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Das Enkelmännchen trifft drei Stunden vor Mitternacht ein. 180 Minuten vor dem Beginn eines neuen Jahrtausends. Angelika Waldis begleitet Enkel Ben durch die ersten drei Jahre. Mit ein paar zufälligen Lauten nimmt Ben das Gespräch auf und merkt sofort: Die lieben mich! Täglich, stündlich findet er etwas Neues heraus: was ein Lächeln bedeutet oder wie man erfolgreich in den Brei patscht. Er erlebt, wie wirksam die ersten Wörter, wie umwerfend die ersten Schritte sind und wie abenteuerlich das ist, was man ihm geschenkt hat: das Leben. Und eines Tages entdeckt er das Fragen, und die Großmutter merkt leicht bestürzt, dass manche Antwort mitten in einer Verantwortung steckt. Jeden Monat schreibt sie Ben einen Brief in die Zeit, in der sie nicht mehr da sein wird. Persönlich und anrührend, erheiternd und ernst.

Ein Kind, drei Stunden vor dem neuen Jahrtausend geboren, bald lächelt es ein erstes Mal, ein Weltwunder für die Eltern. Für die Großmutter auch: Die Zürcher Schriftstellerin Angelika Waldis schrieb aus diesem Anlass «Benjamin, mach keine Dummheiten, während ich tot bin» (Oesch-Verlag). Das Buch arrangiert einerseits ihre Briefe an Klein Ben, eine Art Geleitbotschaften auf dem Weg ins Leben. Und anderseits reiht es wunderfeine Beobachtungen des im Brei patschenden Babys und seiner kleinen Vorwärtsschritte – es wächst ein kluger und abseits der Klischees behutsamer Text zwischen Reflexion und Intuition, der Öffentlichkeit und also einen Listenplatz verdient.

Ein wunderbares, viel zu schnell gelesenes, viel zu früh aufhörendes Buch! So gern hätt ich erfahren, wie sich der kleine Ben weiterentwickelt und was seine Großmutter dabei noch erlebt und denkt. Oder was sie zu weiteren Ereignissen des Weltgeschehens und anderen Erkenntnissen aus der Wissenschaft so meint.

Jedenfalls sind die 36 monatlichen Kurzberichte und ebenso vielen Briefe der Autorin an ihren Enkel, der das Licht exakt in jener Nacht erblickte, als das Jahr 1999 ins 2000 überging, eine berührende Lektüre.