Einen ganzen Tag brauchte ich – mit Schere, Leiter und viel Körperverrenkung – für die Operation Granatapfelbaum. Der war mit einer so dichten Geißblattdecke überwachsen, dass man von ihm kaum noch was sah. Geißblatt ist eigentlich ganz schön, die Blüten duften sogar, sowohl Bienen wie Nachfalter mögen es. Ich, Mensch, mag es nicht. Ich will den Granatapfel, er macht unseren Tessiner Garten leicht exotisch. Als schnitt, zerrte, rupfte, riss ich verbissen die robusten Geißblattstränge weg, und langsam kam der fast erstickte Baum wieder ans Licht, »punica granatum«, rotbraune Rinde und glänzendes Laub. Es war, als zeige jemand nach Wochen wilden Wahns wieder den wahren Charakter. Hallo Granatapfel, sagte ich, jetzt mach auch endlich mal ein paar Früchte. Hallo Mensch, sagte er, jetzt lass mich endlich mal in Ruhe.

O. fand, das sei Guguus, auf Hochdeutsch: Blödsinn, dummes Zeug. Trotzdem ließ er zu, dass ich mit meiner auch seine Speichelprobe an MyHeritage in die USA schickte. Es hieß, man würde uns mitteilen, welche Ethnien aus unserer DNA ersichtlich sind. Nun ist das Ergebnis da, und laut dessen bin ich: 53.8% Nord- und Westeuropäerin, 24.7% Ibererin, 12.4% Osteuropäerin, 5.7% Balkanbewohnerin, 3.4% aschkenasische Jüdin. Meine Zusammensetzung ist anderen ja wohl so was von egal. Nur mir bin ich so saumäßig wichtig. Darum wollte ich es wissen, ob Guguus oder nicht. So, und was mach ich nun mit den neuen Tatsachen? Bin nicht schöner und nicht gescheiter geworden. Hab nur ein Stück Papier mehr und weiß nicht, wohin damit.

Ich könnte mir ein Soundwave Tattoo stechen lassen, also das Abbild der Schallwellen einer geliebten Stimme zum Beispiel. Diese sehen aus wie die Aufzeichnung eines Monitors in der Intensivstation. Oder wie die Unterschrift des US-Präsidenten Trump. Ich könnte mir also das Tattoo auf Arm oder Bein stechen lassen und dann das Smartphone mit der passenden App drüberhalten und – oh Wunder – die geliebte Stimme hören. Mal was Neues. Mal was neues Dummes. Denn wenn ich für das Wunder ohnehin ein Smartphone brauche, warum lass ich mich dann vorher stechen? Warum höre ich das Wunder nicht direkt auf dem Smartphone ab? Oder warum gehe ich nicht einfach in den Garten und höre mir die geliebte Stimme live an? Amsel, sing!

Ich habe angefangen, die Wörter aufzuschreiben, die ich vergessen und nur mit viel Aufwand aus der Tiefe wieder herausgeangelt habe. Am schlimmsten ist es nachts im Bett, wenn mir ein Name partout nicht mehr einfällt und ich vergeblich das ganze Alphabet durchgehe. Das ärgert mich manchmal derart, dass ich aufstehe und den entlaufenen Begriff im Internet auf Zickzackwegen wieder einfange. Es kommt auch vor, dass mir mitten auf dem Waldspaziergang ein Mensch oder ein Ding in den Sinn kommt, ohne dass der Name dazu geliefert wird. Das ist, als hätte ich eine Konservendose ohne Etikett gefunden. Die Wörter im Mai waren bislang: Pelargonien, Herr Duttweiler, Yeti, Anne Tyler, Steigbügel.

Auf der Rückseite des Zürcher Opernhauses gibt es eine leicht verwitterte Inschrift in Gold: »Durch Bürgergunst geweiht der Kunst«. Äh, was heißt denn das? Gemeint ist, so lese ich nach, dass das Opernhaus 1890 von Privaten finanziert wurde. Inzwischen ist es das teuerste Kulturinstitut am Platz. Hauptsubventionsgeber ist der Kanton Zürich. So hat er zum Beispiel 2015 jedes Eintrittsticket mit 343 Franken subventioniert. Auch dieses Geld wiederum kommt von Privaten, nämlich von den Steuerzahlenden, auch von denen, die in großen Sätzen flüchten würden, wollte man sie zum Anhören von Lohengrin oder Nabucco oder Lulu zwingen.

Das Haus in dem ich aufgewachsen bin, hieß Villa Friedheim. So stand es auf einer kleinen Messingtafel beim Gartentor. Der Name passte nicht, in der Villa Friedheim war über die Jahrzehnte sehr viel Streit. Vielleicht finde ich es darum seltsam, dass man Gebäude tauft und anschreibt. In städtischen Gefilden gibt es das seltener oder nicht mehr, aber auf unserer Wanderung kürzlich am Vierwaldstättersee habe ich sehr viele getaufte Häuser gesehen: Haus Beatus, Anemone, Enzian, Heimetli, Seestern, Aurora, Sunneschy ... Statt dass mir warm ums Herz wurde, fror ich ein bisschen. Unsere freundliche alte Nachbarin  mit dem Garten voller Riesenkerbel kam mir in den Sinn. Ihr hatte man eine Freude machen wollen und bei Nacht und Nebel die schmiedeiserne Inschrift »Kerbelparadies« an ihre Hauswand appliziert. Sie fand das scheußlich, aber ließ es aus Höflichkeit stehen – und starb im Kerbelparadies.

Auf meinem Handy habe ich allerlei Apps, die dadurch, dass sie so viel können, mir etwas unheimlich sind. Da gibt es zum Beispiel den Peakfinder, der zeigt, wie die Bergspitzen heißen, die ich sehe oder sehen würde, wenn nicht Bäume oder Nebel sie verdeckten. Oder da gibt es die Sprachmemo, die aufzeichnet, was ich höre, etwa den Vogelgesang im Garten morgens um sechs. Dass ich nun mitten in schwarzer Nacht den Vögeln lauschen oder mitten im Nebel die Berge bestimmen kann, hat etwas Verstörendes. Ein bisschen komm ich mir vor wie der Amazonasindianer, der erschrak, als er den zähneputzenden Missionar mit Schaum vorm Mund sah.

Was ist krank? War Kain krank, als er seinen Bruder Abel erschlug? War Pontius Pilatus krank? Oder Nero vielleicht? Waren die Glarner Ratsmänner krank, als sie Anna Göldi zum Tod verurteilten? Und wie krank war allenfalls Göring? Kränker als Goebbels? War der Terrorist vom Weihnachtsmarkt Berlin krank? Ist der Kinderschänder von Obermützbach krank? Ist der Vierfachmörder von Rupperswil krank? Sind Maßenhaltungschweinefabrikanten krank? Wie steht es mit dem Sexmaniac Weinstein? Gehört der amerikanische Präsident in eine Klinik? Sind alle, die schlechte Dinge tun, schlicht und einfach psychisch krank? Leiden an einer Störung? Bedürfen besserer Diagnostizierung und pharmazeutischer Unterstützung? Ach. Wenn sich alles pathologisieren lässt, gibt es nichts Böses und nichts Schlechtes mehr. Dann kann Shakespeare zusammenpacken.

Ein weißes Reh! Träum ich, spinn ich? Es ist halb sieben in der Früh, grün sind erst die Hainbuchen und ein paar Teppiche von Waldmeister, sonst ist der Wald ist noch mehrheitlich braun, und plötzlich springt aus dem Braun etwas Weißes hoch und rennt. Ein weißes Reh! Ein Hund ist es nicht. Es sieht aus wie ein Reh und bewegt sich wie ein Reh, und warum soll ich meinen Augen nicht trauen? Ich schau ihm nach, es bleibt kurz stehen, bevor es oben am Hang zwischen den Bäumen verschwindet. Hallo, du Sonntagmorgenmärchenreh, du sagenhafte Hindin, bin ich jetzt gar verzaubert? Nein, alles noch gleich: das Nachhausetrampeln, das Schuheabstreifen, das Computerhochfahren, das Googeln: Weiße Rehe gibt es, 2017 hat man eines im Bernbiet gesichtet, 2018 eins im Schaffhausischen … und mein wundersames Weißreh wird wohl auch bald irgendwo registriert sein.

Ich mache Kukelure. Das ist ein norwegischer Ausdruck für »Dasitzen-und-nichts-tun-außer-den-Gedanken-den-Lauf-lassen«. Ein bisschen dazu gehört laut Wörterbuch auch noch »Aufschieben-was-zu-erledigen-wäre«, das schafft Freiraum im Kopf. Ich mache also Kukelure, und es gelingt mir schlecht. Meine Gedanken fliegen nicht auf und davon, sondern bleiben penetrant kreisend über Dingen, die ich heute Abend oder morgen oder bis Ende April erledigen will/möchte/müsste. Schande, ich bin extrem schlecht im Kukeluren. Vielleicht sollte ich es üben. Jeden Tag eine Viertelstunde vor den Mahlzeiten. Aber so ein Stundenplan widerspricht wohl der Philosophie des Kukelurens. Morgen werde ich es nochmal versuchen, ich möchte es gerne können. Das Wort ist schon mal schön.

Drei Stunden lang saßen wir in absoluter Schwärze, im Restaurant »Blinde Kuh«. Jegliches Licht war verboten, Uhren mit Leuchtziffern hatte man vorher abzulegen. Blinde Menschen führten uns an den Tisch, berieten und bedienten uns. Weil wir sicher waren, irgendwann wieder hinaus ans Licht zu gelangen, war es vergnüglich. Ob man gierig fraß oder lustlos stocherte, ob man sich vollkleckerte oder die Finger abschleckte, ob man gähnte oder die Ohren zuhielt oder ein falsches Lächeln aufsetzte – niemand sah’s. Laut und lustig ging’s zu. Es war der Geburtstag des 15jährigen Enkels, wir suchten in der Schwärze über dem Tisch nach seinem Glas, um anzustoßen. Was ich ihm wünschte: Licht. Licht bei allem, was ihm gelingen sollte. Hab’s ihm aber nur stumm gewünscht. Er mag es nicht pathetisch.

Noch kein Frühling auf der Alpensüdseite. Das Gras noch kurzgeschoren, das Vogelgezwitscher dünn, die Bäume kahl, und die Sonne wärmt nur geizig. Wenig tut sich ringsum, das Dröhnen der Motorsensen kommt erst später im Jahr. Nur unter dem großen Kastanienbaum ist ganz schön was los: primavera!, primavera!, propagieren tausend Primeln, tausend gelbe Tupfen hupfen, und plötzlich hebt einer ab und flattert davon. Eine fliegende Primel! Nein, ein Zitronenfalter. Also doch Frühling auf der Alpensüdseite.

»Wer hat Gott gemacht?«, habe ich mich als Kind gefragt. Mit anderen Worten: Was war vor dem Urknall? Heute gibt es erstens die Theorie der sogenannten Schleifenquantengravitation, nach der der Urknall so etwas wie ein Nadelöhr war, durch das sich ein älteres Universum hindurchgezwängt hat. Zweitens gibt es die Theorie, der Urknall sei der Zusammenprall zweier Universen in einer elfdimensionalen Raumzeit. Drittens gibt es die Theorie vom Multiversum, bestehend aus unendlich vielen Paralleluniversen – mit je einem eigenen Urknall. Fazit: Nichts ist verstörender als Unendlichkeit, und je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man.

Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft. Sowohl O. wie ich haben frühe Erinnerungen an Mirabellen – wir werden also ein Stück Vergangenheit in unseren Garten pflanzen. Ich weiß noch gut, wie meine Mutter jeweils nach der Mirabellenernte in die Äste hochschaute und sagte: Ich danke dir, o Baum. Das fand ich ein bisschen peinlich – einerseits wegen des »o« und anderseits wegen meiner Zweifel, ob der Baum meine Mutter hörte. Als sie gestorben war, vor zwanzig Jahren, griff ich noch ab und zu zum Telefonhörer, um ihr etwas zu erzählen, und dann fiel mir erst ein, dass sie tot war und ich den Hörer wieder hinlegen musste. Jetzt grad würd ich sie zu gern wieder anrufen: Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft! Weißt du noch? Ich würde vielleicht noch sagen, dass mir der Name Mirabelle gefällt, und dass ich ein Mädchen eher Mirabelle als Zwetschge taufen würde, und meine Mutter würde lachen.

Das Wahlplakat am Straßenrand ist umgestürzt, jetzt blicken der Kandidat und die Kandidatin der Grünliberalen zum Himmel. Ein Mädchen und ein Junge knien davor, das Mädchen schmiert der Kandidatin feuchte Erde ins Gesicht. Die sieht nun aus, als sei sie kopfvoran in einen Kuhfladen gefallen, und die Kinder lachen sich quietschend halbtot. Nun setzt das Mädchen an, auch noch den Kandidaten kackebraun einzuschmieren, da wehrt sich der Junge. »Den nicht!«, sagt er. »Doch!«, sagt das Mädchen. »Nein!«, sagt der Junge. »Warum?«, sagt das Mädchen. »Einfach!«, sagt der Junge. Ich muss leider weiter und erfahre nicht, warum der Junge den Kandidaten schonen will. Kaum aus politischen Gründen, die Kinder sind zu klein, sie können noch nicht mal lesen. Der Kandidat hat eine Teilglatze. Vielleicht hat der Vater des Jungen auch so eine? Au weia, immer diese offenen Fragen ...

Kaufsucht, Internetsucht, Koffeinsucht, Putzsucht, Streitsucht, Sammelsucht, Trunksucht, Eifersucht, Spielsucht, Tobsucht, Mondsucht, Tätowiersucht, Zuckersucht … Ich leide an keiner dieser Süchte, zwei davon kämen unter Umständen eventuell mal in Frage, und ich müsste sie dann bekämpfen. Würd ich halt machen. So gut es eben ginge. Nicht kämpfen möchte ich gegen die Sehnsucht, nie. Sie will ich behalten, auch wenn sie wehtun kann. Und ungefragt kommt. Und in alle Richtungen schweift. Sehnsucht muss sein.

Heute ist es minus zehn Grad. Mit dem Nordwind wirken die minus zehn wie minus zwanzig. In dieser ungewöhnlichen Kälte zerbrechen die Glasmasken vor den Gesichtern. In Tram und Bus schauen die Leute einander in die nackten Augen und machen verwundert den Mund auf. Sie reden! Über zu enge Leggings, ein Ehemann mit Grippe und schlechter Laune, erfrorene Geranien, das Wetter im Jahr 1963, Trump, der an der Kopf fröre, ein Loch im neuen Handschuh, einen geizigen Vermieter, die heiße Schokolade bei Sprüngli, Ohren im Alter und die frisch geschiedene Tochter. Heißa, ist das kalt! Weil alle so dick verpackt sind, nestelt kaum jemand ein Handy hervor, das wäre zu umständlich, und ohnehin gibt es rundum grad genug zu hören.

Es gibt Menschen, die ziehen immer den Kürzeren. Sie möchten vielleicht gar nicht den Längeren ziehen, sie wären zufrieden mit dem gleich Langen, aber den gibt es nicht. Also ziehen sie den Kürzeren. Sie haben zwei Möglichkeiten zu reagieren: Sie bäumen sich unentwegt auf und schlagen zu und werden erfolglose Kämpfer. Oder sie bitten jeweils gleich bei der Ziehung um den Kürzeren und werden frustrierte Seelen. Ich weiß nicht, was trauriger ist. Es gibt auch Völker, die immer den Kürzeren ziehen, nachzulesen zum Beispiel in der Geschichte der Kurden. Gerade jetzt, einmal mehr, versuchen sie verzweifelt, sich zu wehren. Und die Welt schaut zu.

Zum ersten Mail in meinem langen Leben war ich an einem Morgestraich, fuhr also mit dem Extrazug um zwei Uhr frühmorgens von Zürich nach Basel und wanderte hoch zu den Gässchen rund ums Münster ,wo sich kleinere Cliquen besammelten. Streng blickten die alten Bürgerhäuser auf das Treiben der Nacht. Kurz vor vier wurde nur noch geflüstert, Punkt vier ging die Straßenbeleuchtung aus. Schwärze, Stille. Die Piccolos hoben an, die Trommeln setzten ein und im Schein von Lämpchen und Laternen machten sich die Cliquen langsamen Schritts auf den Weg. Ein kleines Glück sprang mich und sagte: Wenn du weinen willst, mach nur.

Ich fror. Lag im Bett und spürte die Kälte an den Füssen. Hielt mir die Hände ans Gesicht, sie waren eisig. Ich muss mir eine zweite Decke holen, dachte ich, so geht das nicht weiter. Ich linste aus dem Kissen und sah, dass die Katz am Fenster saß. Sie zitterte, und ihr dünner Schwanz hing vom Fensterbrett und wurde immer länger. Seltsam, das hatte ich noch nie gesehen. Und ist es nicht so, dass sich bei Kälte eher etwas zusammenzieht als ausdehnt? Mit einem Schlag war ich wach. Weg der eisige Traum. Ich lag herrlich warm in meinem kuscheligen Deckennest, und die Hände fühlten sich fast an wie Brötchen aus dem Ofen.

In meinem neuen Buch zitiere ich aus den Tagebüchern von Tolstoi einen Satz, den ich mir mal notiert habe. Wo und wann ist der betreffende Tolstoi-Band erschienen, wer hat ihn übersetzt, und auf welcher Seite steht der Satz? Das möchte mein Verlag aus Copyrightgründen von mir wissen. Ich gehe die Tagebücher durch und finde den Satz nicht mehr, einfach nicht! Ich maile dem Tolstoi-Museum in Jasnaja Poljana: Bitte, bitte, wissen Sie, wo der Satz steckt? Es dauert keinen Tag, und schont mailt mir die freundliche Elena zurück: Ich habe den Satz gefunden! Tagebuch von 1901, Eintrag am 26. Dezember. Ich bin sprachlos – wie schnell und klein ist die Welt geworden. Jasnaja Poljana, ehemals Tolstois Landgut, liegt etwa 220 km südlich von Moskau. Als er das Gut im Alter von 18 Jahren erbte, gehörten dazu noch drei Dörfer und 300 Leibeigene. Das war vor 172 Jahren. Statt damals als Leibeigene oder Gutsfrau lebe ich lieber heute und lasse Sätze sausen durchs Netz.

Bin auf Spitalbesuch. Die Patientin hat sich übergeben und liegt geschwächt und bleich im Bett. Eine Frau kommt geräuschvoll ins Zimmer und mit ihr ein Schwall von Energie. »Naaa? Ich komme wegen des Essens! Was hätten wir denn gern?« Die Patientin winkt müde ab. »Geschnetzeltes an Jägersauce mit Rosenkohl?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, was riecht. »Dann ein Birchermus?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das wie Gekotztes aussieht. »Oder eine Broccolisuppe?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das sich wie Gewürgtes anhört. »Vielleicht ein bisschen Kartoffelbrei?« schlage ich schüchtern vor. Dankbarer Blick der Patientin. Der Kartoffelbrei wird notiert. »Und morgen? Was hätten wir denn morgen gern? Hörnli und Ghackets?« (Übersetzung für Menschen nördlich des Rheins: kleine gebogene Teigwarenröhrchen und gehacktes Fleisch – mit dem Aussehen von schon mal Gegessenem) Die Patientin schließt die Augen. 

Die Air Force One mit dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump fliegt sozusagen über unser Dach, bevor sie in Kloten landet. Ich schaue nicht nach oben. Ich reiße auch nicht meine insgesamt zwölf Schneeglöckchen aus, um sie gegen den blauen Himmel zu schwenken. Und als kurze Zeit später sechs Helikopter Richtung Davos knattern, frage ich mich nicht, in welchem der demokratisch gewählte US Präsident Donald Trump wohl sitzt. Ich frage mich stattdessen, ob ich mich mitten auf die Wiese stellen soll, um dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump meine alte Schweizer Zunge herauszustrecken, aber da überfällt mich plötzlich ein derart wildes Kopfschütteln über den demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump, dass ich nicht mehr weiß, wo meine Zunge ist. »Was hast du?«,fragt die Katz. »Politischen Schüttelfrost«, sag ich, und die Katz gähnt.

Manchmal freu ich mich, wenn ich etwas vergessen habe. Wie hieß der noch? Wo war das schon wieder? Brauch ich das zu wissen? Nein. Und zum Glück fällt es mir nicht mehr ein. Mit dem fortlaufenden Vergessen schaffe ich in meinem Gedächtnis fortlaufend Platz für Neues. Ich habe gelesen, dass ich rund 2.5 Mio. Gigabyte an Daten speichern kann, was etwa der Datenmenge von 300 Jahren Nonstop-Fernsehen entspricht – interessant, aber egal, wenn ich es wieder vergesse. Vergessen können ist eine wunderbare Fähigkeit. Dem berühmten Gedächtniskünstler Solomon Schereschewski fehlte sie. Er wurde von den Details seiner Erinnerungen überschwemmt. Wollte er unbedingt etwas vergessen, schrieb er es auf einen Zettel, um es so zu entsorgen. Doch das gelang ihm nur selten. Auch das Verbrennen des Zettels war erfolglos. Er bekam sein Leben übrigens nicht in den Griff und starb als Alkoholiker. Ich schreibe auf Zettel, was ich unbedingt nicht vergessen will. Überall liegen meine Zettel, wie Herbstlaub.

Vor Kurzem habe ich jemanden bestochen, das war auf dem Flughafen in Island. Ich habe die Frau am Ticketschalter geschmiert. O. und ich wollten zwei Plätze nebeneinander haben, aber die Frau schüttelte den Kopf. Da sei gar nichts zu machen, nur noch Einzelplätze. »Bitte«, haben wir gesagt, »der Flug dauert neun Stunden, und wir …« Die Frau schüttelte wieder den Kopf, und da fiel mir ihre Frisur auf, eine kompliziert gewundene Flechtkrone, so etwas wie ein kirchlich gesegnetes Hochzeitsgebäck. »Sie haben eine schöne Frisur«, log ich. »Danke«, sagte die Frau und verzog dabei keine Miene, auch nicht, als sie plötzlich doch noch zwei Plätze nebeneinander fand.

Ich neugiere, du neugierst … das Verb gibt es nicht, aber trotzdem tu ich’s dauernd. Im Spitalzimmer, wo ich meine Schwester besuche, neugiere ich hinüber zur Frau im Nachbarbett. Sie liest in einem Heft und seufzt, und ich finde heraus, dass sie in den unteren Regionen faules Fleisch hatte, wie sie sagt, und danach eine Infektion, und dass man sie nach sechs Wochen immer noch nicht nach Hause lässt. Ich neugiere weiter, als die Frau ihren großen Umfang in einen Morgenmantel wickelt und das Zimmer verlässt. Das Heft liegt aufgeschlagen auf ihrem Bett und heißt »Arztroman Klassiker«. Ich neugiere und lese hastig einen Satz. »Stefanie setzte sich in ein Café und überlegte angestrengt, wie sie Jan versöhnen könnte.« Ich lese noch das Namensschildchen über dem Bett, die traurige Frau heißt überaus lustig, und plötzlich ist meine Neugier im Eimer. In einem lindengrünen Spitaleimer mit Fußbedienung.

 
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