle Richtungen schweift. Sehnsucht muss sein.

Heute ist es minus zehn Grad. Mit dem Nordwind wirken die minus zehn wie minus zwanzig. In dieser ungewöhnlichen Kälte zerbrechen die Glasmasken vor den Gesichtern. In Tram und Bus schauen die Leute einander in die nackten Augen und machen verwundert den Mund auf. Sie reden! Über zu enge Leggings, ein Ehemann mit Grippe und schlechter Laune, erfrorene Geranien, das Wetter im Jahr 1963, Trump, der an der Kopf fröre, ein Loch im neuen Handschuh, einen geizigen Vermieter, die heiße Schokolade bei Sprüngli, Ohren im Alter und die frisch geschiedene Tochter. Heißa, ist das kalt! Weil alle so dick verpackt sind, nestelt kaum jemand ein Handy hervor, das wäre zu umständlich, und ohnehin gibt es rundum grad genug zu hören.

Es gibt Menschen, die ziehen immer den Kürzeren. Sie möchten vielleicht gar nicht den Längeren ziehen, sie wären zufrieden mit dem gleich Langen, aber den gibt es nicht. Also ziehen sie den Kürzeren. Sie haben zwei Möglichkeiten zu reagieren: Sie bäumen sich unentwegt auf und schlagen zu und werden erfolglose Kämpfer. Oder sie bitten jeweils gleich bei der Ziehung um den Kürzeren und werden frustrierte Seelen. Ich weiß nicht, was trauriger ist. Es gibt auch Völker, die immer den Kürzeren ziehen, nachzulesen zum Beispiel in der Geschichte der Kurden. Gerade jetzt, einmal mehr, versuchen sie verzweifelt, sich zu wehren. Und die Welt schaut zu.

Zum ersten Mail in meinem langen Leben war ich an einem Morgestraich, fuhr also mit dem Extrazug um zwei Uhr frühmorgens von Zürich nach Basel und wanderte hoch zu den Gässchen rund ums Münster ,wo sich kleinere Cliquen besammelten. Streng blickten die alten Bürgerhäuser auf das Treiben der Nacht. Kurz vor vier wurde nur noch geflüstert, Punkt vier ging die Straßenbeleuchtung aus. Schwärze, Stille. Die Piccolos hoben an, die Trommeln setzten ein und im Schein von Lämpchen und Laternen machten sich die Cliquen langsamen Schritts auf den Weg. Ein kleines Glück sprang mich und sagte: Wenn du weinen willst, mach nur.

Ich fror. Lag im Bett und spürte die Kälte an den Füssen. Hielt mir die Hände ans Gesicht, sie waren eisig. Ich muss mir eine zweite Decke holen, dachte ich, so geht das nicht weiter. Ich linste aus dem Kissen und sah, dass die Katz am Fenster saß. Sie zitterte, und ihr dünner Schwanz hing vom Fensterbrett und wurde immer länger. Seltsam, das hatte ich noch nie gesehen. Und ist es nicht so, dass sich bei Kälte eher etwas zusammenzieht als ausdehnt? Mit einem Schlag war ich wach. Weg der eisige Traum. Ich lag herrlich warm in meinem kuscheligen Deckennest, und die Hände fühlten sich fast an wie Brötchen aus dem Ofen.

In meinem neuen Buch zitiere ich aus den Tagebüchern von Tolstoi einen Satz, den ich mir mal notiert habe. Wo und wann ist der betreffende Tolstoi-Band erschienen, wer hat ihn übersetzt, und auf welcher Seite steht der Satz? Das möchte mein Verlag aus Copyrightgründen von mir wissen. Ich gehe die Tagebücher durch und finde den Satz nicht mehr, einfach nicht! Ich maile dem Tolstoi-Museum in Jasnaja Poljana: Bitte, bitte, wissen Sie, wo der Satz steckt? Es dauert keinen Tag, und schont mailt mir die freundliche Elena zurück: Ich habe den Satz gefunden! Tagebuch von 1901, Eintrag am 26. Dezember. Ich bin sprachlos – wie schnell und klein ist die Welt geworden. Jasnaja Poljana, ehemals Tolstois Landgut, liegt etwa 220 km südlich von Moskau. Als er das Gut im Alter von 18 Jahren erbte, gehörten dazu noch drei Dörfer und 300 Leibeigene. Das war vor 172 Jahren. Statt damals als Leibeigene oder Gutsfrau lebe ich lieber heute und lasse Sätze sausen durchs Netz.

Bin auf Spitalbesuch. Die Patientin hat sich übergeben und liegt geschwächt und bleich im Bett. Eine Frau kommt geräuschvoll ins Zimmer und mit ihr ein Schwall von Energie. »Naaa? Ich komme wegen des Essens! Was hätten wir denn gern?« Die Patientin winkt müde ab. »Geschnetzeltes an Jägersauce mit Rosenkohl?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, was riecht. »Dann ein Birchermus?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das wie Gekotztes aussieht. »Oder eine Broccolisuppe?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das sich wie Gewürgtes anhört. »Vielleicht ein bisschen Kartoffelbrei?« schlage ich schüchtern vor. Dankbarer Blick der Patientin. Der Kartoffelbrei wird notiert. »Und morgen? Was hätten wir denn morgen gern? Hörnli und Ghackets?« (Übersetzung für Menschen nördlich des Rheins: kleine gebogene Teigwarenröhrchen und gehacktes Fleisch – mit dem Aussehen von schon mal Gegessenem) Die Patientin schließt die Augen. 

Die Air Force One mit dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump fliegt sozusagen über unser Dach, bevor sie in Kloten landet. Ich schaue nicht nach oben. Ich reiße auch nicht meine insgesamt zwölf Schneeglöckchen aus, um sie gegen den blauen Himmel zu schwenken. Und als kurze Zeit später sechs Helikopter Richtung Davos knattern, frage ich mich nicht, in welchem der demokratisch gewählte US Präsident Donald Trump wohl sitzt. Ich frage mich stattdessen, ob ich mich mitten auf die Wiese stellen soll, um dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump meine alte Schweizer Zunge herauszustrecken, aber da überfällt mich plötzlich ein derart wildes Kopfschütteln über den demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump, dass ich nicht mehr weiß, wo meine Zunge ist. »Was hast du?«,fragt die Katz. »Politischen Schüttelfrost«, sag ich, und die Katz gähnt.

Manchmal freu ich mich, wenn ich etwas vergessen habe. Wie hieß der noch? Wo war das schon wieder? Brauch ich das zu wissen? Nein. Und zum Glück fällt es mir nicht mehr ein. Mit dem fortlaufenden Vergessen schaffe ich in meinem Gedächtnis fortlaufend Platz für Neues. Ich habe gelesen, dass ich rund 2.5 Mio. Gigabyte an Daten speichern kann, was etwa der Datenmenge von 300 Jahren Nonstop-Fernsehen entspricht – interessant, aber egal, wenn ich es wieder vergesse. Vergessen können ist eine wunderbare Fähigkeit. Dem berühmten Gedächtniskünstler Solomon Schereschewski fehlte sie. Er wurde von den Details seiner Erinnerungen überschwemmt. Wollte er unbedingt etwas vergessen, schrieb er es auf einen Zettel, um es so zu entsorgen. Doch das gelang ihm nur selten. Auch das Verbrennen des Zettels war erfolglos. Er bekam sein Leben übrigens nicht in den Griff und starb als Alkoholiker. Ich schreibe auf Zettel, was ich unbedingt nicht vergessen will. Überall liegen meine Zettel, wie Herbstlaub.

Vor Kurzem habe ich jemanden bestochen, das war auf dem Flughafen in Island. Ich habe die Frau am Ticketschalter geschmiert. O. und ich wollten zwei Plätze nebeneinander haben, aber die Frau schüttelte den Kopf. Da sei gar nichts zu machen, nur noch Einzelplätze. »Bitte«, haben wir gesagt, »der Flug dauert neun Stunden, und wir …« Die Frau schüttelte wieder den Kopf, und da fiel mir ihre Frisur auf, eine kompliziert gewundene Flechtkrone, so etwas wie ein kirchlich gesegnetes Hochzeitsgebäck. »Sie haben eine schöne Frisur«, log ich. »Danke«, sagte die Frau und verzog dabei keine Miene, auch nicht, als sie plötzlich doch noch zwei Plätze nebeneinander fand.

Ich neugiere, du neugierst … das Verb gibt es nicht, aber trotzdem tu ich’s dauernd. Im Spitalzimmer, wo ich meine Schwester besuche, neugiere ich hinüber zur Frau im Nachbarbett. Sie liest in einem Heft und seufzt, und ich finde heraus, dass sie in den unteren Regionen faules Fleisch hatte, wie sie sagt, und danach eine Infektion, und dass man sie nach sechs Wochen immer noch nicht nach Hause lässt. Ich neugiere weiter, als die Frau ihren großen Umfang einen Morgenmantel wickelt und das Zimmer verlässt. Das Heft liegt aufgeschlagen auf ihrem Bett und heißt »Arztroman Klassiker«. Ich neugiere und lese hastig einen Satz. »Stefanie setzte sich in ein Café und überlegte angestrengt, wie sie Jan versöhnen könnte.« Ich lese noch das Namensschildchen über dem Bett, die traurige Frau heißt überaus lustig, und plötzlich ist meine Neugier im Eimer. In einem lindengrünen Spitaleimer mit Fußbedienung.