Das habe ich mir im April notiert: »Meine Schwester kennt mich noch. Anderes weiß sie nicht mehr so genau, etwa was gestern war. Das ist durch ihren schönen Kopf gerauscht und hinterm Berg versunken. Aber gestern ist gestern, und heute ist heute: Die Rose blüht, die Hüfte tut kaum weh, am anderen Ende des Telefons lacht die Tochter. Wer die Rose geschenkt hat, wann sie die Arznei geschluckt hat, wo die Tochter hingezogen ist, weiß sie nicht mehr so genau. Vorbei ist vorbei und jetzt ist jetzt: Eine Postkarte liegt vor ihr, ein kleiner Hunger taucht auf, am anderen Ende des Telefons spricht der Freund. Wer die Postkarte geschickt hat, wann Essenszeit ist, dass der Freund gestern da war, weiß sie nicht mehr so genau. Sie lebt exakt im Hier und Jetzt. Ein Lidschlag, und schon kommt der nächste Augenblick. Schnell kommen sie, die Augenblicke.«

Schnell kommen sie die Augenblicke. Heute hätte meine Schwester Geburtstag. Wäre sie nicht vor zwölf Tagen gestorben. Nun kennt sie mich nicht mehr.

 
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