Gestern in der Stadt hab ich es wieder mal gemerkt: Ich leide an der Gewohnheit zu verachten. Nein, ich leide nicht darunter, ich hab sie einfach, diese Gewohnheit, ich pflege sie gar. Aber sicher ist sie schlecht, und ich müsste sie loswerden. Gestern: Aufgebrezelte Dame mit zu fetten Schenkeln in hautenger Hose - Verachtung. Gestern: Volltätowierter Arm eines lauten Mannes am Handy - Verachtung. Gestern: Mutter, die ihrem Kind mit wichtiger Stimme Vollmond/Neumond falsch erklärt - Verachtung. Warum kommt bei mir statt Verachtung nicht das erhabene Gefühl hoch »Ach, wie reizvoll sind die vielen Facetten des Menschen«? Herr Pfarrer, wie ist das bei Ihnen? Haben Sie die Verachtung aus Ihrem Repertoire erfolgreich eliminiert? Mir gelingt es nicht, aber ich tröste mich damit, dass ich selber Objekt der Verachtung bin, die Alte mit den unpassenden Turnschuhen, der wirren Frisur und dem penetrant neugierigen Blick.

 
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