Meine erste Klavierlehrerin hatte eine zuckersüße Stimme und einen glühend heißen Ofen im Zimmer, ich wollte da nicht mehr hin. Meine zweite Klavierlehrerin, Jahre später, saß gelähmt im Rollstuhl und konnte vor meinem furchtbaren Geklimper nicht einfach davonlaufen. Dauernd hatte ich ein schlechtes Gewissen und übte trotzdem nicht genug. Doch den Unterricht abbrechen durfte ich nicht, er war für eine angehende Lehrerin obligatorisch. Nie, nie bin ich glücklich geworden am Klavier. Und jetzt sehe ich meinen Enkel, den dreizehnjährigen, wie er sich fast innig über die Tasten beugt und ein Chopin-Stück zum Klingen bringt. Seine Hände kommen mir vor wie zwei fünfbeinige Wesen, die leichtfüßig über die schwarzweißen Flächen springen und ganz selbstverständlich wissen, wo sie hintreten dürfen. Was für eine Lust muss das sein.

 
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