Manchmal zerspringt mir beim Zeitunglesen der Kopf – diese verrückte Fracht an Mitteilungen! Herr Trump, US-Präsident, will eine Armee im All, sagt »Wir müssen den Weltraum dominieren.« Im versteinerten Kokon eines Gürtelwurms in der Antarktis hat man die bislang ältesten Spermien der Welt gefunden, sie waren vor 50 Millionen Jahren aktiv. Menschenfreund und Weltverbesserer Voltaire hat sein Vermögen in Aktien des Sklavenhandels angelegt, mit riesigem Gewinn. Ein KI-basiertes – also mit künstlicher Intelligenz geschaffenes – Gedicht ist in den Band »Frankfurter Bibliothek« der Brentano-Gesellschaft aufgenommen worden. Die letzten zwei Zeilen lauten »Du erklirrende, entheilende Gestalt. / Züchtiger Glaube erbleicht die Seele.« Wie gesagt, manchmal zerspringt mir beim Zeitunglesen der Kopf.

»Es floh ein Floh aus Gütersloh«, den Vers hab ich heute Nacht geträumt, hab auch gleich noch einen Titel dazu gefunden: »Verfluchte Flucht«, und dann habe ich mir im Traum befohlen, weitere Verse mit passendem Kleingetier dazuzuschmieden. Ich versuchte noch was mit »Laus«, worauf mich wohl eine gigantische Woge Tiefschlaf überrollte. Beim Erwachen am Morgen waren der Floh und die Laus gleich wieder da, samt dem Befehl weiterzudichten. Nein, meine Lieben, das geht zu weit, Traum ist Traum, und Tag ist Tag, jetzt lasst mich in Ruh. Obwohl, ich wüsste da was, auf Laus reimt Reißaus, und das passt doch haarscharf zum Titel …Blödsinn, also wirklich, ich steh jetzt auf.

Emma hört mich nicht, trotz ihrer großen Ohren, läuft einfach weiter. Ich bin es nicht gewohnt, dass man überhaupt nicht reagiert, wenn ich etwas sage. Emma, warte doch!, rufe ich und renne an ihre Seite. Emma, jetzt hör mir mal zu. Sie bleibt stehen und schaut mich aus tiefgründigen dunkelbraunen Augen an. Was willst du, scheint sie zu fragen und macht mit ihren Stirnfalten ein paar Ausrufezeichen dazu, können wir nicht einfach still und friedlich durch den Wald laufen? Ach Emma, entschuldige, so lange sind wir schon Nachbarinnen, und ich habʼs trotzdem wieder vergessen: bist ja taub, stocktaub. Und dann wandern wir weiter, ein alter Hund und eine alte Frau, durch das alte grüngoldene Gehäuse aus Baumstämmen und Laubkronen.

Freunde sitzen mit uns zu Tisch. Dicke, noch sonnenwarme Tomatenscheiben liegen wunderbar duftend auf den Tellern. Was für eine verschwenderische Tomatenernte! Aber bald ist Schluss damit, bereits geistert ein bisschen Herbst durch den Garten. »Ich freu mich schon auf den nächsten Sommer«, sage ich und möchte mir auf die Zunge beißen. Denn eine von uns Vieren hat vorhin tapfer erzählt, dass ihre Krankheit wohl nicht aufzuhalten ist, dass sie nicht weiß, ob die Therapie etwas bringt oder nicht und ob sie einen nächsten Sommer haben wird. Wie ich sind wohl alle am Tisch über meinen unbedachten Satz erschrocken. Dann nicken wir uns zu und stoßen an. Und du, tapfere Freundin, wirst auch im nächsten Sommer mit uns Tomaten essen, abgemacht?

Der Fotograf war da – der Verlag will neue Bilder von der Autorin Waldis. Ich möchte mich von der besten Seite zeigen, aber ich habe altershalber keine beste Seite mehr. Hängebacken, Doppelkinn, Schlapplider, Labialfalten und übers ganze Gesicht ein Gerunzel – Tatsachen. Manchmal hilft ein Lächeln, die Tatsachen ein bisschen zu verwischen. Aber bald bin ich des Lächelns müde. Mein Gesicht wird nach und nach so steif wie ein Hühnerschnitzel im Tiefkühlfach. Die Begleiterin des Fotografen sucht mich zu entspannen: »Schulter runter!« »Augen zu!« »Tief durchatmen!« Das hilft schlagartig. Plötzlich ist es mir ganz egal, wie ich aussehe. Hauptsache, ich hab ein Gesicht. Das ist doch schon mal was!

Die Demokratie ist die bestmögliche Staatsform, und die direkte Demokratie ist bestmögliche Demokratie, und in so einer leb ich. Kann mitdenken, mitbestimmen. Hab ich immer gedacht. Doch seit einiger Zeit gibt es Schattenflecken über Europa, graue Gebilde aus Nationalismus und Populismus, erst flackerten sie nur ein wenig über dem einen und anderen Land, dann wurden sie grösser und blieben. Auch über der Schweiz ist dieses Flackern zu spüren, es hat sich von ganz rechts genähert und befindet sich bald über der Mitte des Landes. In Bundesrat und Parlament gibt es Entscheide, die mich erschrecken, und zum ersten Mal spüre ich, dass mich die altgewohnte Zuversicht als Bürgerin verlässt, und das fast vergessne Wort »Verzagen« drängt sich nach vorne.

Sommer 2018 ist ein Hitzesommer. Der letzte Hitzesommer war 2003. Vielleicht dauert es wieder fünfzehn Jahre bis zum nächsten. Dass ich den erlebe, ist unwahrscheinlich. Wie schön ist es, aus dem Haus zu kommen und die kühlen Hände auf den heißen Blechtisch zu legen, barfuß über warme Steinplatten zu rennen, eine Tomate schon fast gekocht vom Strauch zu pflücken, die Schattenplätzchen der Katz zu entdecken, wieder mal tropfend zu schwitzen, durch die himmelgeheizte Altstadt zu schlendern, ganz ohne Bibbern in den nahen See zu tauchen. Ja, weiß ich: Klimaerwärmung, Missernten, Waldbrände, Wassermangel. Trotzdem. Hitzesommer, es war schön mit dir. (Hitzewinter gibt es zum Glück noch nicht mal als Wort.)

Damit die Efeuhecke nicht zu schwer wird und kippt, muss sie jedes Jahr geschnitten werden. Ich knipse also Zeig um Zweig, »klp«, »klp«, »klp« macht die Schere, dann plötzlich »klep«. Aha, da wächst ein fremder Zweig aus der Hecke, ein Hartriegel oder so was. Aha, der Efeuschnitt klingt anders als der Hartriegelschnitt. Aha, ich bin einer Erkenntnis auf der Spur. Schneidend geh ich durch den Garten… Holunder, Lorbeer, Rebe, Rose, Hortensie, alle klingen sie anders beim Schnitt. Kein Wunder, sind die Zweige doch weich oder hohl oder dick oder dünn oder alt oder neu. Würde ich durch die Straßen gehen und Leute kneifen, würde diese auch alle anders klingen. Ha! Meine großartige Erkenntnis ist wieder mal nichts als eine Banalität.

»Unsere herrliche Welt« war der Untertitel der Zeitschrift »Pan«, die 1980 im Burda-Verlag herauskam. Es ging um gefällige Kunst und schönes Ambiente und lauter positive Meldungen aus unserer herrlichen Welt. Pan konnte sich nicht lange halten, denn lauter Schönes bringt den Mensch zum Gähnen. Zurück aus dem Ferienhaus werde ich darum nicht von Granatapfelblüten, Lavendelduft und Sternschnuppen erzählen, sondern ausschliesslich Unschönes. Erstens: Gerardo hat das Gelände zwar gemäht, ist aber krank geworden, hat alles stehen und liegen lassen …riesige Heu-und Krauthaufen – also mussten wir schleppen und schwitzen. Zweitens: Der böse Nachbar hat hinterrücks beim Friedenrichter ein Gesuch eingereicht, das uns das Parkieren verbieten soll … riesige Frechheit – also mussten wir schimpfen und streiten. Drittens: Der Wasserzufluss im Badezimmer – ach was, porca miseria, ich hör jetzt besser auf. Lieber das noch: Die rosafarbene Traube gedeiht ganz wunderbar.

Da gibt es einen Mann, der macht sich stark für das Frauenstimmrecht, gegen Antisemitismus, für das Asylrecht, gegen Körperstrafe, für den Pazifismus, gegen Kolonialismus, für den Tierschutz, gegen den Nationalismus, für die Totalrevision der Bundesverfassung … Ja und? Der Mann ist kein Heutiger, er lebte von 1842 bis 1911! Josef Victor Widmann, Rektor und Redaktor. Mann, du machst mir Eindruck. Wenn’s doch nur mehr gäbe von deinem Kaliber. Und dann hat der feine Mensch auch noch Robert Walser entdeckt sowie Hodler und Huch und Hesse gefördert. All das gelesen heute im Tages-Anzeiger – und gedacht: Ich hätte kämpferischer sein müssen in meinem bereits langen Leben.

Wer soll an meiner Abdankung spielen? Nein, kein Organist, nicht mal für ein Präludium von Bach. Auch gesungen soll nicht werden. Nicht mal »Die Gedanken sind frei«, da würde ich weinen, wenn. Eine Amsel soll spielen, nur eine Amsel. Wer soll zu meiner Abdankung erscheinen? Nein, keine Freunde. Aber die große Linde, die möchte ich dabei haben, und zwar im Junidress, mit etwas Duft und Bienensummen. Und zum Schluss hätte ich gern, dass sich eine Katze so wunderbar vollendet niederlässt. Das wäre dann sozusagen das Amen.

Nach unserer Rast am See war O.s Veloschlüssel verschwunden, vom Erdboden verschluckt. Oder von den Enten? Wir suchten das Wiesenstück ab, erst flüchtig, dann minutiös. Nichts. Der Schlüssel hatte sich davongemacht, vielleicht zum Schloss, um die Prinzessin zu freien. Während sich O. ums blockierte Velo kümmerte, begann ich mit der Suche noch mal von vorne, scannte Gras und Dreck in kleinsten Schritten. Und was fand ich da? Einen Schlüssel! Aber einen anderen. Sah aus wie ein Hausschlüssel. Ich hörte mit Suchen auf und begann mir auszumalen, wem der Schlüssel gehörte, wie dessen Haus aussah, wen er darin eingesperrt hatte und was für einen grausligen Fortgang die Geschichte nehmen würde.

Wie weiland Rousseau habne wir im Kloster – jetzt ein Hotel – auf der St. Petersinsel genächtigt, wenn auch nicht in seinem Bett. Dieses kann man nur besichtigen. Neben seinem Bett gibt es eine geheime Klappe im Boden, durch sie hätte Rousseau den Berner Schergen entkommen können. Im Fenster sieht man den Bielersee mit Schaumkronen, grüngrüne Wiesen und friedlich grasende Angus Rinder. Hier habe er die schönste Zeit seines Lebens verbracht, schrieb Rousseau später. Nach sechs Wochen floh der stets Verfolgte weiter nach England. Als revolutionärer Denker und Pädagoge hatte er Zeit seines Lebens Feinde aller Art. Das hielt ihn nicht ab zu behaupten, der Mensch sei von Natur aus gut. Ist er das? Vom Beobachtungsturm im Wald blicken wir über Auen und Schilf in die Weite, Sturmwind faucht durch die Baumkronen, und im Dachbalken steht eingeritzt: »Free Öcalan!« Der Kurdenführer ist seit 1999 auf einer türkischen Gefängnisinsel eingesperrt.

Beim Laufen frühmorgens im Wald springt mich von hinten ein Gedanke an. Er lautet: Ein Agnostiker ist nicht abgeneigt zu glauben, dass er in der Wüste einen Steinpilz finden könnte. Denk mich fertig, sagt der Gedanke. Mach ich, sage ich, aber lass mich erst zu Hause googeln, warum der Agnostiker so heißt, kaum wegen des Agnus Dei. Agnos, sagt Google, ist eine Pflanze und heißt auch Mönchspfeffer. Mit ihren scharfen Samen würzten sich Mönche das Essen und schwächten ihren Geschlechtstrieb. Denn dafür war Agnos bekannt und hieß drum auch Keuschlamm oder Liebfrauenbettstroh. Der Agnostiker hat damit aber nichts am Hut oder in der Hose. Das Wort kommt von griechischen ágnostos für »nicht erkennbar«, und für den Agnostiker ist Gott zwar nicht erkennbar, aber deswegen nicht unbedingt inexistent. So weit, so klar. Und was mach ich nun mit dem Gedanken vom Agnostiker und der Wüste und dem Steinpilz? Ich nehm ihn morgen in der Früh wieder mit in den Wald.

Der Sommerhauch ist gestern heiß und gelb über den Garten gestrichen: Nacht- und Königskerzen, Kürbis- und Zucchettiblüten leuchteten unerwartet auf. Heute Morgen war der Sommerhauch noch heißer, jedoch blau: Phlox und Storchenschnäbel blauten aufs Mal wie wild. Der Sommer ist abends jetzt sehr lange auf, er wird wohl noch den einen oder andern Drink kippen, bevor er umsinkt. Je nachdem, was er intus hat, haucht und faucht er dann am nächsten Tag gelb, blau oder violett über unseren Garten. Einen Campari Orange müsste er bald mal trinken, damit in seinem Hauch die Malven endlich sanft bis tief erröten.

An der Zürcher Hochschule der Künste habe ich mir die ausgestellten Diplomarbeiten angeschaut. Beeindruckend, wie professionell die jungen Diplomanden arbeiten, wie viel sie erfinden und überdenken. Dass sie auch bereits an den Tod denken, hat mich ein bisschen gewundert. In der Abteilung Design wurde zum Beispiel ein Automat für Friedhöfe entworfen, der diverse Hilfsmittel für Trostaktionen ausspuckt: Seifenblasen, Ballons, Straßenkreide. Und ein anderes Projekt nennt sich »Lightfuneral«, es soll Asche in ein einzigartiges Plasma-Lichtspiel verwandeln und damit Türen zu neuen Abschiedsritualen öffnen. Meine nicht sonderlich überraschende Einsicht auf dem Nachhauseweg: Wer an den Tod denkt, denkt ans Leben.

Zum ersten Mal im Leben habe ich einen Leserbrief geschrieben und an Tages-Anzeiger und NZZ geschickt. Er ist nicht erschienen. So hätte er gelautet: »Mischt euch nicht in fremde Händel, soll Bruder Klaus gesagt haben. Das haben wir soeben getan: Wir liefern Waffen in fremde Händel. Der Bundesrat hat am 15. Juni beschlossen, ›unter gewissen Umständen Kriegsmaterialausfuhren nach Ländern , die in einen internen bewaffneten Konflikt verwickelt sind, zu bewilligen.‹ Ich bin entsetzt. Die betreffenden Bundesräte sind wohl kaum so naiv zu glauben, das Schweizer Material werde nicht in bewaffneten Konflikten eingesetzt. Sie haben aus rein wirtschaftlichem Kalkül entschieden. Das geht nicht in einem Land, das sich für seine Neutralität und humanitäre Tradition rühmt. Über Waffenexporte muss in Zukunft das Parlament entscheiden – und allenfalls das Volk mittels Referendum.«

(Der Brief war viel zu artig. Tut mir leid.)

Gestern registrierte der mexikanische Erdbebendienst eine Erschütterung. Genau 3 Minuten und 7 Sekunden nach Beginn des Spiels Deutschland gegen Mexiko. Da schoss der Mexikaner Hirving Chucky Lozano an den Weltmeisterschaften in Moskau ein Tor, worauf in Mexiko City Zehntausende von Fans gleichzeitig hochsprangen. Von einem »Erdbeben der Freude« sprachen die Seismologen, einer seismischen Beschleunigung von 37 Meter pro Quadratsekunde, auf der Richterskala nicht messbar und für Menschen nicht spürbar. Ein erschütterndes Beispiel dafür, dass alles eine Reaktion auslöst, auch ein Schmetterling, der abhebt.

Alt ist man, wenn einem kein Auto mehr vermietet wird, alt ist man, wenn die mal strammen Oberschenkel ungebügelt aussehen, alt ist man, wenn man den Namen der Autorin vergisst, deren Buch man gerade gelesen hat, alt ist man, wenn einen von dem ganzen Kulturkuchen nichts gelüstet, alt ist man, wenn man im Tram freundlich angelächelt wird, alt ist man, wenn die braunen Flecken nicht mehr Sommersprossen heißen, alt ist man, wenn ein junger Hund einen überleben würde, alt ist man, wenn man glaubt, alles schon mal gehört zu haben, alt ist man, wenn es den Füssen nicht mehr egal ist, welche Schuhe sie tragen, alt ist man, wenn sich Ereignisse häufen, die sich nicht wiederholen, alt ist man, wenn die Liebe nicht mehr flattert, sondern schwebt.

Schon im 18. Jahrhundert wurde auf dem Zürcher Platzspitz ein Park angelegt, ein spätbarocker Lusthain. Ein paar der heutigen gigantischen Platanen sind damals gepflanzt worden. Aus dem Lusthain wurde zweihundert Jahre später ein Drogenparadies, genannt Needlepark . Zwei- bis dreitausend Suchtkranke deckten sich hier täglich mit Drogen ein, und vielen half der unkonventionelle Obdachlosenpfarrer Sieber aus ihrem Elend heraus. Heute, an einem schönen heißen Tag, im längst wieder drogenfreien und familientauglichen Park, versammelt man sich, um an Sieber zu denken. Vor ein paar Tagen ist er gestorben. Es gibt Reden, Musik und Gratiswurst. Den meisten, die hier feiern, hat das Leben mal übel zugesetzt. Es sind keine schönen Gestalten mehr. Ich bin berührt. Und ich bin beschämt. Weil ich sie, hinter der Sonnenbrille getarnt, anstarre wie exotische Wesen und nicht in Siebers Sinn wie Brüder und Schwestern.

Einen ganzen Tag brauchte ich – mit Schere, Leiter und viel Körperverrenkung – für die Operation Granatapfelbaum. Der war mit einer so dichten Geißblattdecke überwachsen, dass man von ihm kaum noch was sah. Geißblatt ist eigentlich ganz schön, die Blüten duften sogar, sowohl Bienen wie Nachfalter mögen es. Ich, Mensch, mag es nicht. Ich will den Granatapfel, er macht unseren Tessiner Garten leicht exotisch. Also schnitt, zerrte, rupfte, riss ich verbissen die robusten Geißblattstränge weg, und langsam kam der fast erstickte Baum wieder ans Licht, »punica granatum«, rotbraune Rinde und glänzendes Laub. Es war, als zeige jemand nach Wochen wilden Wahns wieder den wahren Charakter. Hallo Granatapfel, sagte ich, jetzt mach auch endlich mal ein paar Früchte. Hallo Mensch, sagte er, jetzt lass mich endlich mal in Ruhe.

O. fand, das sei Guguus, auf Hochdeutsch: Blödsinn, dummes Zeug. Trotzdem ließ er zu, dass ich mit meiner auch seine Speichelprobe an MyHeritage in die USA schickte. Es hieß, man würde uns mitteilen, welche Ethnien aus unserer DNA ersichtlich sind. Nun ist das Ergebnis da, und laut dessen bin ich: 53.8% Nord- und Westeuropäerin, 24.7% Ibererin, 12.4% Osteuropäerin, 5.7% Balkanbewohnerin, 3.4% aschkenasische Jüdin. Meine Zusammensetzung ist anderen ja wohl so was von egal. Nur mir bin ich so saumäßig wichtig. Darum wollte ich es wissen, ob Guguus oder nicht. So, und was mach ich nun mit den neuen Tatsachen? Bin nicht schöner und nicht gescheiter geworden. Hab nur ein Stück Papier mehr und weiß nicht, wohin damit.

Ich könnte mir ein Soundwave Tattoo stechen lassen, also das Abbild der Schallwellen einer geliebten Stimme zum Beispiel. Diese sehen aus wie die Aufzeichnung eines Monitors in der Intensivstation. Oder wie die Unterschrift des US-Präsidenten Trump. Ich könnte mir also das Tattoo auf Arm oder Bein stechen lassen und dann das Smartphone mit der passenden App drüberhalten und – oh Wunder – die geliebte Stimme hören. Mal was Neues. Mal was neues Dummes. Denn wenn ich für das Wunder ohnehin ein Smartphone brauche, warum lass ich mich dann vorher stechen? Warum höre ich das Wunder nicht direkt auf dem Smartphone ab? Oder warum gehe ich nicht einfach in den Garten und höre mir die geliebte Stimme live an? Amsel, sing!

Ich habe angefangen, die Wörter aufzuschreiben, die ich vergessen und nur mit viel Aufwand aus der Tiefe wieder herausgeangelt habe. Am schlimmsten ist es nachts im Bett, wenn mir ein Name partout nicht mehr einfällt und ich vergeblich das ganze Alphabet durchgehe. Das ärgert mich manchmal derart, dass ich aufstehe und den entlaufenen Begriff im Internet auf Zickzackwegen wieder einfange. Es kommt auch vor, dass mir mitten auf dem Waldspaziergang ein Mensch oder ein Ding in den Sinn kommt, ohne dass der Name dazu geliefert wird. Das ist, als hätte ich eine Konservendose ohne Etikett gefunden. Die Wörter im Mai waren bislang: Pelargonien, Herr Duttweiler, Yeti, Anne Tyler, Steigbügel.

Auf der Rückseite des Zürcher Opernhauses gibt es eine leicht verwitterte Inschrift in Gold: »Durch Bürgergunst geweiht der Kunst«. Äh, was heißt denn das? Gemeint ist, so lese ich nach, dass das Opernhaus 1890 von Privaten finanziert wurde. Inzwischen ist es das teuerste Kulturinstitut am Platz. Hauptsubventionsgeber ist der Kanton Zürich. So hat er zum Beispiel 2015 jedes Eintrittsticket mit 343 Franken subventioniert. Auch dieses Geld wiederum kommt von Privaten, nämlich von den Steuerzahlenden, auch von denen, die in großen Sätzen flüchten würden, wollte man sie zum Anhören von Lohengrin oder Nabucco oder Lulu zwingen.

Das Haus in dem ich aufgewachsen bin, hieß Villa Friedheim. So stand es auf einer kleinen Messingtafel beim Gartentor. Der Name passte nicht, in der Villa Friedheim war über die Jahrzehnte sehr viel Streit. Vielleicht finde ich es darum seltsam, dass man Gebäude tauft und anschreibt. In städtischen Gefilden gibt es das seltener oder nicht mehr, aber auf unserer Wanderung kürzlich am Vierwaldstättersee habe ich sehr viele getaufte Häuser gesehen: Haus Beatus, Anemone, Enzian, Heimetli, Seestern, Aurora, Sunneschy ... Statt dass mir warm ums Herz wurde, fror ich ein bisschen. Unsere freundliche alte Nachbarin  mit dem Garten voller Riesenkerbel kam mir in den Sinn. Ihr hatte man eine Freude machen wollen und bei Nacht und Nebel die schmiedeiserne Inschrift »Kerbelparadies« an ihre Hauswand appliziert. Sie fand das scheußlich, aber ließ es aus Höflichkeit stehen – und starb im Kerbelparadies.

Auf meinem Handy habe ich allerlei Apps, die dadurch, dass sie so viel können, mir etwas unheimlich sind. Da gibt es zum Beispiel den Peakfinder, der zeigt, wie die Bergspitzen heißen, die ich sehe oder sehen würde, wenn nicht Bäume oder Nebel sie verdeckten. Oder da gibt es die Sprachmemo, die aufzeichnet, was ich höre, etwa den Vogelgesang im Garten morgens um sechs. Dass ich nun mitten in schwarzer Nacht den Vögeln lauschen oder mitten im Nebel die Berge bestimmen kann, hat etwas Verstörendes. Ein bisschen komm ich mir vor wie der Amazonasindianer, der erschrak, als er den zähneputzenden Missionar mit Schaum vorm Mund sah.

Was ist krank? War Kain krank, als er seinen Bruder Abel erschlug? War Pontius Pilatus krank? Oder Nero vielleicht? Waren die Glarner Ratsmänner krank, als sie Anna Göldi zum Tod verurteilten? Und wie krank war allenfalls Göring? Kränker als Goebbels? War der Terrorist vom Weihnachtsmarkt Berlin krank? Ist der Kinderschänder von Obermützbach krank? Ist der Vierfachmörder von Rupperswil krank? Sind Maßenhaltungschweinefabrikanten krank? Wie steht es mit dem Sexmaniac Weinstein? Gehört der amerikanische Präsident in eine Klinik? Sind alle, die schlechte Dinge tun, schlicht und einfach psychisch krank? Leiden an einer Störung? Bedürfen besserer Diagnostizierung und pharmazeutischer Unterstützung? Ach. Wenn sich alles pathologisieren lässt, gibt es nichts Böses und nichts Schlechtes mehr. Dann kann Shakespeare zusammenpacken.

Ein weißes Reh! Träum ich, spinn ich? Es ist halb sieben in der Früh, grün sind erst die Hainbuchen und ein paar Teppiche von Waldmeister, sonst ist der Wald ist noch mehrheitlich braun, und plötzlich springt aus dem Braun etwas Weißes hoch und rennt. Ein weißes Reh! Ein Hund ist es nicht. Es sieht aus wie ein Reh und bewegt sich wie ein Reh, und warum soll ich meinen Augen nicht trauen? Ich schau ihm nach, es bleibt kurz stehen, bevor es oben am Hang zwischen den Bäumen verschwindet. Hallo, du Sonntagmorgenmärchenreh, du sagenhafte Hindin, bin ich jetzt gar verzaubert? Nein, alles noch gleich: das Nachhausetrampeln, das Schuheabstreifen, das Computerhochfahren, das Googeln: Weiße Rehe gibt es, 2017 hat man eines im Bernbiet gesichtet, 2018 eins im Schaffhausischen … und mein wundersames Weißreh wird wohl auch bald irgendwo registriert sein.

Ich mache Kukelure. Das ist ein norwegischer Ausdruck für »Dasitzen-und-nichts-tun-außer-den-Gedanken-den-Lauf-lassen«. Ein bisschen dazu gehört laut Wörterbuch auch noch »Aufschieben-was-zu-erledigen-wäre«, das schafft Freiraum im Kopf. Ich mache also Kukelure, und es gelingt mir schlecht. Meine Gedanken fliegen nicht auf und davon, sondern bleiben penetrant kreisend über Dingen, die ich heute Abend oder morgen oder bis Ende April erledigen will/möchte/müsste. Schande, ich bin extrem schlecht im Kukeluren. Vielleicht sollte ich es üben. Jeden Tag eine Viertelstunde vor den Mahlzeiten. Aber so ein Stundenplan widerspricht wohl der Philosophie des Kukelurens. Morgen werde ich es nochmal versuchen, ich möchte es gerne können. Das Wort ist schon mal schön.

Drei Stunden lang saßen wir in absoluter Schwärze, im Restaurant »Blinde Kuh«. Jegliches Licht war verboten, Uhren mit Leuchtziffern hatte man vorher abzulegen. Blinde Menschen führten uns an den Tisch, berieten und bedienten uns. Weil wir sicher waren, irgendwann wieder hinaus ans Licht zu gelangen, war es vergnüglich. Ob man gierig fraß oder lustlos stocherte, ob man sich vollkleckerte oder die Finger abschleckte, ob man gähnte oder die Ohren zuhielt oder ein falsches Lächeln aufsetzte – niemand sah’s. Laut und lustig ging’s zu. Es war der Geburtstag des 15jährigen Enkels, wir suchten in der Schwärze über dem Tisch nach seinem Glas, um anzustoßen. Was ich ihm wünschte: Licht. Licht bei allem, was ihm gelingen sollte. Hab’s ihm aber nur stumm gewünscht. Er mag es nicht pathetisch.

Noch kein Frühling auf der Alpensüdseite. Das Gras noch kurzgeschoren, das Vogelgezwitscher dünn, die Bäume kahl, und die Sonne wärmt nur geizig. Wenig tut sich ringsum, das Dröhnen der Motorsensen kommt erst später im Jahr. Nur unter dem großen Kastanienbaum ist ganz schön was los: primavera!, primavera!, propagieren tausend Primeln, tausend gelbe Tupfen hupfen, und plötzlich hebt einer ab und flattert davon. Eine fliegende Primel! Nein, ein Zitronenfalter. Also doch Frühling auf der Alpensüdseite.

»Wer hat Gott gemacht?«, habe ich mich als Kind gefragt. Mit anderen Worten: Was war vor dem Urknall? Heute gibt es erstens die Theorie der sogenannten Schleifenquantengravitation, nach der der Urknall so etwas wie ein Nadelöhr war, durch das sich ein älteres Universum hindurchgezwängt hat. Zweitens gibt es die Theorie, der Urknall sei der Zusammenprall zweier Universen in einer elfdimensionalen Raumzeit. Drittens gibt es die Theorie vom Multiversum, bestehend aus unendlich vielen Paralleluniversen – mit je einem eigenen Urknall. Fazit: Nichts ist verstörender als Unendlichkeit, und je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man.

Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft. Sowohl O. wie ich haben frühe Erinnerungen an Mirabellen – wir werden also ein Stück Vergangenheit in unseren Garten pflanzen. Ich weiß noch gut, wie meine Mutter jeweils nach der Mirabellenernte in die Äste hochschaute und sagte: Ich danke dir, o Baum. Das fand ich ein bisschen peinlich – einerseits wegen des »o« und anderseits wegen meiner Zweifel, ob der Baum meine Mutter hörte. Als sie gestorben war, vor zwanzig Jahren, griff ich noch ab und zu zum Telefonhörer, um ihr etwas zu erzählen, und dann fiel mir erst ein, dass sie tot war und ich den Hörer wieder hinlegen musste. Jetzt grad würd ich sie zu gern wieder anrufen: Wir haben einen Mirabellenbaum gekauft! Weißt du noch? Ich würde vielleicht noch sagen, dass mir der Name Mirabelle gefällt, und dass ich ein Mädchen eher Mirabelle als Zwetschge taufen würde, und meine Mutter würde lachen.

Das Wahlplakat am Straßenrand ist umgestürzt, jetzt blicken der Kandidat und die Kandidatin der Grünliberalen zum Himmel. Ein Mädchen und ein Junge knien davor, das Mädchen schmiert der Kandidatin feuchte Erde ins Gesicht. Die sieht nun aus, als sei sie kopfvoran in einen Kuhfladen gefallen, und die Kinder lachen sich quietschend halbtot. Nun setzt das Mädchen an, auch noch den Kandidaten kackebraun einzuschmieren, da wehrt sich der Junge. »Den nicht!«, sagt er. »Doch!«, sagt das Mädchen. »Nein!«, sagt der Junge. »Warum?«, sagt das Mädchen. »Einfach!«, sagt der Junge. Ich muss leider weiter und erfahre nicht, warum der Junge den Kandidaten schonen will. Kaum aus politischen Gründen, die Kinder sind zu klein, sie können noch nicht mal lesen. Der Kandidat hat eine Teilglatze. Vielleicht hat der Vater des Jungen auch so eine? Au weia, immer diese offenen Fragen ...

Kaufsucht, Internetsucht, Koffeinsucht, Putzsucht, Streitsucht, Sammelsucht, Trunksucht, Eifersucht, Spielsucht, Tobsucht, Mondsucht, Tätowiersucht, Zuckersucht … Ich leide an keiner dieser Süchte, zwei davon kämen unter Umständen eventuell mal in Frage, und ich müsste sie dann bekämpfen. Würd ich halt machen. So gut es eben ginge. Nicht kämpfen möchte ich gegen die Sehnsucht, nie. Sie will ich behalten, auch wenn sie wehtun kann. Und ungefragt kommt. Und in alle Richtungen schweift. Sehnsucht muss sein.

Heute ist es minus zehn Grad. Mit dem Nordwind wirken die minus zehn wie minus zwanzig. In dieser ungewöhnlichen Kälte zerbrechen die Glasmasken vor den Gesichtern. In Tram und Bus schauen die Leute einander in die nackten Augen und machen verwundert den Mund auf. Sie reden! Über zu enge Leggings, ein Ehemann mit Grippe und schlechter Laune, erfrorene Geranien, das Wetter im Jahr 1963, Trump, der an der Kopf fröre, ein Loch im neuen Handschuh, einen geizigen Vermieter, die heiße Schokolade bei Sprüngli, Ohren im Alter und die frisch geschiedene Tochter. Heißa, ist das kalt! Weil alle so dick verpackt sind, nestelt kaum jemand ein Handy hervor, das wäre zu umständlich, und ohnehin gibt es rundum grad genug zu hören.

Es gibt Menschen, die ziehen immer den Kürzeren. Sie möchten vielleicht gar nicht den Längeren ziehen, sie wären zufrieden mit dem gleich Langen, aber den gibt es nicht. Also ziehen sie den Kürzeren. Sie haben zwei Möglichkeiten zu reagieren: Sie bäumen sich unentwegt auf und schlagen zu und werden erfolglose Kämpfer. Oder sie bitten jeweils gleich bei der Ziehung um den Kürzeren und werden frustrierte Seelen. Ich weiß nicht, was trauriger ist. Es gibt auch Völker, die immer den Kürzeren ziehen, nachzulesen zum Beispiel in der Geschichte der Kurden. Gerade jetzt, einmal mehr, versuchen sie verzweifelt, sich zu wehren. Und die Welt schaut zu.

Zum ersten Mail in meinem langen Leben war ich an einem Morgestraich, fuhr also mit dem Extrazug um zwei Uhr frühmorgens von Zürich nach Basel und wanderte hoch zu den Gässchen rund ums Münster ,wo sich kleinere Cliquen besammelten. Streng blickten die alten Bürgerhäuser auf das Treiben der Nacht. Kurz vor vier wurde nur noch geflüstert, Punkt vier ging die Straßenbeleuchtung aus. Schwärze, Stille. Die Piccolos hoben an, die Trommeln setzten ein und im Schein von Lämpchen und Laternen machten sich die Cliquen langsamen Schritts auf den Weg. Ein kleines Glück sprang mich und sagte: Wenn du weinen willst, mach nur.

Ich fror. Lag im Bett und spürte die Kälte an den Füssen. Hielt mir die Hände ans Gesicht, sie waren eisig. Ich muss mir eine zweite Decke holen, dachte ich, so geht das nicht weiter. Ich linste aus dem Kissen und sah, dass die Katz am Fenster saß. Sie zitterte, und ihr dünner Schwanz hing vom Fensterbrett und wurde immer länger. Seltsam, das hatte ich noch nie gesehen. Und ist es nicht so, dass sich bei Kälte eher etwas zusammenzieht als ausdehnt? Mit einem Schlag war ich wach. Weg der eisige Traum. Ich lag herrlich warm in meinem kuscheligen Deckennest, und die Hände fühlten sich fast an wie Brötchen aus dem Ofen.

In meinem neuen Buch zitiere ich aus den Tagebüchern von Tolstoi einen Satz, den ich mir mal notiert habe. Wo und wann ist der betreffende Tolstoi-Band erschienen, wer hat ihn übersetzt, und auf welcher Seite steht der Satz? Das möchte mein Verlag aus Copyrightgründen von mir wissen. Ich gehe die Tagebücher durch und finde den Satz nicht mehr, einfach nicht! Ich maile dem Tolstoi-Museum in Jasnaja Poljana: Bitte, bitte, wissen Sie, wo der Satz steckt? Es dauert keinen Tag, und schont mailt mir die freundliche Elena zurück: Ich habe den Satz gefunden! Tagebuch von 1901, Eintrag am 26. Dezember. Ich bin sprachlos – wie schnell und klein ist die Welt geworden. Jasnaja Poljana, ehemals Tolstois Landgut, liegt etwa 220 km südlich von Moskau. Als er das Gut im Alter von 18 Jahren erbte, gehörten dazu noch drei Dörfer und 300 Leibeigene. Das war vor 172 Jahren. Statt damals als Leibeigene oder Gutsfrau lebe ich lieber heute und lasse Sätze sausen durchs Netz.

Bin auf Spitalbesuch. Die Patientin hat sich übergeben und liegt geschwächt und bleich im Bett. Eine Frau kommt geräuschvoll ins Zimmer und mit ihr ein Schwall von Energie. »Naaa? Ich komme wegen des Essens! Was hätten wir denn gern?« Die Patientin winkt müde ab. »Geschnetzeltes an Jägersauce mit Rosenkohl?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, was riecht. »Dann ein Birchermus?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das wie Gekotztes aussieht. »Oder eine Broccolisuppe?« Flehender Blick der Patientin: bitte nichts, das sich wie Gewürgtes anhört. »Vielleicht ein bisschen Kartoffelbrei?« schlage ich schüchtern vor. Dankbarer Blick der Patientin. Der Kartoffelbrei wird notiert. »Und morgen? Was hätten wir denn morgen gern? Hörnli und Ghackets?« (Übersetzung für Menschen nördlich des Rheins: kleine gebogene Teigwarenröhrchen und gehacktes Fleisch – mit dem Aussehen von schon mal Gegessenem) Die Patientin schließt die Augen. 

Die Air Force One mit dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump fliegt sozusagen über unser Dach, bevor sie in Kloten landet. Ich schaue nicht nach oben. Ich reiße auch nicht meine insgesamt zwölf Schneeglöckchen aus, um sie gegen den blauen Himmel zu schwenken. Und als kurze Zeit später sechs Helikopter Richtung Davos knattern, frage ich mich nicht, in welchem der demokratisch gewählte US Präsident Donald Trump wohl sitzt. Ich frage mich stattdessen, ob ich mich mitten auf die Wiese stellen soll, um dem demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump meine alte Schweizer Zunge herauszustrecken, aber da überfällt mich plötzlich ein derart wildes Kopfschütteln über den demokratisch gewählten US Präsidenten Donald Trump, dass ich nicht mehr weiß, wo meine Zunge ist. »Was hast du?«,fragt die Katz. »Politischen Schüttelfrost«, sag ich, und die Katz gähnt.

Manchmal freu ich mich, wenn ich etwas vergessen habe. Wie hieß der noch? Wo war das schon wieder? Brauch ich das zu wissen? Nein. Und zum Glück fällt es mir nicht mehr ein. Mit dem fortlaufenden Vergessen schaffe ich in meinem Gedächtnis fortlaufend Platz für Neues. Ich habe gelesen, dass ich rund 2.5 Mio. Gigabyte an Daten speichern kann, was etwa der Datenmenge von 300 Jahren Nonstop-Fernsehen entspricht – interessant, aber egal, wenn ich es wieder vergesse. Vergessen können ist eine wunderbare Fähigkeit. Dem berühmten Gedächtniskünstler Solomon Schereschewski fehlte sie. Er wurde von den Details seiner Erinnerungen überschwemmt. Wollte er unbedingt etwas vergessen, schrieb er es auf einen Zettel, um es so zu entsorgen. Doch das gelang ihm nur selten. Auch das Verbrennen des Zettels war erfolglos. Er bekam sein Leben übrigens nicht in den Griff und starb als Alkoholiker. Ich schreibe auf Zettel, was ich unbedingt nicht vergessen will. Überall liegen meine Zettel, wie Herbstlaub.

Vor Kurzem habe ich jemanden bestochen, das war auf dem Flughafen in Island. Ich habe die Frau am Ticketschalter geschmiert. O. und ich wollten zwei Plätze nebeneinander haben, aber die Frau schüttelte den Kopf. Da sei gar nichts zu machen, nur noch Einzelplätze. »Bitte«, haben wir gesagt, »der Flug dauert neun Stunden, und wir …« Die Frau schüttelte wieder den Kopf, und da fiel mir ihre Frisur auf, eine kompliziert gewundene Flechtkrone, so etwas wie ein kirchlich gesegnetes Hochzeitsgebäck. »Sie haben eine schöne Frisur«, log ich. »Danke«, sagte die Frau und verzog dabei keine Miene, auch nicht, als sie plötzlich doch noch zwei Plätze nebeneinander fand.

Ich neugiere, du neugierst … das Verb gibt es nicht, aber trotzdem tu ich’s dauernd. Im Spitalzimmer, wo ich meine Schwester besuche, neugiere ich hinüber zur Frau im Nachbarbett. Sie liest in einem Heft und seufzt, und ich finde heraus, dass sie in den unteren Regionen faules Fleisch hatte, wie sie sagt, und danach eine Infektion, und dass man sie nach sechs Wochen immer noch nicht nach Hause lässt. Ich neugiere weiter, als die Frau ihren großen Umfang in einen Morgenmantel wickelt und das Zimmer verlässt. Das Heft liegt aufgeschlagen auf ihrem Bett und heißt »Arztroman Klassiker«. Ich neugiere und lese hastig einen Satz. »Stefanie setzte sich in ein Café und überlegte angestrengt, wie sie Jan versöhnen könnte.« Ich lese noch das Namensschildchen über dem Bett, die traurige Frau heißt überaus lustig, und plötzlich ist meine Neugier im Eimer. In einem lindengrünen Spitaleimer mit Fußbedienung.

 
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok