Schon im 18. Jahrhundert wurde auf dem Zürcher Platzspitz ein Park angelegt, ein spätbarocker Lusthain. Ein paar der heutigen gigantischen Platanen sind damals gepflanzt worden. Aus dem Lusthain wurde zweihundert Jahre später ein Drogenparadies, genannt Needlepark . Zwei- bis dreitausend Suchtkranke deckten sich hier täglich mit Drogen ein, und vielen half der unkonventionelle Obdachlosenpfarrer Sieber aus ihrem Elend heraus. Heute, an einem schönen heißen Tag, im längst wieder drogenfreien und familientauglichen Park, versammelt man sich, um an Sieber zu denken. Vor ein paar Tagen ist er gestorben. Es gibt Reden, Musik und Gratiswurst. Den meisten, die hier feiern, hat das Leben mal übel zugesetzt. Es sind keine schönen Gestalten mehr. Ich bin berührt. Und ich bin beschämt. Weil ich sie, hinter der Sonnenbrille getarnt, anstarre wie exotische Wesen und nicht in Siebers Sinn wie Brüder und Schwestern.

 
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