Gestern war ich im Altersheim. Die Frau, die ich besuchte, will nicht mehr allein einen Bus besteigen oder einen Laden betreten. Sie ist bestens zu Fuß, und es tut ihr nichts weh, sie kommt aufrecht und mit freundlicher Miene daher. Aber sie getraut sich nicht mehr in die Welt hinaus. Aus einem unerfindlichen Grund getraut sie sich auch nicht ins dritte Stockwerk hochzugehen. Sie bräuchte nicht in den beängstigenden Lift zu steigen, sie könnte beschwerdefrei die Treppe nehmen. Es ist nicht so, dass im dritten Stock oben oder in der Welt draußen ihr jemand Böses antun wollte. Sie ist lediglich vom Leben geprügelt worden, jahrelang. Hat sich vom schwierigen Ehemann getrennt, drei Töchter großgezogen, in einem Büro das Geld fürs tägliche Dasein verdient, hat sich um einen schwer behinderten Enkel gekümmert und hat ihr schönes Gesicht immer auf Frohtemperatur eingestellt. Und irgendwann ist sie von der Furcht gepackt worden, und sie ist nach Hause gerannt und hat sich nicht mehr in die Welt getraut. Man gibt ihr Medikamente. Sie macht, was man ihr sagt. »Ich habe eine Ecke ab«, sagt sie. »Entschuldige.«

 
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