Angelika Waldis: »Verschwinden«

Literarische Auszeichnung 2006 des Kantons Zürich

In der Schweiz vergriffen. Weiterhin erhältlich via Amazon. Auch via Buchantiquariate wie www.booklooker.de und www.abebooks.de oder bei der Autorin.

Ausschnitt aus dem letzten Teil. Es spricht: Marianne Hofstetter, genannt Oman, 62, die weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Erwähnt wird: Hanna, ihre Tochter. Richi, deren Ex-Partner. Ivan, das Enkelkind.

Manchmal glaube ich beinah zu hören, wie die Zeit an mir vorbeirauscht. Deshalb habe ich eines Nachts angefangen, die Wahrnehmungen und Vorstellungen festzuhalten, also zu formulieren und zu rahmen und als nummeriertes Bild ins Bewusstsein zu hängen, jetzt bin ich bei Nummer elf. Das ist Bild elf: Die Zeitung auf dem Tisch scheint sich zu bewegen, als wäre das, was drinsteht, ein vielschichtiger Haufen winziger Maden. Die Regel lautet, dass ich das Bild nur ins Bewusstsein hängen darf, wenn ich noch weiß, welches Bild ich als letztes aufgehängt habe. Das war Bild zehn: Regen, so heftig, dass die Farbe verläuft, und Baumgrün meine Augen verschmiert.

Dass einer einfach so verschwindet. Eben hatten sie noch seinen Flachmann im Kreis herumgereicht. Eben hatten sie noch sein Gewieher gehört. Und nun sollte er womöglich tot sein. Wahrscheinlich tot sein. Eben hatte noch jemand gesagt: »Dieses Ekel.« Nun sollte das Ekel tot sein.
Im Nachhinein ist man keineswegs klüger.
Eine Reise mit Unbekannten ist immer ein Wagnis.
Aber dass einer einfach so verschwindet.

In den Erzählungen von Angelika Waldis geht es meist um Einzelgänger, erfüllt von Traurigkeit. In ihrem neuen Buch ist eine ganze Reisegruppe voll verborgener Abgründe und Ängste unterwegs in Irland. Der Undurchsichtigste von ihnen verschwindet plötzlich, verunsichert die Verbleibenden durch seine Abwesenheit nachhaltig. Eine zweite Geschichte erzählt von einer Großmutter, die ihren Enkel retten will und ihn deshalb entführt. Die Tiefen und Höhen der Protagonisten werden mit einer lässigen Beiläufigkeit beschrieben, womit sie sich dem Leser nur umso deutlicher einbrennen – Waldis lesen ist ein physisches Erleben!

Es gibt ja Menschen, die einem immer sagen, was gestern war, interessiere sie nicht, vorbei sei nämlich vorbei, und sie lebten heute und für morgen. Für die ist dieses Buch der Zürcherin Angelika Waldis – »Verschwinden« – vermutlich nichts. Denn in den zwei Geschichten, die sich darin aus dem Nebeneinander und Gegeneinander von Wahrnehmungen und Erinnerungen melodiös entwickeln, ist, was war, mächtiger als was ist, und das Gestern mischt sich derart in die Vorstellung vom Morgen, dass das Heute schnell einmal verpasst wird.

Zuerst einmal ist die Reisegruppe in »Als Zett verschwand« erleichtert, dass Zett, dieses Ekel, von der Bildfläche verschwunden ist. Ist er tot? Schade wärs nicht. Die Polizei ist ratlos, die Tour wird abgebrochen.

Vier Personen reisen zusammen auf eigene Faust weiter,  zwei Männer, zwei Frauen,  das ergäbe zwei Liebesgeschichten. Doch Zett, inzwischen das verkörperte Böse, spukt dazwischen, mit rätselhaften Zeichen und Mitteilungen.

Sie schrieben zwei Geschichten übers Verschwinden. Möchten Sie auch manchmal einfach verschwinden?

Angelika Waldis: Schon, aber nur, wenn ich weiß, dass ich nachher wieder zurückkommen kann! Ich bin gerne in meinem Leben.