Zur Zeit kommen sechs Männer in meine Deutschstunde für Asylsuchende. Der Albaner kann‘s schon gut, setzt einen Singular in den Plural oder einen Präsens-Text ins Perfekt. Und plötzlich haut ihm die deutsche Sprache wieder eins um die Ohren: Warum heißt es hier der Frau und nicht die Frau? Warum heißt es nicht zum Kirche wie zum Bahnhof? Während er sich mit dem Dativ auseinandersetzt, schreiben die fünf Sri Lanker von der Tafel ab. Für den jüngsten sind die lateinischen Buchstaben noch völlig ungewohnt. Er strengt sich sehr an, Zunge im Mundwinkel. Ich komme, du kommst, er kommt. Ich möchte die Schüler für die vielen Ausnahmen um Verzeihung bitten. Ich bin, du bist, er ist. Ich möchte lieber, es hieße, ich seine, du seinst, er seint. Kürzlich habe ich gelesen, dass an einer Wand im Bahnhof Schweinfurt stand: »Ich liebe dir und kann ohne dich nicht bin.« So etwas Schönes brächten die Schüler dieser Klasse nicht zustande. Wir müssen noch ganz viel üben.

 
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