Sonne, Blauhimmel, Grünwiesen, alles sauber geputzt. Bäume, Büsche, Beete, alles kahl geschoren. Ich mag ihn nicht besonders, den ödschönen Wintertag. Also stelle ich mir vor, ich könne hören, was sich da im Versteckten tut. Bäume üben sich im Knospenplatzen, dass es nur so knallt. Primeln, Veilchen und die ganze Spring Society schlagen und klopfen wild von unten gegen den Boden. Winzlinge im Humus gähnen und räuspern und schütteln sich wach. Es rauscht in den Stengeln und tickt in den Sprossen. Der Frühling lärmt von weitem. Lauter, bitte, lauter.

Das Abteil ist voll besetzt, hauptsächlich von Männern, hauptsächlich von solchen mit Notebook. Der Himmel ist tiefblau, der Kranz der Berge glitzerschneeweiß, die Bahn fährt das Prättigau hoch bis Davos, dort findet das World Economic Forum statt. Auf dem kleinen Fenstertisch liegt ein Bündel Papier, dem sagt man Zeitung, voller schwarzer winziger Zeichen, dem sagt man Schrift. Ich kann damit nichts anfangen, ich kann die arabischen Texte nicht lesen, ich bin Analphabetin und komme mir vor wie die Klostermagd im Mittelalter, die nicht versteht, was die Mönche aufs Pergament kritzeln. Oder wie das Kind, das die Mutter nicht stören soll, wenn sie Papier zur Hand nimmt mit nichts als schwarzen Ameisenbeinen drauf. Die Arabische Zeitung übrigens, das ist im Kleingedruckten zu entziffern, heißt Asharq al-Awsat.

Ich rannte, um den Bus zu erwischen, kaufte Tulpen und rannte, um das Tram zu erwischen, die Tulpen tropften, die Wolken flogen, der See blitzte, die Möwen flatterten, die Bojen tanzten, alles war in Bewegung, am schnellsten war die Zeit. Und dann stand sie aufs Mal still, als ich das Heim für Demente betrat und mit den Tulpen vor meiner alten Freundin stand. Nichts tat sich in ihrem Gesicht. »Wer bist du«, sagte sie schließlich. Die Zeit ruckelte ein paarmal hin und her über die letzten Jahrzehnte und blieb wieder stehen. Nach einigen hilf- und nutzlosen Sätzen meinerseits nahm mich die Zeit bei der Hand und sagte »Komm, wir gehen.«

Langsam hügelabwärts fahrend, Richtung Stadt, sah ich, dass mir im ersten Stock eines Hauses hinter dem Fenster jemand winkte. Auf und ab und auf und ab ging der Arm mit der weiß behandschuhten Hand. Blitzschnell oder noch schneller freute ich mich und wunderte mich, wer das sein könnte, war ich doch noch nie in diesem Haus gewesen, und fast gleichzeitig erkannte ich, dass das Winken kein Winken, sondern ein Fensterputzen war und der Handschuh wohl aus Gummi. Egal. Ein winzewinziges Geschoss aus Freude hatte mich voll getroffen.

 
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