Weil ich mich bemühe, ballastfrei zu schreiben, gefällt mir dieser jüdische Witz so gut: Bernstein will über seinem Laden stolz eine neue Tafel aufhängen: HIER WIRD TÄGLICH FRISCHER FISCH VERKAUFT. »Was soll das FRISCH?«, sagt ein Freund. »Ist ja wohl klar, dass der Fisch frisch sein soll.« Bernstein überstreicht FRISCH. »Und was soll das WIRD VERKAUFT? Ist ja wohl klar, dass du den Fisch nicht verschenkst.« Bernstein überstreicht WIRD VERKAUFT. »Und was soll das HIER? Wo willst du denn den Fisch sonst verkaufen?« Bernstein überstreicht HIER. »Und warum TÄGLICH? Ist ja wohl klar, dass der Fisch täglich geliefert wird, wenn er frisch sein soll.« Bernstein überstreicht TÄGLICH. Übrig bleibt FISCH. Jetzt will Bernstein die Tafel aufhängen. »Wozu eigentlich?«, sagt der Freund. »Man riecht ja von weitem, dass hier Fisch verkauft wird.« Bernstein lässt die Tafel sein und ist froh, dass er so einen scharfsinnigen Freund hat. Und ich bin froh, dass ich eine Delete-Taste habe.

Ich muss im Traum Werbung machen für die moderne Landwirtschaft. Der Slogan, der mir einfällt: Neues Gras in alten Schläuchen. Dazu wird ein Plakat gemacht – aus einem dicken Feuerwehrschlauch quellen giftgrüne Grasklumpen. Ich finde es furchtbar, verteidige es aber mit allen Mitteln. Es sei unkonventionell und zugleich traditionell, sage ich, denn »Schläuche« erinnere an »Bräuche«. Ich weiß, dass ich die Unwahrheit sage. Ich weiß im Traum, was wahr und was falsch ist. Wenn ich wach bin, weiß ich es manchmal nicht so genau.

Im Rahmen der Armutsbekämpfung, so lese ich in der ZEIT, werden in China Millionen von Bauern umgesiedelt. Ein Beispiel: Das Bergdorf Erping wurde abgerissen und die hundertvier Familien leben nun statt in Lehmhütten in Reihenhäuschen aus Beton, eine Gehstunde von ihren Feldern entfernt. Ruckzuck wurde gebaut, ruckzuck wurde umgesiedelt – nicht einfach für an Langsamkeit und Einsamkeit gewohnte Bergbewohner. Noch in den neunziger Jahren führte kein Fahrweg zum Dorf, der Fußmarsch dahin dauerte zehn Stunden. Selten stieg jemand ins Tal ab. Dort erkannte man manche Menschen aus Erping daran, dass sie vor öffentlichen Toiletten standen und nicht wussten, was die Zeichen für Mann und Frau bedeuteten. Die kleine Randbemerkung zu den Toilettenzeichen ist mir beim Lesen des langen wohlrecherchierten Zeitungsartikels am meisten eingefahren. Ich weiß nicht, ob ich mich deswegen schämen soll.

Heute Morgen bin ich nichts wert. Der alte Körper tut weh und der alte Kopf tut dumm. Offiziell bin ich in der Schweiz als Menschenleben 6,7 MillionenFranken wert. Mit diesem Betrag rechnet der Bund, wenn es gilt, Kosten gegen verhinderte Todesfälle abzuwägen, etwa ob sich eine Leitplanke oder  eine Lawinenverbauung lohnt. In den USA wäre ich in dieser Beziehung mehr wert, das ändert von Land zu Land. Ich weiß nicht, was ich insgesamt gekostet habe. Heute gibt man laut Bundesamt für Statistik für ein Kind eine Million aus, bis es erwachsen ist. Das sind die direkten Kosten (Windeln bis Nudeln …) plus die indirekten Kosten (Wert unbezahlter Familienarbeit …). Ein ausgewachsener Sklave war um 1850 in New York für 1000 Dollars zu haben. Jetzt gerade fragt man sich, wie viele Milliarden man aufwerfen sollte, um ein paar Hundert Coronakranke vor dem Tod zu bewahren. Mit allen diesen Zahlen ließen sich Dreisatzrechnungen für Schulbücher fabrizieren.

Abferkelbucht heißt der Stallbereich, wo die Schweine gehalten werden, die trächtig sind oder »geworfen« haben. Mit Lebendmasse bezeichnet man die zum Verzehr tauglichen Körperteile samt denen, die industriell zu nutzen oder zu entsorgen sind. Schlachtreife nennt man den Zeitpunkt, wenn ein Tier kaum mehr wächst und sich darum Fütterung nicht mehr lohnt. Ein Zweitnutzungshuhn ist sowohl Eier- wie Fleischlieferantin, was in der heutigen Tierindustrie aber nicht mehr erwünscht ist, sondern entweder oder. Wurfleistung versteht sich von selbst. Sprache kann brutal klar sein. Falls man überhaupt hinhört.

Der Vorname Luca hört sich schön an. Klingt nach Licht und Glanz. Kenne ich einen Luca? Nein, leider nicht. Jetzt habe ich aber von einem Vorfahr gelesen, der so hieß: Luca als Akronym – »last universal common ancestor«. Es war eine Existenzform im Übergang zum Leben, noch keine Zelle, sondern biologisches Protoplasma, wabernde Masse ohne Hülle. Luca war unser aller erster Vorfahr, in Gesteinsporen am Meeresgrund, vor über vier Milliarden Jahren. Dass daraus, rund eine Milliarde Jahre später, Wesen mit Zellwänden hervorgingen, nämlich Bakterien, das ist dieser unfassbare Wahnsinn namens Leben. Man könnte auch das Wort Leben zu einem Akronym machen: »Lebendiges entsteht beim Enden neu«.

Heute bin ich mit O. auf einen Hochsitz am Waldrand geklettert. Es ist ein abgeschlossener Raum mit Tür und drei Fensterläden zum Aufklappen und einer kleinen Sitzbank. Wunderschön muss das bei Morgengrauen hier oben sein: der Blick über die große Lichtung, die Hecken und Baumgruppen und die ersten Vogelflüge im Halbdunkeln, das Herzklopfen, wenn ein zwei drei Rehe auftauchen, ein Fuchs oder Feldhase. Und gleich wird sich das Morgengold über die erwachende Welt ergiessen. Ich stelle mir den Menschen vor, der dann mit einem Gewehr hier oben sitzt. Weiblich ist er eher nicht. Junger als vierzig eher nicht. Familienvater eher nicht. Pianist eher nicht. Vegetarier eher nicht. Anarchist eher nicht. Aber wie das oft ist mit den Bildnissen, die wir uns machen, liege ich vielleicht ganz falsch, und die auf dem Hochsitz heißt zum Beispiel Renate, ist dreißig und ausgebildete Hebamme, sammelt Engelchen  und macht selber Eierlikör.

                                                                            

Vom großen Haselstrauch sind die ersten reifen Nüsse gefallen und liegen rund um unseren Briefkasten. Als ich mich danach bücke, fällt mir das deutsche Volkslied ein, »Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin au i«. Die Soldaten der Wehrmacht sollen das Lied beim Marschieren gesungen haben. Ich hab mir das auf Google angehört und Gänsehaut bekommen. »Schwarzbraun muss mein Madel sein, gerade so wie i« – dazu Trommelschlag und Stiefelschritt. Beim jedem Nüsschen, das ich jetzt finde, fährt es mir ein, ich werde es nicht mehr los, das braun eingefärbte Lied, wag mich schon bald nicht mehr an den Briefkasten. Demnächst sind die Äpfel reif. Hoffentlich fällt mir kein Lied dazu ein.

Meistens dauert das Schreiben eines Textes länger oder unendlich viel länger als das Lesen desselbigen. Auf Gedichte trifft das besonders zu. Kann ich auch einen Text schreiben, der mir weniger Zeit abverlangt als denen, die ihn lesen? (Ich meine: einen verständlichen Text, und ich meine: geübte Lesende.) Entschuldigung, ist vielleicht eine dumme Frage. Aber fragen darf man ja. Also frag ich gleich noch mal: Worauf wird mehr Zeit verwendet – auf das Kochen eines Spiegeleis oder auf das Essen desselbigen? Und noch das: Was ist wesentlicher – das Fragen oder das Antworten? Fragestunde beendet.

Seit langem wieder mal stehe ich mit schrägem Kopf vor dem Bücherregal im Ferienhaus und lasse meinen Blick über die Buchrücken schweifen. Autorennamen tauchen aus meiner Erinnerung auf wie vergessene Gäste: Ach, Joachim Maaß, Sie waren auch mal hier – mit »Die unwiederbringliche Zeit«! So gut hat mir gefallen, wie wunderschön traurig Sie aus Ihrer Jugend erzählt haben. Ach, Herr Fontane, auch Sie haben mich hier besucht, haben mich tief beeindruckt mit Ihrer Schilderung der tüchtigen freudlosen »Mathilde Möhring«. Und oh, Maxie Wander, auch Sie ein geliebter Gast mit Ihrem Tagebuch »Leben wär ne prima Alternative«. Warum haben Sie nur so früh sterben müssen … Vielleicht verstaube ich auch mal irgendwo in einem Regal, und jemand sagt irgendwann: Ach, Angelika Waldis, die war ja auch mal da. 

Im italienischen Supermercato: Es ist schwierig, hier einzukaufen, weil das Angebot so groß und der Überfluss so immens ist. Welches der zehn verschiedenen Naturjoghurts soll ich nehmen und welchen der sechs verschiedenen Fetakäse? Berge von billigen Schuhen und günstiger Bettwäsche, kauft, Leute, kauft. Alles ist da, was Herz und Bauch begehrt, alles, was ihr braucht und was nicht braucht. Gartendeko und Sextools und Familienvideos. WC-Deckel-Kissen, Grillmützen, Handtaschenreiniger. Regal um Regal um Regal. Konsumieren hält die Wirtschaft am Laufen und schafft a happy new world. Und aufs Mal sehe ich etwas aus einer anderen, früheren Welt - fremde Wesen, die an einer Stange hängen: schwarze Ärmelschürzchen mit weißen Kragen für die Schulkinder. Ich wünsch ihnen Glück, den Menschchen, die noch lernen. Vielleicht machen sie’s besser.

Der Countdown läuft. Der kranke Nachbar hat entschieden, dass er sterben will. Noch seinen Geburtstag feiern und eine Woche später seinen Todestag. Das ist heute: Montag. Der Dienstag und Mittwoch und Donnerstag und Freitag und Samstag und Sonntag sind vorbeigeschlichen, und ich habe immer mal wieder durch die Blätter des Haselstrauchs aufs Dach des Nachbarn geschaut. Was denkt er, was spürt er, kommt die große Angst oder die große Ruhe auf ihn zu? Und jetzt, jetzt ist schon alles vorbei, die Sterbehelfer, die Polizei und der schwarze Leichenwagen sind wieder weggefahren, und ich lösche ein paar Kerzen in unserem heißen Sommergarten.

Die Wespen sind los. Sie überfallen uns am Gartentisch, wir greifen zur Wassersprühflasche, sie sollen meinen, es regne, aber sie fliehen nicht. Wir fliehen. Eine hat mich in den Fuß gestochen, eine deutsche Wespe oder eine Gemeine Wespe (Vespula vulgaris). Anhand der Gesichtszeichnung könne man sie unterscheiden, lese ich im Insektenbuch. Da steht auch noch, dass beim Zustechen Alarmpheromone freigesetzt werden, welche weitere Wespen anlocken und zum Stich animieren. Ein Kleiderwechsel wird darum empfohlen. Das klingt irgendwie nach Menschenfirma. Wenn man da mal von einer Person gestochen wird, dauert es oft nicht lange, bis weitere Personen die Pheromone riechen und den Stachel ausfahren. Homo vulgaris …

Wozu sollen wir überhaupt noch Fremdsprachen lernen? Wo es doch mittlerweile beste Software gibt, die simultan übersetzt? Der Lecture Translater zum Beispiel blendet in der Videovorlesung des englisch sprechenden Professors live deutsche Untertitel ein. Vielleicht reisen meine Enkel in ein paar Jahren mit implantierten Sprachchips durch die Welt und können sich mit den Einheimischen ganz einfach unterhalten … Schluss mit Einpauken von unregelmäßigen französischen Verben oder von sechs russischen Fällen? Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schade wäre. Denn die Sprache dient nicht nur der Verständigung, sondern auch dem Verständnis. In eine fremde Sprache schlüpfen ist wie in fremde Schuhe schlüpfen. »Gehe einen Mond lang in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst«, sagt eine indianische Weisheit.

Hinten im Garten steht eine Gruppe von Blumentöpfen, da drin steckt so allerlei, was noch wachsen oder sich erholen oder nächstes Jahr wieder zum Vorschein kommen soll: ­ alles zur Zeit wenig interessante und darum nicht beachtete Wesen. Die gibt es oft auch in Schulklassen. Wie mein Auge so achtlos drüberstreift, blitzt etwas auf, etwas pinkfarben leuchtendes Kreisrundes, die unerwartete perfekte Blüte eines Schlafmohns, im Zentrum der Stempel wie ein grünes Törtchen und rundum der makellose Kranz von Staubgefäßen. Die Blütenblätter wirken wie aus Seide, leicht zerknittert nach einem langen Nachmittagsschlaf. Hallo, ich bin erwacht, bin offen für alles.

Phlox ist ein schönes Wort, ein Scrabble-Wort – aus seinen Buchstaben lässt sich sonst nichts Sinnvolles bilden. Ich liebe das Wort, seit ich mit meinem kleinen Enkel durch den Garten ging. Das war vor achtzehn Jahren, und er lernte gerade sprechen, er zeigte auf die Blumen und sprach mir dann nach, wie sie hießen. Das kurze »Phlox« erfreute ihn sehr, mit »Blutweiderich« oder »Strauchpäonie« konnte ich nicht punkten. Und noch immer blüht er, der phleissige phreundliche Phlox, rot und rosa und weiß und violett. Der Violette wechselt am Abend auf Blau. das ist ziemlich zauberhaft. Und so liebe ich nicht nur das Wort, sondern auch den zauberhaften Kerl, der dahintersteckt.

Wer hat eigentlich den Kuss erfunden? Den leidenschaftlichen Kuss, dieses Hin-und Herschieben der Zungen durch den Speichel? Da muss man ja erst mal drauf kommen. Warum steckt man einander nicht einen Finger ins Ohr oder leckt sich das Tränenpünktchen im Augenwinkel? Der Zungenkuss ist nicht universell: Nur in 46 Prozent von 168 untersuchten Kulturen wird so sexuelles Begehren ausgedrückt. Man hat ausgerechnet, wie viele Kalorien ein Kuss verbraucht, wie viele Muskeln beteiligt sind, wie viele Bakterien ausgetauscht werden. Aber seit wann so geküsst wird, seit Alexander dem Großen oder Eva-im-Paradies, das ist erstens unklar und zweitens denen, die am Küssen sind, begreiflicherweise schnurz.

Sich selbst verwirklichen – ich mag den Ausdruck und die Aufforderung nicht so recht, ich bin doch bereits mich selbst. Dieses Selbst, das ich während Jahrzehnten durch Arbeiten und Träumen, durch Erfolge und Enttäuschungen, durch die Mitmenschen als Spiegel geworden bin. Und mit diesem Selbst habe ich zu leben, ob ich will oder nicht. Ich will. Ich habe nie versucht, mich zu finden. Ich habe mich nicht gesucht, weil ich schon da war. Das Ahnen, dass in meinem Inneren unermüdlich ein Selbst herumrollt wie eine Haselnuss, die endlich ein Haselbusch werden will – dieses Ahnen habe ich nicht.

Ich wollte bei den Sprachmemos auf meinem iPhone aufräumen. Ich hör mir das Zeug sowieso nie mehr an, sagte ich mir. Aber dann löschte ich bloß den nervenden Rasenstaubsauger des Nachbars, alles andere reute mich: zum Beispiel die Spatzen im Hof des Riads in Marrakesch, das Lied von den Golden Slippers im Kitschfilm »Der kleine Lord«, der Muezzin im türkischen Mardin, die Hummeln auf unseren Kiwi-Blüten oder die Stimme meiner alten Schwester, die mir den Kindervers vorsagt, den ich vergessen habe – »Es Wäschpi gheit is Iimachglas, i dʼZwätschgekomfitüre« … Jetzt lebt meine Schwester nicht mehr.

»Nach achthundert Metern rechts abbiegen.« Machen wir. »Im Kreisel nehmen Sie die zweite Ausfahrt.« Machen wir. Wir machen alles, was die Frau sagt. Wir streiten nicht mit ihr. Wir glauben ihr. Wenn sie links sagt, dann meint sie auch links. Nicht wie ich. Ich verhasple mich. Ich schwitze Blut. Ich bin eine schlechte Beifahrerin. Wegen mir sind wir schon vor einer Kaserne statt vor einem Hotel und auf einem Flugplatz statt am Meer gelandet. Wegen mir müssen wir uns im Auto streiten. Daheim brauchen wir so eine Navi-Frau nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie in vielen Haushalten nützlich wäre: »Öffnen Sie die zweite Schublade links.« »Suchen Sie in der Regenmanteltasche.« »Nehmen Sie die Socken vom Tisch.« »Verwenden Sie das Wort Trottel.« »Vermeiden Sie das Wort Zicke.« »Biegen Sie kurz nach Zähneputzen Richtung Küssen ab.« »Schalten Sie mich vor dem Einschlafen aus.«

Der Laden »Sogno Gelato« in Hongkong hat »Tränengas-Eis« im Angebot. Etwa zwanzig bis dreißig Kunden pro Tag kaufen sich so ein Eis mit dem stechenden, beißenden Aroma. Der Erfinder und Ladenbesitzer hat zuerst mit Senf und Wasabi experimentiert und sich dann für geröstete schwarze Pfefferkörner entschieden. Mit ihnen bringt er den Geschmack von Tränengas am intensivsten zustande und damit die gewollte Erinnerung an die Demonstrationen contra Peking / pro Demokratie im letzten Sommer. Ich frage mich, was sich sonst noch eignen könnte als Protest-Aroma. Blut? Schweiß? Tränen?

Heute frühmorgens ein Fuchs in der großen Wiese und etwas weiter hinten ein Storch! Ziemlich fabelhaft! Als wir auf sie zugehen, flitzt der Fuchs weg, und der Storch schreitet von dannen. Ich nehme an, wir haben sie gestört, sie waren gerade dabei, sich gegenseitig zum Essen einzuladen. Aesop und La Fontaine haben ja mal beschrieben, wie perfid solche Essen ablaufen: Der Fuchs serviert dem Storch Leckeres auf flachem Teller. Und als Revanche serviert der Storch dem Fuchs ebenso Leckeres in enghalsiger Flasche. Gemeine Gastgeber, betrogene Gäste, unschöne Geschichte, unklare Moral.

Heute Morgen ist an der Wand neben meinem Bett ein Marienkäfer. Die Natur verspricht mir einen glücklichen Tag! Auf dem Wohnzimmerteppich beschäftigt sich die Katze mit einer Blindschleiche, deren Schwanz ist ab und zuckt. O. bringt die verletzte Schleiche nach draußen und versteckt sie im Kompost, derweil die Katze den Schwanz frisst und darauf siebenmal auf den Teppich kotzt. Nach dem Aufputz beuge ich mich im Garten über den kostbaren rosaroten Türkenmohn – ob er noch weitere Blüten macht? Vorsichtig greife ich zwischen die Blätter und lande in einem schleimigen braunen Haufen. Alles verfault da drin! Und in den zarten Bohnensetzlingen hängt eine fette Schnecke … Natur, Natur. Und dass Herr Trump laut heutiger Zeitung den Ausstieg der USA aus dem Open Skies-Vertrag ankündigt, was die weltweite Rüstungskontrolle gefährdet – ist das auch Natur? Hat er einen Wurm im Hirn? Es ist jetzt neun Uhr zehn, und der Marienkäfer ist immer noch über meinem Bett und verspricht etwas.

»Die Gedanken sind frei« – ich liebe dieses Volkslied, ich singe es manchmal laut, wenn ich allein im Auto bin. Nun ist es US-Forschern gelungen, die Gehirnwellen eines sprechenden Menschen präzise und rasch zu entziffern. Elektrokortikogramm heißt die Technologie. Die Signale werden in ein neuronales Netzwerk eingespeist, der Computer übersetzt sie in einen abstrakten Code, und die entstehenden Zahlenfolgen werden in englische Wörter rückübersetzt. Auch nicht ausgesprochene Sätze, sondern solche, die sich die Probanden nur vorgestellt hatten, konnten in synthetisch gesprochene Äußerungen übersetzt werden. Ist das beeindruckend? Ja. Ist das unheimlich? Ja. Wie gut tut das Lied: »Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.« Immerhin funktioniert das experimentelle Gedankenlesen vorerst nur mit implantierten Elektroden.

Fünf nach Vier nachmittags, die Wiese in leichter Bewegung, weil Wind darüber streicht, Licht in den Sauerampferspitzen und Gräserrispen, die beiden Katzen, die durch die Halme preschen, sich fangen, sich balgen, ein Rauschen im Lindenbaum und ein Summen im Klee, ein grünes Rosenkäferfunkeln und ein Glanz auf Efeublättern, ein Kohlweißling, schaukelnd, und wieder die Katzen und im Himmel ein Bussard, sein Miauen. Schön ist das. Schön war das. Vor Jahrtausenden schon. Wobei der Mensch damals nicht in einen Laptop auf seinen Knien tippte, was er schön fand, und nicht auf eine Uhr sah, die zwanzig nach Vier zeigte, und nicht aufstand, um ins Haus zu gehen und den Geschirrspüler auszuräumen.

Das Entsorgen ausgedienter Bohrinseln im Meer kostet jährlich vier Milliarden Franken. Ausgebeutete Bergwerksgruben müssen kostspielig saniert werden. Auch der Abbruch alter Windkraftanlagen wird teuer. Für das Abräumen verlassener Abbaustellen von Uranerz setzt man ebenfalls Milliarden ein. Und irgendwann sind Berge von bejahrten E-Auto-Batterien abzutragen – auch teuer. Was leer, ausgedient, erschöpft ist und keine Energie mehr liefert, verschwindet nicht einfach. Man muss sich weiterhin damit befassen. Jetzt könnte ich ja böse werden und sagen: Mit alten Menschen ist es ähnlich. Aber das lasse ich lieber.

Ich habe heute geweint. Nein, nicht weil die Erde im Klimawandel zu ersticken droht. Nein, nicht wegen der Slums in Mumbai. Nein, nicht wegen des Holocaustfilms am TV. Nein, nicht wegen den eingesperrten Alten im Pflegeheim. Nein, nicht weil mir die müden Knochen weh tun. Wegen einer Katze habe ich geweint. Sie hatte einen Tumor im Kopf, sie hat heute sterben müssen. Man hat für sie den Tod bestellt, der Tierarzt hat ihn geliefert. Nein, es war nicht unsere Katze. Es war Tomba, der große, freundliche Kater unserer Enkel. Vierzehn Jahre lang hat er sie durch die Kindheit begleitet, immer bereit für Trost und Spaß und Zärtlichkeit. Es ist furchtbar, wenn man den Tod ins Haus bitten muss. Was tut man nicht alles, dass er draußen bleibt. Darum habe ich heute geweint.

Systemrelevant ist gerade ein Moderwort. »Die Fleischfabrik ist systemrelevant«, heißt es in der Zeitung von heute. Es geht um eine von vielen deutschen Fleischfabriken (was für ein Wort), wo sich von 1200 Arbeitern 249 mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Sie kommen fast alle aus Rumänien/Bulgarien/Polen, werden ausgebeutet, nämlich mies bezahlt und untergebracht, zu dritt bis sechst in kleinen Zimmern, arbeiten Seite an Seite am Fließband, das heißt: sie schlachten und zerlegen Schweine. In Deutschland werden jährlich 55 MillionenSchweine zerlegt. 55ʼ000ʼ000! Von den Fleischfabrikarbeitern in den USA – meist Einwanderer aus Südamerika – haben sich 10ʼ000 mit dem Virus infiziert. Manche Betriebe wurden deswegen geschlossen, sollen aber auf  Geheiß der Regierung  bald wieder geöffnet werden. So wird grotesk billiges Fleisch produziert. So ballt sich eine Ladung Furchtbares auf nur einer Viertelzeitungsseite.

Kürzlich bin ich über die Information gestolpert, das Wort »Sex« habe erstmals 1961 im Duden gestanden. Im Duden schlägt man Wörter nach, von denen man nicht weiß, wie man sie schreibt. Was wäre denn bei »Sex« so möglich? Seks. Säks. Segs. Sägs. Seggs. Säggs. Secks. Säcks. Segss. Säggs. Wer Säggs hat, braucht aber nicht zu wissen, wie man Secks schreibt. Es ist erwiesen, dass man schon vor 1961 Segs gehabt hat, das geht bis auf Adam und Eva zurück und ihren Säks im Garten Eden. Eeden. Ehden. Edenn. Eedenn. Ehdenn.

Als würde man tote Bäume versetzen, so kommt mir das jeweils vor, wenn jemand sagt: Ich hätte halt damals … Du hättest eben dann … Wir hätten besser nie … Sie hätten keinesfalls … dieses oder jenes machen beziehungsweise nicht machen sollen. Solch rückwärtige Einsicht oder Reue streut allenfalls neue Schuldgefühle, aber bringt niemandem etwas. Tote Bäume wachsen nicht mehr an, sie verfaulen nur oder verdorren und liegen im Weg, so schön zum Drüberstolpern. Zum immer wieder Drüberstolpern. Darum weg damit.

Zum Tode Verurteilte dürfen sich da und dort ihre Henkersmahlzeit aussuchen. Der Fotokünstler Henry Hargreaves hat einige Mahlzeiten berüchtigter US-Mörder nachgekocht, fotografiert und unter dem Titel »No Seconds« publiziert, zum Beispiel: John, 52, Illinois, Giftspritze 1994 – 12 frittierte Krevetten, 1 Kübel Kentucky Fried Chicken, Pommes Frites, 450 g Erdbeeren; Timothy, Indiana, Giftspritze 2001 – 9 dl Mint- und Chocolate Chip Ice Cream; Allen,54, Florida, Elektrischer Stuhl 1999 – Hummerschwanz, Bratkartoffeln, 250 g gebratene Krevetten, 170 g gebratene Muscheln, 1½ Laib Knoblauchbrot, 9 dl Root Beer; Angel, 55, Florida, Giftspritze 2006 – Mahlzeit abgelehnt.  Die vollen Namen und die Vergehen der Hingerichteten habe ich hier weggelassen. Wie viele Morde der Mann mit den frittierten Krevetten begangen hat, ändert nichts an der Einsicht, dass es die Todesstrafe nicht geben dürfte. Doch es gibt sie  noch, in 56 Ländern.

Ich wusste nicht mehr, wie der spanische Diktator geheißen hat. Castro? Nö. Ich wusste nicht mehr, wie die giftige Pflanze mit dem Tütenblatt heißt. Pestwurz? Nö. Ich wusste nicht mehr, wie man das politische System mit eigenständigen Einzelstaaten nennt. Veteri…Fatali…? Nö. Drei Wörter versenkt, alle am selben Tag! Das alte Hirn streikt, es gibt die Wörter nicht her. Wozu brauchst du die?, fragt es. Machen sie dich glücklich? Nö. Na also, lassen wir das. Ich mache mich in der Küche an den Abwasch, und plötzlich – plopp, plopp, plopp – sind sie alle wieder da: Franco. Aronstab. Föderalismus.

Ich habe Anfang März ein Corona-Virus-Tagebuch angefangen, aber Anfang April wieder damit aufgehört. Die Idee war, dass persönliche Abschnitte mit offiziellen Fakten in Newsform abwechseln. So dachte ich den Wehleidigkeits- und Bauchbepinselungsfaktor zu umgehen, und das las sich eigentlich ganz gut. Aber je länger je mehr kamen mir wohlformulierte Betrachtungen über den unzerkratzten Himmel oder die ausgestorbene Stadt wie dumme Arroganz vor. In Guayaquil lagen Leichen auf den Straßen, in der Lombardei brachen Ärzte zusammen, in Zürich kämpfte eine Freundin am Beatmungsgerät ums Leben

Wegen, wegen, wegen. Wegen des Coronavirus mache ich meinen Waldlauf nun schon vor sieben Uhr, dann treffe ich niemanden an, und so eile ich aus dem Haus, heimlich, wegen der Katzen, sonst laufen sie mir nach. Wegen der heimlichen Eile verschiebe ich das Schuhebinden auf später. Wegen der offenen Schuhbändel stolpere und stürze ich. Wegen des Sturzes fängt mein Knie an, weh zu tun. Wegen des Knies mache ich mir Sorgen und male mir aus, wie es wäre, ins Spital zu fahren. Wegen des Coronavirus möchte ich nicht ins Spital müssen. Wegen verlangt den Genitiv, meinetwegen, kann er haben.

Heute hätte mein Vater Geburtstag, er wäre 136 Jahre alt – ich hatte einen alten Vater. Und mittlerweile hätte er eine alte Tochter. 1884, als er zur Welt kam, trafen sich drei Kaiser zu einem Gespräch: Wilhelm I, Franz Joseph und Alexander III. Wenn die gewusst hätten, was mit ihren Ländern ... In Luzern, wo mein Vater geboren wurde, beschloss der Stadtrat gleichen Jahres die Errichtung eines jüdischen Friedhofs. Wenn der gewusst hätte, was mit den Juden … Die Damen trugen lange Kleider und Korsetts für Wespentaillen, die Herren trugen steife Hüte, steife Kragen und steife Blicke. Wie die gewusst hätten, wie man heutzutage …

Corona, corona. Heute hat die Schweiz dichtgemacht, Grenzen zu, Schulen zu, Läden zu. Was voll war, ist jetzt leer, was laut war, ist jetzt still. Der Himmel ist blauer, weil ohne Jetstreifen, die Luft ist frischer, weil ohne Abgase, die Agenda ist leichter, weil ohne Einträge, das Herz ist schwerer, weil ohne Umarmung, die News sind schwärzer, weil ohne Ende, die Jungen sind trister, weil ohne Freiheit, die Alten sind älter, weil ohne Nutzen, die Vögel sind vollkommen, weil ohne Virus. Sie singen drauflos.

Heute Morgen um zehn war ich am See, kaum Leute, Sonnewolkenmärzhimmel, ein paar Vogellaute, ein paar Motoren in der Ferne. Dann schrie jemand. Eine Frau schrie in ihr Handy. Lasciami in pace! schrie sie, stupido!, idiota!, smettila!, smettila!, wieder und wieder. Ich nahm mein Handy hervor, um smettila zu googeln. Hör auf!, heißt das. Da ich das Handy schon mal in der Hand hatte, machte ich gleich noch ein Foto vom Sonnewolkenmärzhimmel und eine Tonbandaufnahme vom Platschen und Klatschen rund um die verankerten Segelboote und eine Bestandesaufnahme der Vogelwelt mithilfe der Zwitschomat-App und eine Bestimmung der Bergspitzen mithilfe der PeakFinder-App. Smettila!, dachte ich endlich, weg mit dem Handy. Die Frau war nicht mehr zu hören. Nur noch Kohlmeise, Blaumeise, Grünfink und Grünspecht.

26. Februar 2020

Heute war der Versicherungsmann da. »Haben Sie schon eine Rechtsschutzversicherung?« Ähhh? Nie gehört, nie gehabt, nie gebraucht, ein langes Leben lang. »Stellen Sie sich vor«, sagt der Versicherungsmann, »Sie sitzen im Auto, der Tag ist schön, das Leben froh, die Ampel grün, es knallt.« »Das fängt ja an wie eine Kurzgeschichte«, sag ich. »Ist aber eine Langgeschichte«, sagt der Versicherungsmann. »Denn die Ampel des anderen war auch grün.« »Geht doch gar nicht«, sag ich. »Eben«, sagt der Versicherungsmann, »darum brauchen Sie eine Rechtsschutzversicherung.« Nein, brauch ich nicht, und ich werde weder die Kurz- noch die Langgeschichte schreiben. Lieber was ohne Ampeln.

24. Februar 2020

Lilli ruft an, von weit weg, von einem Pflegesessel an der Westküste der USA. »Ich will von euch Abschied nehmen«, sagt sie. Sprachlos halten wir den Hörer fest. Und fragen dann vorsichtig »Hast du genug?« Ja, hat sie, nach 93 Jahren. So lange schon ist sie die geliebte, bewunderte Lilli. So lange war sie schön, klug, lustig. Und mutig, stark, ehrlich. Und jetzt ist sie auch noch alt. »Wirklich genug?«, fragen wir. Wo’s jetzt doch Frühling wird mit Blumen und Gezwitscher. Und Sommer wird mit Grün, wie du’s magst. Und deine große Katze wird dir weiterhin auf den Schoss springen. Und deine großen Kinder wollen weiterhin von dir Rat. »Wirklich genug?« »Ach«, sagt die schöne, kluge, lustige Lilli. Die mutige, starke, ehrliche, alte. »Jetzt habt ihr mich verführt, noch ein bisschen zu bleiben. Ich ruf euch dann wieder an.«

Seneca schrieb 62 n. C. »Non vitae, sed scolae discimus«, und er kritisierte damit die römischen Philosophieschulen. Man hat das Zitat fleißig übernommen, aber umgekehrt: »Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.« So stand es über unserem imposanten Schulhausportal. Jetzt steht auf Transparenten der Fridays-for-Future-Demonstrationen: »Wieso für eine Zukunft lernen, die es bald nicht mehr gibt.« Trauriger geht es nicht, denke ich, die Alte, die im Protestzug mitläuft. Ich hatte eine Zukunft, konnte lernen, konnte lehren. Und war dafür nicht mal sonderlich dankbar.

Man weiß, wann ungefähr der Mensch sitzen, sprechen, gehen lernt, und wann er geschlechtsreif ist. Man weiß nicht, wann seine Weltanschauung fertig ausgebildet ist. Aber eines scheint klar: Wenn er sie mal hat, dann gibt er sie nicht wieder her. Er bindet sie sich um wie einen Melkstuhl und darauf lässt er sich nieder, wo immer er an einer Diskussion teilnimmt. Diese Melkstühle bleiben am Hintern festgemacht und schrauben sich bis ins Hirn. Noch nie habe ich gesehen, dass jemand in einem Disput seinen Melkstuhl abgelegt und sich einen ganz anderen umgebunden hat. Ich habe auch einen. Ich müsste ihn wieder mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Könnte ja sein, dass er wurmstichig ist …

Sonne, Blauhimmel, Grünwiesen, alles sauber geputzt. Bäume, Büsche, Beete, alles kahl geschoren. Ich mag ihn nicht besonders, den ödschönen Wintertag. Also stelle ich mir vor, ich könne hören, was sich da im Versteckten tut. Bäume üben sich im Knospenplatzen, dass es nur so knallt. Primeln, Veilchen und die ganze Spring Society schlagen und klopfen wild von unten gegen den Boden. Winzlinge im Humus gähnen und räuspern und schütteln sich wach. Es rauscht in den Stengeln und tickt in den Sprossen. Der Frühling lärmt von weitem. Lauter, bitte, lauter.

Das Abteil ist voll besetzt, hauptsächlich von Männern, hauptsächlich von solchen mit Notebook. Der Himmel ist tiefblau, der Kranz der Berge glitzerschneeweiß, die Bahn fährt das Prättigau hoch bis Davos, dort findet das World Economic Forum statt. Auf dem kleinen Fenstertisch liegt ein Bündel Papier, dem sagt man Zeitung, voller schwarzer winziger Zeichen, dem sagt man Schrift. Ich kann damit nichts anfangen, ich kann die arabischen Texte nicht lesen, ich bin Analphabetin und komme mir vor wie die Klostermagd im Mittelalter, die nicht versteht, was die Mönche aufs Pergament kritzeln. Oder wie das Kind, das die Mutter nicht stören soll, wenn sie Papier zur Hand nimmt mit nichts als schwarzen Ameisenbeinen drauf. Die Arabische Zeitung übrigens, das ist im Kleingedruckten zu entziffern, heißt Asharq al-Awsat.

Ich rannte, um den Bus zu erwischen, kaufte Tulpen und rannte, um das Tram zu erwischen, die Tulpen tropften, die Wolken flogen, der See blitzte, die Möwen flatterten, die Bojen tanzten, alles war in Bewegung, am schnellsten war die Zeit. Und dann stand sie aufs Mal still, als ich das Heim für Demente betrat und mit den Tulpen vor meiner alten Freundin stand. Nichts tat sich in ihrem Gesicht. »Wer bist du«, sagte sie schließlich. Die Zeit ruckelte ein paarmal hin und her über die letzten Jahrzehnte und blieb wieder stehen. Nach einigen hilf- und nutzlosen Sätzen meinerseits nahm mich die Zeit bei der Hand und sagte »Komm, wir gehen.«

Langsam hügelabwärts fahrend, Richtung Stadt, sah ich, dass mir im ersten Stock eines Hauses hinter dem Fenster jemand winkte. Auf und ab und auf und ab ging der Arm mit der weiß behandschuhten Hand. Blitzschnell oder noch schneller freute ich mich und wunderte mich, wer das sein könnte, war ich doch noch nie in diesem Haus gewesen, und fast gleichzeitig erkannte ich, dass das Winken kein Winken, sondern ein Fensterputzen war und der Handschuh wohl aus Gummi. Egal. Ein winzewinziges Geschoss aus Freude hatte mich voll getroffen.

 

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