Der Hochzeitsflug der Ameisen ist vorbei. Während rund zwei Wochen hing jeden Morgen ein neuer Schwarm geflügelter Bräutigame wie ein Stück grauer Schleier innen an der Fensterscheibe. Es gelang mir nicht herauszufinden, durch welche Ritze er ins Haus kam. Eigentlich sah er ganz schön aus, erinnerte an die Massenhochzeit der Moon-Sekte in Korea. Ich versuchte mir einzureden, der Schwarm störe mich nicht. Aber als die Hochzeiter vereinzelt auch in die PC-Tastatur kletterten und in meine Kaffeetasse taumelten, holte ich den Staubsauger. Ich saugte jeden Tag, ich leerte den Beutel im Garten aus und sah, dass da immer noch Leben war. Noch bewegten sich ein paar staubschwere Flügelchen. Bei Elias Canetti habe ich irgendwo gelesen, in unserem Verhältnis zum Tier seien wir alle Nazis. Wahrscheinlich hat er eher an die Schlachtung von sogenannten Nutztieren gedacht als an das Killen von Ameisen. Ich möchte kein Nazi sein. Ich möchte nicht, dass der Ameisengott mich straft. Ich möchte einfach keine Ameisen in der Tastatur. Es sei denn, sie würden für mich schreiben.

 

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